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Happy Birthday zum siebzigsten, äh, achtzigsten Geburtstag: Wie der stern beim eigenen Gründungsmythos mogelt

Eine Marke, zwei Illustrierte: Der stern wurde nicht wie oft kolportiert vom mythen-umwobenen Blattmacher Henri Nannen erfunden, sondern erschien schon 1938 in der NS-Zeit. Bei den von Chefredakteur Christian Krug ausgerufenen Jubiläumsfeierlichkeiten wird die Vorgeschichte ausgeblendet
Eine Marke, zwei Illustrierte: Der stern wurde nicht wie oft kolportiert vom mythen-umwobenen Blattmacher Henri Nannen erfunden, sondern erschien schon 1938 in der NS-Zeit. Bei den von Chefredakteur Christian Krug ausgerufenen Jubiläumsfeierlichkeiten wird die Vorgeschichte ausgeblendet

Am 15. September lädt Gruner + Jahr zu stern-Stunden ins Verlagsgebäude am Hamburger Baumwall: Der Tag der offenen Tür, Rundgänge durch die Ressorts, Vorträge und Interviews inklusive, steht ganz im Zeichen des "70-jährigen Jubiläums" der Zeitschriftenmarke. Eine Ankündigung, die manchen irritiert, hatte der stern doch schon vor drei Jahren mit dem eigenen Gründungsmythos aufgeräumt. Stattdessen wird die auf 1938 zurückdatierende Vorgeschichte des Ur-sterns ignoriert, die im Eingeständnis mündete: "Henri Nannen hat den stern nicht erfunden". Ein Unding, findet der langjährige G+J-Kommunikator Kurt Otto, in einem Gastbeitrag für MEEDIA.

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Ein Gastbeitrag von Kurt Otto

Anlässlich des vermeintlich 70. stern-Jubiläum lädt Gruner + Jahr am 15. September seine Leser, Abonnenten und alle Interessierten zum “Tag des Journalismus” ein. Ein Tag, der nach Ankündigung seines Chefredakteurs Christian Krug in der G+J-Pressemitteilung „zum Austauschen und Diskutieren, der informieren und unterhalten will – Eigenschaften, die großen Journalismus im Kern auszeichnen und lebendig machen: so wie den stern seit 70 Jahren.” Hierbei sollen auch „kritische Momente nicht ausgeblendet“ werden, wie programmatisch angekündigt wird.

Und der in diesem Monat in den Ruhestand scheidende stern-Herausgeber Andreas Petzold ergänzt in seinen Editorial zum diesjährigen stern-Jubiläum: „Dünn war es. Ein dünnes Blättchen, nur 16 Seiten zum Preis von 40 Pfennig. Der erste stern erschien am 1. August 1948 mit einer Auflage von gut 130.000 Exemplaren.“

Aber Andreas Petzold sollte es eigentlich besser wissen, als diese immer wieder aufs Neue aufgewärmte Geschichte des stern-Gründungsmythos von 1948: Denn er selbst führte am 11. Juni 2015 im stern mit dem Medienhistoriker Tim Tolsdorff ein bemerkenswertes Interview unter der spektakulären Headline: “Henri Nannen hat den stern nicht erfunden.” – Nur drei Jahre ist’s her, hat er sein Interview bei Vorbereitung seines aktuellen Editorials vielleicht vergessen?

Bislang dominierte die Darstellung, Henri Nannen habe den stern über Nacht erfunden

Tolsdorff damals zum Hintergrund seiner wissenschaftlichen Arbeit zu den Wurzeln des stern: Bislang dominierte in der Öffentlichkeit die Darstellung, Henri Nannen habe 1948 wie aus dem Nichts den stern erfunden, eines der größten Magazine im Land. Diesen Mythos wird mit seinem 2014 erschienenen Buch “Von der stern-Schnuppe zum Fix-stern. Zwei deutsche Illustrierte und ihre gemeinsame Geschichte vor und nach 1945” dekonstruiert.

