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Nur Journalist oder auch Organisator? Die fragwürdige Rolle des SH:Z-Vize beim abgebrochenen HSV-Trainingslager

Jürgen Muhl ist stellvertretender Chefredakteur der SHZ, wahlweise aber auch “Organisator” des HSV-Trainingslagers in Glücksburg
Jürgen Muhl ist stellvertretender Chefredakteur der SHZ, wahlweise aber auch "Organisator" des HSV-Trainingslagers in Glücksburg

In Zeiten sinkender Vertriebs- und Anzeigenerlöse steigt für viele Verlagshäuser die Bedeutung von Nebengeschäften. Sehr beliebt dabei ist das Event-Business. So initiiert der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag (SH:Z) beispielsweise seit Jahren Fußball-Freundschaftsspiele. Die Gefahr dabei: Die Rollenverteilung zwischen Organisator und Berichterstatter droht auf ungute Weise zu verwischen.

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Eigentlich fing alles mit eitel Sonnenschein an. Unter großem medialen Interesse der Regionalpresse bezog am Montag der Hamburger Sportverein sein erstes Trainingslager in Glücksburg. Die Hamburger Morgenpost sprach beispielsweise vom “Start der Mission Wiederaufstieg“ und beschrieb das Kicker-Camp als Trainingslager zwischen “Strand und Kaserne”.

Allerdings währte die Freude nur kurz. Denn nach 21 Stunden saß der Zweitligist wieder im Bus nach Hamburg. Der Grund: Den Profis aus der Hansestadt waren die beiden Rasenplätze in der Marineschule Mürwik in Flensburg zu schlecht. Schnell sprach die Bild von einem “Desaster”. Das Grün wäre an “vereinzelten Stellen vertrocknet und löchrig”. Sport-Vorstand Ralf Becker wetterte dazu: “Auf dem Platz ist die Verletzungsgefahr für die Spieler unheimlich hoch. Wenn wir ein Trainingslager buchen, erwarten wir, dass wir optimale Bedingungen haben.“

Für die Organisatoren des Camps war die überstürzte Abreise des HSV natürlich keine gute Nachricht. So zitiert die Bild in ihrem Bericht den “Organisator” Jürgen Muhl mit den Worten: “Man hätte hier ohne Weiteres trainieren können. Ich habe für die Abreise kein Verständnis. Es gibt ein paar schlechte Stellen, die hätte man umgehen können. Ich bin sehr enttäuscht.“

Weiter heißt es in dem Text: “Muhl ist in Schleswig-Holstein seit vielen Jahren aktiv, organisierte fast 90 Testspiele mit Profi-Klubs und rund 20 Trainingslager.”

Um die Organisation kümmerte sich zudem eine Agentur, die – laut HSV-Vorstand Becker – auch “die Verantwortung” trägt. Diese würde wohl auch für die Kosten aufkommen müssen.

In direkter Nähe zu den Trainingsplätzen befindet sich das Medienhaus des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages. In der SH:Z-Berichterstattung liest sich der Fall von der Tonalität her jedoch etwas anders. Hier sehen die Journalisten die Schuld beim HSV. Immerhin waren die Hamburger vor drei Jahren unter dem damaligen Trainer Mirko Slomka ebenfalls vor Ort und da hätte sich der Coach noch schriftlich für die guten Bedingungen bedankt.

Für die SHZ war der Abbruch eine wichtige Story. Unter der Überschrift “Plätze zu schlecht? HSV bricht Trainigslager in Flensburg ab” schrieben die Flensburger den Fall auf. Autor des Artikels: Jürgen Muhl. Teil der Online-Version des Textes ist auch ein Video. In diesem Clip kommt wieder Jürgen Muhl – als einziger Zitatgeber vor der Kamera – zu Wort. Auch dort weist ihn die Bauchbinde als “Organisator” aus. Voller wütender Empörung erklärt der 66-Jährige in dem Video: “Ein Training wäre hier ohne weiteres möglich gewesen. Es gibt hier ein paar schlechte Stellen, die hätte man umgehen können. Das sind ein paar kleine Stellen. Meine Güte. Diesen Platz hätte Felix Magath als einen der besten im ganzen Norden ausgerufen.” Sein Statement endet mit den kritischen Sätzen: “Ich kann nur sagen: Der HSV hat hier weiteres Potential verspielt und wird hier im Norden Schleswig-Holstein Fans verlieren durch diese Aktion, die für mich nicht nachzuvollziehen ist.

