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“Moment krasser Grenzüberschreitung des Journalismus”: RND-Chef Gordon Repinski zum Gladbeck-Digitalspecial

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Am 16. August 1988 herrschte der mediale Ausnahmezustand. Begleitet von einem Heer von Reportern und immer wieder live im Fernsehen zogen zwei bewaffnete Gangster durch Deutschland. Die Bilanz: zwei tote Geisel und ein beispielloser Sündenfall der Redaktionen, die dem Krimi eine Millionen-Bühne verschafften. Das RedaktionsNetzwerkDeutschland von Madsack hat das Drama zum 30. Jahrestag in einem aufwändigen Digitalspecial mit exklusiven Interviews aufbereitet. Eine "voyeuristische Grenzüberschreitung" lange vor dem Social-Media-Zeitalter, meint RND-Hauptstadtchef Gordon Repinski im MEEDIA-Interview.

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Was brachte Sie auf die Idee zu dem Groß-Projekt?
Das Gladbecker Geiseldrama ist eines der prägenden Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es hat weit über die drei Tage der Tat hinaus das Land in Atem gehalten. Als Folge mussten Politiker ihre Ämter niederlegen, die Polizeiarbeit wurde reformiert und die Medien mussten sich einer bis dahin nicht gekannten Ethikdiskussion stellen. Es gibt Reportagen, Dokumentationen und seit diesem Jahr sogar einen Spielfilm über Gladbeck. Eine Online-Aufarbeitung der Geschehnisse gibt es dagegen nicht. Das wollten wir ändern.

Warum ist aus Ihrer Sicht das Gladbecker Geiseldrama auch nach 30 Jahren noch ein Thema, das den hohen Aufwand lohnt?
Die Debatten, die Gladbeck ausgelöst hat, sind heute aktueller als jemals zuvor. Das Geiseldrama war ein Moment krasser Grenzüberschreitung des Journalismus. Alles wurde schonungslos live übertragen, Beobachter wurden zu Vermittlern und damit zu Akteuren. Das alles oft mit dem Ziel, als Gegenleistung die beste Story zu bekommen. Auch wenn Gladbeck genauso wohl nicht noch einmal passieren könnte – in Zeiten von Twitter und anderen Sozialen Medien wiederholt sich die voyeuristische Grenzüberschreitung mittlerweile bei jedem Terroranschlag, bei jedem Großereignis. Die ethische Debatte, die nach Gladbeck geführt wurde, wäre eigentlich heute im Kontext der sozialen Medien fällig.

Für News-Redaktionen gibt es einige weltweit bekannte “Leuchtturm-Projekte” für digitales Storytelling. An welchen haben Sie sich orientiert?
Es gibt kein einzelnes Vorbild. Die Art unserer Erzählung hat sich durch die Strukturierung unserer einzelnen Kapitel fast von selbst ergeben. Wir wollen in erster Linie mit einer exzellenten journalistischen Aufarbeitung der Ereignisse überzeugen.

Wie ist das Special strukturiert, damit der Zugang für die Leser erleichtert wird? Die Generation der Digital Natives kennt die Story Gladbeck ja allenfalls vom Hörensagen…
Wir erzählen das Geiseldrama von Gladbeck in sechs Teilen in Echtzeit – 54 Stunden lang. Am Donnerstagmorgen geht es um 7.15 Uhr los, in dem Moment, als vor 30 Jahren Rösner und Degowski auf Ihr Motorrad gestiegen sind, um die Deutsche Bank in Gladbeck-Rentfort-Nord zu überfallen. In den folgenden drei Tagen widmen wir uns der Irrfahrt durch Deutschland, dem Polizeiversagen in Bremen, dem Chaos in Köln, dem Zugriff. Es wird eine interaktive Kompaktversion geben und eine ausführliche Rekonstruktion der Ereignisse. Dazu gibt es zahlreiche unveröffentlichte Dokumente und Fotos. Jeder kann nach Interesse so tief in die Ereignisse einsteigen, wie er oder sie will.

Mit welchen Exklusivinhalten können Sie nach der langen Zeit aufwarten? Schließlich gibt es zu dem Geiseldrama ja schon eine ganze Reihe von Dokumentationen und Filmen.
Ein Teil der Erzählung wird ein Interview mit dem Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner sein, das wir schriftlich mit ihm geführt haben – er sitzt ja noch heute in Aachen im Gefängnis. Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass Rösner so ausführlich über die Tage von Gladbeck und sein Leben im Gefängnis spricht. Ebenso konnten wir mit der Geisel Ines Voitle über ihre Erinnerungen sprechen und mit Richter Rudolf Esders über den Prozess und die Folgen. Wir haben zudem viele Akten durchgearbeitet – und sind auf einige neue Dokumente gestoßen, wie bisher unter Verschluss gehaltene Fotos vom Zugriff.

Mit Udo Röbel ist eine der umstrittensten Figuren der damaligen Vorgänge heute Teil des “Teams Madsack”. Hat der ehemalige Chefredakteur von Express und später Bild inhaltlichen Einfluss auf den redaktionellen Zugang genommen?
Udo Röbel war für uns wichtiger Gesprächspartner und Zeitzeuge – nicht mehr, nicht weniger. Wir haben in einem ausführlichen Gespräch mit ihm seine damalige Rolle beleuchtet und mit ihm über seine Verantwortung an dem Fall gesprochen. Röbel spricht in dem Interview über die drei Phasen seiner Verarbeitung der Ereignisse, über Verdrängung, Schuldeingeständnis und Versöhnung mit sich selbst. Ohne ein Gespräch mit ihm wäre eine Dokumentation über Gladbeck nicht vollständig. Deswegen sind wir sehr froh, dass wir dieses offene Gespräch mit ihm führen konnten.

