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Wahl-Debakel für die CSU? So einfach ist es nicht: die komplizierte Sache mit den Gewinnern und Verlierern einer Wahl

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Die CSU als großer Wahl-Verlierer? Viele Analysen unterschiedlichster Medien sind da eindeutig. Söder und Seehofer haben die CSU zu neuen Tiefs geführt. Doch schaut man sich die Entwicklungen der jüngsten Zeit an, ist diese Aussage gar nicht mehr so eindeutig. Wer sind also sind tatsächlich Wahl-Gewinner und -Verlierer? Und wie genau waren die Zahlen der einzelnen Institute? Eine Zahlen-Analyse zur Landtagswahl.

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“Watschn-Wahl”, “Debakel”, “CSU stürzt ab”, “CSU erlebt Desaster” – die Schlagzeilen der Tagespresse waren eindeutig: Die CSU ist der große Wahl-Verlierer in Bayern. Zwar wird auch die SPD in der einen oder anderen Headline mit genannt, doch im Mittelpunkt steht die CSU. Verglichen mit dem Landtagswahl-Ergebnis 2013 stimmt das natürlich auch: Damals gab es 47,7%, nun nur noch 37,2%.

Doch in den aktuellen Zeiten der politischen Erhitzung, in der langfristige Partei-Bindungen zunehmend aufgeweicht werden, wenden sich Menschen extrem schnell einer Partei zu und von ihr wieder ab. Ein perfektes Beispiel dafür ist der Schulz-Effekt, der die SPD in bundesweiten Umfragen von Januar bis März 2017 von 21% auf 32% hochschnellen ließ – und bis zur Wahl im September wieder auf 20,5% zurückfallen ließ.

Macht also ein ausschließlicher Vergleich mit einer Landtagswahl, die fünf Jahre zurückliegt bei der Bewertung von Wahl-Ergebnissen noch Sinn? Müssten nicht auch kurzfristige Entwicklungen mit einberechnet werden? Schaut man beispielsweise auf das Bundestagswahl-Ergebnis 2017, so erzielte die CSU in Bayern 38,8%, also nur 1,6 Punkte mehr als nun bei der Landtagswahl. Und wenn man die Umfragen der jüngsten Monate anschaut, so gab es für die CSU mehr als 37% zuletzt am 1. August. Die vier jüngsten Umfragen von Forschungsgruppe Wahlen, Infratest Dimap, GMS und INSA sahen die CSU nur noch bei 33,8%. Verglichen damit lief der Wahltag für die Partei plötzlich gar nicht mehr so schlecht. Ihr gelang es offenbar, in den letzten Tagen und Wochen vor Sonntag noch, Wähler zurückzugewinnen.

Der einzige eindeutige Verlierer der Landtagswahl – nach allen lang-, mittel- und kurzfristigen Vergleichswerten – ist die SPD. Sie büßte gegenüber der Landtagswahl 2013 10,9 Punkte ein, gegenüber der Bundestagswahl 2017 noch 5,6 Zähler und sie lag in Umfragen in den vergangenen Jahrzehnten nie unter 10%. Nie. Die SPD fiel also am Wahlabend auf einen eindeutigen Tiefststand. Und: Laut – immer mit gewisser Vorsicht zu betrachtenden – Wählerwanderungen verlor sie an alle anderen großen Parteien Wähler. Selbst an die CSU.

Der einzige klare Gewinner sind auf der anderen Seite Die Grünen: Sie gewannen gegenüber der Landtagswahl 2013 satte 8,9 Prozentpunkte hinzu, gegenüber der Bundestagswahl 2017 noch 7,7. Die jüngsten Umfragen lagen recht genau auf dem nun erreichten Ergebnis von 17,5%, auch wenn die Forschungsgruppe Wahlen die Partei einige Tage vor der Wahl sogar bei 19% sah. Die FDP gewann zwar gegenüber der Landtagswahl 2013 hinzu, halbierte allerdings ihr Bundestagswahl-Ergebnis 2017 fast – und auch die AfD verlor gegenüber der Bundestagwahl 2,2 Zähler und landete klar unter den Umfragen der Monate Ende März bis Anfang September, als man immer bei 12% bis 14% lag.