Nannen griff bei der Einführung seiner Zeitschrift auf eine publizistische Marke aus NS-Zeiten zurück. Bereits 1938 wurde vom Deutschen Verlag eine Illustrierte namens Der Stern publiziert. Der Titel enthielt aufwendige Fotostrecken, exklusive Reportagen aus dem Leben Prominenter, ein farbiges Layout, Berichte aus den USA und – jedenfalls zu Anfang – nackte Haut. Und das Blatt war ein Publikumshit: Die Auflage lag bei 750.000 Exemplaren. Anhand bislang unbekannter Quellen weist Tolsdorff nach, dass Nannen das NS-Blatt “relaunchte” und dabei auf die Unterstützung von belasteten Journalisten und Verlagsmanagern bauen konnte.

Es waren diese historischen Befunde, die den stern im Juni 2015 zum spektakulären Gespräch mit Tim Tolsdorff über die braune NS-Vorgeschichte des Magazins seit 1938 führten. Dabei konnten diese Erkenntnisse Gruner + Jahr seit den Vorbereitungen des 50. stern-Jubiläums von 1998 eigentlich nicht sonderlich überrascht haben. Es gab bereits schon damals erste Hinweise, als der Direktor des Landesmuseums Dithmarschen, Wolf-Dieter Könenkamp, die Redaktion über die Existenz des alten NS-sterns informierte. 2000 erschien in der Zeit ein Artikel von Nils Minkmar, der den Titel trug: „Der Stern im Schatten des Sterns“.

Tolksdorff setzte sich kritisch zum Schluss seines stern-Interviews“ von 2015 mit der offenkundigen historischen Ignoranz am Baumwall über viele Jahre hinweg auseinander: „Spätestens da hätte der stern seinen Rechercheapparat in Gang setzen und den Dingen nachgehen müssen. Aber offenbar wollte beim stern und bei Gruner + Jahr lange niemand am Gründungsmythos und an der Figur des Übervaters Henri Nannen kratzen.“ Nichts also passierte.

Immerhin – in wenigen Wochen feiert der stern ein neues Jubiläums – definitiv nicht seinen 70., sondern bereits den 80. Geburtstag. Und er kann an seinem angekündigten „Tag des Journalismus“ in den geplanten öffentlichen Diskussionen sich auch mit der überfälligen historischen Korrektur seiner Gründungsgeschichte befassen.

Den Segen dafür hatten Redaktions- und Verlagsspitze bereits am 25. November 2014 in der Stuttgarter Zeitung gegeben: Andreas Petzold deutet erstmals die Abkehr von der Position von 1998 an, ohne das direkt so auszusprechen „Die Arbeit von Tim Tolsdorff ist beeindruckend. Die Ähnlichkeiten zwischen dem stern von 1938 und dem stern von 1948 sind offensichtlich. Es liegt nahe, dass sich Henri Nannen am ,stern’ von Kurt Zentner (Anm: der NS-stern) orientiert hat. Jeder möge seine eigenen Rückschlüsse ziehen.“

Und G+J-Chefin Julia Jäkel gab in der gleichen Zeitung zu Protokoll: „Es gibt nun wirklich überhaupt keinen Grund, diese Erkenntnisse unter den Teppich zu kehren. Als Historikerin wäre mir das sowieso unvorstellbar. Insofern sind wir sehr daran interessiert, zu erfahren, wie es wirklich war. Wir romantisieren und verklären nicht, sondern haben ein Interesse an der Wahrheit.“ Warten wir’s ab…

Angesichts des Vorkriegs-stern geht es mit diesen überfälligen historischen Korrekturen keineswegs darum, leichtfertig die grandiose Lebensleistung des stern-Gründers, – Chefredakteurs und -Herausgebers über Jahrzehnte – für Gruner + Jahr und den deutschen Qualitätsjournalismus – in irgendeiner Form zu schmälern. Henri Nannen ist und bleibt einer der ganz Großen in der Zeitschriftengeschichte des 20. Jahrhunderts.