Das war am 25. Juni. Einen Tag später legt die Regionalzeitung nach. Der Autor Ulrich Schröder rollte die HSV-Abreise noch einmal in ihrer Gänze auf. Teil des Komplexes: ein Kommentar. Der Autor heißt Jürgen Muhl und ist nun nicht mehr “Organisator” des Trainingslagers, sondern stellvertretender Chefredakteur der SHZ.

In seiner Rolle als Journalist wettert er nun unter anderem: “Eine kurze Abschlusspressekonferenz im Strandhotel – die Schuld an die vom HSV engagierte Agentur abgewälzt – und das war es dann.” Weiter beklagt er sich: “Die Zeiten im Profi-Fußball haben sich geändert. Nichts ist mehr so wie vor einigen Jahren, als neben dem HSV der VfL Wolfsburg, Schalke 04, Hannover 96 oder auch der englische Club West Ham United in der Marineschule trainierten und des Lobes voll waren. Inzwischen reichen die Bedingungen offenbar nicht einmal mehr für einen Zweitligisten mit den Ansprüchen eines Hamburger SV.”

Der mediale Doppelauftritt von Muhl in verteilten Rollen, als “Organisator”, aber auch als kritischer Vize-Chefredakteur kam bei den Kollegen aus der Hansestadt nicht sonderlich gut an. Via Twitter beschwerten sich unter unter anderem Journalisten der Bild und der Hamburger Morgenpost.

So schrieb Tim Sönder von der Bild: “DAS ist nicht mal zweitklassig. @shz_de-Vize Jürgen Muhl organisiert das #HSV-Trainingslager in Glücksburg. Die Rothosen reisen nach nur einem Tag ab („Verletzungsgefahr zu hoch“). Und wer schreibt den Verriss? Genau, der @shz_de-Vize”

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Matthias Linnenbrügger, Sportchef der Hamburger Morgenpost twitterte: “P.s. Jürgen Mühl (sic!) hat das Trainingslager organisiert. Heute ist er aber wieder Journalist. #HSV”

Auf diese seltsame Doppelfunktion angesprochen, scheint die Chefredaktion des norddeutschen Verlagshauses kein Problem zu sehen. So antwortete man auf eine entsprechende MEEDIA-Anfrage:

Die Unterzeile in dem Video mit der Angabe „Organisator“ war falsch. Jürgen Muhl hat sich als Sportchef unseres Verlages dazu geäußert. So auch der Kommentar in unseren Zeitungen. Zumal die Trainingsplätze direkt gegenüber von unserem Medienhaus liegen.

Eine seltsame Antwort. Immerhin wird Muhl nicht nur in dem Video als Organisator bezeichnet, sondern auch von der Bild und von anderen Kollegen. Seit Jahren schon begleitet die SH:Z als Verlag Sportveranstaltungen in Schleswig-Holstein, die von verschiedenen Agenturen veranstaltet werden. Welche Rolle Muhl bei dem abgebrochenen Trainingslager konkret spielt, wird nicht ganz klar.

Auch wenn die Chefredaktion gegenüber MEEDIA betont, dass die “Redaktion in ihrer Berichterstattung unabhängig” sei, muss man nach den doppelten Muhl-Auftritten schon die Frage stellen, wie “unabhängig” die Berichterstattung ist, wenn eine augenscheinlich involvierte Person, gleichzeitig über eine Sache berichtet. So kann aus kritischem Journalismus ganz schnell Marketing in eigener Verlags-Sache werden. Die Antworten des Medienhauses lassen nicht darauf schließen, dass man sich in Flensburg dieser Gefahr bewusst ist.

 

Update, 06. Juli 2018: Klarstellung: In einer früheren Version des Artikels schrieben wir, dass die Geschäftsführung auf eine Anfrage von MEEDIA geantwortet habe. Dies ist nicht der Fall. Geantwortet hatte die Chefredaktion, wie nun im Artikel auch geschrieben.

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