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Die “Revolution”, die nicht stattfand: Warum deutsche Medien bei der Schweden-Wahl keine gute Figur machten

Überdramatisierung und schlechte Prognosen: Die Berichterstattung zur Schweden Wahl im Vorfeld passt nicht zum Wahlergebnis.
Überdramatisierung und schlechte Prognosen: Die Berichterstattung zur Schweden Wahl im Vorfeld passt nicht zum Wahlergebnis.

Zwar holen die rechten Schwedendemokraten bei der Wahl in Schweden das beste Ergebnis ihrer Geschichte - das große und vielen Medien prophezeite politische Beben blieb aber aus. Die Sozialdemokraten sind, trotz aller Verluste, immer noch stärkste Kraft. Und selbst die Konservativen liegen noch vor den Rechtspopulisten. Das Wahlergebnis ist nicht so spektakulär, wie es einige deutsche Medien im Vorfeld vorher gesagt haben.

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Keine Frage: Schweden steht nach der Parlamentswahl vor einer schwierigen Regierungsbildung. Und die politischen Kraftverhältnisse müssen erstmal neu geschrieben werden. 17,6 Prozent holen die Schwedendemokraten bei der Wahl und werden damit drittstärkste Kraft. Von einem “Wahl-Beben” spricht die Bildzeitung, einem “Mega-Rechtsruck”.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Rechtspopulisten noch immer weit abgeschlagen sind. Die Sozialdemokraten sind mit derzeit 28,4 Prozent zehn Prozentpunkte vor der Partei. Und im Vergleich zur Wahl vor vier Jahren haben die Schwedendemokraten auch nur fünf Prozentpunkte dazu gewonnen. Schon damals waren sie drittstärkste Kraft im Parlament.

Das politische Beben, wie es vielerorts in den Medien heraufbeschworen wurde, blieb aus. In der Berichterstattung im Vorfeld der Wahl entstand der Eindruck, die schwedischen Rechtspopulisten würden stärkste Kraft werden. Die Zeit sprach etwa von einem “Machtwechsel”, der sich “anbahnt”, das Redaktionsnetzwerk Deutschland schrieb von einer bevorstehenden “Revolution” und im Weltspiegel hörte man vor einigen Tagen, dass die Schwedendemokraten “die besten Chancen” hätten. Doch so kam es nicht.

Der Grund für die Verwirrung in den deutschen Medien war, mal wieder, die Demoskopen. In der Tat lagen die Schwedendemokraten in den Umfragen im Juli gleichauf mit den Sozialdemokraten – beide bei etwa 23 Prozent. Doch seitdem haben sich die Umfragen gedreht: Die Rechtspopulisten sind in der Wählergunst gesunken, während die Sozialdemokraten zulegen. Dieser Trendwechsel blieb in vielen Berichten zum Thema aber unerwähnt. Selbst Tage vor der Wahl liest man (wie hier im Spiegel), dass die rechten Schwedendemokraten “stärkste Kraft werden” könnten – zu einem Zeitpunkt, an dem der Abstand zwischen beiden Parteien über alle Umfragen hinweg fünf bis acht Prozentpunkte betrug.

Allerdings, das muss man den Medien zugute halten, bildeten nicht alle Umfrage-Institute diesen Trendwechsel ab. Bei den Demoskopen von YouGov und Sentio lagen die Populisten bis zuletzt sogar vorne, wenn auch mit leichten Einbußen. Die Spanne reichte von 17 bis 25 Prozent Zustimmung für die Partei. Ein Blick auf den Durchschnitt mehrerer Wahlumfragen, wie etwa bei PollofPolls, hätte die Ausreißer aber leicht enttarnt.

“Falsche Berichterstattung ausländischer Medien”
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Der schwedische Journalist James Savage, Chefredakteur des Portals TheLocal, hat darüber hinaus die Berichterstattung der ausländischen Medien zur Schweden-Wahl kritisiert. Viele Zeitungen und Portale hätten keine guten Korrespondenten in Schweden, schreibt Savage in einem öffentlichen Brief. Viel zu oft werde das Land daher “viel zu düster” dargestellt. Ausländische Medien würden ein Bild des Landes zeichnen, in dem Probleme überdramatisiert werden.

Dire diagnoses of the state of Sweden permeate almost every article about the election. You expect this from hyper-partisan sites like Breitbart or state propaganda like Sputnik, but mainstream media outlets are repeating the same tropes.

Ein Punkt, den auch der schwedische Journalismus-Professor Christian Christensen bei der New York Times kritisiert hat:

Natürlich kann man bei dem, was in den Schweden passiert ist, von einem Rechtsruck reden. Doch die Panik in vielen Berichten zur Wahl geht an der Realität vorbei. Das hat das Wahlergebnis gezeigt.

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Alle Kommentare

  1. Das kommt davon, wenn die Journalisten keine Eier in der Hose haben und lieber das nachschreiben, was die geschätzten Kollegen vorher schon gemeint haben. Wenn eine Sau durchs Dorf getrieben wird, stürzen sich alle mehr oder minder unkritisch darauf.

    1. Wenn dann aber Fehler in der Berichterstattung gemacht werden, dann wird einfach die Definition von z. B. Hetzjagd geändert und alles ist wieder im besten Lot. Die denken tatsächlich das merkt kein Leser. Später sich aber wundern, warum die Auflage wegbricht und dann die Ursache nicht finden …

  2. Die gleichen Durchhalteparolen werden wir im Oktober auch bei den deutschen Landtagswahlen hören:

    “Die CDU (CSU) ist, trotz aller Verluste, immer noch stärkste Kraft.”

    “Zwar holt die böse rechte AfD bei der Wahl das beste Ergebnis ihrer Geschichte – das große und vielen Medien prophezeite politische Beben blieb aber aus.”

    “schwierige Regierungsbildung”

  3. Die Hochrechnung kurz nach Schließung der Wahllokale entsprach eher dem europäischen Trend. Aber sicher wünschen sich die Schweden eine Fortsetzung jener Entwicklung, die trotz massiv gefilterter Informationslage europaweit als ‘schwedische Verhältnisse’ gefürchtet ist.

  4. Dieser Kommentar spricht mir aus dem Herzen,
    es war geradezu peinlich, wie dümmlich-hilflos die ReportInnen von ARD und ZDF in Schweden herumeierten, Ich bin bis kurz vor der Wahl selbst in Schweden gewesen und die allgemeine Gelassenheit ist deutlich spürbar gewesen. Keine Panik!!!
    Diese Panikmache hat sich sogar noch fortgesetzt bei den völlig verfrühten Pressemeldungen über das Ergebnis.
    Da sprach man von großen Verlusten der Sozialdemokraten, wobei die ‘normale’ Rechte, die MODERATERNA deutlich mehr verloren haben als diese.
    Peinlich, peinlich

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