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Wenngleich Henri Nannen zeitlebens nie Interesse daran hatte, sein Leben autobiografisch geradlinig und ohne Schlangenlinien nachzuzeichnen. Er war der talentierte und phantasievolle Erzähler von Geschichten und Anekdoten vor allem in eigener Sache, die von ihm, je nach Anlass und Zusammenhang, geschmeidig etwas zurechtgebogen wurden. Vermutlich hätte Nannen in diesem Sinn zu seinen Lebzeiten alles unternommen, eine historisch einigermaßen korrekte und stimmige Darstellung der Bedeutung des Vorkriegs-stern für seinen Kosmos zu verhindern.

Es geht heute allein um die Tatsache, dass die stern-Redaktion vor 20 Jahren taube Ohren hatte, als sie 1998 – zwei Jahre nach dem Tod von Henri Nannen – vom damaligen Direktor des Dithmarscher Landesmuseums fundierte Hinweise und Belege auf den Vorkriegs-stern von Kurt Zentner erhielt, dann aber doch nichts konkret unternahm, um nach Nannens Tod den Gründungsmythos des stern historisch zurechtzurücken, was damals auf eine verständnisvolle Medienresonanz gestoßen wäre.

Medien brauchen keine Säulenheiligen, sondern ein stärkeres Gefühl für ihre Wurzeln

Verlage wie Gruner + Jahr und andere Medienhäuser können aus dieser medienhistorischen Episode über die Jahrzehnte ablesen, dass es sich langfristig unangenehm rächen kann, wenn man keine Antennen hat für eine historisch einigermaßen korrekte Darstellung der Geschichte und Wurzeln seiner Titel. Und wenn man offensichtlich wenig geneigt und bereit ist, vorausschauend für diesen Anspruch etwas an Zeit, Aufwand und historischer Expertise zu investieren; vor allem, wenn es um jene dunklen Jahre geht.

Medien brauchen keine Säulenheiligen, sie benötigen ein sehr viel stärkeres Gefühl für ihre Wurzeln. Sie sollten sich als Teil ihrer gelebten Unternehmenskultur stets kritisch hinterfragen: Wo kommen wir her? Was sind unsere Wurzeln? Das mag banal klingen, es gerät aber leicht in Vergessenheit.

Dem Axel Springer-Verlag ist es in diesem Sinne 2012 gelungen, die Wurzeln des Unternehmens in der heutige Zeit mit neuen Akzenten zu verankern. Gesellschafter, Vorstand und Presseabteilung hatten damals den 100. Geburtstag von Axel Springer zum Anlass genommen, sich in breiter Front und mit allen Stilmitteln der Kommunikation mit der Persönlichkeit des Verlegers auseinanderzusetzen. Auch kritisch und despektierlich, ohne hohle Festreden mit Zuckerguss. Sie hatten dabei das Risiko auf sich genommen, Springer historisch neu zu sehen, mit allen seinen Stärken, aber auch seinen vom Verlag bislang verschwiegenen Schwächen.

Ebenso hat das Haus Bertelsmann vor gut 20 Jahren für eine angemessene Einordnung seiner Historie in den Nazi-Jahren gesorgt und damit für die deutsche Medienwirtschaft ein vorbildliches Zeichen gesetzt. Der damalige Vorstandsvorsitzende Dr. Thomas Middelhoff berief 1999 eine international anerkannte Historiker-Kommission ein, zur „Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich”. Da ging es allerdings um sehr viel größere und gravierendere Dimensionen von Verquickungen von Bertelsmann und der Eigentümerfamilie Mohn mit dem Nazi-Regime. Gleichwohl bewies Bertelsmann mit diesem durchaus schmerzlichen Prozess der Historiker-Recherchen über mehrere Jahre, dass es sich letztlich auszahlt, im Unternehmen selbst die eigenen historischen Wahrheiten nach neuen Erkenntnissen aufzuarbeiten.

Auch und vor allem dann, wenn es schmerzen sollte.

