Anzeige

Die Fakten und die Toten: Wie Tichys Einblick mit einer abstrusen Zahl über ertrunkene Flüchtlinge Stimmung macht

Medienmacher Roland Tichy, Artikel zu Todeszahlen im Mittelmeer bei Tichys Einblick

Das Thema private Seenotrettung und die Todes- und Vermisstenfälle im Mittelmeer ist komplex und emotional aufgeladen. Nicht erst seit der Debatte um das Pro&Contra in der Zeit. Umso mehr sollten Medien verantwortlich mit dem Thema umgehen. Ein Beispiel, wie man mit mindestens verwirrender Interpretation einer Statistik potenziell Schaden anrichten kann, lieferte jetzt die Website Tichys Einblick.

Anzeige

Der Artikel, um den es hier geht trägt die Überschrift „Private ‚Seenotretter‘ in Erklärungsnot: Weniger Tote auf dem Mittelmeer“ und stammt von Alexander Wallasch, Autor bei Tichys Einblick. Oben drüber stand mal „Licht ins Dunkel“, ein selbst formulierter Anspruch, dem der Text nicht gerecht wird. Wallasch stellt die These auf, dass es einen „möglichen Trend“ gibt, dass durch das momentan faktische Ausbleiben der privaten Seenotrettung (die Schiffe der NGOs sind größtenteils festgesetzt und können wenn überhaupt nur noch sehr eingeschränkt operieren) weniger Menschen bei Fluchtversuchen im Mittelmeer sterben als zum Zeitpunkt, als die Seenotretter noch aktiv waren. Er stellt hier einen möglichen Kausal-Zusammenhang zwischen dem Fortbleiben der NGO-Schiffe und sinkenden Todeszahlen her.

Das ist eine gewagte Schlussfolgerung, um das Mindeste zu sagen. In zahlreichen Medien war zuletzt zu lesen, dass zwar die Zahl an Fluchtversuchen über das Mittelmeer deutlich zurückgeht, die Anzahl der Todes- und Vermisstenfälle aber prozentual deutlich höher liegt als zuvor. Will heißen: Weniger Menschen unternehmen den gefährlichen Fluchtversuch über das Mittelmeer. Von denen, die es trotzdem wagen, sterben aber mehr als früher.

Wallasch dagegen entwirft bei Tichys Einblick ein Szenario, bei dem die Seenotretter „schuld“ an der Zahl der Ertrunkenen sein könnten. Zitat:

Es geht um Schuld. Um einen ungeheuren Vorwurf, der sich jetzt leider bewahrheiten könnte: Weniger NGO-Tätigkeiten, weniger Tote auf dem Mittelmeer. Und wer hier bisher den Nichtregierungsorganisationen das Wort geredet hat, von genannten und weiteren Leitmedien mehr bis beispielsweise zur evangelischen Kirche Deutschland, die das Geschäft der „Seenotretter“ querfinanziert hat, der wird sich jetzt erklären müssen.

Wie kommt der Einblick-Autor Wallasch auf diese Sichtweise, die den allermeisten Medienmeldungen zum Thema diametral entgegensteht? Er nannte zwei Quellen, das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) und die International Organisation for Migration (IOM): „Vertraut man den Meldungen des UNHCR und des IOM, scheint sich abzuzeichnen: Die Zahl der Ertrunkenen ist schon in der zweiten Julihälfte signifikant gesunken.“

Nun war bei einer Web-Recherche beim besten Willen keine Meldung des UNHCR zu finden, die besagen würde, die Zahl der Ertrunkenen sei „in der zweiten Julihälfte“ signifikant gesunken. Was sich dagegen finden lässt, ist eine Meldung des UNHCR, die „Alarm schlägt“, dass die Zahl der Toten im Mittelmeer bis Juli die Marke von 1.500 überschritten hat. Die Mittelmeer-Überfahrt wird vom UNHCR in dieser Meldung als „tödlichste See-Route der Welt“ bezeichnet. So ziemlich das Gegenteil von dem, was bei Tichys Einblick steht. Das Absinken der Todesfälle, auf das Wallasch Bezug nimmt, findet sich allerdings in den Statistiken des IOM. Hier ist die Zahl der registrierten Toten von Juni 2018 (629 Fälle) auf Juli 2018 (222 Fälle) tatsächlich gesunken. Aber auch nur, weil es im Juni einen außergewöhnlichen Ausreißer nach oben gegeben hat. Bezieht man die Monate zuvor in die Betrachtung mit ein, so zeigt sich, dass die Zahl der Todesfälle vor Juni, als die Seenotretter noch aktiver waren, wesentlich niedriger lag.

