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Ziemlich maximale Phrasendichte: Wie die Medientage München die Chance auf einen Neustart verpassen

Moderator Klaas Heufer-Umlauf im Gespräch mit Facebooks Europa-Chef Martin Ott
Moderator Klaas Heufer-Umlauf im Gespräch mit Facebooks Europa-Chef Martin Ott

Einiges ist dieses Mal neu bei den Medientagen München. Es gibt eine neue Location, ProSieben-Mann Klaas Heufer-Umlauf hat einen Moderatoren-Tisch mitgebracht und zieht die Auftaktveranstaltung wie eine kleine Show auf. Schade nur, dass die Zeit knapp war und die Medien-Bosse vor allem sattsam Bekanntes zu erzählen hatten. Ein Kommentar.

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Wie im vergangenen Jahr verpflichteten die Medientage Moderator Klaas Heufer-Umlauf, der die Veranstaltung mit gewohnter Selbst- und Branchen-Ironie eröffnete – und bereits einen Rückblick auf das Medienjahr 2018 lieferte. So habe vor allem Facebook-CEO Mark Zuckerberg nach dem Cambridge Analytica Skandal eine schwere Zeit gehabt. “Noch schlechter geht es nur Rupert Stadler”, witzelte er (der geschasste Audi-CEO sitzt wegen der Abgas-Affäre in U-Haft). Auch wenn für ihn die größte Veränderung 2018 gewesen sei, dass es den TV-Klassiker “Genial daneben” nun auch als Quiz gebe, erinnerte sich Klaas aber auch an Mega-Deals wie die Übernahme von 21st Century Fox durch Disney. Und auch einen Hinweis für das Bundeskartellamt habe er im Gepäck: Die Wettbewerbshüter sollten sich mal genauer mit Barbara Schöneberger befassen. Die Entertainerin sei nach zahlreichen Moderationsauftritten, einem eigenen Magazin und bald auch einem Radiosender mittlerweile “die weibliche Silvio Berlusconi”. Vergangenes Jahr sorgte Heufer-Umlauf  mit einem kleinen Schlagabtausch mit Burda-Manager Philipp Welte, für den prägenden Moment der Medientage.

Diesmal haben sich die Veranstalter vorgenommen, viel neu zu machen. So hat die Messe samt Kongress – auch dem Umstand geschuldet, dass die bisherige belegt war – ihre Location gewechselt. Das neue Congress Center ist deutlich größer, was vor allem den Ausstellern zugute kommt. Auch das Programm ist anders zugeschnitten. Während sich die Medientage in den vergangenen Jahren vor allem als Pflichttermin für die TV-Branche präsentierten, zählt in diesem Jahr das große Ganze. Die große Executive-Runde, der “Medien-Gipfel”, fällt weg – ohnehin war sie, ähnlich wie der TV-Gipfel am Folgetag, stets staatstragend und voll Proporz bis zum Abwinken. Es ist angekommen, dass die Digitalisierung die gewohnte Mediennutzung und ihre Gattungen auf den Kopf gestellt hat. Andererseits haben die Veranstalter versäumt, ihn durch ein adäquates Format zu ersetzen.

Statt Diskussion oder Debatte bot die Bühne vor allem Oberflächlichkeit und Buzzword-Bingo. Der Grund: Heufer-Umlauf empfing die durchaus hochkarätigen Gäste (fast) alle nacheinander. Aufgemacht war das Programm wie eine seiner Shows – die Gäste vor dem Moderatorentisch, Heufer-Umlauf dahinter. Zu packen bekam er niemanden. Erst recht nicht seinen neuen Ober-Chef, ProSiebenSat.1-CEO Max Conze. In rund 20 Minuten sprach der über die „gesellschaftliche Verantwortung“ seiner Sender, weshalb man entschieden habe, deutlich mehr eigene Inhalte produzieren zu wollen, und zwar vor allem im News- und Infotainment-Segment. Dass man es ernst meine, zeige die Entscheidung, die bislang extern produzierte Magazinsendung „Akte“ wieder ins eigene Haus zu holen. Eine “Info-Offensive” nach P7S1-Manier.

