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Ja, die Bild ist im Kampagnen-Modus gegen Mesut Özil. Aber…

Mesut Özil (l.) beschuldigt Medien der rechten Propaganda und Julian Reichtelts Bild ist schnell als Schuldige gefunden

Ex-Nationalspieler Mesut Özil hat sich in einem der drei Akte seiner Rücktrittserklärung explizit den Medien und ihrem Umgang mit ihm, seiner Leistung und seinem Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan gewidmet. Ohne konkrete Namen zu nennen, wirft er ihnen Hetze und Rassismus vor. Für viele Beobachter ist der Hauptschuldige schnell gefunden: Springers Bild. Das ist zu kurz gegriffen. Auch wenn der Kampagnenbegriff nicht unbegründet ist, trifft die Zeitung zumindest einen wahren Kern. Eine Analyse.

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Wollte Mesut Özil nach seinem umstrittenen Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan im Mai dieses Jahres und der Weltmeisterschaft, in der er von Kritik begleitet worden war, sein wochenlanges Schweigen endlich brechen, blieben ihm eigentlich nur zwei Möglichkeiten: ein Interview in der Zeit, die viele Prominente für ihre Krisenkommunikation wählen, oder eine Erklärung auf den eigenen Kanälen im Netz. Er entschied sich für letzteres – was womöglich eine weitere, falsche Entscheidung war. Seine Rücktrittserklärung war Bestandteil einer Generalabrechnung in drei Akten, in denen er Sponsoren, Medien und dem DFB teils schwerwiegende Vorwürfe machte.

So hätten „gewisse Zeitungen“ seinen „Hintergrund“ und sein Foto mit dem türkischen Präsidenten für „rechte Propaganda“ benutzt. Es sei nicht seine sportliche Leistung, sondern seine türkische Abstammung sowie seine Erziehung kritisiert worden. Das ist harter Tobak, für den Beobachter und Analysten nun eine Schuldige identifizieren: die Bild. Doch das ist zu kurz gegriffen.

Ja, die Bild hat bei Mesut Özil kein Blatt vor den Mund genommen, war alles andere als zimperlich im Umgang mit ihm. Aber: Sie war damit nicht allein. Die Frage danach, wie DFB, Politik, Gesellschaft mit dem von der Erdogan-Partei AKP einen Tag vor der WM-Kader-Bekanntgabe verbreiteten Foto, das Mesut Özil, Spielerkollegen Gündogan und den Präsidenten zeigen, umgehen sollen, bewegte nahezu alle Medien. Viele äußerten sich – zurecht – kritisch, verurteilten das Verhalten, forderten eine Erklärung des Spielers, der sich konsequent ausschwieg. Das Foto sollte Özil die gesamte WM verfolgen und nachgetragen werden. Auch, aber nicht nur von Bild.

So war es der TV-Sender ProSieben, der sich nach dem verlorenen Spiel gegen Südkorea sogar für einen Tweet entschuldigen musste, in dem er über Özil herzog und kurzerhand seinen Rücktritt forderte. Wenn Deutschland schlecht performt hatte, kramten Redakteure vieler Redaktionen gleich Fotos von Mesut Özil heraus, um ihre Artikel entsprechend zu bebildern. Darunter auch die FAZwas einen Redakteur des Blattes nicht davon abhielt, der Bild vorzuwerfen, monatelang an der „Ausbürgerung“ Özils gearbeitet zu haben.

Özil hat Recht. In einem Punkt. Die Medien sind, was die Analyse der sportlichen Leistung angeht, unfair mit ihm umgegangen. Nach Jahren des Erfolges, nachdem er sich 2014 vor dem Brandenburger Tor als Weltmeister feiern ließ, ist Özil zur Symbolfigur für die miserable WM 2018 der deutschen Mannschaft geworden. Die Grenzen zwischen dem Sportlichen und dem Politischen wurden aufgehoben. Das liegt nicht nur an den Medien, sondern auch an Özil selbst. Und freilich auch daran, dass der DFB zugelassen hat, dass mitunter Funktionäre ihn zum Bauernopfer machten.

Und es ist richtig zu sagen, dass Bild ihren Teil zu einer Kampagne beigetragen hat. Sie war dabei lauter, härter als andere, weil bei Bild grundsätzlich alles in großen Lettern transportiert wird. Nicht alles war sauber. Bild druckte dabei Widersprüche, ohne es zu merken, griff auf Gast-Autoren bzw. Kolumnisten für besonders krawallige, teils schwachsinnige Ansichten und Meinungen zurück. Dass Bild im Rahmen seiner WM-Berichterstattung ohnehin keine glückliche Figur abgegeben hat, hatte MEEDIA bereits verdeutlicht. 

Wenn die Bild nun behauptet, selbst nie die Forderung nach einem Rauswurf Özils aus der Nationalmannschaft gefordert zu haben, dann muss man zumindest protokollieren, dass sie die Frage danach gestellt hat. Und dass zumindest auch mal Konsequenzen gefordert worden sind. Was Kritiker hierbei vergessen haben: Im selben Atemzug wurde auch vor Konsequenzen gewarnt. Bild war nicht nur unsachlich. Aber selbst wenn: Was wäre angesichts des Fotos falsch daran gewesen, deutlich Konsequenzen in Form eines Rauswurfs aus der Mannschaft zu fordern? Für das Spiel der Nationalmannschaft wäre diese Stimmung sicherlich nicht förderlich gewesen. Wohl aber legitim.

