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Brinkbäumer war “zu sanft”, auf Klusmann ruhen die Hoffnungen: Wie Journalisten den Spiegel-Umbau kommentieren

Steffen Klusmann (l) löst Klaus Brinkbäumer beim Spiegel ab – das Netz begrüßt den Schritt
Steffen Klusmann (l) löst Klaus Brinkbäumer beim Spiegel ab - das Netz begrüßt den Schritt

Der Spiegel-Verlag baut seine Führung um und bereitet die Integration von Print und Online vor: Steffen Klusmann vom Manager Magazin soll den Auflagenrückgang des Heftes bremsen. Außerdem werden Ullrich Fichtner und Barbara Hans Mitglieder der Chefredaktion sein. Es ist der vierte Wechsel an der Spitze in zehn Jahren. Das Netz und die Medien diskutieren den Umbau - und verbinden ihn mit der Hoffnung auf einen grundlegenden Wandel im Haus.

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Mi­cha­el Han­feld schreibt in der FAZ, dass beim Spie­gel Chefredakteure “seit Jah­ren ab­rupt aus­ge­wech­selt” werden, und so sei auch die­ses Mal. Er analysiert: “Schied­lich-fried­lich hat sich beim Spie­gel in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kei­ner der Per­so­nal- und Stra­te­gie­wech­sel ge­stal­tet. Am En­de lan­de­te der Bal­last, den das gan­ze Haus mit sich her­um­trägt, stets auf den Schul­tern der Chef­re­dak­teu­re und Ge­schäfts­füh­rer. Die jet­zi­ge Team­bil­dung, zu der auch ge­hört, dass die Ge­schäfts­lei­tung des Ver­lags er­wei­tert wird, nach dem Mot­to ‘al­le für ei­nes statt ei­ner für al­les’, könn­te der rich­ti­ge Weg sein, den Um­bau, von dem beim Spie­gel seit mehr als ei­nem Jahr­zehnt ge­re­det wur­de, tat­säch­lich zu be­wäl­ti­gen. Es müs­sen nur al­le mit­ma­chen.”

Besonders die schnelle Ablösung von Brinkbäumer wird in den Medien diskutiert. In der Süddeutschen Zeitung berichten Karoline Meta Beisel und Claudia Tieschky, dass Brinkbäumer in der Redaktion äußerst “angesehen und beliebt” gewesen sein. “Ein Job bei dem Magazin, das als ‘Sturmgeschütz der Demokratie’ Geschichte schrieb, war früher etwas, wovon man Narben behielt. Unter Brinkbäumer war das – womöglich zum ersten Mal in der Geschichte des Blattes – anders.”

Weiter fragen die SZ-Autorinnen, warum der Verlag nicht Brinkbäumer zugetraut habe, Print und Online zu verschmelzen. “Vor den Ressortleitern soll er am Mittwoch berichtet haben, ihm sei für seine Ablösung kein Grund genannt worden. Die Führungsetage habe, so hört man, eine höhere Auflage erwartet und mehr Impulse zur Integration von Heft und Digitalmarke.”

Brinkbäumer war der falsche Mann

Die Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) sieht die Rolle des Spiegel-Chefs derweil kritischer: “Brinkbäumer habe Eigenschaften, die einen angenehmen Kollegen, aber nicht unbedingt einen guten Chefredaktor ausmachten, hört man aus der Redaktion.” Er sei zu nett und zu sanft gewesen. Ihm hätte insbesondere die “nötige Härte” gefehlt, so die NZZ. Gebrüllt habe er nie. “Treibende Kraft hinter Brinkbäumers Abgang sei Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass gewesen. Doch auch die zwei Redaktoren, die im einflussreichen fünfköpfigen Führungsgremium der Mitarbeiter-KG sitzen, hätten sich nicht für ihn eingesetzt.”

