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Spöttischer Lobby-Konter nach Koks-Vergleich: „Dass Speisesalze auch bei Netto stehen, ist dem Social-Media-Team wohl entfallen“

Die Zucker- und Salz-Verbände wehren sich nun gegen den Vorwurf von Netto
Die Zucker- und Salz-Verbände wehren sich nun gegen den Vorwurf von Netto

Es geht um Dealer und weißen Stoff: Aber der Zoff spielt nicht zwischen Medellín und Miami, sondern Regensburg und Berlin. Netto hatte eine Zucker- und Salz-Reduzierung bei seinen Produkten angekündigt. Bebildert war die News mit einer Kokain-Anspielung. Die Zucker-Lobby reagierte empört mit einer Gegenanzeige, der Claim: „Dealer gesucht? Dann geh doch zu Netto!“ Und jetzt legen die Verbände weiter nach.

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„Salz und Zucker sind gefährlicher als du denkst“, heißt es in der Netto-Werbung. „Deshalb haben wir bereits bei 100 Eigenmarken-Produkten den Zucker- und/oder Salzgehalt reduziert – und reduzieren weiter.” Das Bild dazu zeigt vier weiße Linien aus Salz und Zucker, die eine deutliche Anspielung auf Kokain sind. Betitelt war die Werbung mit dem Spruch „Das weiße Zeug tut dir nicht gut.“ Auf der Facebook-Seite des Discounters erklärt das Unternehmen den Sinn der Kampagne. „Salz und Zucker kommen immer so unschuldig daher – und lecker sind sie ja auch, aaaaaaaber: in den letzten Jahren wurde immer klarer, dass sie auch gefährlich sind. Und deshalb haben wir bereits bei über 100 Eigenmarkenprodukten den Salz- und Zuckeranteil deutlich reduziert.“

Auf der dazugehörigen Aktions-Website „Weniger ist mehr“ erfährt der Kunde dann, dass bis 2021 in Gebäck, Süßwaren und nicht-alkoholischen Getränken „der Anteil an Salz und Zucker um bis zu 25 Prozent gesenkt werden“ soll. Bewusste Ernährung spiele in der Gesellschaft eine wichtige Rolle und Netto wolle seinen Beitrag dazu leisten. So sei der Zuckergehalt in der Vergangenheit um durchschnittlich zehn Prozent reduziert worden, beim Salzgehalt sind es 30 Prozent. Wie das Unternehmen diese Reduktion bewerkstelligt und ob womöglich andere Zusatzstoffe als Ersatz verwendet werden, wird dort nicht erklärt. Allerdings findet sich eine Antwort auf der Facebook-Seite von Netto auf die Nachfrage eines Nutzers. Das Social-Media-Team schreibt: „Die Rezepturen unserer Eigenmarken-Produkte im Rahmen der Zuckerreduktion wurden so verändert, dass auf Zuckerersatzstoffe verzichtet werden konnte.”

Zucker und Salz = Kokain?

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker, der Lobbyverband der Zuckerindustrie, hat auf die Anzeige von Netto reagiert und eine einseitige Anzeige in der aktuellen Lebensmittel Zeitung geschaltet. „Dealer gesucht? Dann geh doch zu Netto!“, lautet der Titel der Werbung, der den Claim des Discounters „Dann geh doch zu Netto!“aufgreift. In der Anzeige der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, wird Zucker als „ein gutes, traditionelles Produkt aus der Natur und Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung“ beschrieben.

Damit setzt sich Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer Wirtschaftliche Vereinigung Zucker gegen die Botschaft von Netto zur Wehr: „Fakt ist, dass Lebensmittel keine Drogen sind. Mit der Anzeige diffamiert Netto nicht nur sich selbst als Teil der Lebensmittel-Wertschöpfungskette. Auch die 28.000 deutschen Rübenanbauern und die 5.000 Beschäftigten in Zucker erzeugenden Unternehmen sowie alle, die in der Lebensmittelwirtschaft Zucker und Salz verwenden, werden mit Drogen in Zusammenhang gebracht.” Letztlich sehe Netto offenbar Verbraucher als Drogenabhängige an. Tissen betont: „Lebensmittel auf eine Stufe mit Drogen zu stellen, schadet allen.”

