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“Caillou lernt sterben”: So perfide werden Kindervideos bei YouTube zu Horrorclips für Minderjährige manipuliert

Videos von Conny, Caillou und Peppa Wutz werden bei YouTube auf verstörende Art und Weise bearbeitet
Videos von Conny, Caillou und Peppa Wutz werden bei YouTube auf verstörende Art und Weise bearbeitet

Ein Phänomen aus dem düsteren Schattenreich des Internets: Auf YouTube finden sich zahlreiche manipulierte Kinderclips, in denen die beliebten Hauptcharaktere Selbstmord begehen, ertrinken oder gequält werden. Vor einigen Monaten erreichte das Problem eine breite Öffentlichkeit, und die Seitenbetreiber versprachen, sich dessen anzunehmen. Geändert hat sich auf der viel genutzten Plattform wenig.

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Caillou ist mit seiner Kindergartengruppe ins Schwimmbad gefahren. Alle freuen sich über die Wasserrutsche. Nur Caillou hat Angst; er traut sich zunächst nicht, ins Wasser und in die Arme seiner Erzieherin zu rutschen. Doch dann nimmt er sich schließlich ein Herz und klettert die Leiter zur Rutsche herauf. Bis zu diesem Zeitpunkt ist an dem kurzen Clip nichts Ungewöhnliches zu finden. Aber dann: Caillou rutscht – und ertrinkt. Im Anschluss ist ein Grabstein mit dem Bild des kleinen Zeichentrickjungen zu sehen.

Caillou ist eine französische Kinderbuchfigur, die auch in Deutschland sehr beliebt ist. Auf YouTube finden sich Hunderte Videos, in denen der kleine Junge Abenteuer erlebt. Und an vielen von ihnen wurden herumgedoktert. Die Unterschriften dieser Clips lauten dann „Caillou lernt sterben“ oder „Caillou hat Spaß mit Waffen“. In manchen Videos wird gezeigt, wie er beim Zahnarzt misshandelt wird, in anderen verletzt er sich beim Skifahren oder wird zum Terroristen.

Screenshot: YouTube

Vertraute Charaktere verhalten sich unerwartet beängstigend

Auf YouTube scheint es regelrecht zu einem Kult geworden zu sein, Videos für Kinder zu manipulieren und die beliebten Charaktere virtuell zu quälen oder bloßzustellen: Peppa Wutz wird entführt, ihr kleiner Bruder George begeht Selbstmord, die Detektivhunde aus „Paw Patrol“ töten sich gegenseitig, und das Baby von Minnie und Mickey Mouse wird in einem Fahrstuhl eingeklemmt oder stirbt in einer Gasexplosion. Die Clips gibt es in allen möglichen Sprachen und auf verschiedensten Channels, doch was sie alle gemein haben: Sie sind absichtlich billig und schlecht bearbeitet und entsprechen damit dem typischen Netz-Charakter beziehungsweise Netz-Humor. So werden beispielsweise in manchen Videos einfache Memes in die jeweilige Geschichte eingebau; in anderen ruft eine laute Stimme aus dem Off Worte wie “Stirb!”, “Penis” oder “Ficken”.

Zwar wirkt dies auf den ersten Blick aus Erwachsenensicht zunächst albern und vor allem schlicht und ergreifend seltsam. Doch die Zielgruppe der genannten Zeichentrickcharaktere sind Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter. Was von den erwachsenen YouTube-Nutzern, die die entsprechenden Videos bearbeiten, möglicherweise einfach lustig gemeint sein soll, kann bei den jungen Zuschauern großen Schaden und im schlimmsten Fall Traumata auslösen. Es dabei ist genau diese perfide und billig produzierte netztypische Machart, die auf Kinder verstörend wirkt – da sie der plötzliche Umschwung der Geschichten oder das Auftauchen der fremden Bilder und Worte überrumpelt. Gegenüber der New York Times erklärte Michael Rich, Professor für Kindermedizin an der Harvard Medical School, dass diese Videos vor allem deshalb überfordernd seien, weil die Charaktere, die die Kinder eigentlich gut kennen, und denen sie vertrauen, sich unerwartet beängstigend verhalten.”

