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WM-Versager: Ganz Deutschland redet über Jogi Löw – warum fordert keiner den Rücktritt des Bild-Sportchefs?

Bild-Vize Matthias Brügelmann, Titelseite des Boulevardblatts in der WM-Vorrunde: "Ein gutes Gefühl"

Nach dem traumatischen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft als Gruppenletzter bei der Weltmeisterschaft in Russland hat das kollektive Wundenlecken begonnen. Im Zentrum der Berichterstattung stehen die „WM-Versager“, Spieler und Bundestrainer Joachim Löw. Dabei könnte man die Debatte, wer die Verantwortung für das Scheitern auf ganzer Linie übernehmen sollte, auch im Sportjournalismus führen.

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Der tägliche „WM-Insider“ der Bild-Zeitung wirkte wie eine Kolumne im Autokorrektur-Modus, der erst mal mit den Fehlprognosen der vorausgegangenen Depesche aufräumen musste. So orakelte Matthias Brügelmann, neben seinem Blattmacher-Posten bei Sport Bild offiziell auch „Chefredakteur Sport der Bild-Gruppe“, dass es zum Turnierauftakt einen glatten Sieg für das deutsche Team geben werde. Seine „9 Gründe für ein 3:0 gegen Mexiko“ wurden dann aber von einer unvorhergesehen leblosen Vorstellung der Nationalkicker konterkariert. Brügelmann dagegen hatte zuvor geschwärmt: „Wir haben endlich einen gesunden Marco Reus; wir haben Toni Kroos, wir haben Thomas Müller und einen Turbo-Stürmer (Timo Werner) auch, wir haben eine eingespielte Bayern-Abwehr…“ Und WIR haben 0:1 verloren, sang- und klanglos.

Kann ja mal passieren, dass ein Experte mit seiner Einschätzung voll daneben liegt, und der Mann von der Bild war da sicher nicht der einzige. Aber Brügelmann gehört zu der Sorte Sportjournalisten, die einem am Tag vor dem Spiel erklären, warum das eigene Team gewinnen wird, um nachher zu erklären, warum es verlieren musste. In seinem Newsletter nach der Niederlage gegen Mexiko klang das so: „Tja, neun Gründe für einen 3:0-Sieg gegen Mexiko hatte ich gestern aus Überzeugung zusammengetragen. Die Prognose war so daneben wie der Auftritt der Nationalelf, so dass uns jetzt das erste WM-Vorrunden-Aus droht.“

Das Cover der Bild vom vergangenen Montag

Brügelmann beschleichen in diesem Moment offenbar erste Zweifel („Sind die 2014er Weltmeister doch schon zu satt, um nochmal Großes zu vollbringen?“). Doch die scheinen nur von kurzer Dauer. So klingt der Rat des „WM-Insiders“ vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Schweden wie Pfeifen im Walde: „Schießt die Sorgen weg, damit wir uns endlich mit den wirklich wichtigen WM-Dingen beschäftigen können: Gegen wen spielen wir wohl im Achtel-, Viertel- und Halbfinale?“

Der glückliche Sieg durch einen Kunstschuss von Toni Kroos „Freistoß-Gott!“ (Bild) in der Nachspielzeit löschte bei Brügelmann offenbar die Erinnerung an 95 vorausgegangene Minuten Grotten-Kick der deutschen Mannschaft vollständig, ebenso die an die Auftaktpleite. Seine Analyse zur Bedeutung des Siegs gegen Schweden unterstreicht seine seherischen Fähigkeiten: „Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass alle Mannschaften jetzt alles dafür tun werden, uns so lange wie möglich bei der WM aus dem Weg zu gehen. Die WM geht für Deutschland gerade erst richtig los.“ Die Bild-Schlagzeile spiegelte seine bestechende Sicht auf die Dinge: „Der Titel“ stand in großen Lettern auf der Titelseite, wenn auch mit Fragezeichen. Zur Erklärung hieß es: „Wir waren 16 Minuten tot, jetzt haben alle wieder Angst vor uns.“ Kapitän Manuel Neuer sagte später nach dem Ausscheiden mit Blick auf die desolate Verfassung der Mannschaft: „Jeder hätte gerne gegen uns gespielt.“

Rückblickend fällt es kaum ins Gewicht, dass der Boss der mannstarken Bild-Sportredaktion am Mittwoch, dem Tag des letzten Gruppenspiels gegen Südkorea, seine „Wunschelf“ via E-Mail an DFB-Team und Leser schickte („Neuer; Kimmich, Hummels, Süle, Boateng; Toni Kroos Freistoß-Gott, Goretzka, Reus, Müller; Gomez, Werner“) und dabei die Kleinigkeit außer Acht ließ, dass es sich genau genommen um eine Wunschzehn handelte: Boateng war nämlich wegen Gelb-Rot für das Match gesperrt.