Im Tagesspiegel bestätigen Joachim Huber und Kurt Sagatz den Eindruck: “Klaus Brinkbäumer wird als exzellenter Journalist und Reporter gelobt, für den anstehenden Prozess, in dem es um Führungsstärke, Entscheidungskraft und das Denken in Strukturen geht, sei er jedoch der falsche Mann gewesen. Darin war sich die KG mit Gruner + Jahr, dem zweitgrößtem Anteilseigner, offensichtlich einig – inklusive der Augstein-Erben”

Anita Zielina, ehemalige Digitalchefin bei der NZZ, sieht die schnellen Wechsel in der Führungsspitze des Spiegels der vergangenen Jahre trotzdem als einen Fehler: “Ich finde es grotesk und unverantwortlich in welcher Geschwindigkeit im Medienbusiness CRs/CEOs (und somit Strategien) ausgetauscht und oft unter den immer selben Herren rotiert werden”, schreibt die österreichische Journalistin. “Wie soll so irgendeine Strategie mal die Chance haben zu funktionieren?”

In der Tat saß Brinkbäumer nur dreieinhalb Jahre beim Spiegel im Chefsessel und damit sogar länger als sein glückloser Vorgänger Wolfgang Büchner, der nur etwas über ein Jahr lang den Spiegel leitete.

In seiner Zeit musste sich Brinkbäumer immer wieder Kritik über seinen Führungsstil anhören. Die von ihm eingeschlagene Strategie ging nur holprig voran. An einer einheitlichen Umsetzung eines digitalen Bezahlkonzeptes haperte es, was ihm womöglich den Posten kostete. Die Strategie von Brinkbäumer zur Zusammenführung der Redaktionen hat nicht zu dem gepasst, was sich die Geschäftsführung vorstellte.

Zielina ergänzt in einem weiteren Tweet dazu, dass vielleicht nicht das Internet die Verlage bedrohe, sondern vielmehr “die Ungeduld und Inkonsequenz in der Strategieumsetzung”.

Armin Wolf, der stellvertretende Chefredakteur des ORF, teilt diesen Eindruck. Auf Twitter schreibt er in Anspielung auf die Meldung: “Spiegel-CR ist echt ein Schleudersitz”.

“Klusmann brennt vor allem für gute Storys”

Und der Neue? Auf Steffen Klusmann vom Manager Magazin ruhen nun alle Hoffnungen. Dass der Mann das Geschick habe, den Spiegel auf den richtigen Weg zu führen, darin sind sich Medien und das Social-Web einig.

Thomas Jahn vom Handelsblatt erzählt eine Geschichte über die „Hall of Fame“ des Manager Magazins, in der das Blatt Jahr für Jahr wichtige deutsche Unternehmer und Topmanager ehrt. 2016 gewann der frühere SAP-Chef und Deutsche-Bank-Aufsichtsrat Henning Kagermann. Zum ersten Mal seit der Einführung des Preises 1992 sagte der die Feier jedoch ab – vor dem Hintergrund der Berichterstattung des Manager Magazins über die Personaldiskussionen bei der Deutschen Bank. “Für Klusmann war die kritische Geschichte im Heft wichtiger als die edle Feier im Saal des Schlosshotels Kronberg im Taunus”, schreibt das Handelsblatt. “Andere Chefs hätten vielleicht die Geschichte geschoben, um die für den Verlag wichtige Preisverleihung zu retten. Der 52-jährige Klusmann brennt vor allem für gute Storys.”

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Auf Twitter gratulieren Journalisten und Medienmacher sowie künftige Weggefährten dem baldigen Spiegel-Chef für seine neue Aufgabe. Sie hoffen auf einen Kurswechsel:

Andere Nutzer sehen seine Rolle kritischer:

“Es ist ein Mann”

Die taz legt den Fokus derweil darauf, dass mit Klusmann erneut ein Mann an die Spitze eines Medienhauses kommt – wie auch schon bei den anderen Personalwechseln des Tages beim Berliner Tagesspiegel und der Thüringer Allgemeine. In der Zeitung titelt das Blatt dreimal “Es ist ein Mann” und lenkt damit die Aufmerksamkeit der Leser auf die auffallend hohe Männer-Quote bei den Top-Jobs in den Redaktionen.

