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Die Probleme mit dem Echtzeit-Journalismus: Was Medien aus der CSU-Chaosnacht lernen können

Die Chaosnacht der CSU bot reichlich Stoff für die Medien

Die Nacht von Sonntag auf Montag war ein heißer Ritt für Medien und Politik. Eine nicht enden wollende CSU-Vorstandssitzung, ein Rücktritt, der dann doch keiner war. Interviews, eine Talkshow und zahllose Tweets, Kommentare und Live-Ticker. Am Ende taugte der Abend auch zu einer kleinen Bestandsaufnahme der aktuellen Probleme mit Echtzeit-Journalismus.

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Problem: Echtzeit-Journalismus

So genannter Echtzeit- oder Live-Journalismus ist schon länger problematisch. Zu beobachten ist diese Spielart immer bei sich schnell entwickelnden Nachrichtenlagen von großer Bedeutung. Zum Beispiel bei Naturkatastrophen oder Terroranschlägen. Dann poppen bei den Online-Medien die Live-Ticker oder Live-Blogs auf. In der Regel handelt es sich dabei um eine wilde Mischung aus kurzen Einschätzungen von Reportern und allem, was sich im Netz noch so zu dem Thema finden lässt, seien es Videos oder Tweets. Unkontrollierter geht es vor allem bei Twitter selbst zu. Dort mischen sich Tweets von Journalisten mit denen von Betroffenen, von Couch-Kommentatoren und den üblichen Web-Witzbolden. Hier den Überblick zu behalten, ist fast unmöglich. Dass nun – wie geschehen – sogar die Vorstandssitzung einer Partei (CSU) eine solche Welle an Echtzeit-Journalismus auslösen kann, ist bemerkenswert. Das liegt einmal natürlich an der Brisanz der CSU-Sitzung (Zukunft der Regierung steht auf dem Spiel) und daran, dass die Parteimitglieder aus der Sitzung heraus die Medien-Maschine kontinuierlich mit neuen Wasserstandsmeldungen gefüttert haben. In der einen Sekunde wurde gemeldet, dass Horst Seehofer als Innenminister und CSU-Chef zurückgetreten ist. Eine Minute später war die Meldung schon wieder einkassiert. Allerdings „lebt“ der falsche Sachstand teilweise in Meldungen und Meinungen weiter. So war beim Twitter-Account des SPD-Politikers und Bundestags-Vizepräsidenten Thomas Opperman als aktuellster Beitrag immer noch eine Instant-Einschätzung zum (nicht erfolgten) Seehofer-Rücktritt zu lesen.

Problem: Instant-Kommentare

Dem Echtzeit-Journalismus folgt in den meisten Fällen der Instant-Kommentar. Live und in Farbe zu bewundern beispielsweise in der „Anne Will“-Sendung am gestrigen Sonntagabend. Live während der Sendung bekam die Moderatorin die Information aufs Ohr, Horst Seehofer habe seinen Rücktritt angeboten. Anne Will trug diese Information in die Diskussion herein und sofort wurde über die Bedeutung und mögliche Konsequenzen des Seehofer-Rücktritts gesprochen. Blöd nur, dass der halt dann doch nicht erfolgte, bzw. noch nicht. Auch „Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke sprach persönlich in der Nacht noch einen Kommentar zum Seehofer-Rücktritt, formal abgesichert durch eine Konjunktiv-Formulierung zu Beginn („…Rücktritt wäre eine Erleichterung …“). Ob solche Konjunktiv-Einschränkungen, oder die beliebte Verwendung des Wörtchen „offenbar“ vom Publikum erkannt und korrekt eingeordnet werden, darf bezweifelt werden. In der Gesamtschau erwecken die Schnell-Kommentierungen durch ihren einordnenden Charakter nämlich stark den Eindruck, dass hier bereits über Fakten gesprochen wird und nicht über mögliche Szenarien. Entwickelt sich die Lage dann doch anders, als es die Kommentierung suggerierte, kann dies beim Konsumenten Verwirrung stiften.

Problem: Alles ist „offenbar“

Medien behelfen sich bei der Berichterstattung über ungelegte Eier gerne und immer häufiger mit Rückversicherungs-Begriffen wie „offenbar“, „mutmaßlich“ oder Konjunktiv-Konstruktionen (s.o.). Bei allem, was man nicht genau weiß oder was noch gar nicht klar sein kann, wird ein „offenbar“ eingestreut und schon ist man als Berichterstatter vermeintlich aus dem Schneider: „Seehofer offenbar zurückgetreten“. Tritt er dann doch nicht zurück, kann man sagen: Ich hatte ja „offenbar“ gesagt. Das „offenbar“ wird hier im Sinne von „angeblich“ verwendet und soll bedeuten, dass man es nicht so genau weiß, sondern lediglich gehört oder woanders gelesen hat. „Offenbar“ ist eines der augenfälligsten Symptome des grassierenden Hörensagen-Journalismus. Dabei ist „offenbar“ vom Wortsinn her eigentlich ein Synonym für „offensichtlich“, wird aber in den Medien in diesem eigentlichen Sinn kaum verwendet. Eine ähnlich fatale Karriere, vielleicht sogar eine noch fatalere, hat das Wort „mutmaßlich“ gemacht. Der „mutmaßliche“ Mörder, der „mutmaßliche“ Attentäter. Das „mutmaßlich“ wird vom Publikum in der Regel überlesen oder nicht für voll genommen. Das mag auch daran liegen, dass Redaktionen wie die Bild bei ihrer Titelgestaltung das „mutmaßlich“ so winzig klein in die große „Mörder“-Zeile reinquetschen, dass man es leicht übersehen kann. Es scheint eine unausgesprochene Übereinkunft zwischen einigen Medien und Teilen des Publikums zu geben: Das „mutmaßlich“ und „offenbar“ schreiben wir zwar rein, aber richtig ernst nehmen muss man es nicht. Wird schon stimmen. Hinterher – falls es doch nicht gestimmt hat – kann man sich dann aber damit rechtfertigen: Wir hatten ja „mutmaßlich“ geschrieben.

