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Irrfahrt der Mission Lifeline: Flüchtlings-Rettungsschiff geistert durch die Medien – doch wichtige Fragen stellt niemand

Das Seenot-Rettungsschiff Lifeline liegt derzeit im Hafen von Malta fest
Das Seenot-Rettungsschiff Lifeline liegt derzeit im Hafen von Malta fest

Die Bilder gingen durch nahezu alle Nachrichten in Europa und danach um die Welt: Ein mit Menschen überladenes Schiff, das für aus dem Mittelmeer gerettete Flüchtlinge tagelang einen Hafen sucht, der bereit ist, die Migranten an Land kommen zu lassen. Die Irrfahrt der Lifeline und die Szenen an Bord sind ein medienwirksames Symbol für die Asyl-Misere der EU. Doch wichtige Fragen bleiben offen.

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Von Ulrich Werner Schulze

Um etwaigen Vorurteilen gleich zu begegnen: Es geht bei diesem Text nicht um eine politische Stellungnahme, ob von links oder von rechts, es geht nicht um Rechtfertigung des Unterfangens oder um Kritik daran – es geht um die Rolle der Medien, es geht darum, welche Fragen im Falle des Seenotrettungsschiffs Mission Lifeline gestellt werden und welche nicht. Kaum jemand kannte bis vor kurzem das Schiff und seine selbstgegebene Mission, Menschen vor dem Ertrinken zu retten, die hilflos auf oft hanebüchen unsicheren Booten im Mittelmeer treiben, ausgesetzt von Schleppern, Schleusern, Menschenhändlern oder aus eigenem Antrieb die Überfahrt wagend.

Die 2016 gegründete Organisation Mission Lifeline hat ihren Sitz in Dresden, Rudolfstraße. Auf der Website ihres Internetauftritts beschreibt die Organisation ihren selbst gegebenen Auftrag. Zur Geschichte ihres Schiffes führt sie interessante Details an: Erworben 2017 von der NGO Sea-Watch nach einer aufwändigen Suche in Hamburg, Sassnitz, Rotterdam nach einem für ihre Mission geeigneten Schiff. Wo – wird nicht genannt, auch nicht der Kaufpreis. Weiter heißt es: „Nach einigen Reparaturen ist die Lifeline seit September (2017) im Einsatz. . . . In den nächsten Wochen warten große und weitere kleine Reparaturen auf uns. Die Feuerlöschanlage zu erneuern, den Kran wieder in Gang zu bringen und der Korrosionsschutz sind die größten Herausforderungen“.

Ein wichtiges Teil des Kutters ist der HIAB-Kran mit einer Ausladung von neun Metern und einer Tragkraft bei maximaler Ausladung von einer Tonne.  Für die Reparatur des Krans wurden Spenden erbeten, benötigt wurden 10.900 €. „Das Ausmaß der Korrosion ist gewaltig“, heißt es in einem Blog von Anfang November 2017. Das sagt Einiges aus über den damaligen Zustand des Schiffs.

Heimathafen der Lifline ist Amsterdam, was aus der Kopie der Zulassung hervorgeht. Die Register-Nr.  lautet: 6825842; Baujahr: 1968; Bauart: Kajütmotorboot. Das Schiff ist mithin fünfzig Jahre alt. Auf einem Foto von Mission Lifeline ist der Heimathafen Amsterdam klar zu erkennen.  Unklar ist, was die Zulassung des Schiffs wirklich besagt, denn laut einem Text von Spiegel Online bestreiten dies die dortigen Behörden; das Schiff sei nur im Register des Wassersportverbandes eingetragen. Dies geht aus der Kopie der Zulassung ebenfalls hervor.

Über die ersten Missionen der Lifeline heißt es auf der Website der Organisation: In den ersten Tagen des Januars wurde „die Lifeline nach Licata (Sizilien) überführt – nach fünf erfolgreichen Missionen, bei denen wir 549 Menschen vor dem Ertrinken retten konnten und einer Geburt, die wir begleiten durften“. Nicht mitgeteilt wird, wo auf dem Mittelmeer die Menschen jeweils aufgefunden und an Bord genommen wurden, wieviele es bei jeder Mission waren und wohin sie gebracht wurden.

