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“Wir berichten, was ist. Nicht, was wir glauben, das sein sollte”: Redaktionen zu Rosens Journalismuskritik

Das journalistische Quintett hat sich zu Rosens Kritik geäußert
Das journalistische Quintett hat sich zu Rosens Kritik geäußert

Der deutsche Journalismus muss sich entwickeln, fordert US-Forscher Jay Rosen. In der FAZ hat er die hiesige Presse kritisiert und mehrere Handlungsempfehlungen gegeben, wie deutsche Redaktionen die aktuelle Vertrauenskrise meistern können. MEEDIA hat bei deutschen Online-Redaktionen nachgefragt, was sie von den Ratschlägen halten.

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Jay Rosens “Brief an deutsche Journalisten” geht auf 53 Interviews zurück, die er mit Journalisten hierzulande geführt hat. Dazu gehören neben Chefredakteuren, Reportern und Wissenschaftlern auch Institutionen wie der Presserat in Berlin oder das Aufsichtsgremium des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Der US-Forscher nennt unter anderem fünf Säulen, auf denen das Selbstverständnis deutscher Journalisten gründet und gibt unter Berücksichtigung der Ereignisse seit Herbst 2015 (Stichwort: Flüchtlingskrise) diverse Ratschläge (MEEDIA berichtete). Dazu zählen unter anderem Empfehlungen wie “genauer zuhören”, um Menschen, die sich übergangen fühlen, zu erreichen. Außerdem betont er den Unterschied zwischen journalistischem und politischem Handeln sowie der grundsätzlichen Aufgabe der Presse. “Als Journalisten haben Sie nicht die Aufgabe, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen. Ihre Aufgabe ist es, sie auf Dinge aufmerksam zu machen, über die sie nachdenken sollten.” In der Sozialwissenschaft ist dies als Agenda-Setting bekannt. Künftig erhofft sich Rosen mehr Transparenz bezüglich der (redaktionellen) Agenda und mehr Austausch mit den Nutzern.

MEEDIA hat bei einigen überregionalen Online-Medien nachfragt, was sie von den Ratschlägen halten. Ob sie umsetzbar sind und welche Empfehlungen sie der Liste hinzufügen würden. Darunter sind Chefredakteure und Mitglieder der Chefredaktion von ZeitOnline, BuzzFeed, Tagesschau.de, der Süddeutschen Online und t-online.de. Andere Anfragen beispielsweise an Bild und Spiegel Online blieben bis zum späten Nachmittag aus Termingründen unbeantwortet.

Kritisch und empathisch (Alina Fichter, Mitglied der Chefredaktion ZeitOnline)

“Mich hat besonders Jay Rosens Empfehlung gefreut, wir müssten Menschen genauer zuhören, die sich übergangen fühlten, denn mit unser Aktion ‘Deutschland spricht’ versuchen wir genau das: Wir bringen politisch Andersdenkende zusammen; eigentlich müsste sie deshalb ‘Deutschland hört zu’ heißen.

Ich würde seine Handlungsempfehlung aber noch erweitern, gerade nachdem ich selbst nach der Wahl Trumps in den USA erlebt habe, wie schnell sich die Fronten zwischen seinen Anhängern und den meisten Medien verhärteten: Empathie für die Bedürfnisse Andersdenkender lohnt sich fast immer, solange diese die Menschenwürde achten. Wir sollten kritisch sein – und empathisch.”

Redaktionen müssen Themen selbst setzen (Daniel Drepper, Chefredakteur BuzzFeed Deutschland)

“Jay Rosen hat klug beobachtet. Ich glaube, dass uns die Diskussion über Haltung und die Rolle von Journalisten nur gut tun kann, weil sie den Blick schärft. Rosen hat recht, dass Journalisten niemals für oder gegen eine politische Partei kämpfen, sondern mit Haltung für bestimmte Grundwerte eintreten sollten: Menschenrechte und die Pressefreiheit zum Beispiel. Ich halte es wie von Rosen beschrieben für enorm wichtig, dass Redaktionen sich ihre Themen nicht von der Politik vorgeben lassen – wie es leider so häufig passiert – sondern selbst Themen setzen. Themen, die viele Menschen aus vielen gesellschaftlichen Bereichen betreffen. Ich halte die Anregungen von Rosen allesamt für umsetzbar, weil sie lediglich den Willen zur Diskussion, zur Reflexion, zur Transparenz voraussetzen.

Rosen fordert, dass Redaktionen ihre Prioritäten öffentlich machen. Wir haben ganz bewusst ‘Schwerpunktreporter’, die sich um spezifische Themen kümmern und unter bzfd.it/ueber-news ihren Hintergrund, ihren Schwerpunkt und ihre Haltung offenlegen.

