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Die Boulevard-Tragödie des Jan Ullrich: „Es ist die Sucht nach Klicks, die uns in Teufels Küche führt“

Jan Ullrich und der Boulevard - geopfert für Quote, Klicks, Auflage?

Die Geschichte des einstigen Rad-Stars Jan Ullrich, der sich Zugang zum Anwesen von Til Schweiger verschafft hat, ist ein Boulevard-Stück wie aus dem Bild(er)-Buch. Aber gibt es nicht auch eine Grenze, an der Medien eine Verantwortung für die Objekte ihrer Berichterstattung haben? Der Kommunikationsexperte und Autor Mike Kleiß kennt Jan Ullrich persönlich und meint in einem Gastbeitrag für MEEDIA: Die Grenze des Erträglichen ist überschritten.

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 Ein Gastbeitrag von Mike Kleiß

Wer sich mit Verlagen auskennt, wer täglich mit ihnen zutun hat weiß: Die Not ist groß. Es muss Geld in die Kassen. Die Printauflagen sinken dramatisch, während die neuen Konzepte der Monetarisierung der Digitalplattformen noch nicht greifen. Zumindest die Löcher nicht stopfen können, die durch den Rückgang von Print entstanden sind. Jeder Klick zählt, und die Tragödie um Jan Ullrich zeigt: Nicht nur der Boulevard hat sichtbar große Sorgen. Auch die sogenannten Qualitätsmedien werden zu Süchtigen. Sie hängen an der Nadel des klickwilligen Konsumenten.

So weit so schlimm.

Doch wer süchtig ist, stürzt sich scheinbar gerne auf einen Süchtigen. Oder anders: Wer schwach ist, findet immer noch einen Schwächeren, um von sich abzulenken. Bereits das Beispiel Boris Becker hat gezeigt: Jedes Klickmittel ist recht. Man macht nicht einmal mehr vor Deutschlands Idolen, Vorbildern, Ikonen halt. Ich habe Boris Becker kennenlernen dürfen, und auch Jan Ullrich. Beide haben gemeinsame Schnittmengen: Sie wurden als Kinder zu Sport-Stars. Sie wurden über Nacht verehrt wie Könige, sie waren bekannter als Bundeskanzler oder Präsidenten, sie wurden heftiger gefeiert als jeder Popstar. Sie waren Kinder, die ihre Kindheit nie gelebt haben. Sie haben dann ihre Kindheit ausgelebt, als sie erwachsen waren. Ich habe Boris Becker an Poker-Tischen spielen sehen. Mit kindlicher Freude. Ich habe mit Jan Ullrich gesprochen, er hatte die Unbekümmertheit eines Teenagers. Ich mag große Jungs, denn sie sind eines: Echt! Und ich würde nie auf die Idee kommen, sie deshalb zu verhöhnen. Boris Becker hat sich seine Fehler eingestanden. Auch Jan Ullrich hat dies stets getan. Und alle haben davon profitiert. Die Medien, die ihre Geständnisse publizierten. Die Protagonisten, weil sie ein Stück mehr erwachsen wurden.

An ihren Fehlern wuchsen und reiften. Ein vielleicht gerade noch fairer Deal, wenn man das Argument gelten lassen will, dass auch zum Beispiel Jan Ullrich eine öffentliche Person ist, über die berichtet werden darf. Viel wert scheinen Freundschaften in diesen Kreisen definitiv nicht zu sein. Jan Ullrich hatte immer guten Kontakt, pflegte immer auch Freundschaften zu einigen Redakteuren. Auch Til Schweiger nannte er einen Freund. Dieser Freund hat ihn an den Boulevard verkauft, um selbst eine reine Weste zu behalten. Bis heute ist nicht geklärt, was eigentlich auf Mallorca geschah. Und ganz ehrlich? Es hat im Grunde auch niemanden zu interessieren.

Klare Jacke: Wer bei wem klingelt, wer bei wem aufs Grundstück geht und warum, das muss uns alle nicht interessieren. Und wenn man Freunde an die Presse ausliefert, dann sollte man sich grundsätzlich Gedanken darüber machen, was Freundschaft überhaupt bedeutet. Ohne philosophisch werden zu wollen: Ist es vielleicht so, dass uns Facebook lehrt was Freundschaft noch für eine Rolle spielt? Mit einem Klick ist man einen Freund los. Mit einem Klick hat man den nächsten Freund. Klicks sind das neue Gold der Verlage. Je mehr Klicks, desto mehr Reichweite. Und nur die zählt. Es ist die Sucht nach Klicks, die uns in Teufels Küche führt. Es ist die Sucht von Jan Ullrich, die ihn genau dort hingeführt hat. Mich schmerzt das, und zwar beides. Mir tut es weh zu sehen, dass große Verlage sterben. Dass sie mehr und mehr über Leichen gehen, um sich zu retten.

Sie opfern Ikonen und Vorbilder wie Jan Ullrich. Redakteure, die als Jugendliche Jan Ullrich bei jeder Etappe der Tour im TV gesehen haben, deren Idol er war, sitzen plötzlich bei ihm auf dem Schoß in seiner Finca. Nicht um ihm zu helfen, sondern um ihn zu opfern. Um ihn der Quote zu opfern. Ist das nicht fast noch trauriger, als Jan Ullrichs eigene Geschichte? Mir tut es weh zu sehen, wie Verlage mit der Krankheit Alkohol umgehen. Anstatt Aufklärungsarbeit zu leisten – und das wäre ihre Pflicht – suhlen sie sich im Leid eines gefallenen Stars. Es sieht so aus, als ob viele aus dem Fall Robert Enke nichts gelernt haben. Tabuthemen werden erst dann ordentlich aufgearbeitet, wenn es zu spät ist. Alkoholismus ist ebenso tabu wie Depressionen. Ich empfehle dringend den Stecker zu ziehen. Verlage müssen dringend Verantwortung übernehmen.

Und die Verantwortung im Fall Jan Ullrich heisst: Schnauze! Und Rückzug! Heute schrieb mir ein enger Freund von Jan Ullrich, der sich nicht namentlich öffentlich äußern will: „Meiner Meinung nach hätte die Presse damals helfen können, als sie aus Jan dem Helden der Nation den Arsch der Nation gemacht haben! Damit hätte sich aber vielleicht nicht so viel verdienen lassen, als mit fetten Negativ-Schlagzeilen. Jan braucht Hilfe. Aber sicher nicht aus der Öffentlichkeit und den Medien.“ So schreiben nur echte Freunde. Und ich bin froh, dass Jan Ullrich diese Freunde hat.

Zum Autor: Mike Kleiß ist Kolumnist des Tagesspiegel in Berlin. Er schreibt für verschiedene Verlage, ist Buchautor, und ist Gründer der Kommunikationsagentur Medienhafen Köln.   

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