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Haltungs-Schäden: Falsch verstandener Aktivismus der Medien kann gefährlich werden

Georg Restle, Redaktionsleiter und Moderator beim ARD-Politikmagazin "Monitor"

Die Diskussion darüber, wie viel „Haltung“ in den Journalismus gehört und was diese „Haltung“ eigentlich ist, dauert an. Aktuell äußert sich Georg Restle, Leiter der „Monitor“-Redaktion der ARD, einmal mehr zum Thema und plädiert für einen „werteorientierten Journalismus“. Das klingt erst einmal gut, ist aber gefährlich.

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Restle sagt im Interview mit der Zeitschrift journalist, einige Journalisten-Kollegen würden sich „regelrecht darin gefallen, die Tabubruch-Strategie der AfD journalistisch zu verlängern.“ Restle weiter: „Ich teile die Kritik, dass mit der Übernahme von Begriffen wie ‚Flüchtlingsflut‘ oder der überbordenden Berichterstattung über jeden einzelnen Fall von Ausländerkriminalität, rassistische Kampagnen der AfD verstärkt werden.“

Welches Medium aber operiert tatsächlich mit dem Begriff „Flüchtlingsflut“ im Restle’schen Sinne? Ein Check bei Google fördert in erster Linie aktuelle Treffer zutage, die sich mit Restles Aussage im journalist-Interview befassen. Daneben gibt es noch Treffer in etwas dubioseren Blogs oder Abhandlungen darüber, dass man mit diesem Begriff eben nicht hantieren sollte. Möglich, dass etwas übersehen wurden aber zumindest aktuell scheint der Begriff „Flüchtlingsflut“ doch eher nicht massiv in den Medien verwendet zu werden.

Dann sagt Restle noch etwas Bemerkenswertes und möglicherweise Bedenkliches: „Relevanz entscheidet sich in vielen Redaktionen nicht mehr danach, was viele betrifft, sondern danach, worüber viele reden.“ War das jemals anders? Man könnte die Formulierung „worüber viele reden“ auch ersetzen durch „was viele interessiert“. Schon immer waren es auch Einzelfälle, die für große Geschichten sorgten. Die eingeschlossene Fußballmannschaft in der Höhle in Thailand beispielsweise. Auch bei dieser Geschichte wurde debattiert, ob die Medien bei ihrer großflächigen Berichterstattung nicht das ganze Weltenleid vergessen und sich auf die emotionale Schicksalsstory im fernen Thailand stürzen. Dahinter steckt ein gehöriges Maß an Verblendung und auch Arroganz, dem Publikum diktieren zu können, was es zu interessieren hat. Das hat noch nie funktioniert, in Zeiten von Social Media funktioniert es heute erst recht nicht.

Genauso legitim, wie über das Höhlendrama zu berichten, ist es, schwere Verbrechen öffentlich zu machen, die per se meistens ja Einzelfälle sind und trotzdem in Summe für eine Entwicklung stehen könnten. Wenn Medien über Gewaltverbrechen, die von Asylbewerbern begangen werden, nicht mehr berichten, würden sie gerade dem Rechtspopulismus Vorschub leisten und die Vorwürfe einer „Lückenpresse“ gleichsam real werden lassen.

Auch unser Podcast „Die Medien-Woche“ befasst sich in der aktuellen Ausgabe mit der Diskussion um Haltung im Journalismus:

Mit Blick auf die Umtriebe der AfD ist Restle weit weniger großzügig, was das Weglassen betrifft: „Wenn es aber um den Schulterschluss von AfD-Kadern mit rechtsextremistischen Vereinigungen geht, gehört es zur journalistischen Pflicht, darüber aufzuklären.“ Müsste der „Monitor“-Chef hier nicht konsequenterweise – wenn er seiner Logik folgt – auch die Auffassung vertreten, solche „Einzelfälle“ nicht durch breite Berichterstattung aufzuspielen?

Natürlich wäre das Unsinn! Jedem Medienmacher leuchtet ein, dass Verbindungen einer im Bundestag vertretenen Partei zu rechtsextremen Kreisen aufgedeckt und berichtet gehören. Aber eben auch Gewaltverbrechen, die von Leuten begangen werden, die in Deutschland Schutz vor Folter und Verfolgung suchen.

Restle sagt: „Ganz grundsätzlich glaube ich, dass Journalisten überhaupt wieder über einen werteorientierten Journalismus nachdenken sollten.“ Man müsse nicht „jeden Mist“ abbilden, nur weil er aus dem Mund eines Bundestagsabgeordneten oder Parteivorsitzenden kommt. Doch wer bestimmt, was „Mist“ ist? Georg Restle? Die „Monitor“-Redaktion?

Vergangene Woche gab es eine Diskussion um einen taz-Text, der offen zum Aktivismus aufrief, eine „Anleitung zum Ungehorsam“ mit Tipps, wie man Abschiebungen verhindern kann. Ob eine Abschiebung dabei legal oder im Fall von Gefährdern oder Gewalttätern für die Gesellschaft vielleicht sogar wünschenswert ist, wurde dabei ausgeblendet.

Die taz ist den Weg, den Georg Restle in seinem Interview vorgibt schon mal ein wenig weitergegangen. Dieser Pfad führt weg vom Journalismus, hin zu einem Aktivismus, der sich als Haltung tarnt. Natürlich soll und darf jeder Mensch und Journalist eine Haltung und Werte haben. Und es stimmt ja auch, dass reine Objektivität eine Illusion ist. Allein dadurch, dass Medien von Menschen gemacht werden, gibt es immer einen subjektiven Faktor. Es ist aber ein großer Unterschied, ob man den Vorsatz hat, neutral zu berichten und sich um eine gewisse Objektivität immerhin bemüht. Oder ob man den Vorsatz hat, die Meinung des Publikums in eine bestimmte Richtung zu lenken, da man selbst ja weiß (oder zu wissen glaubt), was wahr, schön und gut ist. Der letztere Pfad ist ein gefährlicher. Je mehr Medien und Medienmacher ihn beschreiten, desto mehr spielen sie den populistischen Kräften in die Hände, die sie eigentlich doch mit so viel Haltung bekämpfen wollen.

Der Chefredakteur der Washington Post, Martin Baron hat zur Frage, wie Medien mit Donald Trump umgehen sollen gesagt: „We’re not at war, we’re at work“ („Wir sind nicht im Krieg, wir sind bei der Arbeit“). Was für ein Unterschied zum, sagen wir, Chefredakteur des Spiegel, Klaus Brinkbäumer. Der hatte in einem Leitartikel offen zum Widerstand gegen US-Präsident Donald Trump aufgerufen: “Der US-Präsident wird zur Gefahr – Deutschland muss den Widerstand vorbereiten.” Wer zeigt hier Haltung? Wer missversteht seine Rolle als Journalist?

Die richtige Antwort auf Trumps „alternative Fakten“ sollte nicht Aktivismus sein, sondern Fakten.

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