Partner von:
Anzeige

Wochenrückblick: Mensch Mesut – Nachdenken über ein schwieriges Thema

Mesut Özil
Mesut Özil

Mesut Özil und seine Rücktrittserklärung beschäftigen nach wie vor die öffentliche Debatte, Medien und Politik. Kaum jemand, der keine Meinung hat zu Özil und seinem Wut-Triptychon, das er im Social Web veröffentlicht hat. Je mehr man über das Thema nachdenkt, desto schwieriger wird es. Der MEEDIA-Wochenrückblick plus Podcast.

Anzeige
Anzeige

Das waren noch Zeiten, als eine vorbildlich integrierte Nazan Eckes wie aus dem Ei gepellt auf der Bühne stand und eine geschliffene Laudatio auf den Bambi-Preisträger Mesut Özil in dieser seltsamen Kategorie Integration hielt. 2010 war das nach einer hervorragend gespielten Fußball-WM in Südafrika. Sogar die Bild-Zeitung wurde von Frau Eckes gelobt. Im Fernsehen sah man damals den noch ölig frisierten Bild-Chef Kai Diekmann, wie er sich freut. Dann kam der Preisträger Mesut Özil auf die Bühne. Seine Rede geriet ein wenig dürrer: “Integration bedeutet Teil eines Ganzen zu werden, in das man sich einbringt, ohne seine Identität zu verlieren.” Die Worte wirkten auswendig gelernt. “Glücklich”, wie er selbst sagte, wirkte er auf der Bambi-Bühne nicht.

Damals, 2010, war Mesut Özil noch Vorbild, Integrationsleitfigur. Man merkte seinem Auftritt beim Bambi aber da schon ein gewisses Unwohlsein sein.

Viel später, als das unselige Erdogan-Foto bereits für Medienwirbel sorgte, wurde im Social Web ein Clip des englischen Lifestyle-Magazins Hypebeast ausgegraben, für das Özil durch seine Villa in London führte.

Ein Mesut Özil, der für seine Gäste nummerierte Adiletten-Schlappen bereithält, damit die es schön warm haben. Der ein Playstation-Zimmer hat und eine Sammlung mit sehr teuren Turnschuhen, Pardon: Sneakern. Der ansonsten Wert darauf legt, dass alles in seinem Lieblingszimmer aus der Türkei stammt und den Eroberer des früher christlichen Konstantinopels, Sultan Mehmed II, toll findet.

Es ist leicht, über diesen Özil herzuziehen. Dem Multimillionär, der sich beharrlich verweigert, die Nationalhymne zu singen. Ihm nachzusagen, dass er nie angekommen ist in Deutschland. Ihm anzukreiden, dass er nur gebrochen Deutsch spricht.

Das ist eine Sichtweise, die sich erstaunlicherweise sogar unser Außenminister Heiko Maas von der SPD kurz nach Özils Rücktrittserklärung zu eigen machte:

Ich glaube nicht, dass ich als Außenminister den Rücktritt von Fußball-Nationalspielern kommentieren muss. Ich glaube auch nicht, dass der Falle eines in England  lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland.

Maas bekam dann gleich von seinem Partei-Genossen und Alt-Bundeskanzler Gerd Schröder kräftig eingeschenkt.

Der Süddeutschen Zeitung gab Schröder zu Protokoll, die Äußerungen von Maas seien “schlicht und einfach unerträglich”. Es handle sich dabei um “dumpfe Kommentare”.

Maas mache Özil indirekt zum Vorwurf, dass er viel Geld verdiene und seinen Lebensmittelpunkt derzeit nicht in Deutschland habe. Maas zweifle auch an, “dass Özil hier so richtig dazugehört”. Mit seinen Aussagen spiele er denen in die Hände, die Mesut Özil wegen der türkischen Herkunft seiner Familie ablehnten.

Maas selbst hat dann auch gemerkt, dass seine Einlassung nicht direkt oberschlau war und hat später bei Twitter angefügt, dass man sich “jeder Form von Rassismus” entgegenstellen müsse. Kurz bevor er Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger via Twitter zum Geburtstag gratuliert hat.

Neben Maas und Schröder haben sich noch geäußert: Claudia Roth von den Grünen, die wenig überraschend meint, dass wir ein Rassismusproblem haben. Cem Özdemir von den Grünen, der findet, DFB-Grindel hätte von Özil eine Klarstellung zum Erdo-Foto einfordern müssen. Der Grüne Robert Habeck, der die Schuld für die Misere originellerweise bei Horst Seehofer verortet. Justizministerin Katarina Barley von der SPD, die Özils Rücktritt von der Nationalmannschaft auf Twitter als “Alarmzeichen” wertet. Undsoweiter.

