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Kleine WM-Analysten-Stilkritik: der Schmalspur-Beckmann am Kommentatoren-Katzentisch

Das bunte ARD-Panoptikum zur Fußball-WM 2018
Das bunte ARD-Panoptikum zur Fußball-WM 2018

Eine Fußball-WM ist stets auch ein Wettstreit um die besten Analysen und Neben-Berichterstattung. ARD und ZDF teilen sich ein Sendezentrum in Baden-Baden, verfolgen ansonsten aber recht unterschiedliche Konzepte. Während man beim ZDF weitgehend auf Bewährtes setzt, bietet die ARD ein wahres Panoptikum an Figuren auf, bei dem man sich mehr als einmal fragt: WTF? Eine kleine Stilkritik.

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Zuallererst muss man wohl auf die Sache mit dem Katzentisch zu sprechen kommen. In der ARD haben sie heuer nicht nur einen Tiptop-Expertenbefrager, sondern gleich zwei! Zu Matthias Opdenhövel, der früher Mehmet Scholl exklusiv befragen durfte, gesellt sich diesmal Alexander Bommes – von Auftritt und Sprachbild her eine Art Schmalspur-Beckmann. Nun ist es aber so, dass sie bei ARD gemerkt haben, dass es womöglich eine eher so mittelgute Idee wäre, den armen Experten Thomas Hitzlsperger von zwei Super-Expertenbefragern gleichzeitig in die Zange nehmen zu lassen. Also muss Bommes oder “Matthi”, wie Matthias Opdenhövel von “Bommi” zärtlich gerufen wird, abwechselnd an einen extra Katzentisch, der in gebührendem Abstand und gerade noch in Rufweite vom echten Analyse-Tisch aufgebaut wurde.

Dort steht der arme Tropf dann ganz alleine und darf auf Zuruf vom großen Tisch (deutlich mehr Screentime!) Spieler-Interviews vom Spielfeldrand anmoderieren. Oder – besonders entwürdigend – eine Interview-Schalte mit dem radebrechenden Kevin Kuranyi führen. Für die Jüngeren: Der war auch mal Fußballer und hat Nutella-Werbung gemacht. Die Gesichtszüge von Matthias Opdenhövel beim Gespräch mit Kevin Kuranyi sprachen eine eigene, durchaus deutliche Sprache.

Thomas Hitzlsperger selbst macht als Experte eine vergleichsweise gute Figur, wobei zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften natürlich zählt, dass er nicht Mehmet Scholl ist. Was ein Vorteil ist. Ansonsten sagt er Sachen, die alle irgendwie richtig sein mögen – und er regt nicht sonderlich auf. Außerdem ist er besser angezogen als der Pöbel-Scholli (Raw Denim!).

Wenn die Experten-Quatscherei durch ist und auch der Kevin wieder in seinem Verschlag, gibt es noch einen Job für den Mann am Katzentisch zu erledigen: Schalte zur nagelneuen Rubrik “Weltmeister im Gespräch”. Die große ARD konnte für den locker-flockigen Sofa-Plausch am Tegernsee keinen geringeren als Weltmeister Philipp Lahm “gewinnen”. So hieß es mal in einer Vorab-Kommunikation.

Man konnte ihn “gewinnen”. Man könnte auch sagen, dass der ohnehin am Tegernsee wohnende Multimillionär Lahm sich ein paar schnelle Euros dazu verdient, indem er abends ein paar Schritte zur ARD-Sofa-Landschaft läuft, sich zur Jessy Wellmer vor die See-Kulisse hockt und Zeug daherredet, während im Hintergrund stets ein Boot zu dümpeln pflegt, was in gewisser Weise auch Sinnbild für die im Vordergrund stattfindende Unterhaltung sein kann.

Putin-Country als Fun-Park

Warum man diesen Hauch von Nothingness, Pardon: dieses “absolute Highlight” (ARD/ZDF-Presseheft), als Format extra “entwickeln” musste, wie es in der ARD/ZDF-Broschüre zur WM-Berichterstattung heißt, bleibt rätselhaft. Wie viele Redaktionen und Planer, womöglich Agenturen, waren denn damit befasst, diese Rubrik zu “entwickeln”? Wie viele Sitzungen und Präsentationen waren nötig, bis man am Ende auf die Idee kam: Lahm und Wellmer auf einem Sofa reden irgendetwas? Man will es vielleicht gar nicht allzu genau wissen.