 

 

Zur Person: Kurt Otto ist seit 50 Jahre in der Medienbranche tätig, davon 24 Jahre bei Gruner+Jahr, u.a. als Leiter des Vorstandsbüros und Pressesprecher / stellvertretender Leiter der Unternehmenskommunikation. Zu seinen weiteren Stationen zählen u.a. PR-Aufgaben für die Verlagsgruppe Handelsblatt, den Spiegel Verlag und die Bauer Media Group. Vor seinem Ausstieg bei G+J 2012 betreute Otto dort Projekte der Mediengeschichte. Seither ist Otto als freier Berater für Medienunternehmen tätig.

 

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Alle Kommentare

  1. Das einzige, das ich im Stern lese, wenn ich ihn beim Frisör blau eingeschlagen rumfliegen sehe, ist “Was macht eigentlich…?” Schöne Rubrik. Früher (vor 2015) konnte man Jörges auch noch lesen als er Merkel noch abgrundtief gehasst hat. Doch mittlerweile… Nein, danke.

  2. Unter Henri Nannen hatte der Stern einzigartige Fotos und Texte. Das ist lange vorbei. Und inzwischen ist er fast wieder so dünn wie zu Anfang.

  3. Lieber Herr Otto,

    Sie irren diesmal doppelt, wenn Sie erstens allgemein meinen, Zeitschriften seien bei ihrer Gründungsgeschichte immer wahrhaftig und zweitens, der STERN hätte zu seiner Vergangenheit immer geschwiegen.

    zu 1) – “Brigitte” feiert ihren Geburtstag zweimal: In meinem Regal steht das GJ-Werk “100 Jahre Brigitte” von 1986 (1886 Gründung “Dieses Blatt gehört der Hausfrau”). Und 2014 wurden dann “60 Jahre Brigitte” gefeiert.
    – 2016 feiert “Eltern” 50-Jähriges Jubiläum. Tatsächlich ist Eltern die modifizierte Fortführung des 1960 im Verlag “C. Busch-du Fallois Söhne GmbH”, Krefeld gegründeten “Eltern Magazin”, das Kindler & Schiermeyer 1966 aufgekauft hat.

    nun zu 2) Ich gebe Ihnen ein Zitat aus dem Stern-Jubiläumssonderdruck vom 25.12.1978, S.4, der mir vorliegt:

    „Nun waren in den letzten Wochen einige neue Leute … eingezogen. Alte Hasen, Ullstein-Profis. (…) Da diese Leute immerzu von ihrer Ullsteinzeit redeten … könnte es durchaus sein, daß dieser oder jener einmal wähnte, er habe ein Artikelchen geschrieben für eine Filmzeitschrift, die ‚Stern‘ hieß. Hat da jemand ‚Stern‘ gesagt? Kein anderer als Nannen hat STERN gesagt, und dabei blieb’s.“

    Diese Geschichte hat einfach keinen Menschen interessiert, bis Herr Tolsdorff 2014 mit großem Tamtam sein Werk veröffentlicht hat. Wobei Tolsdorff dieses Zitat nicht einmal gefunden hat. Auf unserer Website finden Sie übrigens eine Rezension zum Tolsdorff-Werk.

    Freundliche Grüße nach Hamburg,
    Andreas Vogel

  4. Was hatte der Stern von Henry Nannen gemein mit dem Nazi-Stern – außer dem Namen? Nix. Denn die aufgezählten Grundelemente des Vorgängersterns, Promi-Stories, Fotos, “nackte” Haut etc. musste Nennen nun wirklich nicht von Nazi-Journalisten abkupfern. Die eigentlichen Vorbilder lagen wohl mehr im Westen… Hauptsache wieder mal was über braune Sauce.

  5. Danke für diesen Blick hinter die Stern-Fassade.
    Die Kommerzmedien werden überschätzt. Sie sind käuflich, wenn nicht von den Anzeigenkunden, dann auf jeden Fall von den Leser*innen, wie gerade in diesen Zeiten zu erleben ist.
    Die Wahrheit darf sich aber nicht an der Nachfrage orientieren. Darum sind die unabhängig finanzierten öffentlich-rechtlichen Medien so wichtig für die Demokratie, und wären eigentlich auch im Printbereich dringend nötig.

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