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Täter, Opfer, rechte Gewalt und eine verunsicherte AfD: Chemnitz im Spiegel der sozialen Netzwerke

Die Krawalle von Chemnitz sind seit Tagen das dominierende Thema in den sozialen Netzwerken
Die Krawalle von Chemnitz sind seit Tagen das dominierende Thema in den sozialen Netzwerken

Seit Sonntag dominieren die Geschehnisse in Chemnitz das Social Web. Über kein anderes Thema wird so intensiv und hitzig diskutiert. Allein 338.000 "Chemnitz"-Tweets wurden in diesen Tagen veröffentlicht. Während das auslösende Verbrechen zunächst vor allem in rechten Kreisen für Aufsehen sorgte, sind die Ausschreitungen und Demos nun das beherrschende Thema in breiteren Kreisen der Bevölkerung.

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MEEDIA blickt auf die wichtigsten Aspekte der Social-Media-Diskussion rund um die Vorfälle in Chemnitz

Sonntagmorgen: Gerüchte um ein Tötungsdelikt stacheln die rechte Social-Media-Szene rund um die AfD auf

Am Sonntagmorgen berichten erste Medien von einem nächtlichen Tötungsdelikt in Chemnitz, wo zu diesem Zeitpunkt ein Stadtfest veranstaltet wird, zunächst ohne konkrete Informationen über den oder die Täter oder Hinweise auf deren Nationalität. Dennoch ist der digitale Widerhall in den Communities gewaltig. Ein Social-Media-Beschleuniger sind dabei Gerüchte, die Boulevardmedien wie Bild und Tag24 in ihre Headlines schreiben: “Er wollte Frauen helfen – Ein Toter bei Messersteicherei nach Stadtfest” und “Mann stirbt, als er belästigter Frau helfen will” werden u.a. von zahlreichen Facebook-Seiten aus dem AfD- und Pro-Chemnitz-Umfeld geteilt, außerdem von Seiten wie “Viktor Orban Fanclub”, “Politisches Chaos in Deutschland und Europa”, “Thügida” und “Politiversagen”.

Die transportierten Gerüchte um die Belästigung einer Frau, die der Tötung voran gegangen sein soll, werden von der Polizei zeitnah auch in den sozialen Netzwerken als unbestätigt bezeichnet: “Entgegen der in einigen Medien kursierenden Infos, gibt es nach jetzigem Ermittlungsstand bzgl. des Tötungsdelikts in keinerlei Anhaltspunkte, dass eine Belästigung der Auseinandersetzung vorausging. Bitte beteiligt euch nicht an Spekulationen”, twitterte die Polizei Sachsen am Sonntagnachmittag. Bild berichtet inzwischen von – ebenfalls unbestätigten – Gerüchten, es hätte stattdessen einen Überfall am Geldautomaten gegeben. Die Gerüchte um die Belästigung einer Frau halten sich in entsprechenden Kreisen dennoch hartnäckig.

Sonntagnachmittag: Rechtsradikale Fußball-Ultras bringen fast 1.000 Leute auf die Straße

Aufgrund der Gerüchte um eine Belästigung und die Nationalität der mutmaßlichen Täter (Syrien bzw. Irak) ruft der Ultra-Zusammenschluss Kaotic aus dem Umfeld des Chemnitzer FC zu Protesten auf der Straße auf. Er wird regelmäßig im sächsischen Verfassungsschutzbericht erwähnt – als “rechtsextremistische Fußballfangruppierung” (siehe u.a. im aktuellen Bericht 2017 – hier als PDF). Berichte und Video-Schnipsel über Beleidigungen und Bedrohungen von Menschen, die nach einer nicht-deutschen Herkunft aussehen, lassen die Proteste zum großen Social-Media-Aufreger machen. Wurde das auslösende Tötungsdelikt vor allem in rechten Kreisen diskutiert, gelangt Chemnitz durch die Proteste nun in eine breitere Öffentlichkeit. Artikel wie “Rechte ziehen durch Chemnitz” von Bild und “Rechte marschieren in Chemnitz auf” von Spiegel Online sind die nach Social-Media-Interaktionen erfolgreichsten des Sonntags.

