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Datenjournalismusprojekt “Einfacher Dienst”: “Liegen die Dinge so, wie sie dargestellt werden, oder vielleicht ganz anders?”

Simon Pfeiffer, einer der Macher des Datenjournalismus-Projekts Einfacher Dienst
Simon Pfeiffer, einer der Macher des Datenjournalismus-Projekts Einfacher Dienst

Der Einfache Dienst ist ein noch recht neues Datenjournalismus-Projekt, das drei Studenten aus Oxford aufgebaut haben. Der Dienst will Hintergründe erhellen und Zusammenhänge erklären. Einiges Aufsehen erregte das Projekt jüngst mit einer Aufstellung, die zeigte, dass in den ARD/ZDF-Sommerinterviews die überwältigende Mehrheit der Gesprächszeit für Flüchtlingsfragen verwendet wurde. Simon Pfeiffer, einer der Macher, erzählt im Interview über das Projekt.

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Seit wann gibt es den Einfachen Dienst und welche Idee steckt dahinter?
Simon Pfeiffer: Der Einfache Dienst ist zwar noch kein Jahr alt, hat aber trotzdem schon zwei Geburtstage gefeiert: Im November haben wir mit kleineren Grafiken auf Twitter begonnen. Ende Juni hatten wir dann unseren zweiten „Dienstantritt,“ seitdem wir über unsere Website die Grafiken tiefergehender analysieren. Das Prinzip des Einfachen Dienstes lautet „sammeln, ordnen, erklären.“ Wir stellen uns Fragen zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Geschehen in Deutschland und sammeln hierzu Daten, die wir dann systematisieren und visualisieren. Zu guter Letzt erläutern wir, wie die daraus gewonnenen Ergebnisse die ursprüngliche Frage (teil-) beantworten können. Wichtig ist uns: Wir wollen die Debatte mit den Antworten auf diese Fragen nicht nur begleiten, sondern Impulse liefern, die sie wirklich weiterbringen.

Wie kamen Sie auf den Namen?
Einerseits ist der Einfache Dienst ein Verweis auf etwas, das uns begeistert: Wie umfangreich Behörden und staatliche Institutionen in Deutschland Daten erheben und veröffentlichen. Viele unserer Artikel basieren auf dieser Arbeit, die sich eben durch sämtliche Laufbahnen des öffentlichen Dienstes zieht. Andererseits wollen auch wir einen Dienst leisten, der thematisch, visuell und sprachlich „einfach“ ist. Viele unserer Recherchen sind zwar aufwändig, sie sollen aber auch für unsere Leserinnen und Leser intuitiv und eingängig sein. Oft versuchen sie gerade das fassbar zu machen oder herauszufordern, was wir empfinden aber nicht greifen können: Ein Argument in einer Debatte oder ein Gefühl über einen Sachverhalt. Beispiel Sommerinterviews: Dass es viel um Flucht, Asyl und Migration ging haben schon viele ‚gespürt.‘ Dass der Fokus aber tatsächlich so deutlich war, kann aber nur eine detaillierte Auswertung zeigen. Oft überprüfen wir also auch „einfache“ Thesen und Argumente.

Wer sind die Personen hinter dem “Einfachen Dienst”?
Wir sind einerseits ein Kernteam in der Redaktion, drei Kommilitonen aus Oxford: Paul, Anjo und ich, Simon. Andererseits bauen wir immer mehr auf freie Beitragende. So wie Felix Heilmann zum Beispiel: Er forscht im Bereich Umwelt und Klimawandel und hat eine tolle Recherche zu Arbeitsplätzen in der Kohleverstromung und in den erneuerbaren Energien geschrieben. Wir haben mit der Erstellung des Artikels, der Datenrecherche und der Visualisierung geholfen und das Ergebnis über die Plattform des Einfachen Diensts und unser Netzwerk geteilt. Gerade holen wir weitere Beitragende an Bord und freuen uns über jede Kontaktaufnahme von interessierten Autorinnen und Autoren!