Ich würde über Rosens Vorschlag hinausgehen: Ich finde es wichtig, dass Redaktionen in ihren Beiträgen auch ihre journalistischen Prozesse so weit es eben geht offenlegen. Dass sie nicht ‘aus Kreisen’ schreiben, wenn sie es aus der Pressestelle erfahren haben. Dass sie Recherchewege aufzeigen. Dass sie auch Fehler diskutieren. Wir haben dafür mit ‘Unterm Radar’ sogar extra einen eigenen Podcast gestartet. ”

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“Genauer zuhören” greift viel zu kurz (Julia Bönisch, Chefredakteurin süddeutsche.de)

“Jay Rosens Text bringt pointiert auf den Punkt, was Redaktionen und Journalisten in fast allen deutschen Redaktionen gerade beschäftigt. Deshalb überrascht mich seine Analyse nicht, aber vielleicht diskutieren wir ja zu wenig über das Offensichtliche und gerade deshalb ist der Text ein guter Denkanstoß. Allerdings greift für mich besonders der zweite Rat ‘genauer zuhören’ viel zu kurz. Ich fürchte, allein durchs Zuhören gewinnen wir diejenigen, die sich abgehängt und aus der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, nicht zurück.

Die spannende Frage ist doch: Was kommt dann? Und welchen Beitrag können wir Journalisten dazu leisten, dass der Graben, der durch unsere Gesellschaft geht, weniger tief wird? Es wäre schön, wenn Rosens Text nur der Anfang dieser Debatte ist.”

Rad nicht neu erfunden (Florian Harms, Chefredakteur t-online.de)

“Seine Beobachtungen sind natürlich interessant. Allerdings erfindet er das Rad nicht neu; vieles von dem, was er beschreibt, ist seit Jahren Diskussionsthema unter deutschen Journalisten. Es gibt zweifellos ein großes Misstrauen in Teilen der Bevölkerung gegen die Art und Weise, wie viele Medien heute berichten, und es gibt in meinen Augen nur ein einziges Mittel dagegen: maximale Transparenz.

Diesen Weg haben wir eingeschlagen. Wir pflegen den intensiven Austausch mit unseren Nutzern, kommunizieren mit ihnen auf Augenhöhe, interessieren uns aufrichtig für ihre Fragen und Anliegen, geben ihnen Raum für ihre Kommentare und Beiträge, laden sie in die Redaktion ein, holen regelmäßig ihr Feedback ein und lassen dies in die Weiterentwicklung des Angebots einfließen. Dazu gehört ein methodisches Prinzip, mit dessen Hilfe wir den Eindruck vieler Menschen entkräften wollen, Medien wollten ‘Stimmungsmache’ oder parteiische Berichterstattung betreiben: Wir trennen im gesamten Angebot strikt zwischen neutralen Berichten einerseits und Meinungsbeiträgen andererseits  – sowohl inhaltlich als auch im Layout. Das bedeutet, wir verzichten soweit wie möglich auf die in vielen anderen Medien beliebte ‘Mischform’ aus szenischem Einstieg, Fakten und persönlicher Meinung des Autors, die dann als ‘Bericht’ präsentiert wird, aber meist ‘gefärbt’ ist.

Stattdessen pflegen wir den ‘angelsächsischen Ansatz’: Kommentare, Kolumnen und kommentierende Gastbeiträge sind immer eindeutig als ‘Meinung’ gekennzeichnet. Alle anderen Beiträge sollen ausdrückliche keine Meinung enthalten. Diese Methodik erlaubt es uns, dem Bedürfnis vieler Menschen nach ‘ungefärbter’ Berichterstattung zu entsprechen und zugleich an der richtigen Stelle eine Meinung zu beziehen. Dieses Prinzip findet viel Zuspruch seitens unserer Leser.”

Konsequente Trennung von Bericht und Kommentar (Juliane Leopold, Redaktionsleiterin tagesschau.de)

“Ich habe die Statements von Rosen verfolgt. Ich kenne viele seiner Thesen bereits aus meinem Publizistikstudium. Was ich dennoch sagen kann, ist, dass die Tagesschau und Tagesschau.de aus meiner Sicht viele der Ratschläge bereits beherzigen – beispielsweise dient der Redaktionsblog beständig dazu, Transparenz über redaktionelle Entscheidungen herzustellen. Außerdem trennen wir konsequent zwischen Bericht und Kommentar, was der Forderung nach Einordnung entspricht.

Ob die Tagesschau Agenda Setting betreiben sollte, bezweifle ich. Wir berichten, was ist. Nicht, was wir glauben, das sein sollte. Grundsätzlich gilt für alle Redaktionen, dass eine kritische Reflexion der eigenen Arbeit wichtig ist. In diesem Sinne ist Rosens ‘Brief’ ein hilfreicher Beitrag unter vielen.”

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