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"Macht muss eingezäunt sein und kontrolliert werden": WDR-Intendant Buhrow über die Konsequenzen der #MeToo-Debatte

WDR-Intendant Tom Buhrow

Die Seele des WDR sei aufgewühlt. Die Familie, wie WDR-Intendant Tom Buhrow den öffentlich-rechtlichen Sender beschreibt, sei verunsichert. Gegenüber dem Magazin stern hat der 60-Jährige ein Interview gegeben, in dem es rund sechs Monate nach Bekanntwerden der Vorwürfe wegen sexueller Belästigung im Sender um die interne wie externe Aufarbeitung der Vorfälle geht. Er hofft nun auf einen Neustart.

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„Jetzt haben wir die Chance zu einer Bereinigung“, sagt Tom Buhrow im Interview mit stern-Chefredakteur Christian Krug. Der WDR-Intendant betont darin, dass ihn „nicht so sehr die zum Teil unzureichenden Schutzmaßnahmen sowie die Fälle von sexueller Belästigung geschockt“ hätten, sondern die Frage, wie damit umgegangen wird. Für ihn sei der eigentliche Schock gewesen, wie unzufrieden die Beschäftigten beispielsweise im Programmbereich seien, so Buhrow. „Bisher bin ich davon ausgegangen, dort herrschten die besten Arbeitsbedingungen. Ich habe schließlich jahrelang selbst dort gearbeitet.“ Die große Unzufriedenheit mit dem Umgang untereinander, der Zusammenarbeit und dem Führungsstil habe er in der Form nicht erwartet.
Im April berichteten der stern und das Recherchenetzwerk correctiv erstmals über Vorwürfe wegen sexueller Belästigung beim WDR. Neben dem selbsternannten “Alpha-Tier”, einem Ex-Korrespondenten, steht unter anderem der ehemalige WDR-Fernsehspielchef Gebhardt Henke im Fokus, der seinen Namen selbst öffentlich machte und die Vorwürfe in einem Interview mit der Zeit vehement bestritt. Er wurde zunächst von seiner Arbeit freigestellt und einigte sich schließlich im Juli außergerichtlich mit seinem Arbeitgeber (MEEDIA berichtete). Tom Buhrow setzte die frühere Gewerkschaftsvorsitzende Monika Wulf-Mathies ein, die eine externe Prüfung der Vorfälle vornahm und untersuchte, wie der Sender mit Hinweisen zu sexueller Belästigung umgegangen ist. Sie kam zu dem Urteil: “Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass das Thema sexuelle Belästigung nur die Spitze des Eisbergs ist, hinter dem sich Machtmissbrauch, vielfältige Diskriminierungserfahrungen und eine Unzufriedenheit mit dem Betriebsklima verbergen.”
In dem Prüfbericht hielt Wulf-Mathies ebenfalls fest, dass in den bekannt gewordenen Fällen “größerer Ermittlungseifer” nötig gewesen wäre. Die meisten Fälle stammen aus den 90er-Jahren. Damals seien jedoch keine Maßnahmen zum Schutz von Frauen ergriffen worden, heißt es. Außerdem habe es keine festen Regeln gegeben, wie mit Vorwürfen sexueller Belästigung umzugehen ist. Dennoch lobte sie in ihrem Bericht den mutigen Schritt des Senders, sich extern prüfen zu lassen.
Diese Erkenntnisse möchte Buhrow fortan umsetzen und hofft darauf, eine neue Unternehmenskultur zu schaffen, wie er nun im Interview mit dem stern-Chefredakteur erläutert. Sexuelle Belästigung sei die „tragischste Konsequenz von Machtmissbrauch“. Dafür müssten Schutzmechanismen eingeführt oder bereits vorhandene verbessert werden. Viel schwieriger sei das Thema Machtmissbrauch zu fassen. „Ich möchte bessere, verantwortlichere und zugänglichere Führung“, erklärt er gegenüber dem Hamburger Nachrichtenmagazin und ergänzt: „Aber ich möchte nicht keine Führung.“ Strukturelle Änderungen bedeuteten dann auch, dass Macht künftig besser kontrolliert werden müsse, sagt Buhrow.
Die allermeisten Fälle, in denen es um sexuellen Missbrauch ging, habe das Haus nun abgeschlossen. Der WDR-Indendant glaubt allerdings, dass es nie einen kompletten Abschluss geben könne. „Ich gehe davon aus, dass es immer wieder Fälle von Machtmissbrauch gibt. Das Wichtige ist, dass jede Betroffene und jeder Betroffene weiß, dass ein Räderwerk unerbittlich in Gang gesetzt wird.“ Und dass Anlaufstellen für diejenigen vorhanden seien.
tb

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