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"Banal, schwammig, missverständlich" – Medien-Professor kontert Jay Rosens "Brief an deutsche Journalisten"

Journalismus-Professor Klaus Meier kritisiert die Analyse seines US-Kollegen Jay Rosen über den deutschen Journalismus

Der New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen hat in der FAZ einen „Brief an deutsche Journalisten“ vorgelegt, in dem er eine Art Bestandsaufnahme des hiesigen Medienbetriebs seit Beginn der Flüchtlings-Thematik vornimmt. Rosen gibt den deutschen Journalisten auch einige Ratschläge, die wiederum Klaus Meier, Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, in einem Beitrag für MEEDIA einer kritischen Prüfung unterzieht.

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Ein Gastbeitrag von Klaus Meier

Der geschätzte Journalismusforscher Jay Rosen hat eine in weiten Teilen unbestrittene Analyse des deutschen Journalismus vorgelegt, die zwar anregend ist, aber kaum Neues enthält. Insofern könnte man den „Brief an die deutschen Journalisten“ lesen, sich inspirieren lassen und ohne großes Aufheben beiseitelegen. Allerdings ist er an entscheidenden Stellen zum Teil banal, zum Teil schwammig – und vor allem missverständlich. Diese Stellen möchte ich im Folgenden aufgreifen und aus Sicht der Journalismusforschung erhellen und vertiefen.

Sein Text offenbart die Tücken einer internationalen und interkulturellen Journalismusforschung, die schon mit der Sprache, mit Übersetzungen und Re-Übersetzungen beginnen und bei einem vertieften Verständnis für die kulturellen, historischen und (medien)politischen Bedingungen nicht aufhören. Die Übersetzung ins Deutsche ist bemerkenswert holprig und steif – und an zentralen Stellen (etwa zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk) verzerrend. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, ist der Text doch in der FAZ erschienen, die eine dezidierte medienpolitische Agenda hat.

Banal, schwammig und missverständlich

Der wichtigste Absatz in Rosens Brief ist meines Erachtens der folgende: „Deutsche Journalisten betrachten es als ihre Aufgabe, für die Rechte von Minderheiten einzutreten und zu verhindern, dass Links- oder Rechtsextreme den öffentlichen Raum kapern. Nicht nur in ihrer privaten Meinung, auch in ihrer journalistischen Arbeit verteidigen sie Demokratie und Menschenwürde. Sie treten für das Staatswesen ein, das sich in der Nachkriegszeit herausgebildet hat und in Europa fest verankert ist. Für mich ist das die große Stärke des deutschen Journalismus.“ Aber das führt der Forscher nun nicht weiter aus, sondern relativiert er, indem er u.a. an anderer Stelle schreibt: „Als Journalisten haben Sie nicht die Aufgabe, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen.“ Das ist im Grunde natürlich richtig, aber in Verbindung mit dem oben Genannten auch irreführend: Journalismus muss immer und ohne Einschränkung für Demokratie und Menschenwürde eintreten – und hier muss Journalismus auch den Leuten sagen, dass sie Demokratie und Menschenwürde zu achten haben. Punkt. Das darf man nicht relativieren. In Deutschland schon gar nicht – und eigentlich auch nicht in den USA. Ich glaube, dass Jay Rosen, das auch so meint. Aber insgesamt hätte er unmissverständlicher herausarbeiten müssen, dass Journalismus Hüter der Demokratie ist und sich die Qualität des Journalismus unmittelbar aus den Werten einer offenen Gesellschaft ableitet. Feinde der offenen Gesellschaft sind deshalb immer auch Feinde des Journalismus.

