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Nach Artikel zur Flüchtlingsrettung: Zeit-Chefredakteure bedauern “falschen Eindruck”, Titanic provoziert mit “Mordaufruf”

Zeit-Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich (l) ,Titanic-Chefredakteur Tim Wolff
Zeit-Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich (l) ,Titanic-Chefredakteur Tim Wolff

Die Zeit hat mit einem Pro-Contra-Beitrag über die Legitimität der privaten Flüchtlingsrettung viel Kritik ausgelöst. Im hauseigenen Blog bedauert die Redaktion nun, dass sich Leser "in ihrem ethischen Empfinden verletzt" gefühlt haben. Politik-Chef und Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich kritisiert auf Twitter zugleich die "flüchtlingsfreundliche Gemeinde". Unter anderem hatte Titanic-Chef Tim Wolff mit einem Mordaufruf provoziert.

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Mit so starker Kritik der Leser hatte Die Zeit wohl nicht gerechnet. In der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung, die den Titel “Sei mutig” trägt, veröffentlichte die Redaktion einen Pro-Contra-Beitrag darüber, ob private Helfer Flüchtlinge aus Seenot retten sollen – und ob das überhaupt legitim sei. Der Beitrag hat unter Journalisten und Politikern für Empörung gesorgt (MEEDIA berichtete). Die Kritik bezog sich insbesondere auf die in der Zeile formulierte Frage “Oder soll man es lassen?” und die Position von Mariam Lau, die den Contra-Part übernahm.

Lau argumentiert in ihrem Text, dass die privaten Retter längst Teil des Geschäftsmodells der Schlepper seien – und damit das Problem nur verschärfen würden. Auch politisch hält sie die private Seenotrettung für falsch: “Wer mit dem Verweis auf Menschenrechte jede Sicherung der Grenzen zu verhindern versucht, wird am Ende denen in die Hände spielen, die gar kein Asylrecht mehr wollen.” Leser, Journalisten und Politiker zeigten sich empört über ihre Position. Monitor-Chef Georg Restle etwa schrieb auf Twitter: “Wer die Seenotrettung unterbinden will, nimmt den Tod von Flüchtlingen billigend in Kauf.”

Zwar hatten die Autorin und Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich bereits am Donnerstagmittag den Beitrag auf Twitter verteidigt. Die Kritik wurde aber so groß, dass sich die verantwortlichen Chefredakteure am Abend gezwungen sahen, in ihrem hauseigenen Blog erneut nachzulegen.

In einem Statement bedauern die stellvertretende Chefredakteurin der Zeit, Sabine Rückert und Bernd Ulrich, “dass sich einige Leser in ihrem ethischen Empfinden verletzt gefühlt haben, und dass der Eindruck entstehen konnte, Die Zeit oder auch Mariam Lau würden einer Seenotrettung generell eine Absage erteilen.” Dies sei nicht der Fall. Der Artikel diskutiere lediglich die Legitimität privater Seenotrettung im Mittelmeer. Für den unglücklich gewählten Titel des Beitrages “Oder sollen wir es lassen?” entschuldigte sich Ulrich zudem auf Twitter:

“Wenn die flüchtlingsfreundliche Gemeinde ins Gefecht zieht”

Wie weit das Bedauern reicht, hat der Zeit-Politik-Chef bereits am Abend gezeigt. In einem wehmütigen Tweet klagt er über die “flüchtlingsfreundliche Gemeinde“, die im Sozialen Netzwerk “ins Gefecht” gezogen sei:

Und weiter: “Man sollte schon mal überlegen, ob Humanismus mit nichthumanem Sprechen erreicht werden kann”.

Im Gespräch mit dem Nordkurier äußerte sich Ulrich ebenfalls unglücklich über den Debattenverlauf: “Es ist ja zunächst einmal absolut richtig und auch gewollt, dass so ein Debattenformat auch eine Debatte auslöst. Aber ich muss wirklich sagen, dass das insbesondere auf Twitter vielfach keine Grenzen mehr kennt, im Ton vollkommen unsachlich und zum Teil sogar gewalttätig wird.”

Titanic-Chefredakteur provoziert
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In der Tat entfernte sich die Debatte im Social Web schnell von inhaltlichen Punkten. Ulrich bezieht sich augenscheinlich auch auf den “Titanic“-Autoren Tim Wolff, der mit einem Satire-Tweet zum Thema provozierte und damit den vorläufigen Höhepunkt der Diskussion markierte. Wolff fragt in Anlehnung an die in seinen Augen unangemesse Zeile des Textes: “Zeit-Mitarbeiter auf offener Straße erschießen?”.

Kurz zuvor schrieb er:

Die Tweets sind bewusst provokant, an der Grenze zur Satire. Doch gerade in Anbetracht des Amoklaufs auf die US-Lokalzeitung Capital Gazette Ende vergangenen Monats geht Wolff in den Augen vieler Journalisten einen Schritt zu weit. Der frühere Zeit-Online-Chef Wolfgang Blau sieht in dem Tweet etwa einen Aufruf zum Mord:

Kollegen wie Bild-Chef Julian Reichelt oder Ines Pohl von der Deutschen Welle springen ihm bei:

Die ganze Diskussion hat sich in einem Ausmaß gedreht, dass nun nicht mehr der Inhalt des Zeit-Beitrages im Vordergrund steht, sondern die Reaktionen darauf. Dabei lohnt es sich, einen nüchternen Blick auf die Kernproblematik zu werfen. Dass die Zeit in der Frage der Legitimität der privaten Seenotrettung lediglich zwei Meinungen ins Blatt gebracht hat, die sowieso vorhanden sind, ist die eine Sache. So hat es Bernd Ulrich formuliert. Dass dies aber dazu führen kann, dass plötzlich Menschenrechte in Frage gestellt werden könnten, die andere. So sehen es viele Twitter-Nutzer.

Großen Zuspruch für diese Haltung erhielt etwa die österreichische Journalistin und Publizistin Ingrid Brodnig. Ihr Tweet bringt die Essenz der Diskussion zum Ausdruck:

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