Quelle: IOM

Es ist möglich, dass der Ausreißer bei der Zahl der Todesfälle nach oben im Juni mit der de facto-Einstellung der Seenotrettung zusammenhing. Möglich auch, dass sich im Juli dann weniger Menschen auf den Weg machten und darum die Zahl der Todesfälle wieder sank. Aber die Opferzahlen waren im Juli immer noch viel höher, als in den Vormonaten (mit Ausnahme Januar). Diese Zahlen sprechen eben nicht dafür, dass weniger Seenotrettung weniger Tote bedeutet, wie Wallasch insinuiert, sondern das genaue Gegenteil lässt sich aus den Zahlen lesen. Die Lesart „weniger Seenotrettung = weniger Tote“ lässt sich nur aufrecht erhalten, wenn man den Blick ausschließlich auf Juni und Juli 2018 richtet und alles andere ausblendet. Aber warum sollte man dies tun? Einen „möglichen Trend“ abzuleiten, indem man ein einzelnes Sonder-Ereignis herausgreift und zum Maßstab macht (die ungewöhnlich hohen Opferzahlen im Juni 2018) ist ein unseriöses und manipulatives Vorgehen beim Auswerten einer Statistik.

Auf Nachfrage, warum er sich in seinem Artikel ausschließlich auf die Juli-Zahlen 2018 bezieht, teilt Alexander Wallasch mit:

Der IOM berichtet von einem signifikanten Rückgang der Sterbe- und Vermisstenzahlen von Juni auf Juli 2018. TE (Tichys Einblick, Anm.d.Red.) fragt also: „Sollte sich dieser Trend nun in den kommenden Monaten verfestigen, (…) wie wollen die an diesen „Seenotrettungen“ beteiligten Akteure ihre bisherigen Tätigkeiten rechtfertigen, die eben das verhindern wollten, was sie möglicherweise befördert haben?“

Nun ergeben die Meldungen des IOM, dass in den ersten sieben Monaten in 2017 2409 Tote und Vermisste gezählt wurden dem gegenüber in 2018 im selben Zeitraum 1514 Tote gezählt wurden. Nun hat die Phase des vorläufigen Rückzuges der NGO-Schiffe in letzterem Zeitraum stattgefunden.

Die kumulierten Zahlen der ersten sieben Monate im Vergleich von 2017 auf 2018, die er in seiner Stellungnahme anspricht, erwähnt Wallasch in seinem Artikel gar nicht. Doch auch wenn man diese Zahlen anschaut, ergibt sich ein eindeutiges Bild. Die Zahl der Flüchtlinge, die übers Mittelmeer kamen, ist in diesem Zeitraum deutlich gesunken. 2017 registrierte die IOM von Januar bis Juli 115.796 Ankünfte. Von Januar bis Juli 2018 waren es 57.936 Ankünfte. Im selben Zeitraum sank die Zahl der Todes- und Vermisstenfälle weniger deutlich von 2.409 auf 1.514 Opfer. Es gilt, wie bereits festgehalten: Weniger Flüchtlinge kommen übers Mittelmeer. Von denen, die die Überfahrt versuchen, sterben prozentual mehr als zuvor. Dass man die Zahl der Toten in Relation zu der Zahl der Überfahrten insgesamt bewerten muss, lässt Wallasch einfach weg.

Aus diesen Zahlen einen „möglichen Trend“ herauszulesen, die Zahl der Toten sei wegen des Rückzugs der Seenotretter gesunken, erscheint abenteuerlich. Unter dem Artikel gab es bis kurz vor dieser Veröffentlichung 125 Kommentare. Einige fragten nach Belegen für die Behauptungen, viele gratulierten Alexander Wallasch zu seiner „Recherche“. Nach der Anfrage von MEEDIA wurde der Artikel unter einer neuen Web-Adresse von Tichys Einblick mit Ergänzungen versehen und neu publiziert. Es wurden nunmehr Verlinkungen hinzugefügt und folgende Passage ergänzt:

Jeder Ertrunkene ist zu viel. Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu betrachten: Es ist ein sehr kurzer Zeitraum, ein einziger Vorfall kann diesen „Trend“ ins Gegenteil verkehren. Auch wäre zu berücksichtigen, wieviele Menschen die Reise nach Europa antreten. Zahlen dazu liegen uns nicht vor.

Auch wurde die offenbar falsche Behauptung, die Todeszahlen seien in der „zweiten Julihälfte“ gesunken korrigiert (das IOM gibt nur Zahlen für den ganzen Monat heraus). Aus der Dachzeile „Licht ins Dunkel“ wurde „Grausame Zahlen“ gemacht. So schnell geht’s.

Die Debatte über die Rolle privater Rettungsorganisationen ist richtig und wichtig. Die Diskussion sollte aber auf Basis von Fakten geführt werden. Der hier besprochene Einblick-Text wirft – vor allem in seiner ursprünglichen Fassung – ein Schlaglicht darauf, wie man mit der Interpretation von Statistiken Stimmungen erzeugen kann. Hier gegen NGOs und so genannte Mainstream-Medien. Ob diese Stimmungsmache absichtsvoll oder aufgrund von Fehlern geschieht, sei dahingestellt.

Der Einblick-Autor beschließt seinen Artikel mit den Worten:

Diese privaten Organisationen werden erklären müssen, wie es passieren konnte, dass sie sich so lange und so vehement Kausalitäten gegenüber verschließen konnten, die zu begreifen, keiner besonderen Denksportaufgabe bedurfte.

Die entsprechende Statistik halbwegs korrekt zu interpretieren, wäre indes auch keine besondere Denksportaufgabe gewesen.

Anzeige