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Jammern statt machen: das ARD/ZDF-Bashing durch die Privaten am Beispiel von RTL-Chefin Anke Schäferkordt

Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin der Mediengruppe RTL
Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin der Mediengruppe RTL

Anke Schäferkordt ist "maßlos" enttäuscht. Von der Politik. In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt schimpft die RTL-Chefin auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Politiker, die den Auftrag von ARD und ZDF nicht einschränken. Mit ihren Ausführungen lenkt Schäferkordt allerdings nur von eigenen Versäumnissen ab. Ein Kommentar.

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Der Kampf der Privatsender gegen das öffentlich-rechtliche System ist so alt wie das Privatfernsehen selbst. Schon immer haben Senderchefs und der Lobby-Verband VAUNET (früher VPRT) Einschnitte bei ARD und ZDF gefordert, damit der private Rundfunk nicht in Gefahr gerate. Anke Schäferkordt frischt diese Vorwürfe nun wieder auf: “In den letzten 20 Jahren ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer mehr in Gebiete vorgedrungen, in denen die Privaten zu Hause sind”, sagt sie unwidersprochen im Hamburger Abendblatt. Als Beispiele nennt sie “Quizshows oder bestimmte deutsche fiktionale Unterhaltung, insbesondere Krimis.”

Schäferkordts Vorwürfe sind mindestens erstaunlich. Allein ein Blick auf das Programm von ARD und ZDF vor 30 Jahren – also noch weit über den angesprochenen 20-Jahres-Zeitraum hinaus, zeigt schon, dass sie nicht stimmen. Auch damals bestand das Programm der beiden großen Öffentlich-Rechtlichen schon fast zur Hälfte aus Unterhaltungsformaten wie Spielfilmen, Serien, Shows. Im Ersten lief am 6. Juli 1988 um 20.15 Uhr beispielsweise das “Krimi-Sommertheater – Beule oder wie man einen Tresor knackt”, das ZDF zeigte am Vorabend die französische Serie “Fünf Mädchen in Paris”, um 21 Uhr den “Denver-Clan”. Den Samstag bestritten die beiden Sender u.a. mit “Benny Hill”, Hollywood-Filmen, der US-Serie “Unter der Sonne Kaliforniens” und Shows wie “Die Pyramide” und dem “Grand der Prix der Volksmusik”. Unterschiede zum heutigen Programmablauf: minimal.

Einen Unterschied gibt es aber im Vergleich zu damals: In den 1980er-Jahren bestand das Programm von ARD und ZDF noch viel mehr aus Lizenzware aus den USA. Die luchsten die Privaten den Öffentlich-Rechtlichen nach und nach aber ab, so dass ARD und ZDF fast gar nichts anderes übrig blieb, als selbst zu produzieren. Und hier kommen wir zum eigentlichen Problem: Die Lizenzware, insbesondere US-Serien und Hollywood-Filme, läuft längst nicht mehr so gut wie einst. Wenn Menschen Serien und Filme schauen wollen, tun sie das inzwischen oft bei Amazon oder Netflix – und nicht mehr bei RTL oder ProSieben.

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Der jahrzehntelange Erfolg von Hollywood-Ware hat das private Fernsehen verwöhnt: Man vernachlässigte mehr und mehr die Eigenproduktionen, hatte es gar nicht nötig, eigene Serien und Filme zu produzieren. Und wenn man selbst produzierte, dann lieber günstige Doku-Soaps. Dabei waren die großen Privatsender schonmal viel weiter: Auch sie hatten mit “Der Bulle von Tölz”, “Kommissar Rex” und anderen Serien und Reihen gigantisch erfolgreiche Krimis im Programm – mit Marktanteilen von 20% und mehr im Gesamtpublikum. Nun, in der Netflix-Ära, kehren die Sender allmählich zu den Eigenproduktionen zurück – und beschweren sich gleichzeitig darüber, dass ARD und ZDF nie aufgehört haben, eigene Filme und Serien zu produzieren.

Die großen Probleme der Privatsender sind doch andere: Unter-50-Jährige verabschieden sich vermehrt vom linearen Fernsehen. 2011 sahen die 14- bis 29-Jährigen beispielsweise noch 141 Minuten pro Tag fern. 2017 waren es 36 Minuten weniger! Unter den jungen Menschen, die noch lineares Fernsehen schauen, finden sich zudem immer seltener Fans von RTL, ProSieben oder Sat.1. Bei den 14- bis 49-Jährigen schrumpfte der gemeinsame Marktanteil der drei großen Privaten zwischen 2011 und 2017 von 40,7% auf 30,1%! Dadurch werden auch die Werbeumsätze mittelfristig nicht mehr zu halten sein.

Der Ruf nach der Politik, die es nun richten solle, ist billig. Besser wäre es, endlich in eigenproduzierte Qualität zu investieren. Nur damit wird lineares Fernsehen eine Zukunft haben. ARD und ZDF wissen das, die Privaten lernen es erst noch.

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Alle Kommentare

  1. Als Beispiele nennt sie “Quizshows oder bestimmte deutsche fiktionale Unterhaltung, insbesondere Krimis.”
    Oh Mann, Tatort gibt’s auch erst seit 1970 und Quiz- und Spieleshows sind so alt wie das Fernsehen (Der große Preis, Dalli Dalli usw.). Die Dame macht sich ja lächerlich.