Geht es beim Datenjournalismus des Einfachen Dienstes um eine möglichst wertneutrale Aufbereitung von Daten oder steckt auch eine Haltung dahinter?
Unsere Haltung ist zuallererst ein Anspruch an sachliche Richtigkeit und Begründung. Wir fragen zuerst: Liegen die Dinge so, wie sie dargestellt werden, oder vielleicht ganz anders? Stellen Journalistinnen und Journalisten und Politikerinnen und Politiker die richtigen Fragen? Regen wir uns über die richtigen Dinge auf? Diese Fragen auf Basis von Daten zu beantworten ist unsere oberste Priorität. Ein Beispiel hier ist unsere Recherche zum Thema Gender und Ressorts. Als vor einigen Monaten ein Foto der Konferenz der Landesinnenminister erschien und nur Männer abgebildet waren, gab es einen großen Aufschrei – das sei ja eine Katastrophe. Dabei war das nur ein ganz spezifischer Fall einer viel umfangreicheren Schieflage. Viele andere Politikbereiche in Bund und Ländern sind auch hauptsächlich von Männern besetzt. Wenn wir Gleichberechtigung erreichen wollen, führen wir dann hier nicht eine viel zu eingeengte Debatte? Über diesen Fokus auf die Notwendigkeit der guten Begründung hinaus drückt sich unsere Haltung auch in der Themenwahl und der Framing unserer Geschichten aus. Wichtig ist für unser aber immer der Rückbezug zu den Daten.

Wie stehen Sie zu dieser Debatte um Haltung im Journalismus?
Wir glauben, dass es einen Journalismus ohne Haltung nicht geben kann, dass gleichzeitig aber eine Haltung auch verpflichtet. Wir finden: Je klarer wir zu einem Thema inhaltlich Stellung nehmen, desto sicherer wollen wir uns im Bezug auf unsere Daten sein. Im Falle der Sommerinterviews heißt das beispielsweise: Wir können die Redaktionen von ARD und ZDF gerade deswegen für die Sommerinterviews kritisieren, weil sie ihre selbstgesetzten Ziele und recherchierten Prioritäten der Bevölkerung so klar verletzt haben. Dass das der Fall war, konnten aber erst die Daten zeigen.

Haben Sie bisher in der deutschen Medienwelt ein Defizit an Datenjournalismus ausgemacht?
Einen Mangel an Datenjournalismus gibt es in der deutschen Medienwelt nicht, aber vielleicht einen an Datenjournalismus, der sich zeitnah mit aktuellen Fragestellungen beschäftigt. Es gibt viele tolle Projekte, Geschichten und Recherchen; so viele sogar, dass wir in unserer Sparte Starke Stücke immer wieder auf besonders gute hinweisen. Zu oft bleiben aber bei den großen und langfristigen Recherchen der Medienhäuser die ganz einfachen, tagesgeschäftlichen Fragen unbehandelt. Mit so einer unbeantworteten Frage startete übrigens der Einfache Dienst. Im Zuge der Jamaika-Koalitionsverhandlungen veröffentlichten ARD und ZDF einen „Kabinett-O-Maten,“ bei dem man per Drag-and-Drop aus prominenten Politikerinnen und Politkern von Union, FDP und Grünen die mögliche Regierung zusammenstellen konnte. Weitere Limitationen gab es dabei nicht. Wir habe uns dann gleich gefragt: Aber muss nicht jemand aus der CDU Hessen dabei sein? Und wie viele Ostdeutsche braucht ein Kabinett? Werden nur Juristen Innenminister? Diese Fragen konnte uns der deutsche Datenjournalismus nicht beantworten. Wenn solche Themen dann auch noch nur kurz aktuell sind, gibt es kaum noch Angebote. In dieser Lücke positioniert sich der Einfache Dienst.

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Sie bezeichnen sich selbst als Projekt – kann/soll da einmal mehr daraus werden?
Die Bezeichnung als „Projekt“ stammt aus unseren ersten Tagen. Wir behalten sie gerne bei, auch jetzt, wo wir mit viel mehr Zeit und Engagement am Einfachen Dienst arbeiten. Gleichzeitig ist das tolle an dem Begriff, dass er gerade nicht limitiert ist.

