Anzeige

Unabhängig, vielfältig, aber oberflächlich und unkritisch: Studie zeigt, wie es um den Lokaljournalismus steht

Was zeichnet den deutschen Lokaljournalismus aus? Forscher haben dies nun untersucht

Ein Team der Universität Trier um Medienwissenschaftlerin Anna-Lena Wagner hat in einer groß angelegten Studie den Lokaljournalismus in Deutschland analysiert. Dazu wurden 103 Lokalzeitungen und viele tausend Artikel untersucht. Ergebnis: Die Blätter machen einen guten Job, bei Hintergrundstücken und Kritik am lokalen Geschehen gibt es jedoch Verbesserungsbedarf.

Anzeige

Sie habe zwar 103 Blätter gesichtet, aber eine neue Lieblingszeitung sei nicht darunter gewesen, hat Anna-Lena Wagner kürzlich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung Online gesagt. Gemeinsam mit einem Team der Universität Trier haben Medienwissenschaftlerin Wagner – mittlerweile wieder am Institut für Journalistik in Dortmund – und der 2017 verstorbene Professor Klaus Arnold den Lokaljournalismus in Deutschland untersucht.
In einer groß angelegten Studie haben die Wissenschaftler 103 Lokalzeitungen plus deren Onlineausgaben und weit über 18.000 Artikel auf verschiedene Qualitätsmerkmale wie Vielfalt, Ausgewogenheit und Partizipation geprüft. Die Auswahl wurde anhand drei theoretischer Perspektiven bestimmt: funktional, normativ-politisch und räumlich-geographisch. Für die Untersuchung hat das Team alle ausgewählten Zeitungen und Online-Auftritte in der sogenannten Stichtagswoche vom 15. bis 20. Juni 2015 ausgewertet. Die Bild-Zeitung wurde dabei mit (nur) drei Ausgaben berücksichtigt. Deren Lokalausgaben machen zwar rund zehn Prozent der Gesamtauflage in Deutschland aus, heißt es im Teil zum Studiendesign, allerdings ähneln sich diese stark. Hinzu kommen auflagenstarke Metropolenzeitungen, kleinere Lokalausgaben sowie zehn Lokalteile anderer Boulevardblätter und überregionaler Tageszeitungen. Die Ergebnisse sind im Sommer unter dem Titel „Die Leistungen des Lokaljournalismus“ im Fachjournal Publizistik erschienen.

Potenzial bei der Lesereinbindung

Die Resultate zeichnen ein ambivalentes Bild: Auf der einen Seite zeigt sich, dass sich der Lokaljournalismus hinsichtlich der Themenvielfalt und Unabhängigkeit deutlich verbessert hat. Entgegen früherer wissenschaftlicher Kritik  über die Dominanz zu „weicher“ Themen im Lokalen, schreiben die Forscher im Fazit, sei die Qualität gestiegen. Auf der anderen Seite, so Wagner gegenüber SZ Online, gebe es „bei der Hintergrundberichterstattung (…) sicherlich noch Luft nach oben.“ Die Analyse offenbart gegenwärtig Defizite, die sich schon früher erkennen ließen. „Die Zeitungen sind relatiunkritisch und enthalten in der Regel nicht allzu viele kontroverse Artikel“, konstatieren die Wissenschaftler. „Eine heile Welt des Lokalen“ ließe sich auch im Jahr 2015 vorfinden. Und weiter: „Die Zeitungen sind bei Grafik und Text nur eingeschränkt unterhaltsam und bieten zumeist nur Berichte und Meldungen.“ Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass Lokalausgaben „der Anforderung einer anschlussfähigen Selbstbeobachtung der Gesellschaft nicht immer gerecht werden“.
Außerdem sehen die Forscher gerade bei kleinen Blättern Potenzial bei der Einbindung der Bürger vor Ort und beim Kontakt der Redaktionen mit ihren Lesern. Dies lässt sich laut Studie auch im Online-Bereich beobachten: Zwar sind durchschnittlich 19 Prozent der Beiträge reiner Online-Content und somit nicht im Printprodukt zu finden, die Möglichkeiten der digitalen Partizipation und multimedialen Gestaltung werden allerdings kaum ausgeschöpft.
Aus Sicht von Wagner bestehe eine wichtige Fähigkeit von Lokaljournalismus unter anderem darin, „Überregionales auf die lokale Ebene runterzuziehen“. Umgekehrt sei dies auch möglich, wenn ein lokal relevantes Thema in einen größeren Kontext eingeordnet wird. „Was die Presse hier leistet, hat aber wenig überzeugt“, so ihr Fazit gegen der SZ. Gleichwohl habe sie der Umfang mancher Lokalteile überrascht.

Je größer das Gebiet, desto höher die Relevanz und Themenvielfalt

Der Vergleich von Metropolenzeitungen mit Lokalblättern kleinerer, ländlicher Gemeinden offenbart zudem, dass größere Zeitungen einen Vorsprung bei den Punkten Relevanz, Themenvielfalt und Kritik haben. Die Forscher vermuten, dies lasse sich „nicht allein auf die Professionalität der Redaktion“ zurückführen, auch die Eigenschaften des Kommunikationsraums seien prägend. So lässt sich annehmen, dass in einem Ballungsgebiet eine höhere Anzahl relevanter Themen zu finden ist als in einer ländlichen Gemeinde. Dafür punkten die Zeitungen von Kleinstädten beim Service.
Im Rahmen des Projekts wurde die Inhaltsanalyse mit Befragungen der Redaktionsleiter der untersuchten Lokalausgaben ergänzt. Ziel des Ganzen soll sein, weitere Faktoren wie Auflagenhöhe und Mitarbeiterzahl der Redaktion sowie mögliche Ursachen für die gefundenen Qualitätsunterschiede zu ermitteln. Ergebnisse dazu liegen allerdings noch nicht vor, wie Wagner auf Anfrage mitteilte. Zudem bestehe die Annahme, dass die Lücken in der lokalen Berichterstattung von anderen Angeboten gefüllt werden können, wenn diese ihren Fokus auf pointierte Meinung und Hintergrundberichte legen. Auch damit befassen sich weitere Forschungsarbeiten.
tb

Anzeige