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„Gute Zeit, böse Zeiten“: Spiegel zündelt in der Debatte um die Wochenzeitung und attestiert der Zeit eine Führungskrise

Der Spiegel schreibt über Verwerfungen zwischen Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo (l.) und seinem Stellvertreter Bernd Ulrich

Die Zeit wird weiter von der Debatte um das Pro&Contra zur privaten Seenotrettung von Flüchtlingen verfolgt, das in Ausgabe 29 der Wochenzeitung erschien. In der darauffolgenden Nummer veröffentlichte die Chefredaktion eine Art Entschuldigung. In der aktuellen Ausgabe lässt die Zeit Leserstimmen zu Wort kommen. Der Spiegel diagnostiziert unterdessen eine ausgewachsene Führungskrise bei der Zeit.

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Was Spiegel-Autor Jan Fleischhauer da unter der Überschrift „Gute ‚Zeit‘, böse Zeiten“ (Paid Content) aufschreibt, hat durchaus Sprengkraft. Fleischhauer beschreibt eine Führungskrise und einen fundamentalen Dissens innerhalb der Zeit-Chefredaktion, wofür das umstrittene „Pro& Contra“ zu privater Seenotrettung letztlich nur Symptom gewesen sei.

In der Zeit Nr. 29 waren unter der Überschrift „Oder soll man es lassen?“ zwei Texte erschienen. Einer, der sich dezidiert für die private Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer aussprach. Und einer, in dem die in Berlin ansässige Zeit-Autorin Mariam Lau die Contra-Position einnahm. Wobei Lau, das wird aus ihrem Text heraus deutlich, keineswegs dafür plädierte, schiffbrüchige Flüchtlinge ertrinken zu lassen. Sie hat vielmehr die privat organisierte Seenotrettung als Bestandteil der Schlepper-Industrie problematisiert.

Der „Contra“-Beitrag sorgte für einen bemerkenswerten Shitstorm Richtung Zeit im Allgemeinen und der Autorin im Speziellen. Auch zahlreiche Journalisten und Medienmenschen beteiligten sich daran. Wie Fleischhauer nun im aktuellen Spiegel aufschreibt, soll die Massivität der Kritik die vornehme Zeit-Redaktion in Hamburg ziemlich kalt erwischt haben:

Die Em­pö­rungs­wel­le, die sich dar­auf­hin über die Re­dak­ti­on er­goss, über­traf al­les, was die „Zeit“ in ih­rer 72-jäh­ri­gen Ge­schich­te er­lebt hat. Von „Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch“ war die Rede und da­von, dass das Blatt vor In­hu­ma­ni­tät und Bar­ba­rei die Waf­fen stre­cke. Wenn man zu­sam­men­fas­sen soll­te, was so oder so ähn­lich über den Boy­kott­auf­ru­fen und Wut­mails stand, die die Re­dak­ti­on er­reich­ten, dann wäre es der Satz: „Ich bin furcht­bar ent­täuscht, das ist nicht mehr mei­ne ‚Zeit'“.

Laut der Schilderung Fleischhauers soll der „Contra“-Beitrag auf ausdrücklichen Wunsch von Chefredakteur Giovanni di Lorenzo ins Blatt genommen worden sein. Dem Spiegel-Text zufolge soll di Lorenzos Stellvertreter, Bernd Ulrich, mit dem Text nicht zufrieden gewesen sein. Er habe die Betitelung des Artikels „Oder soll man es lassen?“ schließlich Chefredaktions-Mitglied Stefan Willke überlassen, wie Fleischhauer süffisant anmerkt, wohl ohne dass dieser die Texte gelesen habe. So jedenfalls die Darstellung des Spiegel-Autoren. Weil die Produktion der Ausgabe drängte, sei dies dann alles eher unkoordiniert veröffentlicht worden.

Die Schilderung, dass ein Chefredaktions-Mitglied Zeilen macht, ohne Texte zu lesen und der diensthabende Chef (di Lorenzo war zu dem Zeitpunkt offenbar schon in Urlaub) das alles geschehen lässt, wirkt einigermaßen erstaunlich.

Fleischhauer nimmt den Fall zum Anlass, allgemein über das Verhältnis zwischen di Lorenzo und seinem einen Stellvertreter Ulrich zu schreiben (Sabine Rückert ist die zweite Stellvertreterin di Lorenzos):

Wäh­rend Ul­rich in schwung­vol­len Es­says er­klärt, war­um Deutsch­land auf sei­ne Flücht­lings­po­li­tik wei­ter­hin stolz sein kön­ne, er­in­nert di Lo­ren­zo dar­an, dass man den ge­sun­den Men­schen­ver­stand nicht aus den Au­gen ver­lie­ren dür­fe. Dass die Dop­pel­stim­mig­keit nicht als Kon­flikt, son­dern als Stra­te­gie wahr­ge­nom­men wur­de, ist eine Leis­tung. Denn in Wahr­heit ist die Wert­schät­zung, die die bei­den Prot­ago­nis­ten der „Zeit“ lan­ge für­ein­an­der emp­fan­den, der Ani­mo­si­tät ge­wi­chen. Hier liegt die Er­klä­rung für die Ent­glei­sung, die das Image der „Zeit“ emp­find­lich be­schä­digt hat.

So wie Fleischhauer das beschreibt, gäbe es einen mehr oder minder offen ausgetragenen Machtkampf zwischen dem Zeit-Chefredakteur und seinem Stellvertreter. Ulrich würde die Bedürfnisse einer weltverbesserisch angehauchten Leserschaft bedienen, di Lorenzo habe eher das Ohr der Gesellschafter (Anmerkung: Die Zeit gehört wie auch MEEDIA zum Holtzbrinck-Verlag).