Es gibt Karten, die zur Mission Lifeline etwas beitragen: Eine zeigt den Standort verschiedener Schiffe im Mittelmeer vor Malta. Ob die Lifeline darunter ist, bleibt unklar. Eine andere, von marine traffic, das Mittelmeer vor der Küste Libyens mit der Hauptstadt Tripolis. Gut einige zig Meilen nördlich von der Küste ist um die Buchstaben Liscia Nera M in einem Halbkreis die Route eines Schiffes markiert, die von dort steil nach Norden weist – ist es der Standort, an dem die Lifeline die Schiffbrüchigen aufgenommen hat? Das beibt unklar – wie auch der weitere Verlauf der Route: Maritim traffic und schiffsradar speichern ihre Daten nur für jeweils 24 bis maximal 48 Stunden. Die Route vor dem 23. Juni ist demzufolge nicht mehr nachzuvollziehen. 

Entschieden haben Mission Lifeline und Sea-Watch Anschuldigungen zurückgewiesen, sie hätten gegen internationale Konventionen verstoßen. „Wir haben uns an alle internationalen Konventionen gehalten“, sagte Marie Naass von Mission Lifeline bei einer Pressekonferenz. Es sei weder ein Transponder ausgeschaltet worden, um eine Ortung des Rettungsschiffes zu verhindern, noch habe man auf eigene Faust gehandelt. „Die italienische Küstenwache hatte ein ständiges Update von uns“, sagte Naass. Auch mit dem Auswärtigen Amt in Berlin habe man in Kontakt gestanden. Der Hinweis auf die Einhaltung aller maritimen Gesetze und Gepflogenheiten bezieht sich auf eine Äußerung von Bundesinnenminster Horst Seehofer, der sich skeptisch zur Rechtmässigkeit der Mission geäußert hatte. Laut FAZ.net hatte er gesagt: „Es gibt manche, die haben die Vermutung: Dass das praktisch eine Verlängerung der Schleusertätigkeit war“.

Das Schiff hat nach einer tagelangen, von den Medien fast ausschließlich aus der Sicht der Organisation und einiger Politiker der Grünen und Linkspartei begleiteten Odyssee, am vergangenen Mittwoch den Hafen Valletta vor Malta ansteuern können. Die 234 Geretteten seien von Bord gebracht worden – nach mündlicher Zusage einiger Politiker sollen sie auf verschiedene Länder verteilt werden; auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hatte sich für die Aufnahme einiger der Geretteten ausgesprochen. Die Bundesregierung hatte sich dazu zunächst ausweichend geäußert: Sie habe noch nicht entschieden, ob einzelne Bundesländer „Lifeline“-Flüchtlinge aufnehmen dürften. Regierungssprecher Steffen Seibert verwies auf laufende Gespräche zu der Angelegenheit. Alle Beteiligten seien aufgerufen, zu humanitären Lösungen beizutragen.

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Neben Malta und Italien hatte zuvor auch Spanien der Lifeline Hafeneinfahrt verwehrt. Dagegen erhielten zur Zeit der Irrfahrt der Lifeline zwei andere Schiffe mit Geflüchteten an Bord die Genehmigung zur Einfahrt in italienische Häfen.

Lifeline-Capitain Claus Peter Reisch, laut Welt ein 57-Jähriger aus dem bayerischen Landsberg, wurde in Malta nach Einkunft des Schiffes im Hafen von der Polizei vernommen und soll am heutigen Montag dort vor Gericht gestellt werden. Ihm werden „Verfehlungen im Zusammenhang mit der Registrierung des Schiffes vorgeworfen, wie Spiegel Online berichtet. Über den Zustand des Schiffs und dessen rechtmässige Zulassung wird in dem Artikel nichts gesagt. Aber es gibt Hinweise auf Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Registrierung und dem Zustand des Schiffs.

Zur komplexen Situation dieses Dramas hat sich bei Welt Online die Seerechtlerin Nele Matz-Lück geäußert: Sie sieht die Flüchtlingshelfer im Mittelmeer in einer rechtlich schwierigen Situation. „Die Position der NGOs ist rechtlich schwach, wenn es gilt, die Menschen an Land zu bringen. Und die Situation spitzt sich weiter zu. Ich habe grundsätzlich Verständnis für die Arbeit der Helfer. Trotzdem: Sich immer wieder wissentlich in schwierige Situationen zu begeben, Schiffe mit Migranten zu überladen, halte ich für riskant.“

