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“Praktikantinnen nach Dienstschluss”, “nächtliche SMS”: Der Spiegel arbeitet die Geschichte sexueller Belästigungen im eigenen Haus auf

Stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer über das Verhältnis der Geschlechter beim Spiegel
Stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer über das Verhältnis der Geschlechter beim Spiegel

Der Spiegel widmet sich in dieser Woche unter dem Motto "#frauenland" einer Bestandsaufnahme zur Lage der Frauen in Deutschland. Auf allen Kanälen gibt es Schwerpunkte zu dem Thema. Das geht nicht, ohne auch in das eigene Haus zu schauen. In einer Sonderausgabe des Heftes schreibt die stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer über das Ver­hält­nis der Ge­schlech­ter beim Spiegel – und ist dabei erstaunlich offen.

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Wir müssen Augstein erwähnen” lautet der Titel des Essays in eigener Sache. Der “Männerladen” Spiegel, den der Gründer und 2002 verstorbene Herausgeber Rudolf Augstein prägte, hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich – insbesondere was die Gleichstellung von Mann und Frau angeht. Wie sich das Verhältnis der Geschlechter in den Anfängen darstellte und wie es heute ist, davon handelt der Beitrag von Susanne Beyer, der ungewöhnlich offen erzählt und den Lesern einen seltenen Einblick über den Um­gang heu­te und über mehr als 70 Jah­re Ge­schich­te des Hauses gewährt.

Beyer, die selbst seit 22 Jahren beim Spiegel arbeitet, kann aus ihrer Position in der Chefredaktion vermutlich freier berichten, als es ein normaler Redakteur oder eine Redakteurin könnte. In diesem Sinne handelt es sich nicht um einen üblichen Spiegel-Text, sondern einen, der von Innen heraus nach Innen blickt – eine ungewohnte, aber notwendige Perspektive. Denn natürlich spielt die Geschichte des Hauses eine große Rolle, die vom streitbaren Augstein handelt, der Frauen zu Hause schon mal im Bademantel empfing und mit zwielichtigen “Angeboten” ein “Spiel” mit ihnen spielte. So kommen ehemalige und noch aktuelle Spiegel-Mitarbeiterinnen zu Wort, die von Begegnungen mit Augstein erzählen und davon, wie sie den “Männerladen” empfunden haben. Auch Beyer selbst berichtet von ihren Erfahrungen: “Ob Frauen überhaupt schreiben können, dieser Zweifel waberte durch die Flure in meinen ersten Jahren beim Spiegel, mal in scherzhaftem Ton, mal in ernsthaftem.”

Doch Beyer erwähnt auch das Jetzt in ihrem Beitrag. Nach einem Jahr #MeToo sollte der Gesellschaft schließlich klar geworden sein, dass sexuelle Belästigungen und Machtmissbrauch kein Phänomen des 20. Jahrhunderts sind, sondern auch heute immer noch auf der Tagesordnung stehen. Beyer hat Kol­le­gin­nen ge­be­ten, an­ony­mi­sier­te Be­rich­te zu verfassen, über das, was sie heute noch regelmäßig erleben. Sie liest darin “über Prak­ti­kan­tin­nen, die von im­mer wie­der den­sel­ben Re­dak­teu­ren nach Dienst­schluss in die Bar ge­be­ten wer­den. Von jun­gen Kol­le­gin­nen, die nach ih­ren Be­zie­hun­gen ge­fragt wer­den und sich dann An­deu­tun­gen ge­fal­len las­sen müs­sen, dass der Freund ja nichts wis­sen müs­se von Af­fä­ren”. Und “zwei­deu­ti­gen nächt­li­chen SMS, die wie­der­um jun­ge Frau­en hier be­kom­men”.

Von sexuellen Übergriffen habe Beyer nichts erfahren, schreibt sie und gesteht sich ein: “Das heißt nicht, dass es sie nicht ge­ge­ben hat, es heißt zu­nächst nur, dass mei­ne Re­cher­che ein an­de­res ers­tes Ziel hat­te, näm­lich zu fra­gen, in­wie­fern sich das Ver­hält­nis der Ge­schlech­ter zu­ein­an­der dar­auf aus­wirkt, wie Frau­en sich im Be­ruf ent­wi­ckeln oder eben nicht ent­wi­ckeln.”