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Was stets folgt ist eine Tourismus-Strecke mit Palina Rojinski. Palimm-Palimm-Palina darf in jeder Folge zeigen, dass sie als gebürtige Russin sogar Russisch kann und präsentiert Putin-Country als eine Art Fun-Park zwischen Zaren-Palais, Bungee-Jump und Plombir-Kondensmilch-Eis. Die ARD-WM-Entsprechung von Snackable-Content. Wladimir gefällt das.

Sakrament! Ja gibt es denn gar nix Guats über die WM-Nachberichterstattung der ARD zu sagen? Doch! Die Lustigkeits-Talkrunde “WM Kwartira” mit Micky Beisenherz und Jörg Thadeusz aus dem Hamburger Mojo-Club ist eine durchaus witzige und selbstironische Aufarbeitung der täglichen WM-Absurditäten, wie etwa Diego Maradonas Stinkefinger Gottes während des Spiels Argentinien vs. Nigeria.

Der Zorn des Kahn

Auch wenn es vielleicht nicht gar so viel kostet, man muss man nicht jeden Ex-Fußballer, der gerade Zeit hat, vor die Kamera zerren oder in eine Sofa-Landschaft setzen, liebe ARD. Und ein Experten-Befrager reicht eigentlich auch. Dann gibt es auch keine langen Gesichter, wenn einer mal wieder an den Katzentisch muss.

Beim ZDF machen sie dagegen mehr business as usual. Oliver Welke und Oliver Kahn sind immer noch das beste Delling/Netzer-Nachfolger-Duo auf dem Markt. Auch wenn an das Original (Netzer) niemand rankommt, man muss halt nehmen, was da ist. Die Idee der Mainzelmänner, mit Christoph Kramer einen noch aktiven Fußballer als Zusatz-Analysten zu verpflichten, war dann aber auch nicht zielführend. Von einem, der beim Jogi vielleicht noch was werden will, darf man nun wirklich keine grundsätzlich kritischen Einlassungen erwarten. Lieber den Welke den Zorn des Kahn schüren lassen. Dann sagt der aus Versehen vielleicht was Lustiges oder frisst seine Notizen auf.

Ansonsten verlässt sich das ZDF darauf, dass die WM in den anschließenden “Markus Lanz”-Sendungen schon ansprechend durchgequasselt wird – auch in dieser Hinsicht ist Lanz einfach eine Bank (Mario Basler als Gast!). Jetzt aber gut mit der Meckerei. Um mit Le Bommes zu sprechen: “Lasst uns kurz inhaltlich werden”. Und nicht alles bierernst nehmen, möchte man hinzufügen. Viel Spaß bei Deutschland gegen Südkorea!

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Alle Kommentare

  1. Sehr treffend. Aber man kann ja nach dem Spiel abschalten. Und zum Beispiel mal ein Buch lesen… (Soll ja Menschen geben, die das noch können!)

  2. Überhaupt nicht treffend. Bei einem zehn Stunden Tag mit ständigen Live-Schaltungen ist man über eine Entlastung in Form eines zusätzlichen “Expertenbefragers” sich dankbar.
    Davon abgesehen ist es – im Gegensatz zu den ach so kritischen Autoren dieses Artikels – nicht die Pflicht von Fußballkommentatoren und als Experten auftretenden Ex-Profis, ständig alles kritisch zu betrachten und schlechtzureden. Man kann sich – auch in Deutschland – durchaus über Unterhaltung freuen, die nicht ständig einen politisch-sozial-ökologisch belehrenden Hintergrund unter Beweis stellen muss – im Gegensatz zu diesem Artikel.

  3. Naja, Welke glaubt wohl, dass er auch hier als heute-show-Möchtegernironiker reüssieren muss, während Kahn meistenteils gelangweilt Banalitäten absondert, die jeder Kreisligaspieler für einen Bruchteil des Honorars aufsagen könnte.

    Hübsch übrigens gestern Bommes nach der Schalte zu Lahm/Wellmer sinngemäss: “Laß uns noch einen Moment inhaltlich werden…”

  4. Ich habe mich auch gut amüsiert bei Winterbauers Analyse. Nur bei Christoph Kramer bin ich anderer Meinung und angenehm überrascht durch die absolut treffsicheren Kommentare zum jeweiligen Spiel.

  5. Bommes ist ein N3 Eigengewächs und ähnlich “lustig” wie andere Moderatoren, die auf den Dritten üben durften bis sie auf die ARD losgelassen wurden (siehe Schöneberger….). Ein bisschen schlagfertig, ein bisschen lustig und irgendwie nett. MaW …Mittelmaß….
    Ein Grund mehr kein TV zu schauen.

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