Jay Rosen verweist in diesem Zusammenhang auf die kommunikationswissenschaftliche Theorie des Agenda Settings: „Als Journalisten haben Sie nicht die Aufgabe, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen. Ihre Aufgabe ist es, sie auf Dinge aufmerksam zu machen, über die sie nachdenken sollten.“ Dieser zweite Satz enthält eine noch größere Herausforderung als der erste Satz. Denn man muss dazu wissen, dass das Agenda Setting eine empirisch gut belegte Theorie der Wirkungsforschung ist: Die Menschen machen sich immer über die Themen die größten Gedanken und Sorgen, über die die Medien berichten. Erst dann, wenn über einen Atomunfall, den Diesel-Skandal oder den Klimawandel berichtet wird, macht man sich Sorgen um die Umwelt.

Und so sorgen und sorgten sich gerade in jüngster Zeit und vor allem vor der Bundestagswahl 2017 viele Menschen um Flucht, Migration und Integration, als dieses Thema in allen Kanälen befeuert wurde und wird. Und die Wirkungsforschung geht noch einen Schritt weiter: Bei Wahlen erhalten diejenigen Parteien einen Aufschwung, die mit diesen Themen der Medienagenda unmittelbar verknüpft sind. Die unterschwellige Feststellung von Jay Rosen, dass zu wenig über die Probleme von Flucht und Migration berichtet würde, ist verstörend, denn genau das Gegenteil ist der Fall. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob nicht endlich die vielfältigen anderen Themen, die die Menschen bewegen, die Medienagenda bestimmen sollten, zurzeit zum Beispiel Klimawandel, Ökologie und umweltverträgliche Landwirtschaft, Artenstreben und Flächenverbrauch, Digitalisierung, bezahlbares Wohnen, Pflege und Altersarmut, die Kluft zwischen Arm und Reich.

Vertrauensverlust in Medien wissenschaftlich nicht belegt

Rechtsnationale Ideologie, die Angst vor Fremden, Fremdenhass, Vorurteile und Verunsicherung befeuert, frisst sich auch über so genannte „objektive Berichterstattung“ in die Mitte der Gesellschaft, zum Beispiel wenn Frames wie „Flüchtlingswelle“, „Asyltourismus“, „Asylgehalt“ oder „Mainstreammedien“, „Belehrungsdemokratie“ oder „besorgte Bürger“ einfach in Nachrichten übernommen werden. Leider erwähnt Jay Rosen das nicht, sondern er verteidigt im Gegenteil unterschwellig die massive populistische Kritik am Journalismus in Deutschland, ohne auf die kollektive Medienhetze von rechten Gruppen gegen Journalistinnen und Journalisten zu verweisen, die z.B. Reporter ohne Grenzen dokumentieren und die realer Gewalt den Boden bereitet. Jay Rosens Brief lässt sich teilweise auch so interpretieren, als seien die Journalisten in Deutschland zumindest zum Teil selbst daran schuld, dass sie als „Lügenpresse“ oder „Systemmedien“ verunglimpft werden.

In diesem Zusammenhang stellt er eine „wachsende Kluft zwischen Journalisten und Öffentlichkeit“ fest, „die weit über die Anhänger von AfD und Pediga hinausgeht“. Das ist eindeutig ein rechts-nationales Narrativ, das wissenschaftlich betrachtet nicht stimmt. Rechtsextreme Stimmen propagieren seit Jahren einen pauschalen Vertrauensverlust in die Medien. Studien zeigen dagegen, dass das Vertrauen in den Journalismus bei einem großen Teil der Bevölkerung zunimmt. Wie sehr kann man bei wirklich wichtigen Dingen den Medien vertrauen, fragt eine Langzeitstudie der Universität Mainz. Man kann „eher“ oder „voll und ganz“ vertrauen, sagen 2017 42 Prozent. 2008 waren es noch 29 Prozent, 2015 nur 28 Prozent. Die Bevölkerung in Deutschland ist sich dabei bewusst, dass Redaktionen auch Fehler machen – zumal in einem schnellen Tages- und sogar Minutengeschäft. Eine gute Bildung vermittelt auch eine gesunde Skepsis; davon lebt die Demokratie.

