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Die wankende Instanz der Journalisten als Belehrende: Was Zeit und di Lorenzo von Kästner lernen können

Die Lehren aus der Pro&Contra-Debatte um den umstrittenen Flüchtlingsartikel der Zeit: Publizist Franz Sommerfeld (li.) fordert von Chefredakteur Giovanni die Lorenzo mehr Führung bei Kontroversen in der Redaktion

Mehr Mut zu „anderen Meinungen“, Hinterfragen und „den Leser ernst nehmen“ – so erklärte Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo vor wenigen Tagen die aus seiner Sicht entscheidende Herangehensweise des Journalismus. Veröffentlicht wurde das Statement nicht in der Zeit, sondern in einem Interview des MDR. Der Publizist Franz Sommerfeld findet diesen Ansatz richtig, wünscht sich aber mehr davon bei der Zeit, wie er in einem Beitrag für MEEDIA schreibt.

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Ein Gastbeitrag von Franz Sommerfeld

Das wird niemanden wirklich überrascht haben: Die Erklärung der Wochenzeitung Die Zeit gegenüber MEEDIA, nach der „zur ‚Pro&Contra‘-Debatte inzwischen alles gesagt“ sei und damit die „Debatte in eigener Sache beendet“ werde, hielt bis zum Erscheinen der neuen Zeit am 2. August. Dann war klar, dass die Zeitung selbst die Debatte fort führt, allerdings ohne sie beim Namen zu nennen: Auf der ersten Doppelseite der aktuellen Ausgabe wirbt Gero von Randow dafür, dass die Nachfahren der Kolonialherren angesichts der Flüchtlingsbewegungen Verantwortung zu übernehmen haben und kündigt an, sich mit diesen Fragen auch weiterhin zu beschäftigen. Auf der nächsten Seite ist zu erfahren, dass „sogar seelisch kranke Migranten abgeschoben werden, weil die Ansprüche an die Atteste so hoch sind“. Das Ganze wird flankiert durch das Portrait einer CDU-Politikerin mit türkischen Wurzeln als Beispiel nicht einfacher, aber eben doch erfolgreicher Integration.

Dann folgt ein ganzseitiger ordentlicher, aber nicht besonders brillanter Text von Caterina Lobenstein zur Frage, ob die Grünen nicht „roter“, also sozialer werden könnten. Der ist nur deshalb zu erwähnen, weil die Redakteurin das Pro im umstrittenen Pro und Contra der Zeit zu den privaten Flüchtlingshelfern geschrieben hatte. Dagegen erschienen von der Contra-Autorin Mariam Lau keine Texte mehr in der Zeit, seit die Chefredaktion auf der Seite eins kritisiert hatte, dass Lau den Flüchtlingshelfern nicht den notwendigen Respekt entgegen gebraucht habe: „Sie sind erst einmal zu bewundern“. Bewunderung als Kriterium für politischen Journalismus?

Insoweit werden viele Leser diese „Menüfolge“ dieser vier Auftakt-Seiten als ein Signal verstanden haben, dass die Zeit nicht länger Meinungen wie denen von Mariam Lau Raum gebe. „Wir haben uns vorgenommen, es in Zukunft wieder besser zu machen“, hatte die Chefredaktion in ihrer Hausmitteilung versprochen.

Doch es wäre zu kurz geschlossen, darin die Zukunft der Zeit zu sehen. Erst vor wenigen Tagen hatte Chefredakteur Giovanni di Lorenzo – immer noch im Urlaub – die Vorstellung seines neuen Buches „Erklär mir Italien“ genutzt, um im MDR sein journalistisches Konzept darzulegen, wie er dem Moderator Carsten Tesch ausdrücklich auf dessen Frage bestätigte:

Was wir gegen jeden Zeitgeist bei der Zeit versuchen, ist, Leserinnen und Lesern noch unterschiedliche Meinungen zuzumuten, weil ich davon überzeugt bin, dass sich eine gute eigene Meinung nur speisen kann aus der Erkenntnis unterschiedlicher Argumente und unterschiedlicher Meinungen. Das ist auch eine Art, den Leser als einen erwachsenen Menschen wahr zu nehmen, der nicht indoktriniert werden muss, sondern der sich ein eigenes Urteil bilden kann.