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Natürlich ist ein Vergleich mit Bundestagswahlen immer etwas heikel, da andere Personen und Inhalte im Mittelpunkt stehen und natürlich sind Umfragen keine so harten Zahlen wie tatsächliche Wahl-Ergebnisse. Und natürlich ist ein Vergleich mit der vorigen Landtagswahl weiterhin wichtig, schließlich gilt die Sitzverteilung bis zum neuen Wahltag. Dennoch sollten sich insbesondere Medien bei ihrer Deutung der Ergebnisse etwas mehr Arbeit und Gedanken machen, ob nicht auch kurzfristige Entwicklungen spannend bei einer Analyse sein könnten.

Apropos Forschungsinstitute: Der Sieger der bayerischen Landtagswahl heißt hier Infratest Dimap. Sowohl bei den letzten Umfragen vor dem Wahl-Sonntag, als auch bei der 18-Uhr-Prognose lag der ARD-Partner etwas besser als die Konkurrenz. Vergleicht man die letzten Umfragen, so sahen alle vier oben bereits genannten Institute (Forschungsgruppe Wahlen, Infratest Dimap, GMS und INSA) die CSU klar zu schwach, die SPD klar zu stark. Auch bei den 18-Uhr-Prognosen galt das noch: Infratest Dimap und Forschungsgruppe Wahlen bescheinigten der CSU 35,5% – wie sich später heraus stellen sollte 1,7 Punkte zu wenig. Dafür schätzte man die Grünen und die AfD einen Tick zu stark ein. Offenbar wurde also der Teil der Wählerschaft, der doch CSU statt SPD oder Grünen wählt, noch am Wahltag unterschätzt.

Mit einem Unterschied von durchschnittlich 0,6 Prozentpunkten pro Partei gegenüber dem Wahlergebnis war Infratest Dimap um 18 Uhr einen Tick näher an der Realität als die Forschungsgruppe Wahlen mit 0,7. Trotz der CSU-Ungenauigkeit zeigen die Zahlen, wie gut die 18-Uhr-Prognosen beider Institute waren. Die Ergebnisse der SPD, der FDP, der Linken und der Freien Wähler sagten sie bereits um 18 Uhr fast exakt richtig voraus.

Bei den letzten Umfragen vor dem Wahl-Sonntag lag Infratest Dimap mit einem durchschnittlichen Unterschied von 1,4 Punkten pro Partei ebenfalls vorn. Dahinter folgen die Forschungsgruppe Wahlen mit gerundet ebenfalls 1,4, GMS mit 1,6 und INSA mit ebenfalls 1,6. INSA lag vor allem bei der AfD extrem falsch. Das Institut bescheinigte der Partei noch fünf Tage vor der Landtagswahl 14%. Hier muss die Berechnungs-Methodik für künftige Wahlen wohl angepasst bzw. aktualisiert werden.

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Alle Kommentare

  1. Ist es wirklich der CSU gelungen, kurz vor Schluss Wähler zu mobilisieren? Oder haben das nicht eher die Medien für sie erledigt?

    In den Tagen vor der Wahl war so viel Desaster und Untergangsrethorik über das Abschneiden der CSU zu lesen, dass viele unentschlossene Bürger vielleicht doch zur Wahl gegangen sind, oder sich umentschlossen haben, um „das Schlimmste zu verhüten“.

    Ich halte es zumindest für überdenkenswert, ob Medien vor solchen Ereignissen im Stundentakt Prognosen, Umfragen und Kommentare abfeuern müssen. Wichtiger wäre es, mit einer Berichterstattung über die Wahlprogramme den Menschen zu helfen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Oder wollen wir Parteien, die nur gewählt werden, weil andere das auch tun? Oder eben nicht tun?

    1. Das sehe ich auch so. Ich hatte sogar die Befürchtung, dass die CSU aus eben diesem Grund am Ende sogar über 40 Prozent landet. Auch eingedenk der bei vergangenen Wahlen doch oft kräftig daneben liegenden Umfragen.
      Wobei es am Ende für die CSU eh wurscht war ob 37 oder 43 Prozent. Sie braucht innerhalb dieser Spanne ohnehin einen Koalitioonspartner, den sie nun aber frei wählen kann.
      So gesehen war die Prognose-Ungenauigkeit nun doch ärgerlich, weil mit den prognostizieren 33 oder 34 Prozent wären nur eine Dreierkoalition oder nur die Grünen als Partner übrig geblieben.

