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Richtlinien zur Vernichtung der Reputation: Wie der ORF mit seiner Social-Media-Zensur seine Glaubwürdigkeit verspielt

Alexander Wrabetz (Foto) ist der neue (alte) Generaldirektor des ORF
Alexander Wrabetz (Foto) ist der neue (alte) Generaldirektor des ORF

ORF-Chef Alexander Wrabetz will seinen Mitarbeitern vorschreiben, in den sozialen Netzwerken keine Kritik gegenüber den „politischen Institutionen“ zu verbreiten. Mit neuen Richtlinien wolle man die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Senders wahren. Der ORF verpasst seinen Leuten einen Maulkorb, zensiert sich selbst – wer so handelt, hat seine Glaubwürdigkeit schon verloren. Ein Kommentar.

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Das Vorgehen dieser Tage in Österreich ist auch für uns in Deutschland höchst blamabel – denn die Empörung über die Beschneidung der Meinungsfreiheit der ORF-Journalisten kann gar nicht groß genug sein. Doch während Deutschland im WM-Koma liegt, werden in einem weiteren unserer direkten Nachbarländer demokratische Grundrechte massiv beschnitten.

ORF-Chef Alexander Wrabetz will seinen Mitarbeitern vorschreiben, in den sozialen Netzwerken kürzer zu treten, um es mal ganz vorsichtig zu formulieren. Geht es nach ihm, will er im Social Web keine Kommentierungen, Einordnungen, „Polemiken“ gegenüber den „politischen Institutionen“ mehr lesen. Wieso nur im Social Web? Weil sich dort Journalisten des Senders losgelöst von ihren Redaktionen –  unabhängig von ihren Redaktionen – äußern können. Vor allem der konservativen Regierungspartei FPÖ, der Wrabetz nah steht, gefällt das nicht. Geht es nach ihr, gehört der ORF als rundfunkfinanzierter Sender ohnehin abgeschafft. In der Welt der Populisten ist kein Platz für kritischen Journalismus – man fühlt sich wohl auf Tuchfühlung mit den linientreuen Medien der Privatwirtschaft.

Die Medienlandschaft im Alpenland ist bereits eine Peinlichkeit für sich, und jetzt trägt auch der ORF dazu bei. Dabei geht es nicht darum, Mitarbeitern, die sich in sozialen Medien auch nur bedingt ‚privat‘ äußern, überhaupt keine Vorschriften machen zu dürfen. Die oft zizierte Policy „Don’t be an asshole“ ist mehr ein flotter Spruch als ein Leitfaden. ‘Empfehlungen’, die “öffentliche Äußerungen und Kommentare in sozialen Medien, die als Zustimmung, Ablehnung oder Wertung von Äußerungen, Sympathie, Antipathie, Kritik und ‘Polemik‘ gegenüber politischen Institutionen, deren Vertreter/innen oder Mitgliedern zu interpretieren sind”, verbieten oder Ansagen wie “Im Zweifel ersuche ich darum, von einer Meinungsäußerung Abstand zu nehmen” sind keine Rahmenbedingungen, sondern Zensur. Da hilft es auch nicht, sich in der Erklärung hinter der renommierten New York Times zu verstecken, die ebenfalls Richtlinien aufgestellt hat, die das Gemeinmachen mit politischen Parteien, Politikern oder Meinungen untersagen.

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Erstens hat die NYT ihre Richtlinien nämlich aus einer anderen Motivation heraus aufgestellt. Auch bei der New York Times war man besorgt um die Reputation, eher aber, weil sich offenbar einige zu gemein mit gewissen politischen Positionen gemacht haben. Vor allem im hoch emotionalen und aufgeregten Präsidentschaftswahlkampf entpuppten sich Journalisten immer wieder als Wahlkämpfer. Allerdings muss man die NY Times nicht in allem, was sie macht, zum Vorbild nehmen. Nicht alles muss nachgeäfft werden, auch die NYT ist nicht perfekt. In der Folge nämlich zogen sich zahlreiche Reporter beispielsweise von Twitter zurück – was dem ORF womöglich sogar gefallen würde.

Zum anderen mag die NYT für den ORF vielleicht ein willkommenes Beispiel sein – sicher aber kein Vorbild. Denn der ORF öffnet mit seinen skandalös schwammig formulierten Richtlinien Tür und Tor für politischen Missbrauch (selbstverständlich von allen Seiten), wie Profil-Journalistin Ingrid Brodnig treffend analysiert hat.

Einzig und allein positiv an der Dreistigkeit des ORF ist, dass es Anlass gibt, erneut über Phänomene auch in der deutschen Medienlandschaft nachzudenken und zu diskutieren. Auch hier wird vermehrt darüber debattiert, wie sich Journalisten in sozialen Netzwerken eigentlich zu verhalten haben. Dabei geht es weniger darum, dass Reporter mit Politik und Wirtschaft zu kritisch umspringen, sondern um Distanzlosigkeit, die vor allem in Berlin immer wieder beobachtet wird – Richtlinien können hier helfen. Was aber wichtiger wäre, ist der Diskurs. Und der kann nur entstehen, wenn er nicht in einem Korsett aus Regeln abgeschnürt wird.

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Alle Kommentare

  1. Generaldirektor Alexander Wrabetz vom ORF ist ein mutiger Mann, der die Zeichen der Zeit erkannt hat!

    Facebook und soziale Netzwerke sind nicht gemeinnützig.

    So auch die aktuelle Kolumne in der Pankower Allgemeine Zeitung in Berlin!

    Zitat:
    „Journalisten sorgen selbst für die „Öffentlichkeits-Fiktion“ sozialer Medien und verbrennen Tag um Tag Millionen Euro für Gehälter und Honorare um über „Social-Media-Blasenschaum“ und „Echokammern-Geschwurbel“ zu berichten:

    „Das Netz tobt, rastet aus, dreht ab …. etwas geht viral … blah, blah …“.

    Nahezu unbemerkt wurde dabei die Garanten-Stellung von Zeitungen und Journalisten in der Öffentlichkeit praktisch „selbstaufgelöst“!

  2. Redakteure können gerne ihre Meinung in Form von Kommentaren veröffenlichen. In erster Linie sind sie aber Berichterstatter, die möglichst neutral über Ereignisse zu berichten haben, damit sich der Leser/Fernsehzuschauer ein eigenes Bild machen kann. Die Trennung zwischen Berichterstattung und Meinungsmache ist in in diesem Land fast völlig aufgegeben worden, die meisten Journalisten sehen sich sich in einem Anflug von Größenwahn als Agitatoren und Meinungsmacher. Es wird Zeit, dass dieser Entwicklung Einhalt geboten wird. Nur so kann verhindert werden, dass die Medien die letzten Reste ihrer Glaubwürdigkeit verspielen.

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