Welt-Chefreporter Robin Alexander zu Chemnitz: “Als Hauptstadtpresse haben wir uns nicht mit Ruhm bekleckert”

Robin Alexander ist Chefreporter bei der Welt

Welt-Chefreporter Robin Alexander hatte bei Twitter geschrieben, die Verwendung des Begriffs "Hetzjagden" in Zusammenhang mit den Krawallen von Chemnitz sei ein Musterbeispiel dafür, wie Journalisten Vertrauen verspielen. Dafür gab es von Kollegen auch Kritik. MEEDIA sprach mit ihm über den Tweet und die Reaktionen darauf.

von Stefan Winterbauer

Sie haben auf Twitter geschrieben, die Berichterstattung über die Verwendung des Begriffes “Hetzjagden” für die erste Demo in Chemnitz sei ein Musterbeispiel, wie Journalisten das Vertrauen der Bevölkerung verspielen. Verlieren wir uns hier nicht in einer semantischen Deutung von Begrifflichkeiten?

Robin Alexander: Nein, ob die Regierung Videos hat, die Hetzjagden zeigen oder ob sie diese nicht hat, ist keine semantische Frage. Es handelt sich eine klassische Tatsachenbehauptung. Sie kann durch Recherche bestätigt oder widerlegt werden.

Aber es geht ja um die Interpretation dieser Videos, bzw. dieses einen Videos. Nun wird debattiert, ob darauf eine “Hetzjagd” zu sehen ist oder eine “Jagdszene”. Das meinte ich mit semantischer Deutung … Ist das nicht poblematisch, wenn wir uns an solchen Begrifflichkeiten abarbeiten?

Die Regierung sprach von Hetzjagden und Videos. Diese Aussage muss ich als Journalist prüfen. Ich habe es nicht getan. Das war ein Fehler, um dessen Eingeständnis ich mich nicht herumdrücken kann, indem ich auf die Ebene der Sprachkritik wechsele.

Der ehemalige Spiegel-Reporter Cordt Schnibben hat auf ihren Tweet mit dem Hashtag #jagdoderhetzegehtsnoch reagiert. Er fragt, warum Sie Journalisten zu “Merkel-Jüngern” machten und wirft Ihnen vor, nicht zu differenzieren. Was sagen Sie zu Schnibbens Kritik?

Man muss keine Recherchegranate sein, um herauszufinden, dass ich so einen Begriff nicht benutzte und nie benutzt habe. Ich bin irritiert, dass der Kollege versucht, ihn mir unterzuschieben. Es geht hier nicht um Merkel, Seehofer oder Nahles, sondern um unseren Auftrag: prüfen, was die Regierung sagt und tut. Auch den Anwurf, meine Kritik sei nicht differenziert, verstehe ich nicht. Ich habe mehrere Stufen aufgezeigt, auf denen wir als Hauptstadtpresse Fehler gemacht haben:

  1. Wir haben nicht dokumentiert, dass die Regierung einen in diesem Fall kommunikativen Fehler gemacht hat.
  2. Als die Regionalpresse den Fehler dokumentiert hat, haben wir darüber immer noch nicht berichtet.
  3. Damit haben wir Verschwörungstheoretikern die Möglichkeit gegeben, den Fehler von sich aus zu skandalisieren – und Halbwahrheiten herein zu rühren.
  4. Schließlich stiegen wir endlich in die Berichterstattung ein und rückten ausgerechnet die AfD in die dankbare Rolle der Kritikerin, indem wir formulierten: „Die AfD behauptet …“ Bei einigen Leuten kam so die Frage auf: Hat die AfD etwas recht? Meine Manöverkritik auf Twitter war spontan, aber ich bleibe dabei: Als Hauptstadtpresse haben wir uns in dieser Woche nicht mit Ruhm bekleckert.

Der sächsische Ministerpräsident Kretschmer hat zwischenzeitlich erklärt, es habe in Chemnitz keinen Mob und keine Hetzjagd gegeben. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Differenzierter als die Regierungserklärung des Ministerpräsidenten war der einordnete Text des Chefredakteurs der Freien Presse. Er schloss mit den Sätzen: „Der offen zu Tage getretene Hass, der die Proteste auf den Straßen in Chemnitz am Sonntag begleitet hat, war schrecklich genug. Er bedarf keiner Dramatisierung.“ Ein Fall für den Wächterpreis.

Wie hätten vor allem die überregionalen Medien bei Chemnitz besser vorgehen können?

Unsere Aufgabe ist: Aufschreiben, was ist. Alles andere stört nur. Wenn Sie es unbedingt höher hängen möchten: Demokratie ist stark, wenn ihre Checks & Balances stark sind. Wenn Politiker und Journalisten sich einbilden, gemeinsam für oder gegen etwas zu kämpfen, ist das für unsere Aufgabe– um ein berühmtes Merkel-Wort aufzugreifen –„nicht hilfreich“.

Die Fragen an Robin Alexander wurden via E-Mail gestellt.

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