Fleischhauer schließt seinen Artikel mit der Bemerkung, in der Zeit-Redaktion würden die ers­ten Wet­ten laufen, wer bis zum Jahr 2023 durch­hält, der Chef­re­dak­teur oder sein Stell­ver­tre­ter. Bis 2023 läuft laut Spiegel di Lorenzos aktueller Chefredakteurs-Vertrag. Im Umfeld der Zeit-Redaktion zeigt man sich verärgert über die Spiegel-Berichterstattung. Einen Machtkampf zwischen Ulrich und di Lorenzo gebe es nicht, heißt es von verschiedenen Seiten. Die Deutlichkeit, in der der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe über den vermeintlichen oder tatsächlichen Dissens in der Zeit-Führungsetage berichtet, ist durchaus bemerkenswert. Zeit und Spiegel verbindet allgemein eine nicht nur räumliche Nähe, gelegentliche Animositäten zwischen den Blättern nicht ausgeschlossen.

So galt Giovanni di Lorenzo in mehreren Führungskrisen beim Spiegel als Wunschkandidat der Gesellschafter des Nachrichtenmagazins für die Nachfolge des dort jeweilig unglücklich agierenden Chefredakteurs. Und Nannen-Preisträger Stefan Willeke wechselte dereinst von der Zeit zum Spiegel, um nach nur einem Jahr zur Zeit zurückzukehren. Ob die Darstellung Fleischhauers bezüglich der Rolle von Willeke bei der Wahl der umstrittenen Headline der Wahrheit entspricht, ist völlig unklar. Die Zeit jedenfalls hat ihrerseits bislang nichts Erkennbares unternommen, um der Darstellung zu widersprechen. Auch eine Anfrage von MEEDIA im Gesamtkontext (siehe unten) wurde nur mit einem sehr allgemeinen Statement beantwortet.

In der Ausgabe nach dem umstrittenen Pro & Contra veröffentlichte die Zeit in einem eher ungewöhnlichen Schritt eine Art Rechtfertigung und Entschuldigung auf der ersten Seite. In dem Text wurde erklärt, dass das „Pro & Contra“ in der veröffentlichten Form ein Fehler gewesen sei:

Tatsächlich haben wir Fehler gemacht: zunächst das Pro und Contra selbst. Es ist heikel, ein Pro und Contra zur privaten Seenotrettung zu einer Zeit zu bringen, da es bei der staatlichen Seenotrettung politisch gewollte Lücken gibt. So entstand der Eindruck, wir wären der Meinung, es sei diskutabel, dass gar keine Seenotrettung stattfindet. Dies wurde durch die Überschrift „Oder soll man es lassen?“ verstärkt – erst in der Unterzeile wurde deutlich, dass die private Seenotrettung gemeint war – nicht etwa jegliche Hilfe.

Auch Kritik an der Autorin selbst wurde geübt: „Schließlich kam im Contra-Text von Mariam Lau nicht genug zum Ausdruck, dass wir – auch die Autorin – großen Respekt haben vor jenen, die ihre Freizeit und ihr Geld einsetzen, um auf dem Mittelmeer Menschen in Not zu retten, und sich dabei mitunter selbst in Gefahr bringen.“ Das wurde in der Branche durchaus mit Interesse und auch teils mit Befremden wahrgenommen. Hier stellte sich die verantwortliche Chefredaktion (der Text war nur mit „Zeit-Chefredaktion“ gezeichnet) nicht hinter die Autorin. Wäre es nicht die ureigenste Aufgabe eben jener „Chefredaktion“ gewesen, den Text nochmals zu redigieren und den nicht klar genug herausgearbeiteten Aspekt einzufügen?

In der aktuellen Ausgabe greift die Zeit die Debatte auf der Leserbriefseite nochmals auf. Die halbe Seite ist dabei reserviert für Zuschriften zum ursprünglichen „Pro & Contra“. Hier überwiegen kritische Stimmen. Die untere Hälfte der Seite wurde aber freigemacht für Leserstimmen zum Entschuldigungstext. „Diese Stimmen finden hier außer der Reihe Platz“, heißt es im Begleittext. Hier sind interessanterweise fast ausschließlich Zuschriften abgedruckt, die den Entschuldigungsartikel kritisch bis sehr kritisch beurteilen. „Dieser Kotau schmerzt“, wurde sogar als Zitat in die Überschrift gepackt. An anderer Stelle empfinden Leser den Entschuldigungsartikel als „peinlich“, der Artikel wird als „Büßerartikel“ bezeichnet. Eine Leserin schreibt: „Was mich am meisten empört, ja mutlos macht, ist, dass Sie anstatt sich hinter ihre Kollegin zu stellen, im vorauseilenden Gehorsam diesem Gutmenschen-Mob sofort nachgeben, ein bisschen mehr Mut!“ Normalerweise werden Leserstimmen in einer Gewichtung veröffentlicht, die auch dem tatsächlich eingegangenen Stimmungsbild entspricht. Es gibt keinen Hinweis, das dies hier anders gehandhabt wurde. Dies vorausgesetzt wären die Zeit-Leser zwar größtenteils kritisch, was die Präsentation des Pro&Contra betrifft, aber ebenso kritisch gegenüber der nachgeschobenen Entschuldigung. Es scheint fast, die Leser können andere Sichtweisen besser aushalten, als es mancher Medienschaffende für möglich hält.

Auf MEEDIA-Anfrage wollte Bernd Ulrich keine Fragen zu der Sache beantworten. Zur „Pro&Contra“-Debatte sei inzwischen alles gesagt, teilte die Zeit mit und erklärt damit die Debatte in eigener Sache aus ihrer Sicht für beendet.

Das kann man so sehen. Muss man aber nicht.

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