  2. Serien oder Filme schaue ich auf Netflix oder bei den anderen Streamingdiensten. Natürlich kostet das extra, dafür gibt es aber keine Werbeunterbrechungen. Die kann ich einfach nicht mehr ertragen.
    RTL habe ich zuletzt nur noch zu den WM-Qualifikationsspielen der Nationalmannschaft eingeschaltet. Das musste ich dann in SD ertragen, weil ich nicht einsehe, für die Privatsender in HD monatlich zu zahlen. In HD sieht man den Schrott vielleicht klarer, er bleibt aber Schrott.

  3. Ich mag die Kommentare hier bei Meedia, finde den hier aber zu kurz und aus dem Zusammenhang gegriffen.

    Wenn man sich das Interview in voller Länge liest sagt Schäferkordt, dass sich die Privatsender zwischen Öffis und den amerikanischen Digitalriesen eingekeilt sehen, und dass das auch den ungleichen Wettbewerbs-Bedingungen geschuldet ist.

    Beides stimmt.

    Netflix alleine beansprucht ca. 20% der weltweiten Internet-Bandbreite und ist damit der größte Nutznießer von Leistungen aus einer Infrastruktur, die i.W. von anderen finanziert wurde. Es würde mich auch nicht wundern, wenn von den hier und in Europa erzielten Umsätzen nur ein homöopathischer Anteil hier versteuert wird. Beides ist ein sehr wesentlicher Kostenvorteil, der auf etliche US-basierte Unternehmen im VoD Bereich zutreffen dürfte.

    Der Gipfel war 2011 das Verbot, eine gemeinsame VoD Plattform aller lokalen Sender aufzubauen. Man kann den Sendern also nicht Schlafmützigkeit vorwerfen: Jahre bevor Netflix in Europa auftauchte war man hier schon sehr ernsthaft mit VoD beschäftigt, nur leider sah man das beim Kartellamt als Gefahr für den Wettbewerb. Mit dem Resultat dass der Markt nun von ausländischen Monopolisten beherrscht wird.

    Und das nicht nur hier, es ist im UK mit seinen hochgelobten BBC Programmen auch nicht viel anders. Das Argument „da hättet ihr mal mehr ins Programm investieren müssen“ zieht also nicht, zumindest nicht allein. Es gibt auch eine strukturelle Schiefe, gegen die sämtliche Medienkonzerne in Europa nicht ankommen konnten.

    Es gibt im Jahr 2018 auch keinen Grund, warum jeder einzelne Haushalt hier eine Zwangsabgabe zur Finanzierung einer Grundversorgung mit staatlich produzierten Unterhaltungsprogrammen leisten sollte. Die Väter des Rundfunkgesetzes wären nie auf so einen Gedanken gekommen, wenn sie damals die heutige Situation vorgefunden hätten.

    Was wir im Zeitalter von fake news und influencern brauchen ist eine Förderung zuverlässiger Nachrichten und Reportagen, aber bestimmt nicht noch mehr Entertainment, daran ertrinken ja förmlich.

    Richtig lustig wird es wenn die Öffis ihren content systematisch bei YouTube hochladen. Damit versorgt man einen eh schon übermächtigen Monopolisten zusätzlich mit hochwertigem Content und mit Nutzern, deren Daten sich gewinnbringend vermarkten lassen und die Plattform weiter stärken, zu Lasten anderer Plattformen (auch der eigenen). Industrieförderung ausländischer Monopolisten durch Steuergelder, oder?

    Sympathie für die Medienhäuser hin oder her: Bei den Regeln dieser Industrie gibt es für die Privatsender tatsächlich kein „level playing field“.

    Wäre so etwas in den USA möglich? Würde eine US-Regierung teilnahmslos zusehen wie chinesische Video-Anbieter, chinesische Social Networks und chinesische Suchmaschinen im amerikanischen Markt ein Monopol erringen, den Großteil des Gewinns nach Hause überweisen, diese gleichzeitig noch mit von US-Steuerzahlern finanzierten Programmen gratis aufpäppeln und die einheimische Industrie derweil durch Mediengesetze aus einem anderen Jahrhundert in ihrer Entfaltung massiv einschränken?

  4. Interessant, dass Frau Schäferkordt sich überhaupt traut, aus den Tiefen der Gülle, die sie täglich senden lässt, irgendeinen Wettbewerber zu kritisieren.
    Die in ihren Ausführungen zu Tage tretende Geschichtsvergessenheit könnte mglw. auf schwere Effekte ihres eigenen Tuns hindeuten: Wer das Programmangebots-Niveau täglich weiter nach unten schraubt, glaubt natürlich irgendwann den Dünnsinn à la “Verdachtsfälle”, “Unter uns”, “Betrugsfälle”, “Hebammmen im Einsatz”, “Blaulichtreport” und nicht zu vergessen “Alles was zählt” und “GZSZ”.
    Vor dem Hintergrund solcher programmlicher Lowlights wirkt die Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen doch so, als würden sich Mofa-Fahrer beschweren, dass die Formel 1-Autos viel schneller sind…
    Wie sagte schon Dieter Nuhr: Wenn man nichts zu sagen hat, einfach mal die Fresse halten.

  5. und wieder fallen alle auf den Orwellschen Neusprech rein:
    Es geht nicht und »Privat«-Sender und »Privat«-Fernsehen.
    Es geht um KOMMERZ-Fernsehen und KOMMERZ-Sender.
    Warum lassen die sich so ungern beim richtigen Namen nennen?

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