Eine Replik zu Heiko Maas’ Aufruf zu mehr Lautstärke: “reine Attitüde und ein Ablenken von der eigenen Verantwortlichkeit”

Hasso Mansfeld

Im Interview mit der Bild am Sonntag hat der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) die Bevölkerung dazu aufgerufen, "Gesicht zu zeigen gegen Neo Nazis". Die Bürger müssten ihre Bequemlichkeit aufgeben und "lautstark den Mund aufmachen". In einem Gastbeitrag für MEEDIA hinterfragt der Kommunikationsexperte Hasso Mansfeld, wie das konkret gehen soll und kommt zum Schluss: Maas versuche vor allem, von eigenen Versäumnissen abzulenken.

von redaktion

Ein Gastbeitrag von Hasso Mansfeld

Außenminister Heiko Maas forderte die Bundesbürger in einem dringlichen Appell via Bild am Sonntag auf, endlich ihre Bequemlichkeit aufzugeben, vom Sofa hoch zu kommen und lautstark den Mund aufzumachen. „Die Jahre des diskursiven Wachkomas müssen ein Ende haben.“ Wenn die Anständigen schweigen würden, wirkten die Rassisten noch viel lauter. Fazit Heiko Maas: „Die schweigende Mehrheit muss endlich lauter werden.“

Aber wie soll das konkret funktionieren, wenn der Einzelne tatsächlich vom Sofa aufsteht und „lautstark“ seine Position vertritt? Beginnen wir doch mal dort, wo der Einzelne gemeinhin beheimatet ist: in der Familie. Am häufigsten finden Gespräche hier statt. Hier ist allerdings eine komplizierte Feinjustierung etabliert, die dafür sorgt, bestimmte Themen auszuklammern, die das Potenzial hätten, den für die Gruppe lebenswichtigen inneren Frieden zu gefährden.

Der wahre Stammtisch steht weiterhin in der Kneipe um die Ecke und nicht im Esszimmer. Familien umschiffen klassischerweise Konflikte, die ihr innewohnen. Wie also soll das dann aussehen, wenn wir vom Sofa aufstehen und laut werden sollen und gegenüber wem? Dem Nazi in der Verwandtschaft, so es dort einen gibt? Tatsache ist doch: Politische Aspekte innerhalb der Familie werden zum Wohle der Gemeinschaft meist ausgeblendet. Das persönliche Gespräch findet im Rahmen dessen statt, was möglich ist. Die Literatur der europäischen Hochkultur beschäftigt sich seit je her mit diesem Spannungsfeld. Familienkonflikte wurden ausgemalt vom Norweger Ibsen bis hinüber nach Russland zu Tolstoi. Anna Karenina beginnt mit dem berühmt gewordenen Satz: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“

Aber gehen wir weg von der Familie in den Freundes- und Bekanntenkreis: Wie weit würde man gehen, vor jemandem, mit dem man gemütlich Skat spielt, die großen Konfliktlinien aufzumachen? Hier sind wir am Kern der Problemstellung angelangt, mit der Heiko Maas konfrontiert werden muss, um zu verstehen, was es bedeutet, was er da so vehement einfordert. In welcher Rolle trifft hier einer auf den anderen? Möglich erscheint dabei jene Form von Widerspruch, die interveniert, wenn jemand wirklich offensichtlichen Unsinn glaubt, wie beispielsweise, dass die wahre Identität eines Hitler grüßenden Rechten in Wirklichkeit die, eines deutschen Journalisten sei.

Fehlinformationen und krasse Fehleinschätzungen werden so  im persönlichen Umfeld richtig gestellt und im Idealfalle korrigiert. Dabei sucht der Einzelne sich aus, in welcher Rolle er dem anderen gegenübertreten will. Als reiner Skatspieler, als Kumpel oder als politisch engagierter Bürger. So entscheidet jeder selbst, in wie weit die Bereitschaft besteht, diese soziale Beziehung zu gefährdet bzw. zu schützen.

Wie also kann sich der Einzelne mit vollem Einsatz und laut in Debatten, über die Familie und nähre Bekanntschaft hinaus einbringen? Über die sozialen Medien oder auf Demonstrationen?

Fangen wir mit Facebook und Co an: Schnell lässt sich feststellen, dass auch hier ähnliche Gesetze wie in der Familie und dem Freundeskreis wirken, nur eben unter anderen Vorzeichen. Wer sich im Netz explizit meinungsstark äußert, der droht entweder vereinnahmt oder ausgegrenzt zu werden. Bei unverlangter Zustimmung oder im Falle eines Kommentars eines offensichtlich Rechten oder Linken auf der Timeline, droht aus der jeweils anderen Ecke der Spruch „Du ziehst inzwischen Leute an…“. Beim vehementen Dagegenhalten gegenüber extremen Positionen, droht allermeist nur weitere Eskalation. Die Möglichkeiten, sich im Netz von Extremen erkennbar abzugrenzen, sind limitiert. Und Lautstärke ist dabei nicht das Mittel der Wahl irgendjemanden in seinen Überzeugungen zu erschüttern. Im Gegenteil: Es führt nur dazu, geblockt oder entfreundet zu werden und endet womöglich damit, dass der Gegenüber sich in seiner Position noch bestätigt fühlt.

Kommen wir zur Idee einer Demonstration. Hier ist Lautstärke noch am ehesten produktiv einsetzbar. Nur: Es werden die wenigsten überhaupt in der Lage sein, selber eine solche zu organisieren und im ungünstigsten Falle am anderen Ende der Republik daran teilzunehmen. Konkret am Beispiel Chemnitz durchdekliniert, ist es zudem einigermaßen realitätsfern, an einem Montag beispielsweise zu einem spontan angemeldeten Rockkonzerten zu fahren. Denn wer Arbeit und zudem noch weit entfernt von Sachsen wohnt hat, muss zu Hause bleiben. So blieb das Chemnitz-Konzert eine Veranstaltung für Leute, die entweder in der Nähe wohnten oder spontan Zeit frei machen konnten.

Maas weiß natürlich selbst um die begrenzten Möglichkeiten des Einzelnen, sich politisch zu artikulieren. Seine Forderungen sind daher nicht mehr als reine Attitüde und ein Ablenken von der eigenen Verantwortlichkeit, von den eigenen Versäumnissen. Schließlich ist Maas seit zwei Legislaturperioden Regierungsmitglied und für die aktuelle politische Lage mitverantwortlich.

Halten wir also abschließend fest: Lautstärke an sich bringt nichts außer einer Verhärtung der Positionen. Sie eröffnet dem Gegenüber nur weitere Möglichkeiten sich in Opferrolle und Märtyrertum einzurichten. Wer schreit, hat Unrecht. Das Vernünftigste was wir machen können, ist, uns möglichst vollständig und umfassend auf der Ebene des persönlichen Gewissens zu informieren. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Also dann zu intervenieren, wenn man fest überzeugt ist, dass diese oder jene Einlassung ideologischer Unsinn oder gar Hetze ist. Auch hier kann man natürlich irren, aber dieses Risiko muss man eingehen, wenn man als Bürger bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Über den Autor:
Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte unter anderem für Unternehmen der Tabak-, Glücksspiel-, Finanz- und der Chemiebranche. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er unter anderem dreimal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Hasso Mansfeld schreibt außerdem regelmäßig für das Online-Debattenmagazin diekolumnisten.de. Mansfeld trat 2014 als Kandidat der FDP für die Europawahl an.

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