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker möchte solchen Diffamierungen entgegentreten und verweist auf die Initiative „schmecktrichtig” des Zuckerverbandes, bei der Zahlen und Fakten rund um das Lebensmittel geliefert werden. Auch der Verband der Kali- und Salzindustrie setzt auf Aufklärungsarbeit und bezeichnet sich selbst als wichtigste Informationsplattform zum Thema Salz. Dieter Krüger, Pressesprecher vom Verband der Kali- und Salzindustrie e. V. in Berlin, kann die Gleichsetzung von Salz und Kokain nicht verstehen: „Es gibt die medizinische Tatsache, dass der menschliche Körper Salz benötigt, um seine Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten. Er kann Salz nicht selbst bilden. Wir sorgen über unsere tägliche Nahrungsaufnahme automatisch für eine ausreichende Menge an Salz.”

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Schädlich sind Zucker und Salz in Übermengen

Wissenschaftler aus den USA und Australien haben allerdings schon 2011 herausgefunden, dass bei Drogen wie Kokain, Heroin & Co. die gleichen Regionen im Gehirn beeinflusst werden, die auch für das Verlangen nach Salz verantwortlich sind. Klar ist aber auch, dass die Intensität der Drogenabhängigkeit bei Heroin und Kokain um ein Wesentliches höher ist. „Dass viele Lebensmittelhersteller mittlerweile ihre Rezepturen überdenken und sie den gesundheitspolitischen Forderungen anpassen, ist an sich nichts Neues. Der Facebook-Post von Netto ist natürlich auch dem Medium selbst geschuldet. An den Kommentaren ist ja schon abzulesen, dass die Verbraucher durchaus in der Lage sind, die unsinnige Assoziation zwischen Salz und Drogen zu erkennen“, erklärt Krüger.

Wehrt sich der Salz-Verband gegen solche Anzeigen und Spekulationen? Kann das hilfreich sein? „Unseren Konsumenten ist mit Sicherheit klar, dass Salz kein gefährlicher Stoff ist.” Salz rette Leben, erklärt Krüger und verweist auf die Kochsalzlösung in Infusionen. “Der Facebook-Post leistet genau das, was er vermutlich soll, Aufmerksamkeit auf die Produkte von Netto zu lenken. Dass unsere Speisesalze auch in den Regalen von Netto stehen, ist dem Social-Media-Team wohl entfallen“, sagt Krüger.

Zuckerlobby reagiert auf Anzeige von Netto

Aus wissenschaftlicher Sicht ergeht es Zucker ähnlich wie Salz: Dass ein überhöhter Konsum schädliche Kurz- und Langzeitfolgen hat, zeigen diverse wissenschaftliche Studien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass die tägliche Kalorienzufuhr aus nicht mehr als ein Zehntel Zucker bestehen sollte, weniger sei sogar besser. Tatsächlich zeigt eine Recherche bei Zeit Online, dass Deutsche im Schnitt 20 Prozent ihrer Tagesbedarfs an Kalorien in Form von Zucker zu sich nehmen.

„Lebensmittel sind keine Drogen und machen auch nicht abhängig. Das hat der im Auftrag der EU tätige Forschungsverbund NeuroFAST in seinem ‘Consensus Statement’ zum Thema Lebensmittelabhängigkeit bestätigt“, erläutert Günter Tissen von der Zucker-Vereinigung. An der NeuroFAST beteiligen sich die Universitäten Cambridge, Edinburgh, TU Dresden, Duisburg-Essen, Bologna, Aberdeen, Göteborg, Utrecht und Santiago de Compostela. Das Ergebnis zeigt: Es gibt keine Hinweise dafür, dass Nahrungsmittel oder ein bestimmter Nahrungsmittelbestandteil eine Substanzabhängigkeit hervorruft.

Am Ende wird sich die Marketingabteilung von Netto trotz der Faktenlage darin bestätigt sehen, dass im Social-Media-Kosmos steile und provokante Botschaften immer noch am besten ziehen. Denn der Zucker-Salz-Post ist mit rund 1.300 Shares und knapp 2.000 Kommentaren der erfolgreichste der vergangenen Monate und nach der Kampagne #DerWahreOsterhase sogar auf Rang zwei der Netto-Jahres-Rangliste.

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