Geäußert haben sich natürlich auch zahlreiche Politiker aus der Türkei, allen voran Erdogan himself, der erklärte mit Özil telefoniert zu haben und für unsere Ohren reichlich befremdlich sagte: “Ich küsse seine Augen”. Ein Kerem Abadi hat getwittert: “Seit Adolf Hitler hat sich nicht vieles geändert in Deutschland. Rassismus wurde nur zeitgenössisch modernisiert.” Platter geht’s nun wirklich nicht.

Das sind so die Geister, die Özil mit seiner General-Abrechnung gerufen hat, ob er das wollte oder nicht. Özil schreibt in seiner Erklärung, er habe mit dem Erdogan-Foto keine “political intentions” verfolgt. Ob er solche “intentions” hatte oder nicht ist freilich ziemlich egal. Die political reactions sind jedenfalls unübersehbar.

Özil wirft Teilen der Medien vor, das miese Abschneiden Deutschland bei der WM auf seine Herkunft und das Erdogan Foto zurückzuführen und damit rechte Propaganda zu betreiben. Nachvollziehen lassen sich diese pauschalen Vorwürfe nicht. (Wer ihm das tatsächlich vorgehalten hat, war der DFB-Manager Oliver Bierhoff, der nach berechtigter Kritik an der Aussage aber sogleich mit heftigen Rückruder-Bewegungen begonnen hat.)

Özil schreibt, man habe nicht seine Spielweise kritisiert. Doch, hat man! Er beklagt sich, über Lothar Matthäus’ Foto mit Wladimir Putin sei nichts Kritisches geschrieben worden. Doch! Sogar hauptsächlich in der Bild, obwohl Matthäus dort Kolumnist ist. Özil lässt zudem außen vor, dass er in vielen Medien gegen unbotmäßige Kritik verteidigt wurde.

Özils Wut-Triptychon ist voller Emotionen und Widersprüche. Es ist unfair und unklug. Aber ist es teilweise vielleicht auch verständlich? Es ist schwierig, in einen anderen Menschen hineinzublicken. Erst recht, wenn der andere Erfahrungen gemacht hat, die einem selbst fremd sind. All die Journalisten, die so genannte “Bio-Deutsche” sind (ein schreckliches Wort, aber mir fällt gerade kein besseres ein) können womöglich diesen Zwiespalt, den Mesut Özil und zig tausend weitere Migranten-Kinder fühlen, nicht nachvollziehen.

Einen sehr lesenswerten Text zum Thema hat Adam Soboczynski für die Zeit geschrieben (Paid Content). Er hat polnische Wurzeln und weiß daher schon eher, wie das so ist in Deutschland als Kind zweier Nationen. Er beschreibt Özil als “Flipperkugel”, die zwischen Deutschland und der Türkei hin und her gespielt wurde. Daher womöglich auch Özils Flucht ins Englische bei seiner Erklärung, sozusagen als neutraler sprachlicher Boden. Soboczynski verweist auf Özils Autobiografie “Die Magie des Spiels”, die vor gut einem Jahr erschien und tatsächlich erstaunlich wenig medial beachtet wurde. Darin beschreibt Özil, wie er in Gelsenkirchen aufgewachsen ist, die Mutter putzte, der Vater arbeitete in einer Lederfabrik. Zuhause wurde türkisch gesprochen, in der Schule auch, außer mit dem Lehrer. Das vergisst man leicht, welchen Wahnsinnsweg dieser Özil hinter sich hat vom Affenkäfig genannten Bolzplatz im Pott bis zu seiner Villa in London.

Der Welt am Sonntag hat er zum Erscheinen seiner Biografie ein lesenswertes Interview gegeben. Eines seiner wenigen. Da zeigt sich ein nachdenklicher und reflektierender Özil, der sich aber auch ohne Wenn und Aber zu seinem Heimatland Deutschland bekennt.

Je länger man auf diesen Fall Özil schaut, desto schwieriger wird es, ein Urteil zu fällen. Özil undankbar. Der DFB rassistisch. Die Medien kampagnengeil. So platt und einfach ist es nicht, war es nie. Vermutlich stimmt die Binse, dass hier alle Beteiligten an irgendeiner Stelle Fehler gemacht haben.

Auf dem Weg vom Gelsenkirchener Affenkäfig über die Integrations-Bambi-Verleihung bis hin zu Özils Twitter-Abrechnung scheint jedenfalls etwas zerbrochen zu sein. Der Verdacht ist, dass es nie ganz heil war.

Nächste Woche dann wieder ein “normaler” Wochenrückblick an dieser Stelle.

Schönes Wochenende!

Hier gibt es diesen Wochenrückblick auch als Audio-Kommentar im Podcast-Format:

Korrektur-Hinweis: In einer früheren Fassung wurde der zitierte Twitter-Nutzer Kerem Abadi als AKP-Abgeordneter bezeichnet. Dies war ein Fehler und wurde korrigiert.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia