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Von „kompletter Unfug“ bis „Wir waren schon mal weiter“: So reagieren deutsche Medien auf Mesut Özils Rundumschlag

Mesut Özils Statement inklusive Rücktritt schlug in der deutschen Presselandschaft hohe Wellen

Die gestrige Rechtfertigung des Fußballers Mesut Özil für sein Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayip Erdogan, sowie sein Rundumschlag gegen deutsche Medien, den DFB und Sponsoren haben hohe Wellen geschlagen. Auch am Tag danach beherrscht die Debatte um seine Aussagen die Medienlandschaft.

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Die Bild unterzieht mit sechs Redakteuren, darunter Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und Sportchef Matthias Brügelmann, das dreiteilige Statement Özils einer Analyse. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass Özil die Fehler vor allem bei anderen sucht und als Entschuldigung eine Rassismus-Debatte heraufbeschwören will. Seinen Vorwurf einer Medienkampagne gegen seine türkischen Wurzeln, bezeichnet die Bild als „kompletten Unfug, pures Selbstmitleid“ und „von Özil frei erfunden“.

Entsprechend fielen auch die Kommentare von Bild-Redakteuren auf Twitter aus:

Vor allem Bild-Redakteur Timo Lokoschat teilt gegen Özil aus und lieferte sich ein Fernduell mit der Social-Media-Redakteurin von Spiegel-Online, Johanna Röhr:

Etwas differenzierter kommentiert Daniel Raecke, Sportressort-Leiter von Spiegel-Online, den Sachverhalt. Er verweist auf die in Deutschland geltende Meinungsfreiheit und die daraus resultierende Notwendigkeit zur Auseinandersetzung auch mit Erdogan-Anhängern. Er kritisiert in diesem Zusammenhang, dass „viele so tun, als gebe es einen klaren Wertekatalog, zu dem sich alle Menschen, die mit dem deutschen Fußball zu tun haben, bekennen müssen“.

Sportredakteur Julien Wolff von welt.de legt den Fokus in seinem Kommentar hingegen auf den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Zunächst verweist er auch darauf, dass Özil sich zu spät zu dem Foto mit Erdogan geäußert hätte und mit seinem Statement über das Ziel hinausgeschossen sei. Danach fordert er allerdings eine schnelle Erklärung Grindels zu dem Vorwurf, er habe sich gegen eine gemeinsame Erklärung von Özil und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesperrt. Er verweist dabei auch auf die Integration als „eine der wichtigsten Aufgaben“ des DFB und die etlichen Jugendfußballer mit Migrationshintergrund.

In dieselbe Kerbe schlägt auf Twitter auch der Grünen-Politiker Cem Özdemir.

Christian Spiller, Leiter des Sportressorts von Zeit Online, problematisiert in seinem Kommentar primär den Sachverhalt, dass ein deutscher Fußballnationalspieler zurücktritt, „weil er sich rassistisch angefeindet fühlt“. Durch Özils Abgang hätten „die Populisten gewonnen“, schreibt er und zieht das Fazit, dass das Foto mit Özil und Erdogan gezeigt habe, „wie weit große Teile dieses Land sind, was den Umgang mit Menschen angeht, die nicht Thomas Müller heißen oder wie Toni Kroos aussehen. Und nicht nur beim Blick auf die deutsche Nationalmannschaft muss man in diesen Zeiten zu der traurigen Erkenntnis kommen: Wir waren schon mal weiter. Oder glaubten, es zu sein.“

SZ-Sportredakteur Martin Schneider sieht im Rücktritt von Mesut Özil und dessen Zerwürfnis mit dem DFB die „wahre Niederlage dieses Sommers“, statt im Vorrundenaus der DFB-ELf. Seiner Einschätzung nach wird dies dazu führen, dass „noch mehr geschrien“, „noch weniger zugehört“ und das „sowieso schon toxische Klima in der Debatte um Integration weiter vergiftet“ werde. Verantwortlich macht er dafür sowohl Mesut Özil und sein Berater-Team, wirft ihnen Naivität vor, aber auch den DFB aufgrund seiner sehr gegensätzlichen Äußerungen.

Ähnlich argumentiert auch der langjährige DFB-Pressesprecher Harald Stenger im Interview mit tagesschau.de, geht aber insbesondere mit dem DFB-Prsäidenten Reinahrd Grindel härter ins Gericht. Dieser sei „nicht mehr tragbar und haltbar“, da er einen „Wischiwaschi-Kurs“ fahre und ist aus Stengers Sicht „der schlechteteste DFB-Präsident in den letzten 50 Jahren“. Stenger plädiert daher dafür, dass Grindel den Weg für einen Nachfolger freimachen sollte.

Der Deutsche Journalistenverband wies indes in einem Statement den Vorwurf von Mesut Özil, einer rassistischen Medienkampagne gegen ihn zurück. Nach Einschätzung vom DJV-Bundesvorsitzenden Frank Überall „ist ein gemeinsames Foto mit dem für die Abschaffung der Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei gefürchteten Autokraten politisch“, das „natürlich kritische Fragen aufwerfen“ müsse.

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