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„Es war einmal ein starkes Nachrichten-Magazin“: Wie der Spiegel mit seinem Deutschland-Titel Glaubwürdigkeit verspielt

Der Spiegel und sein Chefredakteur Klaus Brinkbäumer wollen "einen verdrehten Gefühlszustand" in Deutschland festgestellt haben – nicht verdreht, aber vergessen haben sie dabei einige Gegenfakten

Erfolgreich ist, was Aufmerksamkeit schafft: Nach diesem Prinzip scheint auch Deutschlands Nachrichtenmagazin Nr. 1 zu funktionieren. Dass der Spiegel mit seiner Titelseiten-Politik auf Provokation und Zuspitzung setzt, ist eine Sache. Problematisch wird es, wenn das Cover verglichen mit der Story im Heft eine Mogelpackung ist – wie beim aktuellen Titel „Es war einmal ein starkes Land“. Ein Kommentar.

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Wenn der Spiegel sein „Spiegel Blog“ reaktiviert, dann nur noch für Erfolgsmeldungen – wenn Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin mal wieder etwas Tolles vollbracht, beispielsweise die Pressefreiheit verteidigt, hat. Dabei war das Blog mal für Größeres gedacht, für den Austausch mit dem Leser, für Debatten rund um das Magazin, seine Berichterstattung und Reaktionen darauf. Diskussionen produziert der Spiegel zwar – leider – nicht mal ansatzweise so viele wie Ausgaben im Jahr, aber noch immer einige. Nur keine guten.

Wie in dieser Woche. Seit Samstag liegt der Spiegel mit einem Titel der besonderen Art am Kiosk. Dafür hat das Magazin sogar seinen wichtigsten Platz freigeräumt und die Marke ans untere Seitenende verschoben. Wo sonst in großen Lettern „Der Spiegel“ prangt, sieht der Leser nur noch schwarz. Schwarz, das sich von oben auf den Rest der zerlaufenen Deutschland-Flagge legt. Was für eine Symbolik. „Fußball, Politik Wirtschaft – Es war einmal ein starkes Land“ ist noch zu lesen. Gerade mal 48 Stunden nach dem Vorrunden-Aus des deutschen Teams bei der Fußball-WM kommt die Generalabrechnung mit Kickern und Nation, und so liest sie sich auch: ein grobmotorischer publizistischer Rundumschlag quasi in Echtzeit.

Die Kritik kam noch schneller als die Spiegel-Redakteure Zeit hatten, die krampfig auf Aktualitätsbezug getrimmte Titelgeschichte bis Freitagabend zur ePaper-Ausgabe fertig zu basteln. Provokation, Populismus, Hetze, Weltuntergangsstimmung lauteten die Vorwürfe. Eine Spiegel-Parodie mit dem Titel „Es war einmal ein starkes Nachrichtenmagazin“ erfreute sich entsprechend großer Beliebtheit, wurde bei Twitter mehr als 1.300 Mal weitergereicht.

Dabei ist Titel-These eine, über die es nachzudenken lohnen könnte und die auch eine Titelgeschichte wert wäre – würde die Geschichte im Innern des Heftes das Cover wenigstens ansatzweise stützen. Ist sie aber nicht. Der Spiegel habe nach Dieselskandal, Pleite bei der Fußball-WM und Koalitionszoff in seiner Story „einen verdrehten Gefühlszustand“ wiedergeben wollen, erklärt er in (lediglich) einem Tweet als Reaktion auf die Kritik. Er hat nur keinen nachweisbaren gefunden.

Stattdessen schreiben sieben Autoren über die Gemeinsamkeiten von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestrainer Jogi Löw, die nach Jahren an der Spitze wichtiger Institutionen des Landes hier und da Parallelen aufweisen. Der Spiegel zeigt anhand der Beschreibung ihres Umfeldes (beispielsweise indem er absolute Fehleinschätzungen von Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff zitiert) auf, wie sehr beide von der Realität entrückt sind, sich und ihre Lage falsch eingeschätzt haben mögen. Der Leser erfährt, wo Angela Merkel das Vorrunden-Aus „der Mannschaft“ verfolgt hat und sich auch mal aufregen kann (mehr über Seehofer als über Fußball). Viel mehr bleibt da nicht hängen. Die Begriffe Audi oder Diesel –  die stellvertretend für den wirtschaftlichen Untergang stehen sollen – fallen im gesamten Text nur ein einziges Mal. Der hätte ein essayistisches Stück auf den hinteren Seiten des Politikteils oder sogar im Sport vielleicht verdient. Nur hat er mit der Ankündigung auf dem Cover nichts zu tun.

