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Die “Totenglöckchen bimmeln”: Kommentatoren sehen nach Kauder-Sturz Merkels Ende nahen

Das Ende einer Ära: Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündet den Zeitplan ihres Rückzugs
Das Ende einer Ära: Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündet den Zeitplan ihres Rückzugs

Die journalistische Elite des politischen Berlins war gestern wie "erstarrt". So beschrieb Robin Alexander, Chefreporter der Welt, die Situation, nachdem der CDU-Bundestagsfraktionsvorsitzende Volker Kauder am Dienstag abgewählt worden war. So überraschend die Nachricht kam, so schnell folgten die Analysen: Der Anfang des Endes der Kanzlerin ist (mal wieder) gekommen. Die Pressestimmen:

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Die Titelseiten der Tageszeitungen am heutigen Mittwoch kennen nur ein Thema. Die “Revolution in der Union”, wie die Welt kompakt es bezeichnet. Die CDU-Bundestagsfraktion hat ihren Vorsitzenden Volker Kauder geschasst und überraschend den bisherigen Vize Ralph Brinkhaus auf die Stelle befördert, die der Kanzlerin die Mehrheit im Parlament beschafft – es ist eine der zentralen und einflussreichsten Führungspositionen außerhalb der Regierung. Entsprechend groß ist das Beben in Berlin. “Kann Merkel noch Kanzlerin?”, fragt Bild heute auf Seite 1.

Die journalistische Elite in der Hauptstadt wurde ebenso überrascht, zumindest die Kommentatoren besannen sich aber schnell. Der allgemeine Tenor: Es ist der Anfang des Endes der Kanzlerin, die Dämmerung hat begonnen. Mal wieder.

So beschreibt Innenpolitik-Experte Jasper von Altenbockum in der FAZ Angela Merkel als lahme Ente, schreibt von einem “Phänomen” nach dem “die Autorität zwangsläufig sinkt, wenn erst einmal das Ende einer Amtszeit in Sicht ist. Bei Merkel kündigte sich das schon vor der Bundestagswahl an, danach erst recht, als Annegret Kramp-Karrenbauer zur Quasi-Parteivorsitzenden nach Berlin geholt wurde. In Amerika nennt man das Phänomen „lame duck“. Mit der Niederlage Merkels in der Fraktion beginnt nun, ob Brinkhaus es beabsichtigt hat oder nicht, die Debatte darüber, wie lange die Lähmung noch dauern soll.”

“Merkels Macht verfällt damit in rasantem Tempo”, lautet auch das Urteil des Parlamentskorrespondenten der taz. Stefan Reinecke schreibt: “Dass sie als Kanzlerin gehen muss, ist wohl klar. Die Frage ist nur noch, wann. Und ob ihr gelingt, was noch niemandem glückte – den eigenen Abgang geordnet und souverän über die Bühne zu bekommen.”

Aus Richtung der Welt klingen die Töne nicht anders. Chefkommentator Jaques Schuster schreibt: “Diese Niederlage gilt einzig der Bundeskanzlerin. Sie ist ein weiteres Zeichen der Kanzlerdämmerung, die das Land seit der berühmt-berüchtigten Silvesternacht in Köln 2015/16 spürt und die nicht mehr zu ändern ist. Alles, was nun kommen mag, sind hilflose Versuche, die schleichende Sepsis zu bekämpfen. Doch keiner sollte vergessen: Selbst in der Medizin führt sie bis heute noch meist zum Tod.”

“Jetzt kann die Kanzlerin ihren Abgang moderieren”, heißt es auch bei Zeit Online. Ferdinand Otto kommentiert: “Revolution, Endzeitstimmung, Merkel-Dämmerung – es gab keinen Superlativ, der am Dienstagabend nicht bemüht wurde, um das zu beschreiben, was im Berliner Regierungsviertel gerade vorgefallen war: die Abwahl von Volker Kauder als Vorsitzendem der Unionsfraktion. Tatsächlich schwindet die Macht der Kanzlerin inzwischen bedrohlich schnell. Wäre Merkels Kanzlerschaft ein Schiff, stünde inzwischen das Wasser bis in den Maschinenraum.”

In der Bild-Zeitung kommentiert Nikolaus Blome in eine andere Richtung. Der Politikchef der Boulevardzeitung erklärt, wie die Kanzlerin das Vertrauen in Politik wie Bevölkerung zurückgewinnen könne: “Wenn Angela Merkel gegen Ende ihrer langen Amtsjahre die breite Mitte in Deutschland zusammenhalten will, dann helfen die vielen Koalitions-Milliarden für Soziales ganz gewiss. Aber sie werden nicht reichen. Die Kanzlerin selbst muss dahin gehen, wo es wehtut. An die Orte im Land, an denen die Stimmung zu kippen droht.” Und: “Angela Merkel ist nicht die Erste, die eine lange Amtszeit von den Bürgern langsam entfernt und dann entfremdet. Aber sie ist diejenige, die auf diesem Weg jetzt kehrtmachen sollte. Damit am Ende nicht mehr kaputtgeht als ihre Kanzlerschaft.”

Auch bei Spiegel Online attestiert Sebastian Fischer den “Abschied von der Macht”. “Mit dem Zugriff auf die Unionsfraktion hat Angela Merkel das verlässlichste Herrschaftsinstrument von CDU-Kanzlern verloren. An ihrer Seite regiert mit der SPD ein Koalitionspartner, der aufgerieben ist und so schnell als möglich halbwegs aufrecht aus dieser Koalition herauskommen will. Und die CSU? Unterläuft seit drei Jahren die Autorität Merkels, wo sie nur kann.”

“Der Sturz Kauders bedeutet im Regierungsalltag einen Energieabfall, der vom nahenden Ende der Kanzlerschaft kündet”, schreibt Gabor Steingart in seinem Morning Briefing. “Wer sich inmitten des politischen Getöses ein feines Gehör bewahrte, hört das Totenglöckchen bimmeln. Keine Sentimentalität nirgends. Die Koalition könnte dem Land einen großen Dienst erweisen, wenn sie sich selbst bald die Todesurkunde ausstellen würde. Oder um es mit Norman Mailer zu sagen: ‘Sterben kann gar nicht so schwer sein. Bisher hat es noch jeder geschafft.'”

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Alle Kommentare

  1. Ich verstehe ich meisten Kommentare nicht. Kauder wurde abgewählt, nicht die Kanzlerin. Die wurde vom Bundestag gewählt, und um die abzuwählen, braucht es ein konstruktives Misstrauensvotum, also die Mehrheit in mehreren Fraktionen. Sollte die Abwahl Kauders, den ich zumindest in die Kategorie Klatschhase eingeordnet habe, ein Zeichen dafür sein, dass die gewählten Abgeordneten der CDU/CSU Fraktion beginnen, den Kopf heben und endlich selbst Politik gestalten wollen, dann wäre das ja schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Wie mächtig der Fraktionsvorsitzender (FV) der Mehrheitsfraktion sein kann, weiß ich aus der kommunalen Praxis (da geht es allerdings auch nicht darum, möglichst unauffällig der Pension entgegen zu dämmern). Wenn der FV sagt, die Fraktion wünscht dies oder das nicht, dann findet das eben nicht statt. Egal, was Bürgermeister oder Landrat wollen.

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