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Teuflische Leitmedien? Freischreiber nominieren Süddeutsche Zeitung, NZZ und WDR für "Hölle-Preis"

Mit der Nominierung für den diesjährigen Hölle-Preis will die Autoren-Vereinigung Freischreiber SZ, WDR und NZZ Feuer machen, die Arbeitsbedingungen von Freien zu verbessern

Das Journalisten-Netzwerk Freischreiber hat am Mittwoch die Nominierungen für den diesjährigen Hölle-Preis bekanntgegeben. In der Jury-Auswahl finden sich renommierte Häuser mit Leitmedien-Anspruch: neben der Süddeutschen Zeitung der WDR sowie die Neue Zürcher Zeitung. Alle drei, so kritisiert Freischreiber, zeichnen sich durch unzureichende Entlohnung von freien Journalisten aus. Mit der SZ ist zugleich der „Titelverteidiger“ erneut nominiert.

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„Hölle-Kandidat Nummer 1“ ist laut der Journalisten-Vereinigung die SZ, die bereits im vergangenen Jahr mit dem Anti-Preis „ausgezeichnet“ worden war. In der Begründung heißt es: „Die Süddeutsche Zeitung hat sich große Verdienste erworben, wenn es darum geht, aufzudecken, in welche Steueroasen die Reichen ihre Milliarden retten. Als klassisch liberale Zeitung ergreift sie in der Flüchtlingsfrage und bei Justizskandalen Partei für die Schwachen. Wenn es aber darum geht, die Arbeitsbedingungen mit freien Journalistinnen und Journalisten zu gestalten, schreckt die Süddeutsche Zeitung nicht vor kalter Enteignung zurück. So gibt die SZ die bei ihr erschienenen Texte an den Schweizer Verlag Tamedia weiter und wird dafür gut bezahlt. Die Beteiligung der Autoren an diesem Deal? NULL. Um diese Unverschämtheit zu zementieren, verschickte der Süddeutsche Verlag neue Autorenverträge. Wer mit der Unterschrift zögerte, wurde als Autor zunächst einmal gesperrt.“
Diese Praxis, die Freischreiber schon 2017 moniert hatte, sei „kein einmaliger Vorgang“. Vor allem die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), zu der die Süddeutsche Zeitung gehört, mache „wegen ihres Geschäftsgebarens immer wieder von sich reden – ob bei der Schließung von Druckereien, bei der Verteilung von AfD-Propaganda oder beim Ausquetschen von Freien“. Auch bei der SZ habe sich am „Verhalten rein gar nichts geändert“. Grund für die erneute Nominierung seien dabei auch „das Kommunikationsverhalten des Verlags und der Chefredaktion“. So sei es laut Freischreiber nicht möglich gewesen, Gespräche mit den Verantwortlichen zu führen. Auch zur geplanten Übergabe der Hölle-Skulptur sei es nicht gekommen; man habe diese am Empfang des Münchner Verlagsgebäudes hinterlasssen müssen.
Mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) ist ein öffentlich-rechtlicher Sender Anwärter auf den Hölle-Preis 2018. Freischreiber merkt dazu an: „Printjournalisten klagen schon länger darüber, dass sie auch Fotos, Social-Media-Texte und andere Zusätze mitliefern sollen. Meist für umme oder zumindest für ein weitaus geringeres Honorar, als es ein Fotograf oder Social-Media-Redakteur bekommen würde. Beim Rundfunk gibt es ähnliche Entwicklungen: selbst drehen, selbst schneiden, selbst vertonen, Sendungen selbst fahren. Und das teilweise sogar komplett unbezahlt: Freie Fernsehautoren beim WDR bekommen für selbst geschnittene Kurzbeiträge kein Extrahonorar. Wir finden: Der kostenlose Selbstschnitt ist auch ein Einschnitt, und zwar ein nicht tolerierbarer.“ Und weiter: „WDR-Autoren bekommen für den Eigenschnitt gerade mal 10,5 Prozent Honorar extra, 12,5 Prozent bei eigener Schnitt-Software-Technik. Für alles unter einer Minute gibt es gar nichts.“
Auch die Neue Zürcher Zeitung aus der Schweiz ist für den Negativ-Preis nominiert. Hierzu heißt es: „Dass Tageszeitungen die Beiträge ihrer Freien weiterverkaufen und damit gut verdienen, ist heutzutage schon fast Standard.  Zumindest aber können die Freien das Gleiche tun und ihre Texte ebenfalls anderen Zeitungen zur Zweitverwertung anbieten. Nicht so bei der NZZ: Hier nötigt ein Knebelvertrag die Freien dazu, ihr Urheberrecht ‚vollumfänglich‘ abzutreten. Wer einen Text einmal in der NZZ publiziert hat, darf dies nirgendwo anders mehr tun. Für eine solch umfangreiche Rechteabtretung dürfte man ein ordentliches Honorar erwarten. Und in der Realität? Gibt’s in manchen Ressorts gerade mal knapp über 600 Euro für eine komplette Seite. Rechercheaufwand: eine Woche. Oder länger.“
Wer diesjähriges Hölle-Medium der Freischreiber wird – neben dem Hölle-Preis gibt es vier Nominierte für den Himmel-Preis – soll am 17. November in Berlin bekanntgegeben werden.
 

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