Röbel hat zum Special ein langes Interview beigesteuert, in dem er seine eigene Rolle kritisch beleuchtet und in dem er sich von seinem damaligen Verhalten distanziert. Wie bewerten Sie sein Verhalten als Journalist, der zu den Geiselgangstern ins Auto stieg und sie aus der Kölner Innenstadt lotste, aus heutiger Sicht?
Ich könnte es mir leicht machen und über ihn richten und garantieren, dass ich es besser gemacht hätte in seiner Situation. Und natürlich hat Röbel eine Grenze überschritten, die ein Journalist nicht überschreiten darf. Aber die entscheidenden Fehler – auch auf der Seite der Medien – sind schon am Vortag in Bremen gemacht worden. Live-Interviews mit einem Täter in den Tagesthemen, ein Fotograf als Vermittler, völlig enthemmte Berichterstattung. Erst dieses Verhalten hat Rösner und Degowski zu Medienstars werden lassen. Erst dadurch begannen sie, mit der Öffentlichkeit und ihrer eigenen Berühmtheit zu spielen. Der mediale Sündenfall des Geiseldramas geschah weit bevor Udo Röbel in Köln in das Auto der Geiselnehmer stieg.

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Ähnlich wie das stern-Titelbild vom toten Uwe Barschel in der Hotelbadewanne ist Röbels Rolle seit vielen Jahren Lehrstoff in Journalistenschulen. Haben Sie intern auch über das Verhalten diskutiert?
Natürlich haben wir das Verhalten diskutiert, auch kontrovers. Aber für Gladbeck gilt das, was für viele Stoffe gilt: Je tiefer Sie in die Situation eintauchen, desto komplizierter werden die Antworten. Das Ergebnis war, dass wir dem Medienversagen einen Schwerpunkt in unserer Wochenendausgabe am Samstag gewidmet haben – und im digitalen alles noch ausführlicher beschreiben und noch mehr Standpunkte zu Wort kommen lassen.

Mit RND.de will Madsack künftig auch überregional zu den führenden Newsportalen aufschließen. Welche Funktion hat das derzeit sogar mit einem YouTube-Trailer beworbene Gladbeck-Special in diesem Zusammenhang für Sie?
Wir wollen klarmachen, dass digitaler Journalismus nicht nur schnell sein muss, sondern auch umfassend sein kann und in der Tiefe herausragend. Große Erzählungen und investigative Recherchen sind in unseren Köpfen noch viel zu oft dem Papier vorbehalten. Tatsächlich können diese Ergebnisse von exzellentem Journalismus genauso gut und vielleicht sogar noch besser digital aufbereitet sein. Diesen Beweis wollen wir so oft wie möglich in Zukunft antreten.

Wird es weitere ähnliche Projekte von Madsack geben?
Für uns ist dieses Projekt eins gewesen, durch das wir lernen und wachsen wollen. Und natürlich wird es nicht das letzte gewesen sein.

 

Über den Interviewpartner: Gordon Repinski ist seit Juli 2017 die Leiter des Hauptstadtbüros des RedaktionsNetzwerks Deutschland. Der 40-Jährige war davor US-Korrespondent sowie Hauptstadtkorrespondent für den Spiegel sowie Redakteur der tageszeitung.

Die Fragen an Gordon Repinski wurden per E-Mail gestellt.

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Alle Kommentare

  1. Sabbeldoofis, warum steht hier nichts von Euch? Das könnt Ihr doch nicht so stehenlassen. Das waren schließlich alles die linksgrünen Bild-Express-Boulevardreporter inschuld!

  2. Niemand hat medienpolitisch bleibenden Schaden genommen – weder die “Gesellschaft”, noch die Medien. Und wenn, dann ist eine solche Bewusstseinstrübung sofort wieder reparabel. Ein engagierter Reporter mit Nachrichten-Instinkt kann ja nicht immer vorhersehen, wie sich eine brisante Lage entwickelt. Es war ja bei Gladbeck nicht auszuschließen, dass er mit seiner Mitfahrt die damals ultrakritische Situation wieder entspannen kann. Das war sicherlich auch ein Teil der Hoffnung – neben der professionellen Mega-Story. Dann arbeitet man eben seine journalistische Arbeit ab, so gut wie erkennbar und möglich.
    Halb freiwillig, halb ungeplant war ich früher selbst in ähnliche Reporter-Situationen geraten (Bosnien, Jolo). Danach musste ich stets erleben, wie feuilletonistische Medien-Kritik (“…Voyeuristische Grenzüberschreitung”) immer nur als Camouflage von kollegialem Erfolgs-Neid daherkam. Bis hin zum gescheiterten Versuch eines (heute renommierten Hamburger Medien-Journalisten), den Reporter-Kollegen mit frei erfundenen Fälschungsunterstellungen beruflich zu killen.

    Abgewandeltes Zitat: “Die größten Kritiker der Elche – die wären gerne selber welche”. Auch Selbstbespiegelung gehört zum Mediengeschäft, bis hin zum Hype eines Spielfilms. Da kann man ja alles noch einmal ganz schön nachspielen und vorführen – noch viel eindrucksvoller als damals mit dem kleinen Udo Röbel.

    Nicht wahr, Spiegel-Kollege Gordon Repinski?

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