  2. “Der einzige klare Gewinner sind auf der anderen Seite Die Grünen: Sie gewannen gegenüber der Landtagswahl 2013 satte 8,9 Prozentpunkte hinzu,…”. “und auch die AfD verlor gegenüber der Bundestagwahl 2,2 Zähler und landete klar unter den Umfragen der Monate Ende März bis Anfang September, als man immer bei 12% bis 14% lag.”.

    Also, wenn ich es richtig sehe, sollte man Landtagswahlen nicht mit Bundestagswahlen verwechseln. Und im Vergleich zur letzten Landtagswahl gibt es nur zwei klare Gewinner. Die Grünen mit “satten” 8,9 Prozent. Damit sind die Grünen allerdings nicht der “einzige” Gewinner. Denn die AfD hat ja 15 Prozent mehr an Prozentpunkten gewonnen.
    Über die Gründe kann man nur spekulieren, da man nicht in die Köpfe der Wähler schauen kann. Vielleicht ist das ja der Bodensatz abgehängter Nazis, die sich abschotten wollen? Oder sind es diejenigen, die echte Änderungen bei der Zuwanderungen wollen? Who knows?

    Wie auch immer: Die um 10 Prozentpunkte höhere Wahlbeteiligung schiebe ich auch dem Auftauchen der AfD zu. Es ist nun wieder etwas Leben in der Bude, demokratiemäßig.

  3. “Also, wenn ich es richtig sehe, sollte man Landtagswahlen nicht mit Bundestagswahlen verwechseln.”

    Ding ding ding. Völlig richtig, und bei der bayrischen Landtagwahl ist der Einwand noch viel relevanter als sonst. Hier war nämlich eine Partei erfolgreich, die Freien Wähler, die in Bayern tief verankert ist, aber bisher noch nie in den Bundestag einziehen konnte. Bei der nächsten Bundestagswahl werden sich die 11% Stimmen für die Freien Wähler also größtenteils auf andere Parteien aus der rechten Seite des politischen Spektrums verteilen, was sehr gute Aussichten für CSU und AfD sind.

  4. Einige Wähler haben wohl geglaubt, der Seehofer habe tatsächlich etwas gegen die Zuwanderung von Migranten durchgesetzt. Diese Fake- news haben der CSU genutzt, und der AfD geschadet.

    Interessanterweise wird es nun nach der Wahl so dargestellt, als ob sich Bayern mit der Migration abgefunden habe, die tatsächlich nun in unveränderter Weise fortgesetzt werden kann. Die Seehofer-Verträge mit Spanien und Italien zur Rücknahme von Flüchtlingen sind Luftnummern. Ein Kardinal Marx läßt derweil 50 000 € seiner Diözese springen für Seenot- Rettung. Weiß dieser Mann nicht, daß es hier gewiß nicht nur um Seenotrettung geht ? Unaufrichtigkeiten, wohin man blickt.

    So auch das Gesellschaftsverständnis der Grünen, für das diese gewählt wurden: im Ergebnis ist es die Abschaffung des Sozialstaates. Sicher wurden die Grünen nicht von den sozial Schwachen gewählt. Soviel wird den klugen Stadt-Bürgern irgendwann klar werden: Sozialstaat ohne Grenzsicherung: das ist nicht möglich.

    Also her mit dem Migrationspakt der UN, den Merkel nach der Hessenwahl kaltbütig unterschreiben wird.

    Offiziell als Hilfe für Flüchtlinge, als Akt von Humanismus ausgegeben, um die Gutgläubigkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen mißbrauchen zu können. Und jene, die diesen Wahnsinn zur Sprache bringen zu verleumden.

    Unaufrichtigkeiten, wohin man schaut. Ob dies gut geht ? Was soll dies für ein Europa werden.

    1. Deshalb freue ich mich auf die absehbare Koalition in Bayern mit den Freien Wählern. Die sind schön rechts aber gleichzeitig erfrischend unideologisch, was aus ihrer Verankerung in der Kommunalpolitik kommt. Meine Hoffnung ist, dass sie sich Unaufrichtigkeiten nicht so leicht leisten können wie die Amigo-CSU, die außerdem noch von Schadmünchnern verseucht ist.

  5. Im Artikel wird angeführt, die Grünen seien der“einzige klare Gewinner“ der wahl (vgl. zu 2013). Ja gab es da nicht nich eine demokratische Pattei, die in dieser Grössenordnung hinzugewonnen hat?

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