Der Journalismus in Deutschland hat auch daraus gelernt: Es gibt inzwischen eine Vielzahl von redaktionellen Initiativen, bei denen Journalisten das Publikum ernst nehmen, mit ihm auf Augenhöhe kommunizieren, erklären, wie Journalismus arbeitet, und Fehler korrigieren. Diese Transparenz darf noch weiter zunehmen, aber die Medien sind auf gutem Wege. Der Trend ist eindeutig und hat bereits vor mehr als zehn Jahren begonnen, als sich Praxis und Wissenschaft in Deutschland verstärkt mit Transparenz beschäftigten. Insofern klingt folgender Satz von Jay Rosen wie Hohn, liegt aber vermutlich an Unwissenheit: „Ich werde derjenigen deutschen Redaktion eine Goldmedaille verleihen, die als erste ihre Schwerpunkte in der Berichterstattung öffentlich macht.“ Goldmedaillen verdienen Redaktionen, welche die vielfältig gelebten Ansätze für Transparenz kreativ erweitern.

Und schließlich ist seine Darstellung des Werts des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sehr schwach, weil er auch hier relativiert: „Er ist dezentral organisiert und finanziert sich über Gebühren, was manchen Leuten nicht gefällt.“ Mein Gott, machen Leuten gefällt vieles nicht. Dass eine dezentrale Organisation und Gebührenfinanzierung Basis für das beste Rundfunksystem der Welt ist, hätte er vielleicht doch notieren können (und nicht nur mit der lapidaren Bemerkung „Wäre ihnen Fox News lieber?“ beiseite wischen). Was zudem fehlt, ist ein Verweis auf eine Radio-Informationslandschaft, die weltweit ihresgleichen sucht. Eine tiefer gehende Analyse hätte den Reformbedarf des öffentlich-rechtlichen Rundfunks herausgearbeitet und darüber berichtet und eventuell bewertet, welche vielfältigen Reformen die Rundfunkanstalten gerade im journalistischen Bereich schon gemacht haben oder zurzeit umsetzen.

“Gold für Redaktionen, die Transparenz kreativ erweitern”

Von einem US-amerikanischen Journalismusforscher hätte man sich mehr Vorschläge zur Verbesserung des Journalismus gewünscht. Sein lapidarer Rat, genauer zuzuhören, wenn Menschen, die sich übergangen fühlen, unempfänglich für komplexe und unbequeme Wahrheiten sind, provoziert die Frage: Und dann? Natürlich gibt es keine einfachen Patentrezepte, aber es liegen genug Vorschläge auf dem Tisch, zum Beispiel: auf durchgehende Themenvielfalt achten, vielfältige Menschen zu Wort kommen lassen, immer wieder die Fakten checken und exakt recherchieren, komplexe Themen erklären (etwa nach dem Vorbild von Kindernachrichten), einfache Gegenüberstellungen wie beispielsweise Opfer/Täter, Eliten/Volk oder Inländer/Ausländer ebenso wie Frames demaskieren und aufklären, Perspektiven, Hoffnung und Lösung aufzeigen (Stichwort: konstruktiver Journalismus).

Was kann man sonst noch von den USA lernen? „Democracy dies in darkness“ schreibt die Washington Post seit gut einem Jahr als Motto auf ihre Titelseite. Licht in die gesellschaftlichen Verhältnisse zu bringen, hinter die oftmals einseitigen Narrationen und Stereotypen der Politik zu blicken, das ist die Kernaufgabe des Journalismus und daran muss sich journalistische Qualität messen lassen.

Zum Autor: Klaus Meier ist seit 2011 Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt –  davor war er an der Technischen Universität Dortmund und der Hochschule Darmstadt. Meier ist Autor und Herausgeber verschiedener Lehrbücher zur Journalistik. Weitere Infos zu seiner Person gibt es unter journalistik.ku.de oder klaus-meier.net.

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