Was den Digitalen Wandel angeht? Da braucht es Mut! „Tolle Ideen findet man nicht, wenn man sich in Fokus-Gruppen setzt. Man muss sich etwas trauen“, erklärte der Mann, der zuvor beim Staubsauger-Hersteller Dyson und Procter & Gamble arbeitete. Ein Treiber sei auch China, merkte Conze an. „Dort wird mit enormer Geschwindigkeit und Tatkraft Zukunft gemacht.“ Phrasendichte: ziemlich maximal.

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Sattsam Bekanntes servierte auch von Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunk und amtierender ARD-Vorsitzender. Seit Wochen schon wirbt er für den Aufbau einer medienübergreifenden, gesellschaftlichen, europäischen digitalen Plattform, mit der öffentlich-rechtliche, private Medienanbieter aber auch Universitäten, Schulen, usw. den Giganten von Google und Facebook etwas entgegensetzen könnte. Es wäre interessant gewesen, Conzes Einstellung zu Wilhelms Initiative zu erfahren. Er hätte mit dem Intendanten sogar darüber diskutieren können, schließlich saß er vorne in der ersten Reihe. Aus unerfindlichen Gründen wurden die TV-Bosse aber getrennt voneinander befragt. Eine vertane Chance.

Als dann Facebooks Europa-Chef Martin Ott auf die Bühne kam, begannen sich die Reihen im Publikum zu lichten. Vielleicht wäre es anders gekommen, hätte man für mehr Debatte gesorgt. Selbst der Digitalisierungskritiker Andrew Keen, eigentlich ein versierter Dampfplauderer, kam nicht so recht in Fahrt. Er hatte nur 20 Minuten und den Fernsehprofi Klaas Heufer-Umlauf mit eingebautem Panik-Modus für überzogene Sendelängen im Nacken.

Während der Auftakt der Medientage als vertane Chance für einen Neustart bezeichnet werden kann, bleibt zu hoffen, dass die Veranstaltung über die kommenden Tage aufholt – unter anderem stehen vielversprechende Keynotes, u.a. von New-York-Times-Manager Stephen Dunbar-Johnson, BuzzFeed-Investigativ-Chef Alex Campbell oder Interviews, wie mit Liz Corbin von der BBC an. Tag zwei startet mit dem TV-Gipfel, an dem u.a. Netflix-Managerin Kelly Luegenbiehl teilnehmen wird.

Die Medientage München finden vom 24. bis 26. Oktober in München statt.

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Alle Kommentare

  1. “Freiheit ist immer nur die Freiheit eines Ersatzenkeltrickbetrügers in einer Ersatzenkeltrickbetrügerbande!”

    Niemals war dieses Rosa- Luxemburg Zitat für die Verteidigung der Medienfreiheit gegen die AfD aktueller als heutzutage!

  2. Als Zarathustra in seiner Eröffnungsrede der Medientage gegen zuviel Ersatzenkeltrickbetrug und politische Korrektheit in den Medien wetterte, riefen die Teilnehmer zum Schuss unisono begeistert:

    “Gib uns diesen letzten Menschen, Zarathustra!

    Lasst uns den Heiligen Hedonismus, die Heilige politische Korrektheit und die Heilige oekologische Korrektheit zu neuen und unfehlbaren Götter erheben, und diese auf den Knien inbrünstig anbeten bis zum jüngsten Tag!”

    Zu Risiken und Nebenwirkungen hinsichtlich wahrheitsgetreuer Ersatzenkelberichterstattung fragen Sie nicht ihren Arzt oder Apotheker, sondern den netten Qualitätsmedienfachjournalisten von nebenan!

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