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„Die Zeiten der ökonomischen Sorglosigkeit im Journalismus sind vorbei”: Was G+J-Chefin Julia Jäkel zum 70. stern-Jubiläum sagt

G+J-Chefin Julia Jäkel und Chefredakteur Christian Krug feiern 70 Jahre stern
G+J-Chefin Julia Jäkel und Chefredakteur Christian Krug feiern 70 Jahre stern

Der stern feiert einen runden Geburtstag: 70 Jahre ist das Magazin geworden. Kaum eine Zeitschrift hat die Medienlandschaft so geprägt wie das publizistische Flaggschiff von Gruner + Jahr. Anlass für einen Senatsempfang im Hamburger Rathaus: Vor rund 350 Gästen aus Politik und Journalismus sprachen Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher, G+J-Chefin Julia Jäkel, stern-Chefredakteur Christian Krug und Ex-Außenminister Sigmar Gabriel.

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Laut Peter Tschentscher geht vom stern eine klare Botschaft aus. „Es gelingt ihm, Herz und Verstand zusammenzuführen“, sagt Hamburgs Bürgermeister und fügt hinzu: „Indem er politisch und unterhaltsam ist, indem er informiert und emotionalisiert, gelingt es ihm, über Milieugrenzen hinweg Diskussionen anzuregen und Interesse zu wecken für die relevanten Themen unserer Zeit.“ Gerade in Zeiten von Fake-News und Angriffen auf die freie Presse seien Medien wie der stern wichtig. „Es ist eine zentrale journalistische Aufgabe, die Vielfalt unserer Gesellschaft – auch ihre Widersprüche und Konflikte – sichtbar zu machen und darüber zu berichten“, so der SPD-Politiker.

Es sind bewegte Zeiten in der Medienlandschaft – vor allem in Hamburg: Gestern verkündete der Spiegel noch einen großen personellen und strukturellen Umbau, heute feiert der stern sein 70-jähriges Bestehen. Dabei hat der G+J-Titel Glück: Er steht weit weniger im Fokus der Medienöffentlichkeit als sein Konkurrent Spiegel, der mit abrupten Wechseln in den Chefredaktion immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Wie der Spiegel leidet aber auch der stern seit Jahren unter Auflagenückgängen. Wurden von der Zeitschrift noch vor zehn Jahren rund eine Million Exemplare verkauft, sind es heute etwas mehr als die Hälfte. Hamburgs Bürgermeister hofft deshalb, dass die Leser die Illustrierte weiter in den Händen halten können und wünscht, dass der stern „als Print-Magazin erfolgreich bleibt und noch viele neue Formate entwickelt.“

Davon ist Gruner + Jahr-Chefin Julia Jäkel fest überzeugt, denn: „Der stern steht, wie schon in den vergangenen 70 Jahren, auch weiterhin für unabhängigen Journalismus, unbestechlichen Journalismus in der Bundesrepublik Deutschland. Er steht für die großen Interviews, die viele überraschen.“ Zur Marke stern gehören auch „erfolgreiche neue Ableger, die zeigen, dass sehr guter Journalismus auch moderner Journalismus ist: stern Crime, Eckart v. Hirschhausens stern Gesund Leben, JWD – und da wird uns noch mehr einfallen.” Von der journalistischen Kraft der Redaktion können sich die Leser selbst ein Bild machen. Am 15. September lädt der stern zum “Tag des Journalismus” ein. Das Magazin zeigt, wie es “publizistisch in ihm tickt.”

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Dennoch hinterlässt der Medienwandel seine Spuren: „Die Zeiten der ökonomischen Sorglosigkeit im Journalismus sind leider vorbei. Viele von Ihnen haben die goldenen Jahre erlebt. Das war ein großes Privileg. Aber heute muss uns klar sein: Niemand dreht die Uhr zurück. Nicht mal ein reicher idealistischer Gönner, der scheinbar alle Probleme löst“, so die G+J-Chefin. Der Verlag müsse seine Aufgaben schon selbst lösen: Jäkel: „Dabei ist jeder gefragt, Verlagsmanager, Anzeigenverkäufer, der Grafiker, die Redakteurin, der Autor oder die Webdesignerin. Eben wir. Und es wird auch nicht eine große Antwort geben, die alles löst, sondern viele tausend kleine.“ Dabei würden alte Sentimentalitäten oder romantische Hoffnungen nicht helfen, „den neuen Journalismus für neue Generationen zu erfinden“, betont die G+J-Geschäftsführerin.

