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Ausverkauf beim Jahreszeiten Verlag: der unaufhaltsame Niedergang eines Zeitschriften-Imperiums

Verleger Thomas Ganske
Verleger Thomas Ganske

Einst zählte der Traditionsverlag Jahreszeiten zu den Königslanden der Zeitschriften-Imperien. Davon ist wenig geblieben. Mit der Abtrennung und dem Verkauf einer Reihe von Magazintiteln will sich das Unternehmen gesund stoßen und künftig auf seine verbleibenden Premiummarken setzen. Eine Kehrtwende, die nach Überzeugung von Beobachtern viel zu spät kommt, wie ein Blick ins IVW-Zahlenwerk zeigt.

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“Der stille Visionär”, lautet der Titel einer Biografie von Thomas Ganske, die den Hamburger “eine der bedeutendsten Verlegerpersönlichkeiten in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland” nennt und durch deren 352 Seiten sein publizistisches Credo wie Weihrauch wabert. The great Ganske, wie man das Werk gemessen an seinem Inhalt auch hätte nennen können, hat sein Imperium geerbt und lange Zeit mit Erfolg geführt. Doch dann kam es anders. In dieser Woche, nur gut einen Monat nach Erscheinen des salbungsvollen Buchs, teilte der zu seiner Gruppe gehörende Jahreszeiten Verlag den Ausverkauf eines beträchtlichen Teil seines Portfolios mit und konterkariert damit das Bild vom Verleger mit ruhiger Hand und langem Atem. Die unüberhörbare Kakophonie zur gerade verbreiteten Verleger-Herrlichkeit lässt erahnen, wie ernst es um das Magazinhaus steht.

Wie üblich vorbehaltlich der Zustimmung der Kartellbehörden veräußert der Jalag seine Frauenmagazine Für Sie, Petra und Vital. Gleichzeitig wechseln auch die jüngsten Neugründungen aus dem Frauensegment den Besitzer – darunter Feel Good, Iss Dich Gesund und Dr. Wimmer. Erwerber ist der Konkurrent Klambt. Es ist eine einschneidende Entscheidung. Einst enorm profitable Klassiker müssen offenbar abgestoßen werden, um die Premium-Marken, also Architektur & Wohnen, Feinschmecker, Merian & Co. langfristig zu retten. Auf dieses Luxussegment wolle man seine Aktivitäten künftig konzentrieren, heißt es. “Da passiert das, was seit 15 Jahren überfällig war”, sagt ein mit dem Unternehmen vertrauter Insider und nennt die Entscheidung “vernünftig”, wenngleich sie “viel zu spät” komme.

Über Jahrzehnte hinweg war die Für Sie das Aushängeschild des Verlags. Genau so steht die Frauenzeitschrift exemplarisch für den Niedergang. Von 1967 bis Ende 1982 war die Für Sie ein Millionenseller, besaß laut IVW durchgehend eine siebenstellige verkaufte Auflage. 1994 lag sie noch bei über 800.000. Im Jahr 2000, zu Zeiten des ersten Dotcom-Booms, durchbrach sie erstmals die 600.000er-Marke, 2003 schon die 500.000er-Marke, 2012 schließlich die 400.000er-Marke. 2015 verkaufte das Magazin erstmals weniger als 300.000 Stück.

Der bisherige Tiefpunkt war Ende 2017 erreicht – mit nur noch 204.711 Verkäufen. Bei den Abos und Einzelverkäufen kamen nur noch etwas mehr als 98.000 Stück zusammen. Ein im Rückblick fast unglaublicher Auflagenschwund eines ehemaligen Millionensellers. Allein an der Print-Krise und dem zunehmend schwierigen Marktumfeld festmachen lässt sich eine solche Entwicklung nicht. Schon bevor die schweren Zeiten für gedruckte Magazine richtig begannen, hatte die Für Sie schließlich schon mehr als die Hälfte ihres Millionenverkaufs eingebüßt. Vielmehr gelang es dem Verlag offenbar nicht, die Marke jung zu halten und neue Käuferinnen zu gewinnen.

