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Von Wurstfabriken bis Boulevardmedien: die größten Verlierer (und Gewinner) der deutschen WM-Pleite

Mario Gomez, Mats Hummels und Niklas Süle gehören zu den Verlierern. Auf der Siegerseite: der nicht im WM-Kader berücksichtigte Mario Götze
Mario Gomez, Mats Hummels und Niklas Süle gehören zu den Verlierern. Auf der Siegerseite: der nicht im WM-Kader berücksichtigte Mario Götze

Das Vorrunden-Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat zahlreiche Verlierer hervorgebracht, allen voran "die Mannschaft", die binnen einer Woche vom ikonischen Inbegriff zum internationalen Spott-Vehikel wurde. Die unerwartete und überaus peinliche Pleite des deutschen Fußballs bei der WM in Russland bringt eine ganze Reihe von Verlierern mit sich – aber auch einige überraschende Gewinner.

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Die Verlierer

Public Viewing-Veranstalter

Seit dem “Sommermärchen” bei der Heim-WM 2006 ist das Open Air-Watching immer populärer geworden. Tausende Zuschauer strömten zu den Fanmeilen, um die Spiele der deutschen Mannschaft zu verfolgen, kauften reichlich Essen und Getränke. In diesem Jahr wird der große Andrang nach dem Ausscheiden der DFB-Elf ausbleiben. Doppelt ärgerlich für die Veranstalter: Von den drei Gruppenspielen absolvierten die Deutschen nur eines an einem umsatzstarken Samstagabend. Das hätte es erst bei einem nun nicht mehr möglichen Viertelfinale wieder geben können. Und das Aus der Nationalelf erwischt sie unvorbereitet auf dem falschen Fuß – schließlich galt das deutsche Team stets als Turniermannschaft und Garant fürs Weit(er)kommen.

ARD, ZDF und Sky

Neue Rekorde bei Einschaltquoten und Marktanteilen adé: Das letzte Spiel der deutschen Mannschaft gegen Südkorea sahen gestern rund 25 Millionen Zuschauer im ZDF; ein ähnlich hohe Quote dürfte bei entsprechend attraktiver Paarung allenfalls noch das Finale erreichen. Ohne die deutsche Mannschaft wird auch das Interesse an der WM in Deutschland empfindlich abebben, woran auch die in Mannschaftsstärke nach Russland gereisten Experten-Teams von ARD und ZDF wenig ändern werden. Besonders bitter für den Pay-TV-Sender Sky, der sich die Rechte aller deutschen Spiele in Ultra-HD gesichert wurde – seit gestern ist klar, dass es bei drei Spielen bleiben wird – die Sender trifft zwar nicht der Spott, wohl aber der Schaden.

Schüco

Der Hidden Champion mit Hauptsitz im ostwestfälischen Bielefeld dürfte mit seinem Millioneninvestment in WM-Spots künftig weiter im Verborgenen werkeln und zudem TV-Fans eher irritieren. Denn Schüco stellt mit seiner Werbekampagne den Gegenentwurf zu Samsung dar. Im aktuellen Spot des Bauzulieferers, der prominente Werbeplätze rund um die WM-Spiele besetzt, tritt Bundestrainer Joachim Löw als Protagonist auf. Die jetzt aufkeimende öffentliche Diskussionen um die Rolle Löws beim Ausscheiden dürfte dem Erfolg der Kampagne kaum zuträglich sein. Sollte Löw in den nächsten Tagen zurücktreten, hätte sich der vermeintliche Werbecoup endgültig zum Boomerang entwickelt.

Boulevard-Medien

Vor allem Kaufzeitungen dürfte das frühe Aus der Deutschen treffen: Länderspiele sind gut für den wichtigen Kiosk-Verkauf, der jetzt mangels Beteiligung des Heimteams spürbar rückläufig sein dürfte. Damit stehen die Verlage in einer Reihe mit weiteren Verlierern – etwa Bierbrauern, Supermärkten oder Grillwurst-Herstellern.

“Die Mannschaft”

Nach den legendären Auftritten der vergangenen Jahre galten Begriffe wie “Die Mannschaft” oder “Teamgeist” in der Fußballwelt bereits als urdeutsche Tugenden. Nach den Vorstellungen bei der WM in Russland, deren Experteneinschätzungen von “leblos” (Kicker), “blutleer” (FAZ) bis “erbärmlich” (Mannschaftskapitän Manuel Neuer) reichten, ist der angeblich besondere Spirit und Zusammenhalt vorerst eine Eigenschaft für die Geschichtsbücher. Die DFB-Truppe wollte “zsmmn” den Titel verteidigen – und scheiterte vor allem am eigenen Phlegma. Kraft- und antriebslos präsentierte sich die DFB-Elf über die nahezu gesamten 270 Minuten und Nachspielzeit der Vorrunde. Am Ende gab’s lediglich ein kollektives und kleinlautes “Sorry” – das nennt man Raubbau an der Marke “Deutscher Fußball”.