Der Spiegel offenbart in dieser Woche wieder mal ein gar nicht neues Problem: Dass die Art und Weise des Magazin-Journalismus nicht mehr funktioniert, dass sie ebenso abgerückt ist von der Realität wie es die Politik von der Lebensrealität des Landes sein mag. Thesen-Journalismus alleine trägt nicht mehr. Der Leitgedanke will nicht nur mit mehr als gefühligem Geschreibsel vom Beckenrand bestätigt werden, er will auch Antithesen gegenüberstellt sehen. Alles andere ist Demagogie und damit Rhetorik wie sie an Rändern der politischen Extreme genutzt wird. Dass der Spiegel für einen Merkel-Löw-Vergleich sich teils den gleichen Mechanismen bedient wie etwa der überaus umstrittene Kollege Claus Strunz, ist kein gutes Zeichen. Welcher Agenda versucht der Spiegel mit einer solchen Berichterstattung zu folgen?

„Wir sind bei der WM ausgeschieden, und Der Spiegel verliert den Verstand“

Den Sound der Rechtspopulisten und die unterschwellige Lesart, wonach das Staats- und Gemeinwesen längst marode ist, trifft das Nachrichtenmagazin in dem ihm eigenen Stil schon ziemlich genau – und trägt damit zum Verlust der Glaubwürdigkeit in die etablierten Medien bei. Die pure Polemik (Motto: In Deutschland ist man nicht mal in der Lage einen einfachen Tunnel zu bauen, „Während in China jedes Jahr ein neuer, funktionstüchtiger Flughafen eröffnet, wird in Berlin Monat für Monat weitergepfuscht“, tbd.) übergeht die Ernsthaftigkeit der Themen. Statt zur Auseinandersetzung damit zu animieren, provoziert der Spiegel Kritiker, denen er es hier auch ziemlich einfach macht.

Je unreflektierter die These des Spiegel verfolgt wird, desto unreflektierter funktioniert auch die Gegenargumentation. So ist es ein Leichtes für die Kritiker, ein Gegenbild zu erzeugen, wie es beispielsweise Oxford-Ökonom Max Roser oder andere getan haben. Sie zitieren höhere Lebenserwartungen, höhere Einkommen als vor zehn Jahren, noch niemals da gewesene Arbeitslosenquoten. Als wäre alles wunderbar in diesem Land. Gewiss ist es das aber auch nicht.

Die Schwarz-weiß-Malerei schadet dem Journalismus und damit der Demokratie. Vor allem für ein Medium, das sich mal als deren Sturmgeschütz verstanden hat, ist das eine bittere Entwicklung.

Schuld daran ist, mal wieder, die Innovationsfeindlichkeit. Sie belastet Medien nicht nur auf technischer Ebene, auch die publizistische Rolle muss sich neu erfinden. Vor allem für Nachrichtenmagazine bzw. wöchentliche Publikationen wird die Art und Weise, wie sie ihre Produkte an die Leserin oder den Leser bringen wollen, zum Problem – sie leben von reißerischen Titeln mit starken Thesen, kämpfen um die Aufmerksamkeit am Kiosk. Es führt dazu, dass sie immer lauter schreien statt laut zu denken lernen. Es entstehen nicht nur Titel wie der aktuelle, der in seiner Bildsprache ja noch vergleichsweise harmlos ist, sondern unsäglichewie sie auch schon stern oder Zeit im Falle der ermordeten Susanna F. gemacht haben. Sie haben mit dem auf ihrer Seite so verabscheuten Boulevard mehr gemein als sie wahr haben wollen. Wenn der Inhalt dem Titel dann nicht einmal gerecht wird, wirkt es umso irritierender.

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