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Ähnlich sieht es bei den anderen Magazinen aus, die nun Klambt vom Jalag übernimmt: Petra erzielte in den besten Zeiten Ende der 1970er eine verkaufte Auflage von über 600.000. Im Jahr 2002 war davon noch die Hälfte übrig und im ersten Quartal 2018 erstmals weniger als 100.000. Der Blick auf die beiden wichtigen Kategorien Abos und Einzelverkauf ist richtig bitter: Nur noch knapp über 40.000 waren es im dem Minusrekord-Quartal I/2018. Das Gesundheitsheft Vital kommt noch auf eine verkaufte Auflage von 134.065, Ende der 1980er, Anfang der 1990er, waren es auch schonmal mehr als 400.000. Für die nach eigenen Angaben “erfolgreichen Neugründungen” des Jahreszeiten Verlags, die man nun ebenfalls verkauft – Feel Good, Iss Dich Gesund und Dr. Wimmer – liegen keine IVW-Zahlen vor, hier kann also neutral nichts über Erfolg oder Misserfolg gesagt werden.

Übrig bleiben sollen im Jahreszeiten Verlag nun also Premium- und Luxusmarken. Ob diese Entscheidung so nachhaltig ist, muss sich erst zeigen. Architektur & Wohnen hat im zweiten Quartal keine Auflagen an die IVW gemeldet, lag im ersten Quartal 2018 noch bei 85.515 Verkäufen – eine in den vergangenen 20 Jahren weitgehend stabile Zahl. Der Feinschmecker hingegen leidet offensichtlich unter der immer größeren Konkurrenz im Food-Segment: Von den über 100.000 Verkäufen der Jahre 1996 bis 2004 sind noch um die 70.000 übrig geblieben, darunter aber nur noch etwas mehr als 30.000 Abos und Einzelverkäufe. Gerade hat der Verlags-Rivale Gruner + Jahr, der sich im Markt weitaus agiler und umtriebiger zeigt, mit B-EAT einen direkten und hochauflagigen Feinschmecker-Konkurrenten gestartet. Merian hat gar seit dem dritten Quartal 2017 keine verkauften Auflagen mehr an die IVW gemeldet, die damit jüngste Meldung lag damals bei 40.058 Verkäufen, darunter 30.000 bis 31.000 Abos und Einzelverkäufe. Auch hier ist der Blick in die Vergangenheit ernüchternd: Vor 20 Jahren verkaufte man noch mehr als 130.000 statt 30.000.

Unter dieser Entwicklung leide der Alt-Verleger, verlautet es aus seinem Umfeld, und das gelte nicht nur für die wirtschaftliche Seite. Thomas Ganske gilt als Medienhauschef, der stets energischer Befürworter eines starken Journalismus gewesen ist und, wie frühere Chefredakteure übereinstimmend versichern, als jemand, der seinen Blattmachern und Autoren nie reingeredet habe, sondern diese “machen ließ”. Dass ausgerechnet in seinem Unternehmen diese Freiräume aufgrund des wirtschaftlichen Drucks mit der Zeit zunehmend enger wurden, habe dem 71-Jährigen sehr zugesetzt. Schon in den 90er Jahren entwickelten sich gerade ambitionierte Objekte nicht wie erhofft. Rund 30 Millionen D-Mark, so wird es kolportiert, musste Ganske  abschreiben, als er das Lifestyle-Magazin Tempo 1996 vom Markt nahm, weitere 75 Millionen Euro soll ihn die von der Branche gefeierte Wochenzeitung Die Woche gekostet haben, die er 2002 einstellte.

Dass der Verleger mit Wohnsitz an der feinen Hamburger Außenalster sich erst jetzt und womöglich zu spät von einem Großteil seines Magazingeschäfts trennt, erscheint seltsam. Denn harte Entscheidungen hat Ganske neben der Einstellung hochdefizitärer Zeitschriften schon vor vielen Jahren und damit deutlich früher als seine Wettbewerber gefällt: So trennt sich der Jalag bereits 2010 von allen schreibenden Redakteuren – ein radikales Sparpaket, bei dem 70 Journalisten entlassen wurden und für das das Unternehmen vernichtende Kritiken einstecken musste. Das mehr als 100 Jahre bestehende Medienhaus Jahreszeiten zählte fortan nicht mehr zu den ersten Adressen der Branche. Ob die neuerliche Rosskur eine Trendwende bringt, ist ungewiss. Um Ganske ist es in der jüngeren Vergangenheit merklich ruhiger geworden, seinem ebenfalls im Unternehmen tätigen Sohn Sebastian ist es nicht gelungen, ein eigenständiges Profil zu gewinnen. Stünde der Name für den Lebenszyklus, so würde man denken, dass im Hause Jahreszeiten der Herbst gekommen ist. (ga/js)

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Alle Kommentare

  1. Schauen Sie sich doch bitte mal die Auflagenentwicklung von Brigitte und Freundin an. Auch ein Trauerspiel.

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