Am Tag nach dem WM-Aus titelt die Bild „Ohne Worte“, was viele Leser nach den vorausgegangenen Ausführungen des Bild-Sportchefs sicher als angenehm präzise Zusammenfassung der Deutungskompetenz von Europas größter Zeitung empfunden haben werden. Und praktisch war es auch, schließlich gab es die Aufmachung bereits im WM-Archiv von 2014, wenn auch seinerzeit mit positiver Konnotation des Kantersiegs gegen Brasilien. In der Zeitung hagelt es nun bittere Erkenntnisse, die für Bild-Leser wie Kai aus der Kiste kamen. Sie reichen von „Wir sind zu satt“ über „Wir haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt“ bis „Der deutsche Fußball hat seinen Zenit nach den Boom-Jahren überschritten“.

Am heutigen spielfreien Freitag hat der Bild-Fußballfachmann wieder wie selbstverständlich Position auf seinem Boulevard-Feldherrnhügel bezogen. Ins gebetmühlenhaft verbreitete Bekenntnis zum vielfach kritisierten Bundestrainer („Ich hoffe, er sagt JA“ (zum Weitermachen, die Red.)), mischt sich vergiftetes Lob der Ära Löw. Denn: „Das Halbfinal-Aus bei der EM gegen Italien hatte er zu verantworten mit einer Aufstellung, die kein Mensch nachvollziehen konnte. Damals tauchte er 54 Tage ab. Auch jetzt hat Löw um Bedenkzeit gebeten. Das ist sinnvoll.“ Brügelmann fährt fort: „Nur wenn Löw sicher ist, die nötige Härte und Gier aufbringen zu können, macht es weiterhin Sinn. Aber Löw sollte nicht verkennen, dass die Geduld der Fans zu Recht begrenzt ist.“ Und dann, anscheinend direkt an den Cheftrainer gewandt, ein Ultimatum: „Ja, Löw hat noch Kredit aufgrund des WM-Titels 2014, aber er ist nicht mehr unantastbar. (…) Spätestens am Montag muss sich Löw erklären, damit das kein unwürdiges Schauspiel wird.“ In Boulevard-Klartext übersetzt heißt so etwas wie: Freundchen, besser Du parierst und meldest Dich nach dem Wochenende, sonst können Bild und Brügelmann auch anders…

Tatsächlich könnte man das auch anders herum sehen und Brügelmann fragen, ob nicht auch seine eigene WM-Leistung über weite Strecken das Prädikat „erbärmlich“ verdient hat – und ob nicht auch er das Wochenende nutzen sollte, um sich zu fragen, wieviel Kredit er bei fachlich beschlagenen Lesern als „WM-Insider“ noch hat. Ob er vielleicht Platz machen sollte für jemand, der weniger plump mit niederen Instinkten hantiert und vom Fußball mehr versteht als vom Kesseltreiben und falschen Versprechen. Auch das wäre eine Diskussion, der man ähnlich wie der Frage, ob Joachim Löw im Amt bleibt, eine breite Öffentlichkeit wünschen würde. Damit auf den Fußballseiten der Bild beim nächsten großen Turnier kein unwürdiges Schauspiel droht.

Der Bild-Vize und Sport Bild-Chefredakteur ist nicht allein, wenn es darum geht, Reporter-Minderleistungen bei der WM zu konstatieren. Da gab es einige mehr, zum Beispiel den hochdekorierten ARD-Moderator Gerhard Delling, der ein für Experten unfassbar wirres Kroos-Interview an der Seitenlinie führte. Über den Grimme-Preisträger schrieb MEEDIA: „Der Hamburger hat eine eigentümliche Interview-Technik entwickelt, die darauf fußt, gar keine Fragen zu stellen. Er gratuliert ständig und formuliert gleichzeitig verquere Passivkonstruktionen, die mit Anspielungen gespickt sind. So wirft er den Spielern eher Stichpunkte als Fragen zu, stets in der Hoffnung, dass diese dann etwas Zitierfähiges sagen.“ Und offenbar ständig in der Angst, er könne bei den empfindlichen Stars bereits mit dem Hauch von Kritik anecken, könnte man hinzufügen. So unbeholfen devot und distanzlos, wie Delling auftrat, wurde er bei der WM zum journalistischen Kumpelfüßler am Spielfeldrand. Auch sein Auftritt wird wohl lediglich hinter verschlossenen Sendertüren kritisch hinterfragt.

Sei’s drum, denn es geht noch viel schlimmer. Sat.1-Kommentator Claus Strunz zog am Tag nach dem Ausscheiden des deutschen Teams den ganz großen Bogen von der Niederlage zur Flüchtlingsdebatte. Löws Team als Spiegelbild Deutschlands. Populismus meets Verschwörungstheorie:

Vor vier Jahren gab es noch keine Flüchtlingskrise, vor vier Jahren gab es eine einigermaßen funktionierende Große Koalition. Jetzt streiten die sich wie die Kesselflicker. Vor vier Jahren war noch nicht dieses ungute Gefühl im Alltag, kriegen wir denn die Herausforderungen in den Griff. Es war ein anderes Land und es war eine andere Mannschaft, und eine andere Identifikation. Heute läuft es schlecht im Land und es läuft auch schlecht auf dem Fußballplatz. Ich glaube, dass das miteinander zusammenhängt.

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