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Alle Kommentare

  1. Vom „Spiegel“-Olymp wurde wieder einer der Versager verbannt, welche sich nach dem letzten noch erfolgreichen Chefredakteur Stefan Aust die Klinke in die Hand gaben. Wie geht es nun weiter? Der kommende Zampano heißt Steffen Klusmann. Er ist für Spiegel-Verächter ein Hoffnungsträger. Ein ihm freundlich gesonnener Mediendienst will wissen, Klusmann gelte als „Teamplayer und Journalist, der stark in Konzepten denken kann“. Vor allem kann der neue Chef wohl stark in roten Zahlen denken – immerhin war er Entwicklungsredakteur und später Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“. Die FTD wollte ein „grünes“ Wirtschaftsblatt sein, rief auch mal zur Wahl der Ökos auf und fuhr 250 Millionen Euro Verlust ein, bis der gebeutelte Verlag Gruner + Jahr ihr nach zwölf Jahren den Stecker zog. Am Kiosk verkaufte Klusmanns FTD bestenfalls 18.000 Exemplare pro Ausgabe. Bis dahin liegt vor dem Sturmgeschütz der Demokratie noch ein gutes Stück Weg. Aber die Richtung stimmt.

    Am Ende kommt Ines Pohl und schließt… das Forum.

      1. Zu nett und zu sanft? Ich lach mich schlapp. Einen solchen Propagandisten hat man wirklich selten gesehen. Und das ist in Konkurrenz zum Staats-Merkel-Funk, Alpen-Prawda, Zeit und taz schon schiwerig…

    1. .”….. welche sich nach dem letzten noch erfolgreichen Chefredakteur Stefan Aust.”

      Hmm.

      Soweit ich mich erinnere, hatte Rudolf Augstein mit dieser Personalie lange gezögert. Mit Stefan Aust änderte der Spiegel seinen Charakter. Ich erinnere noch die Skandale, durch deren Aufdeckung der Spiegel die Eliten auf Trab brachte. Nach Aust war da nix mehr.

      Eine bestimmte Duldung hinsichtlich der Einleitung eines staatsgesellschaftlichen Umbaus wurde eingeleitet, und von den Medien wurde wohl erwartet diesen Umbau mitzutragen. Man bedenke nur, was zwischen 1996 und 2008 – die Zeit in der Aust in Verantwortung stand – in unserem Land durchgewuppt wurde.

      Damit war jedoch der Drops gelutscht, man lag zwar aus vielleicht ehrenhaft erscheinenden Gründen dennoch in einem gemeinsamen Bett mit den eigentlich zu Kontrollierenden.

      Wirklich bedeutende Weichenstellungen des Untergangs der BRD fielên in genau diese Zeitspanne.

      Die Idee einer sogenannten freien Presse hat sich damit selber das Kreuz gebrochen.

      Damit – sorry – verbinde ich den Namen Stefan Aust im Spiegel.

  2. Herr Plöchinger sollte als auserkorener Change Manager eine schlichte Erkenntnis ins Gebilde tragen: Journalismus ist tot. ‘Ne Weile sogar, er stinkt schon. Was überleben kann, ist medialer Aktivismus. Nicht zu verwechseln mit Aktionismus, mind you. Medien dürfen nicht nur Informationen verwalten. Sie müssen gestalten. Entfalten. Player sein, Teil der Geschichte. “Augenbraue” Ronzheimer im Schützengraben und Volkes Führe–, äh, Furor Reichel machen es ja schon vor: Sei dein eigener Stream, sei Teil des Pulses.

    Muss dem Spiegel auch gelingen. Kann es auch. Aber nur nach vollzogener Exorzierung des alten Geistes.

    Herrn Brinkbäumer wünsche ich viel Erfolg. Einer der besten Schreiber dieses Landes, dem es zu wünschen ist, dass die Macher ihm eine einfache Frage stellen: Was möchten Sie machen?

    In Zeiten, in denen ER und SIE zutiefst verunsichert sind, in jedweder Facette des disrupierten Daseins, könnte ein Feingeist ein ganz feines Magazin konzipieren, über das Selbstverständnis, dessen Selbstverständlichkeit passé ist.

    Das, ja, im Spiegel der Reflexion zeigt, wie wir werden, wer wir sind.

  3. Wenn der Spiegel als Aufmacher bringt „Wie Hill & Knowlton die Brutkastenlüge inszenierten“, dann würde ich das Blatt auch wieder einmal kaufen.

    1. Ich warte auf: “Die Weißhelme – Wie Al Qaedas Zivilschutzorganisation vom Westen finanziert Chemieangriffe in Syrien inszeniert”

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