Problem: Wenn-Dann-Fragen

Weil man zu wenig sicher weiß, um die komplette Berichterstattungsfläche zu füllen, wird verstärkt im Konjunktiv operiert. Bei Interviews und Talkrunden führt das zu waren Orgien an Wenn-Dann-Fragen. Beispiel: Wenn Horst Seehofer nun tatsächlich zurücktritt, was bedeutet das dann für die Regierung? Oder: Wenn die Kanzlerin keine bilateralen Abkommen mit Österreich und Italien hinbekommt, verliert sie dann den Rückhalt in der eigenen Partei? Es wird spekuliert in Dauerschleife. Zu beobachten war dies exemplarisch beim gestrigen ZDF-Sommer-Interview, das Bettina Schausten mit Angela Merkel führte. Die Kanzlerin hat mittlerweile mehrfach erklärt, keine solchen „Wenn-Dann-Fragen“ zu beantworten, gestellt bekommt sie sie trotzdem immer wieder. Die Medien können gar nicht anders, weil sie sonst gar nichts mehr zu fragen hätten. Als Merkel Bettina Schausten darauf hinwies, dass sie solche Spekulationsfragen nicht beantwortet, war Schausten verwundert. Sie habe doch gar nicht „Wenn“ gesagt, meinte die ZDF-Journalistin. Doch, hatte sie. Allerdings hatte sie ihre Wenn-Dann-Konstruktion vor den eigentlichen Fragesatz gestellt und dies augenscheinlich selbst gar nicht bemerkt. Auch ohne Wenn-Dann ist das Spekulieren vielen Journalisten in Fleisch und Blut übergegangen. Hier ein Zitat aus dem Zeit-Live-Blog zum aktuellen CSU-Chaos:

Der direkte Weg wäre eine Einigung im Gespräch mit Horst Seehofer, das heute Nachmittag stattfinden soll. Dann wäre die Fraktionsgemeinschaft der Union und damit auch die große Koalition vorerst gesichert.

Falls das scheitert, käme es auf die Reaktion der CSU an. Sollte Seehofer die Zurückweisungen an der Grenze anordnen, müsste Merkel wie angekündigt ihren Innenminister entlassen. Das würde höchstwahrscheinlich den Bruch der Fraktionsgemeinschaft bedeuten. Falls Seehofer bei seinem Rücktrittsangebot bleibt, könnte Merkel dieses annehmen – dann müsste die CSU einen Nachfolger benennen. Der Streit wäre damit allerdings nicht gelöst.

„Wäre“, „käme“, „müsste“, „könnte“. In diesem Stil geht es weiter. Klar, manchmal muss man spekulieren. Der Konjunktiv wird aber geradezu inflationär eingesetzt.

Fazit

Bei den beschriebenen Phänomenen machen die Medien und Journalisten nichts falsch. Es werden keine „Fake-News“ verbreitet oder handwerkliche Fehler gemacht. Die Probleme sind sozusagen die natürlichen Auswirkungen der Möglichkeiten von Internet und vor allem von Social Media auf den Journalismus. Leider entwickelt sich die Medienkompetenz bei Publikum und Machern nicht in gleicher Geschwindigkeit, wie diese Möglichkeiten. Heute müssten wir als Publikum stets einpreisen, dass Nachrichten sich fast deckungsgleich mit den Ereignissen verändern. Was aktuell geschieht, wird berichtet und kann in wenigen Minuten schon wieder überholt sein. Dass das Publikum tatsächlich soweit ist, dies zu erkennen und zu reflektieren, darf bezweifelt werden. Auch die Medienmacher selbst haben – wie beschrieben – ihre Probleme bei der Vermittlung von Echtzeit-Lagen. Man kann den einzelnen Journalisten dabei aber keine Vorwürfe machen, dass sie „heiße News“ direkt aus der Vorstandssitzung via Twitter direkt weitergeben. Ebenso wollen Journalisten schnell auch eine Meinung, eine Einordnung liefern. Dass dies im Getümmel der sich noch entwickelnden Lage schlicht kaum möglich ist, ist im Mediensystem (noch) nicht vorgesehen. Die Redaktionsleitung, das Publikum, das eigene Selbstverständnis bringen Journalisten dazu zu handeln, wie sie es gewohnt sind. Und wenn man selbst die Werkzeuge für den Instant-Journalismus nicht nutzen würde – die Konkurrenz würde es tun. Nicht zu berichten, wäre also auch keine Lösung.

Aber vielleicht schaffen wir es irgendwann, uns wenigstens mit den final klingenden Urteilen und Einordnungen ein bisschen zurückzuhalten, wenigstens bis zum nächsten Morgen. Oder es gibt mal eine wie auch immer geartete Übereinkunft, dass man nur so und so viele Konjunktiv-Konstruktionen in einem Text gebrauchen sollte. Und TV-Leute versuchen sich bewusst zu machen, dass „Wenn-dann-Fragen“ tatsächlich problematisch sein können und selten nachhaltige Antworten nach sich ziehen (meist laden sie den Befragten nur dazu ein, irgendetwas zu sagen und die eigentliche Frage zu ignorieren).

Insofern war die CSU-Chaosnacht eine lehrreiche Erfahrung für den Journalismus. Ohne, dass jemand etwas wirklich falsch gemacht hat, sind einige der grundlegenden Probleme des aktuellen Medienbetriebs offen zu Tage getreten.

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