Die Rolle der AfD

Noch am Sonntag werden die Proteste in Chemnitz großflächig von der AfD verteidigt, die großen Medien werden für das Wort “Rechte” beschimpft. (Aber: Wie soll man es denn sonst nennen, wenn eine laut Verfassungsschutzbericht “rechtsextremistische” Gruppierung hinter den Protesten steckt?) Doch im weiteren Verlauf der Diskussion halten sich viele AfD-Leute verstärkt zurück. Mit rechtsradikalen Hooligans, Ultras, Leuten, die Jagd auf Ausländer machen und den Hitler-Gruß zeigen, wollen zumindest Teile der AfD offenbar nichts zu tun haben. Dennoch gießen einige AfD-Politiker weiter Öl ins Feuer, wie z.B. der umweltpolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion in NRW, Christian Blex, der twitterte: “Das deutsche Wahlvieh zum Schlachten freigeben und tadeln, wenn es sich wehrt…“. Alice Weidel verurteilt die Gewalt bei den Demos, provoziert aber im gleichen Post mit Aussagen wie “Das Abschlachten geht immer weiter!”

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Die erfolgreichsten Artikel von rechts

Artikel von selbst ernannten Alternativmedien spielen nach Interaktionen nicht mehr ganz vorn mit. Offenbar wirkt sich die Verunsicherung, wie man mit den Protesten umgehen soll, auch hier aus. Stattdessen mit den meisten Likes und Shares: Die Böswilligkeit des Compact Magazins “SPD-Bürgermeisterin ohne Mitleid mit deutschen Opfern“, der übliche Merkel-Hass der Website jouwatch: “Nach Massaker in Chemnitz – Merkel: ‘Ich bin die Kanzlerin der Migranten‘” und der reflexartige PI-News-Text “Eskalation nach Messermord – Tagesschau schweigt – Nach Mord an Daniel Hillig: Wut der Menschen in Chemnitz steigt!

Montag: Das Auftreten der Polizei

Am Montagabend weiten sich die Proteste in Chemnitz aus. Mehrere tausend Leute ziehen durch Chemnitz – erneut fallen Hitler-Grüße und ausländerfeindliche Rufe auf. Es kommt auch zu Verletzten. In den sozialen Netzwerken wird nun über die Rolle der Polizei diskutiert. Nach Likes und Shares erfolgreichster Artikel des Dienstags ist der von Spiegel Online mit der Headline “Krawalle in Chemnitz: Wie die Polizei eine Stadt den Rechten überließ“. Direkt dahinter folgt Zeit Online mit “Chemnitz: Der Abend, an dem der Rechtsstaat aufgab“. Kritisiert wird u.a., dass die Polizei mit zu wenigen Kräften vor Ort war, die Demonstranten gewähren ließ (auch beim Zeigen von Hitler-Grüßen, etc.) und offenbar die Ankündigungen und Aufrufe im Netz völlig unterschätzt hatte.

Die Polizei-eigene Kommunikation in den Netzwerken

Einen weitgehend guten Job machte die Social-Media-Einheit der Polizei Sachsen: Allein rund 170 Tweets setzte es am Sonntag und Montag ab – ein Großteil davon beschäftigte sich mit dem Vorfällen in Chemnitz. Das Team musste mit Menschen diskutieren, die auf ihr “Gott gegebenes Recht über alles und jeden zu spekulieren” pochten, erklärte Polizei-Arbeit: “Zunächst werden Fakten ermittelt. Das geht natürlich nicht so schnell wie Spekulationen zu publizieren“, antwortete auf Verschwörungstheoretiker: “Kleinen Moment, dazu muss ich erst Frau Merkel anrufen, um zu erfahren was ich sagen darf. Wird die Leier nicht langsam albern?” und stellte eindeutig klar: “Niemand regelt hier etwas allein. Wir werden keine Selbstjustiz dulden.

Das Opfer

Wenig wird in den sozialen Netzwerken bisher über das Opfer der Tat gesprochen, die die rechten Proteste ausgelöst hat. Aus Sicht der Protestler wahrscheinlich aus gutem Grund. Denn: Dass der Verstorbene Daniel H. auf Facebook Seiten wie die der Linken, von Sarah Wagenknecht, Gregor Gysi, “FCK NZS”, “Antifa Kampfausbildung”, “Metalfans gegen Nazis” und “Schimpansen gegen die NPD” mit einem Like versehen hatte, dürfte den Rechtsextremen, die die ersten Proteste organisiert haben, eigentlich nicht schmecken. Zudem hat er Berichten zufolge kubanische Vorfahren. Hier wird also ein Kriminalitätsopfer für Hetze instrumentalisiert.

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