Nimmt man dies zusammen, bleiben Fragen, die bisher von den Medien – vor allem von den der Grundversorgung verpflichteten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – und von Mission Lifeline nicht beantwortet wurden:

  • Wo genau, unter welchen Umständen und Bedingungen und in welchem Zusammenhang wurden die 234 Menschen an Bord der Mission Lifeline genommen?
  • Wie kamen Politiker der Grünen und Linkspartei an Bord des fünfzig Jahren alten Schiffes? Gab es schon zuvor Kontakt – etwa nach Libyen?
  • Was genau wird Kapitän Reisch vorgeworfen?
  • Sind Zulassung und Registrierung des Schiffes eindeutig? Entspricht der der aktuelle technische Zustand des Schiffs international geltenden Bestimmung und Vorschriften?

Das sind keine Unterstellungen, sondern ernst zu nehmende Überlegungen, die von der Hilfsorganisation und den Politikern beantwortet werden sollten – schon, um jeglichen Verdacht auszuräumen. Und die auch von den –  öffentlich-rechtlichen – Medien nicht unter den Tisch gekehrt werden sollten.

E-Mail-Anfragen bei Mission Lifeline in Dresden blieben zunächst unbeantwortet. Dafür äußerte sich Sea Watch. Carola Rackete mailte am Freitagnachmittag: „Wir von Sea-Watch unterstützen die Pressearbeit von Mission Lifeline, die aktuell sehr viele Anfragen erhalten. Wir sind momentan vor Ort in Malta und in ständigem Kontakt zum Schiff und der Crew. Die Organisation plant, am Montag eine Stellungnahme zur Situation zu veröffentlichen.”

Unterdessen hat die maltesische Polizei bei Gericht die Beschlagnahmung des Rettungsschiffs beantragt. Das geht aus der Gerichtsvorladung gegen den deutschen Lifeline-Kapitän Claus Peter Reisch hervor. Maltas Premierminister Joseph Muscat hatte diesen Schritt vergangene Woche bereits angekündigt. In dem Papier, das dem MDR-Magazin “exakt” vorliegt, wird das Schiff als “Tatwerkzeug” bezeichnet.

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Alle Kommentare

  1. Erstaunlich. Der deutsche Journalismus ist noch nicht ganz tot. Und gerade hier werden kritische Fragen gestellt.Wobei sich zuckende und sabbernde Vertreter dieser Zunft um Gniffke, SZ und Spiegel doch gerade soviel Mühe geben, den letzten Rest Abstand und Niveau zu verspielen.

  2. Was soll dieser Bericht sein??
    Genauso schlecht recherchiert und Do gewaltig suggestive, das jede Neutralität und objektive Darstellung fehlt.
    Nur mMutmassungen, Unterstellungen und Verdächtigungen.. bis zur Verleumdung..
    Es gilt die Unschuldvermutung .. aber schon die Fragen sind eine Beurteilung und Verurteilung.

    Ich war entsetzt als mir dieser Bericht zufällig über dem weg gelaufen ist… In Verbindung mit mit dem Spiegelartikel von Ihnen

    Dann habe ich über die Macher vo. Meedia recherchiert.. werde dazu noch ein paar Kollegen aus der Fakultät Journalismus Fragen.. und diesen Artikel weiterreichen..
    Die Recherche ist noch nicht zu Ende

    Es hat jetzt angefangen, Zeit zum Aufklären.

    Wer die Medien und die Pressefreiheit so missbraucht und Journalismus zur intellektuellen Kloacke degradiert..das ist ein Angriff auf Rechtsstaat und Demokratie

  3. Sehr guter Bericht über diese dubiosen sog. Seenotretter. Und genau die richtigen Fragen gestellt. Das wünscht man sich in dieser mit Gülle überzogenen Medienlandschaft.
    Es ist keine Seenotrettung – es ist Beihilfe zur Schlepperei ! Erstens sind die 95% jungen Männer in den Booten nicht in Seenot, wenn sie von den sog. Seenotrettern nur wenige 100m entfernt von der libyschen Küste abgefischt werden ( haben die überhaupt eine Lizenz zum Fischen ?) und zweitens ist es rechtswidrig sich nur zum Zweck der Schleußung dort aufzuhalten. Die sog. Seenotretter setzen sogar Flugzeuge ein um Überfahrtswillige auf See zu finden.

