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„Soll man es lassen?“: Zeit-Politikaufmacher über Flüchtlingsrettung stößt auf massive Kritik von Politikern und Journalisten

Die Zeit hat sich in ihrer aktuellen Printausgabe der privaten Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer gewidmet. In einem Pro-und-Contra-Beitrag unter dem Titel „Oder soll man es lassen?“ bilden die Autoren die Debatte darüber ab, ob die private Rettung der Migranten „legitim“ sei. Im Netz hagelt es Kritik für die Wochenzeitung. Die Autoren und die Chefredaktion verteidigen den Beitrag.

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Die Brisanz des Beitrages (Paywall) lässt sich unter anderem daran ablesen, dass sogar prominente Politiker den Artikel der Zeit kritisieren. Von einem „beängstigenden Titel“ spricht etwa Ralf Stegner (SPD). „Als ob es wirklich eine offene Frage wäre, Seenotrettung ja oder nein“, schreibt er auf Twitter.

Auch der Grünen-Politiker Konstantin von Notz zeigt sich im Social Web empört:

Die Leitfrage des Beitrages finden auch viele Journalisten-Kollegen verwerflich. Ob die Seenotrettung „legitim“ ist oder nicht, stehe nach Meinung der Kritiker nicht zur Diskussion. Bento-Redationsleiter Ole Reißmann etwa twittert:

Hannah Beitzer und Meredith Haaf von der Süddeutschen schreiben:

Und Titanic-Chefredakteur Tim Wolff meint:

Der erfolgreichste Tweet stammt von Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski. Sie zieht Parallelen zu einem Artikel der Bild-Zeitung, die die Frage vor drei Tagen ebenfalls aufwarf:

Dass der Beitrag über die Seenotrettung auch in der Redaktion nicht ganz unumstritten war, räumt Politik-Leiter und Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich auf Twitter ein. In einem Tweet reagiert er auf die Frage des ehemaligen Piraten-Politikers Christopher Lauer, wie das Pro-Contra zustande kam und ob es „wenigstens eine hitzige Diskussion“ gab. Er schreibt: „Natürlich gab es Diskussionen. Man kann der Meinung sein, dass es zur pol Legitimität der Seenotrettung keine zwei Meinungen geben kann. Es gibt sie aber. Darum stehen sie im Blatt.“

Im Fokus der Diskussion steht insbesondere die Autorin Mariam Lau, die sich auf die Contra-Seite gestellt hat. Sie argumentiert in ihrem Text, dass die privaten Retter längst Teil des Geschäftsmodells der Schlepper seien – und damit das Problem nur verschärfen würden. Auch politisch hält sie die private Seenotrettung für falsch: „Wer mit dem Verweis auf Menschenrechte jede Sicherung der Grenzen zu verhindern versucht, wird am Ende denen in die Hände spielen, die gar kein Asylrecht mehr wollen.“ Unter anderem kritisiert Rico Grimm, der Leiter von Krautreporter, die Sichtweise der Autorin:

T-online Reporter Jonas Schaible kritisiert insbesondere die Kernfrage, die der Zeit-Artikel aufwirft:

Die meisten Nutzer haben bereits ein Problem damit, dass die Frage nach der Legitimität der Seenotrettung überhaupt gestellt wird. Allerdings geht es in dem Artikel nicht um die allgemeine Rettung der Flüchtlinge im Mittelmeer. Dagegen argumentiert bei der Zeit niemand. Es geht eher darum, wer für die Rettung verantwortlich ist und wohin die aufgenommenen Flüchtlinge gebracht werden – ein rein politisches Problem. Insofern ist die Zeile des Aufmachers unglücklich formuliert, der Titel zu sehr zugespitzt. Das muss sich am Ende auch die Autorin eingestehen:

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