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Rund ein Drittel hat sexuelle Belästigung erlebt

Beyer zitiert zudem aus einer internen Mitarbeiterbefragung, die eine 30-köp­fi­ge Kom­mis­si­on aus Spiegel-Mit­ar­bei­tern beauftragt hat und an der sich 45 Pro­zent der Be­leg­schaft be­tei­ligte. Die Kommission habe die Aufgabe, Vor­schlä­ge zu machen, “wie mit dem The­ma #Me­Too hier um­zu­ge­hen sei”. Etwa ein Drit­tel der Teil­neh­men­den gab in der Befragung an, im vergangenen Jahr eine se­xu­el­le Be­läs­ti­gung er­lebt zu ha­ben, wobei unangemessene Witze mit eingeschlossen seien. “An­züg­li­che Äuße­run­gen wur­den am häu­figs­ten, kör­per­li­che Hand­lun­gen sel­te­ner be­ob­ach­tet”, schreibt Beyer weiter. Rund 40 Pro­zent haben in ihrem ge­sam­ten Be­schäf­ti­gungs­zeit­raum beim Spiegel kei­ne se­xu­el­le Be­läs­ti­gung er­lebt.

Im überwiegenden Fall sind die Witze, Andeutungen und Belästigungen von Männern ausgegangen. Für Beyer ist das eine “ernst zu neh­men­de Tat­sa­che”, aus der “die Füh­rung des Hau­ses” ihre Schlüs­se ziehen müsse.

Noch sei nicht alles gut beim Spiegel, gesteht sich die Autorin ein. Die Mitarbeiterbefragung hat das gezeigt. Aber auch andere Probleme entstanden, zum Beispiel seien die Grenzen des Sagbaren enger als zuvor, was Ru­dolf Augsteins Cre­do “Sa­gen, was ist” in Gefahr bringen würde – auch das gehört zur Wahrheit und zum Verhältnis zwischen den Geschlechtern in Zeiten von #MeToo dazu.

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Alle Kommentare

  1. Oi, oi, oi – wie verklemmt sind denn diese Kommentare. Schreiben, was ist : Es ist schon bemerkenswert, daß die schlimmsten Hurenböcke, die aufgeflogen sind, von der Linken kommen. Weinstein – Groß-Sponsor der Demokraten; Strauss-Kahn – französischer Präsidentschaftsanwärter. Und auch für das angebliche “Sturmgeschütz der Demokratie” ( heute: “Konfettikanone”) gilt gestern wie heute und morgen: “Befreit die roten Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen”. Sich hinter dem Bademantel des alten Augstein zu verstecken, ist lächerlich angesichts der Gaffer, Grabscher und Zoten-Klopfer in besagtem Hause.

  2. Praktikantinnen werden „von immer wieder denselben Redakteuren” angebaggert? Klingt wirklich schlimm, aber manche Redakteure wissen auch, wie zugewandt Kolleginnen bei passender Gelegenheit gegenüber Vorgesetzten o. ä. werden, wie sie zur Charme-Offensive blasen, wenn Privilegien winken, wie sie schwaduckeln und scharwenzeln, Bettgeschichten nicht dogmatisch ausgeschlossen, wenn es status- oder karrieretechnisch aussichtsreich erscheint. Davon erfährt die Öffentlichkeit allerdings so gar nichts.

    Kein Hashtag, nirgends.

  3. Hab den Artikel wohl übersehen gehabt.
    Erst jetzt gelesen.

    Naja, die Unschuldslämmer sind immer die Mädels und die Frauen. Auch schon so furchtbar fad dieses ewige Geseier und Geheuchle.

    Reden wir mal darüber womit Männer tagtäglich belästigt werden. Mit doppeldeutigen Witzen, sexuellen Andeutungen, Verführungsoffensive, Koketterie und sonstigem Schmarrn, und pudeln sich auch nicht auf.

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