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“Die letzten Worte zum Sonntag”: So launig verabschiedete sich Spiegel TV vom Stammsendeplatz bei RTL

30 Jahre und eineinhalb Monate moderierte Maria Gresz das sonntägliche Spiegel TV bei RTL – ab kommender Woche muss die Magazinsendung auf einen weniger attraktiven Sendeplatz am Montagabend weichen
30 Jahre und eineinhalb Monate moderierte Maria Gresz das sonntägliche Spiegel TV bei RTL – ab kommender Woche muss die Magazinsendung auf einen weniger attraktiven Sendeplatz am Montagabend weichen

Ende einer Bewegtbild-Ära: Am Wochenende strahlte RTL die letzte Sonntags-Sendung von Spiegel TV aus. Auch wenn das "Magazin" künftig in verkürzter Form am späten Montagabend weiterlebt, bedeutet der Verlust des Stammsendeplatzes doch für Zuschauer wie Redakteure eine Zäsur. Die Fernsehmacher vom Spiegel verabschiedeten sich mit einem "Best of" in eigener Sache – historische Fehltritte inklusive.

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45 Minuten lang zeigte Spiegel TV kurze Sequenzen über spannende Geschichten über Dreharbeiten, die von den dazugehörigen Redakteuren kommentiert werden – eine Art Making of der Dokus mit dem ganz eigenen Spin, den die Spiegel-Leute im Privatfernsehen seit der Premieresendung am 8. Mai 1988 etabliert haben.

Maria Gresz, die die Sendung seit rekordverdächtigen drei Jahrzehnten moderiert (bis Mitte der 90er Jahre im Wechsel mit Gründungschefredakteur Stefan Aust), berichtet ebenfalls von einem ihrer Einsätze als Filmemacherin. Ihr Auftrag anno 1994: Sie sollte die gerade ernannte Umweltministerin Angela Merkel für Spiegel TV hautnah zwei Tage lang bei einer Dienstreise begleiten. Gresz meldete sich schon zur Halbzeit in der Redaktion und bat Aust darum, vom Fronteinsatz in der ostdeutschen Provinz abgezogen zu werden: “Ich will die auf keinen Fall noch einen Tag drehen. Es war so langweilig, aus der wird sowieso nie was.” Der Chefredakteur stimmte zu, und Gresz bekennt heute: “Was für eine Fehleinschätzung.”

Dass Spiegel TV trotz solcher Fehlgriffe zur Institution im deutschen Politfernsehen wurde, lag an dem unverwechselbaren “Sound”, der die Sendung über die Jahre auszeichnete. Man sah die TV-Reporter selten auf Pressekonferenzen, dafür beherrschten sie das “Crashen” der Mächtigen und Einflussreichen exzellent. Kaum ging die Autotür auf, war Spiegel TV schon da, und die konfrontativen Fragen der Autoren wurden gleich mitgefilmt. “Keine Angst vor der Wahrheit” war die Devise der Fernsehtochter-Tochter des Spiegel, lange bevor die Alphamännchen beim Nachrichtenmagazin diese zum Claim des Hauses machten.

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So entstanden viele legendäre Momente fürs Fernseharchiv, in denen nicht selten Spitzenpolitiker Fassung und einstudierte Fassade verloren. “Von allen Ihren Kollegen stellen Sie die dümmsten Fragen”, herrschte Kanzler Helmut Kohl den Berichterstatter Thomas Heise an, nachdem der ihn zur Zeit des CDU-Spendenskandals mit der Frage, wo denn die Millionen der Partei geblieben seien, überrascht hatte.

Gelegentlich ging es Rechercheuren der Magazinsendung auch buchstäblich an den Kragen, als etwa einer der Angeklagten in einem Prozess gegen einen ganzen Clan von “Enkeltrick-Betrügern” Reporter Roman Lehberger einen Faustschlag vor laufender Kamera versetzte, bevor er von einem Wachmann überwältigt werden konnte. Natürlich gab es am Strickmuster des Magazins immer wieder auch Kritik, von intern wie extern.

Den einen war Spiegel TV für ein Politmagazin zu viel Boulevard, anderen (wohl auch in den RTL-Chefetagen) zu wenig, um in dem Quotendruck des Privatfernsehens standzuhalten. Dass die Kölner vom Gesetzgeber zur Ausstrahlung von Lizenzformaten der “Drittanbieter” verpflichtet sind, empfanden sie offenbar zunehmend als Last und setzten schließlich 2017 durch, dass der Sonntag künftig wieder ganz RTL gehört. Das Programmfenster für die Spiegel-Autoren hat sich jetzt endgültig geschlossen, was nicht wenige als Kulturbruch empfinden. Immerhin existiert “das Magazin”, wie die Sendung an der Ericusspitze genannt wird, weiter. Das zweite Leben startet am Montag, 2. Juli, um 23.25 Uhr bei RTL.

Die ganze Abschiedssendung ist hier zu sehen.

 

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