Noch einmal erinnert di Lorenzo an die nach der Flüchtlingsbewegung des Jahres 2015 aufgebrochene journalistische

Glaubwürdigkeitskrise, die nun einmal da ist und die fast alle Medien trifft. Die hat zweifelsohne auch mit Fehlern zu tun, die wir gemacht haben, …dass der Eindruck entstehen konnte, wir stecken unter einer Decke und sprechen uns ab und nehmen irgendwelche Direktiven entgegen. Aber Eindrücke sind auch eine Tatsache, mit der wir uns auseinandersetzen müssen.

Selbst wenn die Sendung mit di Lorenzo vor der Zeit-Krise aufgenommen wurde, zeigt der Chefredakteur damit den Weg für sein Blatt auf. Er stellt – gelegentlich etwas schüchtern relativierend – den Leser in den Mittelpunkt: „.Dass die Leser weniger hinnehmen, hat sein Gutes. Die Leser verfügen über Instrumente, ihre eigene Meinung kund zu tun… Das ist eine Chance.“

Damit benennt er zugleich den Schlüsselfehler der Zeit. Natürlich war es zwingend notwendig, auf die offensichtlich große Empörung vieler Leser über den Text von Mariam Lau zu reagieren. Aber eben nicht mit einem belehrenden Thesenpapier des stellvertretenden Chefredakteurs Bernd Ulrich, dem in diesem Fall auch noch die ihm sonst oft eigene Brillanz fehlte. Und erst Recht nicht mit einer Verurteilung der Autorin durch die Chefredaktion, bei der nicht zu erkennen war, ob es sich um eine moderne Variante kommunistischer Kritik und Selbstkritik handelt oder eher um den christlich mitfühlenden Tadel für unsere Schwester („auch die Autorin“), die gesündigt hat.

Statt dessen hätte sich Mariam Lau auf einer Doppelseite selbst mit den zentralen Kritikpunkten auseinander setzen können. Das hätte ihr die Möglichkeit gegeben, manches zu klären, anderes vielleicht auch zu korrigieren. Natürlich bieten die digitalen Zeiten der Zeit viele Möglichkeiten, eine Debatte mit ihren Leser zu führen. Doch das ist nicht nur eine Frage von Form und Foren, sondern der Bereitschaft, den Leser auf Augenhöhe ernstzunehmen. Die Furcht vor dem Leser und davor, ihn zu verlieren, führte zu diesem Kurs bis in die aktuelle Ausgabe hinein.

Dass der welthistorische Zeitenbruch auch im Journalismus zu Krisen und Fehlern führt, braucht eigentlich nicht erwähnt zu werden. Die Zeit ist die deutsche Publikation, die wie wenig Zeitungen versucht hat, die Veränderungen in den zurück liegenden Jahren immer wieder neu zu hinterfragen, zu analysieren und zu verstehen. Das macht sie stark, aber zugleich anfällig für solche tief greifenden Kontroversen in der Redaktion. Es ist ihre Chance. Um so ärgerlicher bleibt es, dass das Blatt den großen Aufschrei seiner Leser nicht genutzt hat, um ein Richtung weisendes Beispiel für einen angemessenen Umgang mit den Lesern zu setzen.

Di Lorenzo sagt: „Die Instanz des Journalisten als Belehrender ist ganz stark ins Wanken gekommen. Ich finde das eher gut.“ „Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es“, antwortet Erich Kästner ihm. Es ist an der Zeit, dass der Chefredakteur wieder die Führung seines Blattes übernimmt und das tut, worüber er richtig spricht.

Über den Autor: Franz Sommerfeld, Jahrgang 1949, Studium der evang. Theologie, Redakteur, Reporter, Chefredakteur verschiedener Zeitungen von den „roten Blättern“ des Marxistischen Studentenbundes Spartakus bis zum „Kölner Stadt-Anzeiger“, Vorstand der Mediengruppe DuMont. Publizist, Mitglied des Kuratoriums des Theodor-Wolff-Preises und der Jury für die „Journalisten des Jahres“. Verschiedene Veröffentlichungen, 2008 „Der Moscheestreit“ bei Kiepenheuer und Witsch.

MEEDIA ist ein Unternehmen der Handelsblatt Media Group, die Teil des Holtzbrinck-Konzerns ist, zu dem auch Die Zeit gehört.

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