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"Die Bild ist heute wieder ein Kampagnen- und Kampfblatt": Ex-BamS-Chef teilt bei Lanz gegen Bild-Boss Julian Reichelt aus

Für "ziemlich furchterregend" hält Michael Spreng (r.) den Bild-Kurs unter Julian Reichelt

Eine besorgniserregende Entwicklung habe er bei der Bild-Zeitung festgestellt, sagte Michael Spreng gegenüber Markus Lanz in dessen ZDF-Sendung. Der ehemalige Chefredakteur der Bild am Sonntag erkennt beim größten Boulevardblatt des Landes einen Anti-Merkel-Kurs, der das Land weiter nach rechts treibe. Ständige Schlagzeilen über Gewalttaten von Asylanten zersetzten auf Dauer den liberalen Staat.

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„Heute haben Massenblätter natürlich eine hohe Verantwortung. Und da finde ich zurzeit die Bild-Zeitung ziemlich furchterregend“, sagte Michael Spreng am Donnerstag in der Sendung von Markus Lanz. Gemeinsam mit CSU-Politikerin Monika Hohlmeier, Journalist Günter Wallraff sowie Ex-Kunstberater Helge Achenbach sprach die Runde über die aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft und Politik sowie den Einfluss der Medien auf die Meinungsbildung. Spreng, von 1989 bis 2000 Chefredakteur der Bild am Sonntag, griff dabei vor allem den aktuellen Bild-Chef Julian Reichelt und dessen Blattlinie an. Jede kriminelle Tat eines Ausländers oder Asylanten werde zur Schlagzeile gemacht, so Spreng. „Wenn ein Deutscher einen Syrer ersticht, sind das ein paar Zeilen auf Seite 5. Wenn mal kein Ausländer kriminell ist, kommen Aufmacher bzw. Kampagnen gegen die lasche Justiz, gegen den unfähigen Staat oder gegen die faulen und unfähigen Politiker.“ Positive Meldungen über Geflüchtete oder die schlimmen Zustände im Lager auf Lesbos seien lediglich Alibi-Geschichten. Er sorge sich um den freien liberalen Staat, denn dieser werde durch so eine viele Monate andauernde Kampagne nach und nach zersetzt.

„Gruppe von Kriegern im Feldzug gegen Merkel“

Michael Spreng erkennt im Axel Springer-Blatt Bild eine bedenkenswerte Entwicklung. Die Zeitung sei schon auf einem anderen Weg gewesen. Damals, etwa zur zweiten Hälfte von Kai Diekmanns Zeit als Bild-Chefredakteur, habe sich das Blatt für seine Verhältnisse geradezu geöffnet und liberal präsentiert. Was sich geändert habe, fragte Lanz. „Na ja, der Chefredakteur hat gewechselt und der sieht es offenbar völlig anders. Die Bild ist heute wieder ein Kampagnen- und Kampfblatt“, so Spreng. Aus seiner Sicht habe diese kämpferische Linie nicht nur Auswirkungen auf die Leser, sondern ebenfalls auf die Politik. Spreng ist seit 2000 Politikberater und war 2002 unter anderem Wahlkampfmanager des CSU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. „Politiker sagen, was die Bild-Zeitung schreibt, ist Volkes Meinung. Daran müssen wir uns orientieren und damit verändert es die Politik“, erläuterte er und nahm dabei Bezug auf die bevorstehenden Landtagswahlen in Bayern Mitte Oktober.
Ihm mache das hinsichtlich der gesellschaftlichen Veränderungen und der Verschiebung nach rechts große Sorgen, denn diese werde dadurch gefördert. Spreng monierte außerdem den Anti-Merkel-Kurs von Reichelt. „Es kann doch nicht sein, dass unter dem neuen Bild-Chef eine Gruppe von Kriegern sitzt, die glaubt, sie sitzen gemeinsam im Schützengraben und führen von dort einen Feldzug gegen Merkel und den liberalen Rechtsstaat.“ Ihm täten die anständigen Bild-Redakteure leid. Insgesamt habe er das Gefühl, dass der Journalismus in längst überwundene Zeiten zurückfalle. Es gebe wieder ideologische, missionarische Schlachten, die es früher unter Franz-Josef Strauß und Helmut Schmidt gegeben habe. „Wir hatten uns im Journalismus doch weiterentwickelt.“


Sprengs Worte kommen in einer Zeit, in der sich erst diese Woche Journalismus-Professor Klaus Meier zur Rede von Mathias Döpfner geäußert hat (MEEDIA veröffentlichte den offenen Brief). Der Axel Springer-CEO und BDZV-Präsident hatte eine andere Gewichtung der journalistischen Berichterstattung gefordert und beklagt, dass über die Straftaten von Asylbewerbern, Flüchtlingen und anderen Ausländern ausführlicher auf den Titelseiten der überregionalen Medien berichtet werden solle. „Am Tag nach dem möglichen Mord in Chemnitz berichteten null von zwölf überregionalen Medien, die ich mir angeschaut habe, auf der Titelseite“, sagte Döpfner beim Zeitungskongress in Berlin. Meier widersprach Döpfner vehement. „Die verstärkte Berichterstattung über Kriminalität führt dazu, dass viele Menschen Angst haben, Opfer zu werden. Und das, obwohl die Straftaten in Deutschland auf einem niedrigeren Niveau sind als in den 1990er Jahren.“
tb

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