Innerhalb des Axel-Springer-Hauses zeigt man sich nun genervt davon, dass Kritiker „nicht über Seite 1 hinausblättern“ würden und ihre Kritik hauptsächlich an Titelseiten fest machen. Selbst wenn das stimmen würde, wäre das im Falle einer Kaufzeitung mehr als gerechtfertigt. Die Titelseite der Bild ist ihr mächtigstes Werkzeug. Die Redakteure wissen das.

Das mediale Problem jedoch liegt woanders. Es mag en vogue sein, der Bild nach Jahren der Mäßigung wieder das Bedienen rassistischer Ressentiments vorzuwerfen (vor allem im Umgang mit der Flüchtlingsfrage nicht gänzlich ohne Grund). Ohne Frage hat Bild Özil zum Buhmann der WM erklärt, und die Frage ist durchaus berechtigt, ob nicht ein stückweit Diskriminierung eines Einzelnen darin steckt. Für die Unterstellung rassistischer Motivation oder rechter Propaganda eignet sich der Fall Özil allerdings nicht (Migrationsforscher Özkan Ezli hat in der SZ sehr anschaulich erklärt, wo der Unterschied liegt).

Dass Özil seine Wurzeln und die Verbindung in das Land, aus dem seine Vorfahren stammen, nicht vergessen und ehren will, ist sein Recht. Es hatte ihn zur interkulturellen Leitfigur gemacht. Dabei ist nicht die Nähe zur Türkei das Problem, sondern zum Despoten Erdogan, der gewiss nicht für die gesamte Türkei steht. Die Ausführungen Özils (oder seiner Berater) es sei ihm darum gegangen, auch dem höchsten Amt der Türkei Respekt zu zollen, sind ebensowenig Problem. Es ist seine Unglaubwürdigkeit. Denn in diesem Fall hätte er Erdogan aber unter keinen Umständen treffen sollen. „Der Skandal, um den es eigentlich geht, ist in Vergessenheit geraten“, schrieb Bild-Chef Julian Reichelt am Dienstag in einem Kommentar. „Ein Deutscher macht Wahlkampfwerbung für einen türkischen Alleinherrscher…“. Daran ist nichts falsch, nichts rassistisch oder Hetze. Das ist ein Fakt.

Ja, die Bild hat Mesut Özil zum Ziel einer Kampagne gemacht. Aber aus einer wichtigen Grundüberzeugung heraus. Sie ist hart, sie ist zugespitzt. Aber legitim. Denn wenn Özil nicht erkennt, was er dort tut oder es eingestehen will, dann muss man es ihm deutlich machen. Hätte er von vorn herein alle Karten offengelegt, hätte es eine Kampagne womöglich nicht gegeben. Genauso wenig, wenn sich der DFB in dieser heiklen Angelegenheit nicht dermaßen passiv verhalten hätte, in dem er Özils Schweigen wie auch der Medienkampagne tatenlos zusah.

Das bedeutet nicht, dass es nicht auch ein Rassismus-Problem in Deutschland gibt. Wenn Özil jedoch den Verdacht der rechten Propaganda in den Raum stellt, muss die Frage erlaubt sein, was er bezweckt. Es ist nicht Springers Boulevardhaubitze, die Özil als „Ziegenficker“ bezeichnet oder ihm hinterherruft, das Land zu verlassen. Es ist auch weniger die Aufgabe einer Zeitung als es die des DFB gewesen wäre, sich schützend vor den nun Ex-Nationalspieler zu stellen. Vielmehr konzentriert sich Bild auf eine Ebene und einen Kern, der von der Rassismus-Debatte überschattet wird: Einem nicht wegzuredenden und offensichtlichem (individuellem) Identifikationsproblem Özils.

Freilich: Teile der Berichterstattung von Bild sind überzogen. Die fast schon verteidigende „Analyse“ zu Özils Abrechnung in der am Vortag veröffentlichten Titelgeschichte fördert mit Schlagworten wie „Jammer-Rücktritt“ nicht gerade den konstruktiven Diskurs. Auch das heutige Verhalten, in der Bild die Worte eines „entfernten Verwandten“ Özils (für den Özil immer ein Türke bleibe, etc.) gleich der ganzen Familie in den Mund legt, ist alles andere als sauber und mag eine gewisse Stimmung verursachen. Letztere Geschichte bildet aber auch ab, was in der Türkei gerade passiert ist. Auf einer Plakatwand wird statt Özil, dem Weltkicker, nun der Erdogan-Freund Özil gezeigt. Er ist eben nicht nur Opfer. Er ist auch ein Mittäter in Erdogans hochtouriger Propaganda-Maschine. Das missachtet im Übrigen – bis auf wenige Ausnahmen – derzeit auch die Politik und spielt dem Machthaber im Wahlkampf überraschend leicht in die Karten.

Die überschnelle Reaktion auf den Rassismus-Vorwurf bringt die politische Elite aus dem Konzept. Plötzlich steht eine Claudia Roth vor dem Mikro des Deutschlandfunk und erklärt, dass die politische Auffassung (nicht die parteipolitische) kein Maßstab für Integration und Zusammenleben sei. Dass ausgerechnet Katarina Barley (SPD), die Justizministerin die Rassismusvorwürfe Özils gegen den DFB, gegen die Medien, unreflektiert wiederholt und weiterverbreitet, dass die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli Özils Abgang aus der Nationalmannschaft ein „Armutszeugnis“ nennt und fragt, wann „wir endlich dazugehören“ grenzt an politischer Instrumentalisierung. Dabei ist nur die Frage, wer hier wen instrumentalisiert. Die FAZ beschreibt das als „Verfolgungswahn und Verantwortungslosigkeit“. In der Affäre um Mesut Özil gibt es viele Schuldige und viele, die Verantwortung für Fehlverhalten tragen, aber eben nicht den einen Täter und das eine Opfer.

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