    1. Sie sind natürlich persönlich dabei gewesen und wissen aus eigener Anschauung, dass die Flüchtenden „nur wenige 100m entfernt von der libyschen Küste abgefischt werden“ und dass „die 95% jungen Männer in den Booten nicht in Seenot“ waren. Was ist mit den übrigen 5 Prozent? Den Frauen und Kindern? Da Sie ja Augenzeuge waren, würde mich das sehr interessieren, übrigens auch das mit den „sogar Flugzeuge ein[setzen] um Überfahrtswillige auf See zu finden“!

      1. Jihad Meier: Ich würde empfehlen, selbst mal einige Tage auf einem solchen Schiff oder, falls zu leicht seekrank werdend, mal in einem Flüchtlingscamp in der Wüste oder, falls zu hitzeempfindlich, auf einer griechischen Insel oder sonstwo zu verbringen, bevor er sich hier als gottgleicher Bessermensch artikuliert, dessen braun-blau-schwarzes Gedankengut wie „unkontrollierten Messereinwanderung“ hier im „Forum“ [sic!] zutiefst zum K… ist!

      2. Mimimi, Gefreiter Meier! Gehen Ihnen Ihre Argumente aus, die Sie aber ohnehin nie hatten, sondern stattdessen hier nur schwarz-braun-blaue Luftblasen einstellen? Ich habe oben Fragen an den offensichtlichen Augenzeugen „ed“ gestellt, und was macht der Gefreite? Statt zu antworten, mimimi, Verleumdungen und Geschichtsklitterung. Also all das, was beleidigte scharz-braun-blaue Bessermenschen ausmacht. Nichts Neues also! Gucken Sie weiter Vesseltracker oder Marinetracker, da finden sich bestimmt Antworten auf die drängendsten Fragen der Menschheit. Abtreten, Gefreiterchen!

  4. Fragen, die niemand stellt ?

    Kann Leben von Schiffbrüchigen nur gerettet werden, indem man sie nach Europa bringt?

    Warum nicht in den nächsten Hafen oder dorthin, wo sie sich einschifften?

    Gibt es dafür einen Grund? Und wenn ja: welchen? Sollte man dann noch von Lebensrettung sprechen können?

    Geht es nicht eher um Schleusung?

    Es geht um eine in großem Maßstab organisierte, gegen bestehende gesellschaftliche Strukturen gerichtete Zuwanderung.

    Falls die Leute jemals wach werden sollten, ist es zu spät. Es ist jetzt schon zu spät.

    Durch die Umdeutung von Begriffen entwendet man dem Menschen die notwendige Struktur seines Denkens. Man lähmt ihn, macht ihn dadurch hilflos, und öffnet sich selber die Option, als Heilsbringer auftreten zu können.

    Es geht nicht nur um Schleusung. Um Lebensrettung geht es schon garnicht.

    Diese verdeckte Vorgehensweise ist, wie alle vordergründig aufgezählten, vermeintlich guten Handlungen eine diabolische Technik, mit deren Anwendung bedeutende Klammheimlichkeiten getarnt werden können. In diesem Zusammenhang – wie unlängst Merkel – auch noch von der zu achtenden Würde des Menschen zu reden zeigt, mit welchem Kaliber dieses Land tatsächlich zu tun hat. Würde als instrumentalisierte Täuschung

    Lebensrettung: nicht die einzige Metapher der mißbräuchlichen Umdeutung von Begriffen, eine sprachliche Enthauptungen als mächtige Technik der Lähmung jeder Gegenwehr.

    Konsequenterweise werden wir uns von dieser Art des Vorgehen durch eigenes Handeln nicht mehr befreien können.

    Genießen wir es also.

  5. Würde: „nicht die einzige Metapher der mißbräuchlichen Umdeutung von Begriffen, eine sprachliche Enthauptungen [sic!] als mächtige Technik der Lähmung jeder Gegenwehr“ jedes anständigen MENSCHEN in Ihrem Kommentar. Wer Würde für teilbar hält, hat deren Anwendung auf sich selbst verwirkt! Genießen Sie es also!

    1. „Natürlich auf Kosten des Steuerzahlers“: die AWO? Belege? Wohl keine, aber was soll man von braun-blauen Fake-Schleudern auch erwarten …

      1. Belege für „Natürlich auf Kosten des Steuerzahlers“ und nicht für die Arbeit mit Flüchtlingen, Herr Simon! Die wird nämlich ehrenamtlich betrieben und kostet den Streuzahler NIX!

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