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Vorsicht mit dem F-Wort: Weshalb Julian Reichelt im Streit um ein Claudia Roth-Zitat mit seiner Kritik am ZDF recht hat

Julian Reichelt hat sich auf Twitter kritisch zur Verwendung des Wortes Fake News geäußert

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt schießt per Twitter gegen das ZDF, das seiner Ansicht nach versucht, die Grünen-Politikerin Claudia Roth zu schützen. Die hatte den Sender über den Hintergrund eines Zitates aufgeklärt, demzufolge sie die Aufnahme „aller“ Flüchtlinge fordert. Das stimme so nicht. Das ZDF warf Bild daraufhin „Fake News“ vor – und auch das ist falsch. Vorsicht mit dem F-Wort… Ein Kommentar.

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Es ist das derzeit wohl emotionalste gesellschaftliche Thema, das nicht nur im Bundestag debattiert wird: Der Umgang mit Flüchtlingen und die Regulierung der Einwanderung. Es wird mit Zuspitzungen gearbeitet, mit Populismus, mit Ironie. Letzteres hat Claudia Roth, Abgeordnete der Grünen, vor einigen Wochen getan, als sie aus dem Plenum heraus in eine Rede des CSU-Politikers Alexander Dobrindt hineinrief und auf dessen Frage, wie viele Flüchtlinge ihre Partei aufnehmen wolle, ins Parlament rief: „Alle!“

Es dauerte nicht lange, bis das Zitat die Runde machte. „70 Millionen mehr – Hat Claudia Roth jetzt endgültig den Verstand verloren?“, titelte beispielsweise das rechte Onlineportal Jouwatch und sogar Dobrindt griff Roths Zwischenruf einige Tage später wieder auf. Als Beweis verwies er auf den Protokollvermerk des Bundestages, auf das sich nicht nur das Portal bezog, sondern welches auch von Bild-Reporter Ralf Schuler entdeckt worden war. Der hatte es bei Twitter weiterverbreitet.

Was niemand erwähnte: Roths Zuruf, der von den Fernsehkameras nicht eingefangen worden war, sei ironisch gewesen. Sagt die Zwischenruferin Roth. „Eigentlich klar“, schreiben Medienportale wie die HuffPost dazu. Roth stellte ihr Statement auf Nachfrage des ZDF noch einmal klar. Die Aufklärungsarbeit des öffentlich-rechtlichen Angebots ist dabei gerechtfertigt.

In der Tat deckt sich Roths Einwurf nicht mit der Parteilinie und dem entsprechenden Programm. Die Grünen sind gewiss nicht für die Aufnahme „aller“ Flüchtlinge. Das weiß auch Dobrindt, dessen Aufnahme des Zitates also durchaus Populismus ist. Und natürlich kann sich auch ein Bild-Reporter denken, dass diese Zitat so nicht ernst gewesen sein könnte. Dass das ZDF die Instrumentalisierung allerdings zur „Fake News“ erklärt, ist genauso falsch. Auch man hier von Manipulation und Täuschung spreche kann, ist das Zitat nicht erfunden.

„Es ist bedenklich, wenn die öffentlich-rechtlichen Nachrichten ein echtes Politikerzitat zu ‚Fake News‘ erklären und allen, die es zitieren, falsche Gesinnung unterstellen“, twitterte Bild-Chef Julian Reichelt, der sich mit der Äußerung auch vor seinen Mitarbeiter stellt. Und darauf verweist, dass der Zwischenruf von der Abgeordnetenbank Eingang ins offizielle Sitzungsprotokoll gefunden hat. Reichelt hat damit recht. Die Verwendung des Begriffes „Fake News“, ein ohnehin streitbarer Begriff, ist inflationär geworden.

Die Verwendung des Begriffes Fake News verteidigte ZDF-Autor Florian Neuhann ebenfalls bei Twitter. „Hier wurde, zunächst von rechten Blogs, später dann auch im Bundestag, ein ironischer Spruch als tatsächliche Nachricht, als Fakt weiterverbreitet. Das ist in meinen Augen nichts anderes. Unser Kernauftrag ist Information und Aufklärung“, antwortete er auf Reichelts Tweet, der von weiteren Journalisten kritisiert wurde. So hinterfragten BuzzFeed-Chefredakteur Daniel Drepper und Spiegel-Online-Journalist Hasnain Kazim seine Äußerung und das journalistische Verständnis. „Einfach mal sacken lassen“, hieß es unter anderem.

Dabei ist auch hinzuzufügen: Wenn Reichelt ebenfalls kritisiert, dass es nicht die Aufgabe des ZDF sei, „Claudia Roth vor sich selbst zu beschützen“, er nichts Geringeres meint,, als dass sich der Polit-Profi der Instrumentalisierung bewusst sein müsste. Denn es lag auch in ihrer Hand, dieser nach dem möglicherweise im Affekt und aus den Emotionen heraus getätigten Aussage rechtzeitig einzufangen und klarzustellen. Am Ende haben also alle irgendwie irgendwo recht. Aber unterm Strich bleibt auch die Erkenntnis, dass der ebenso populäre wie schwerwiegende Vorwurf der „Fake News“ in diesem Kontext unangebracht ist – zumal er sich auf die nachträgliche Relativierung des Falls durch die betroffene Politikerin stützt.

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