Welche Resonanz haben Sie auf ihre bisherigen Veröffentlichungen bekommen?
Insgesamt freuen wir uns sehr über die Resonanz, die wir erhalten, besonders wenn sie vielfältig und kritisch, insgesamt aber positiv ausfällt. Einerseits ist es toll, wenn unsere Artikel und Recherchen die Debatte wirklich bewegen, so wie bei der Geschichte zu Arbeitsplätzen in den erneuerbaren Energien. Der wurde gleich mehrere hundert Male retweet, unter anderem von prominenten Stimmen wie etwa Umweltminister a.D. Jürgen Trittin. Andererseits freuen uns die ganz kritischen Anmerkungen. Vor etwas mehr als zwei Wochen habe ich den Einfachen Dienst bei einer Veranstaltung der Studienstiftung des Deutschen Volkes präsentiert. Dort wurde ausgesprochen tief nachgebohrt: Stimmt dieser oder jener Datenpunkt? Wie habt ihr das operationalisiert? Das motiviert uns, weiterhin selbstkritisch zu recherchieren, unsere Daten auf Herz und Nieren zu prüfen und unsere Aussagen sicher in ihnen zu verankern. Es ist inspirierend zu sehen: Da ist ein Hunger auf Datenjournalismus, aber gleichzeitig auch eine gesunde kritische Haltung gegenüber journalistischen Inhalten.

Wir wurden durch ihre Auswertung der Themen bei ARD/ZDF-Sommerinterviews auf den Einfachen Dienst aufmerksam – war das einer ihrer erfolgreichsten Posts
Die erste Auswertung der Sommerinterviews war, gemessen an der Reichweite, unserer erfolgreichster Artikel. Klasse war besonders, dass wir hier einen Punkt präzise herausarbeiten konnten, den viele vielleicht schon „gefühlt“ hatten. Das hat also eine der Kernaufgaben des Einfachen Diensts erfüllt. Eine Recherche kann aber auch anders erfolgreich sein: Wir haben schon vor ein paar Monaten gezeigt, dass die anderen Fraktionen im Vergleich zur AfD im Plenum des Bundestages weniger Gebrauch vom Mittel der Zwischenfrage machen. Wenn dieser Text von einigen Abgeordneten gelesen wird, die sich dann darüber Gedanken machen, ob sie die AfD im Wettstreit der Ideen tatsächlich stellen, dann ist das natürlich auch ein großer Erfolg.

Wie viele Leser erreichen Sie bislang?
Aktuell erreichen wir mehrere Tausend Leserinnen und Leser pro Woche über unsere Website und ein nochmals deutlich größeres Publikum im sechsstelligen Bereich über unsere Kanäle auf Twitter, Facebook und Instagram. Das gute an unseren Inhalten ist: Wir teilen nicht nur komplexe Artikel, sondern auch Grafiken, die für sich sprechen.

Wie soll es mit dem “Einfachen Dienst” weitergehen, wenn alles ideal so läuft, wie Sie sich das vorstellen?
Im Moment arbeiten wir mit viel Leidenschaft daran unser Autorennetzwerk zu vergrößern und mit anderen Redaktionen zu kooperieren. In dieser Woche ist beispielsweise gerade einer unserer Artikel auf der Plattform thebuzzard.org erschienen. Das möchten wir ausbauen und freuen uns über Kontaktaufnahmen von und mit etablierten Redaktionen und Zeitungen.

Die Fragen an Simon Pfeiffer wurden via E-Mail gestellt.

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Alle Kommentare

  1. Oh je. “Recherchethemen” Klimawandel, Feminismus und wie böse die AfD doch ist.

    Die stecken ja noch viel tiefer bei Merkel hinten drin als sie aussehen.

  2. Schon wieder was mit Haltung und Genderschwachsinn.
    Die AfD wird bei Vergleichen ausgeklammert oder dient nur als Studienobjekt, an dem die Altparteien ihre Bekämpfungsmöglichkeiten ausloten können.
    Als “prominente Stimme” wird ausgerechnet Trittin genannt.
    Na, das wird was werden.

    Die müssen doch vom Turbolinksdrehen schon ein Schleudertrauma haben.

  3. Sind das jetzt sozusagen die Herrenmenschen-Journalisten, weil der deutsche Qualitätsjournalist, die viel umfangreichere Schieflage im staatstragenden Bereich Gender nicht kampagnengerecht erfassen kann?
    Zum Glück hat sich der geneigte “Vorzeige”-Demokrat Trittin schon lobend geäußert.

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