Auch der frühere Außenminister Sigmar Gabriel sieht die wachsenden ökonomischen Zwänge, unter denen der stern und die Branche leiden. “Auch der stern bleibt davon nicht verschont. Früher gab es Krisensitzungen, wenn die Auflage mal die 1,5 Millionen Grenze erreichte, heute gehören die Sorgenfalten im Gesicht von Verlag und Redaktion vermutlich schon bei weit geringeren Verkaufszahlen zum Alltagsgesicht des Blattes”, so der SPD-Politiker. Dennoch habe sich der stern in der veränderten Welt gut gehalten, “weil er früh auf seinen Online-Auftritt gesetzt hat und die Stärken des sterns weiterentwickelt hat, nämlich Reportagen und Geschichten sowie News und Events zu recherchieren und als Gesamtprodukt Wochen für Woche zu liefern, an denen die Leserinnen und Leser Interesse haben.”

stern-Chefredakteur Christian Krug wies in seiner Rede zurück, der stern würde bei seiner Entstehungsgeschichte tricksen. “Uns wurde im Vorwege dieses Jubiläums vorgeworfen, wir würden mit unserem wahren Alter schummeln. Wir seien ja schon 80. Das ist natürlich nicht wahr. Wir selbst haben im Jahr 2015 im stern über den stern aus der Nazizeit berichtet. Wir haben da nichts zu verheimlichen”, so Krug. So habe es den stern eigentlich dreimal gegeben. “Den ersten, der im Jahr 1938 und 1939 im Deutschen Verlag erschien und der heute als Teil der NS-Propaganda gesehen werden muss. Den zweiten, den Henri Nannen 1948 erfand – und der sich an der optischen Machart des Vorgängers orientierte – und den dritten, der sich in den 60er Jahren aus der Illustrierten zum politisch-gesellschaftlichen Magazin entwickelte.”

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Alle Kommentare

  1. Das wirft eine interessante Frage auf: Haben Journalisten mit Existenzangst (eine Quittung der erbärmlich schlechten Arbeit der letzten Jahre, herzlichen Glückwunsch dafür) eine höhere oder eine niedrigere Motivation, ihre Leser mit Propaganda zu manipulieren?

    1. Ich bin mir sicher, dass die Vorgabe regierungsfreundlich zu berichten aus der Verlsgsleitung kommt. Auf der einen Seiten möchte man es sich mit den Mächtigen nicht verscherzen und kann auf Unterstützung in wirtschaftlich schlechten Zeiten hoffen. Hinzu kommt natürlich auch die ideologische Inzucht, die in weiten Teilen der Berufsgruppe herrscht. Man hält sich für weltoffen und moralisch grossen Teilen der Bevälkerung überlegen. Diese Überheblichkeit kann nicht einfach so abgelegt werden, auch wenn die Leser zunehmend das Weite suchen. Es ist aber quasi ein Naturgesetz, dass sich aus der Asche des Vergangenen etwas Neues erwachsen wird. Vermutlich müssen die links-rot lackierten Monopolmedien erst abtreten, damit sich wieder ein differenzierter, ernsthaft nach Wahrheit suchende Journalismus entwickeln kann.

  2. Der Journalismus steht weltweit vor einer neuen Blütezeit und kann sich auch gegen die großen “metcalfe´schen Festungen” behaupten!

    Es bedarf nur einer völlig wahnsinnigen vernünftigen Strategie!

    Der Journalismus muss nur sein eigenes “disziplinäres Systemproblem” erkennen und überwinden – da noch von keiner Journalistenakademie enteckt wurde!

    The art of wise & human governance is coming!

    Mehr: info@anzeigio.de

  3. Vielleicht sollte man mal zur Abwechslung intelligentere Leute Journalismus machen lassen.

    Wenn jemand, trotz jeder Menge Zuschauer, die warnend rufen und winken, frontal mit dem Auto gegen eine Wand fährt, zurücksetzt und ohne das Lenkrad nur einen Millimeter zu drehen mit Vollgas wieder geradeaus losfährt, bis es kracht …und wieder und wieder und wieder…bis der Wagen völlig demoliert stehen bleibt….wie würde man so ein Verhalten nennen?

    Welcher geistig Gesunde würde sich von dem Fahrer die Welt erklären lassen?
    Und auch noch Geld dafür bezahlen?

    Haarsträubend!

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