Natürlich: Joachim Löw

Der Magier scheint mit seinem Latein am Ende: Nach der WM 2006 setzte er den erfolgreichen und auf attraktiven Fußball ausgelegten Weg von Jürgen Klinsmann fort. Bei jedem Turnier führte er die Mannschaft mindestens ins Halbfinale und krönte seine Arbeit 2014 mit dem WM-Titel in Brasilien. Jetzt steht ihm aller Voraussicht nach das unwürdiges Ende einer (fast) zwölf Jahre währenden Erfolgsgeschichte bevor. Erfreulich für ihn: Der Vertrag mit dem DFB wurde gerade erst um Jahre verlängert, eine Millionenabfindung ist ihm also gewiss. Tipp: Löw wird seinen Posten selbst aufgeben, auch, um einem Rauswurf zuvor zu kommen.

 

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Die Gewinner

Samsung

Schon vor Turnierbeginn startete Samsung eine Werbekampagne mit Mario Götze, dem Final-Helden von 2014. Der südkoreanische (sic!) Elektronikkonzern erntete damit zunächst viel Häme, schließlich war Götze kurz vor WM-Meldeschluss ausgebootet worden und daheim geblieben. Der Spot allerdings spielt mit der Enttäuschung und rückt den Claim “Never stop trying” in den Mittelpunkt. Ein großartig-melancholischer Song von Johnny Cash untermalt den Spot, in dem Götze mit Bildern der abgelaufenen Saison und den Aussagen von Joachim Löw über die Gründe seiner Nichtberücksichtigung konfrontiert wurde. Gegen Ende des Spots wird dann der erneute Aufstieg nach dem Fall von Mario Götze prognostiziert. Nach dem WM-Aus hat die Kampagne eine ungeahnte Aktualität und Wirkung.

Ihr Chef

Das letzte Spiel der deutschen Elf fand gestern um 16:00 Uhr statt. Eine Uhrzeit, zu der normalerweise in den meisten Betrieben noch gearbeitet wird, gestern jedoch vermutlich bei vielen Arbeitern das WM-Spiel Vorrang hatte. Auch ein mögliches Achtelfinale wäre entweder am kommenden Montag oder Dienstag Nachmittag ausgetragen worden. Durch das Ausscheiden der Nationalmannschaft steht in den nächsten Wochen in deutschen Unternehmen wieder Dienst nach Vorschrift auf dem Programm – Pech für Sie, gut für Ihre Firma.

Unsere ewigen Rivalen

Die Nierlande und Italien haben sich gar nicht erst für die WM qualifiziert und wurden dafür mit der Häme der deutschen Fans abgestraft. Brasilien hatte sich immer noch nicht von der 1:7-Klatsche bei ihrer Heim-WM vor vier Jahren erholt. Und den Engländern stecken immer noch diverse Niederlagen im Elfmeterschießen in den Köpfen. Für die Fußballfans aus allen vier Ländern dürfte das deutsche Ausscheiden eine besondere Genugtuung sein, zumal Brasilien und England weiterhin im Turnier sind. Kein Wunder, dass Gary Lineker postwendend seinen berühmten Spruch von den ewig siegreichen Deutschen abänderte.

Der Fußball-Feuilleton

Neben den Boulevard-Medien, die während einer Fußball-WM vor allem vom Party-Patriotismus der Zuschauer leben, gibt es auch Sportredaktionen, die ohne die deutsche Mannschaft im Turnier gut funktionieren – weil ihre Berichterstattung nicht auf plumpen Patriotismus, sondern vor allem auf die Leidenschaft für gute Spiele aufbaut. So kommt etwa der mit ironischen Kommentaren gespickte Live-Ticker der 11 Freunde-Redaktion auch ohne gefühligen Deutschland-Taumel aus.

Sané und Wagner

Nicht jeder der für den WM-Kader nicht berücksichtigten Fußballer kann wie Mario Götze mit einer passenden Werbekampagne auftrumpfen. Aber auch Sandro Wagner und Leroy Sané, deren kurzfristige Aussortierung aus dem Kader schon im Vorfeld der WM kritisch beäugt wurde, können sich jetzt vermutlich vor Genugtuung kaum retten. Ihre Namen werden statt mit dem historischen Negativerlebnis höchstens mit dem anstehenden Umbruch in Verbindung gebracht werden. Vielleicht kehrt Sandro Wagner dann sogar aus dem angekündigten DFB-Ruhestand zurück.

82 Millionen Bundestrainer

Özil auf die Bank, Brandt in die Startelf und das System muss sowieso umgestellt werden. Forderungen, wie es sie eigentlich bei jedem großen Turnier gibt. Nur dass die 82 Millionen Hobby-Bundestrainer nach dem Vorrunden-Aus mit breiter Brust erklären können, wie sie die deutsche Mannschaft zum Titel geführt hätten. Wenn man nur auf sie gehört hätte…

 

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Alle Kommentare

  1. Für mich sind wir Deutschen “der Gewinner”. Denn wir können uns auf wichtige Themen konzentrieren die sonst überlagert worden wären.
    Grundsätzlich kam keine richtige Stimmung auf, weil sehr viel in diesem Land aus dem Runder läuft. Kroos hat das in seinem Statement vollkommen richtig eingeschätzt.

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