Die Reportage der New York Times erschien im November des vergangenen Jahres; zwei Tage später veröffentlichte der amerikanische Autor und Künstler James Bridle einen Essay zu demselben Thema mit dem Titel “Something is wrong on the internet” (übersetzt: “Mit dem Internet stimmt etwas nicht”). Bridles Text ging damals viral – und löste eine Debatte aus. Nicht nur stand YouTube.de in der Kritik, sondern auch die App YouTube Kids, die 2015 in den USA und 2017 in Deutschland auf den Markt gekommen war. Denn die Entscheidung, ob ein Video für Kinder geeignet ist oder nicht und damit bei YouTube Kids zu sehen sein darf, wurde zu dem Zeitpunkt auch in der App noch automatisiert von Algorithmen gesteuert. Erst, wenn ein Video von einem Nutzer gemeldet wird, überprüfte ein YouTube-Mitarbeiter dessen Inhalt.

YouTubes Belohnung-Algorithmus fördert Missbrauch
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Die Steuerung durch Algorithmen ist vor allem bei Inhalten für Kinder höchst problematisch, wie eine Analyse in dem US-Magazin The Atlantic zeigt: Kinder nutzen YouTube grundlegend anders als Erwachsene. Sie schauen dieselben Inhalte immer und immer wieder, wodurch eben diese als besonders beliebt angezeigt werden. Für die Videomacher ist es somit ein Leichtes  zu erkennen, welche Kindercharaktere die meisten Klicks versprechen. Sie verschlagworten ihre Clips mit denselben Begriffen wie die Originale – beispielsweise “#peppapig #education und #fun”– und der Algorithmus spielt sie den Kindern aus. Klicken sie drauf, wird dieses Verhalten wiederum vom Algorithmus gespeichert und YouTube schlägt ihnen immer mehr Fake-Videos vor. Das wiederum spornt die Macher in der Hoffnung auf noch mehr Klicks dazu an, immer mehr vermeintlich “lustige” Inhalte zu produzieren. Der Kreislauf ist perfekt. In seinem Essay klagt James Bridle an: “YouTubes automatische Belohnungssystem fördert Missbrauch.”

Malik Ducard ist bei YouTube für die Kinderinhalte zuständig. Er sagt: “YouTube Kids ist kein betreutes Angebot.” Im Gespräch mit der New York Times erklärte er Ende des vergangenen Jahres, es liege weiterhin maßgeblich an den Eltern, Suchbegriffe und oder ganze Kanäle zu deaktivieren beziehungsweise zu melden.Auch Jugendschützer warnten bereits zum Start der App davor, die Kinder das Angebot umbetreut nutzen zu lassen. So erklärte beispielsweise Anja Zimmermann vom Verbraucherportal Jugendschutz.net: “Begleitung bei der Mediennutzung ist immer notwendig und sinnvoll. Es kann immer mal passieren, dass ein Inhalt das Kind erschreckt. Da ist es besser, wenn Eltern in direkter Nähe sind, um eingreifen und das ganze abfedern zu können.” Auch bei technischen Probleme oder wenn fälschlicherweise ein Video erscheint, das nicht altersgerecht ist, müssen Eltern eingreifen, so Zimmermann.

Vom Reimspiel zum Mickey-Mouse-Mord in 14 Klicks

YouTube reagierte derweil auf die massive Kritik und verkündete in einem Statement zunächst, dass künftig allen Inhalte auf YouTube.de, die entweder gemeldet und/oder eine Altersbeschränkung hätten, nicht mehr auf YouTube Kids auftauchten sollen. Kurz darauf gab der Konzern außerdem bekannt, insgesamt 10.000 neue Mitarbeiter einzustellen, die ausschließlich dafür zuständig sein sollen, die Inhalte zu überprüfen. Eine Redaktion durch Menschen statt durch Algorithmen solle nun bei der Auswahl im Vordergrund stehen, so YouTube-CEO Susan Wojcicki.

Bei der App scheint dieser Ansatz mittlerweile auch tatsächlich Früchte zu tragen und gut beziehungsweise mindestens besser zu funktionieren. Auch bei längerem Schauen werden ausschließlich Clips der offiziellen Kanäle angezeigt, und selbst wenn proaktiv beispielsweise die Schlagworte “Caillou” und “Tod” in die Suchmaske eingegeben werden, finden sich keine Ergebnisse. Dies lässt darauf schließen, dass die Inhalte tatsächlich nicht (mehr) oder zumindest noch deutlich versteckter in der App auftauchen.

Auf YouTube.de zeigt sich allerdings nach wie vor ein grundlegend anderes Bild: Nach wie vor finden sich hier unzählige Clips, die auf die Urängste von (Klein-)Kindern abzielen. Immer wieder erscheinen neue Inhalte; eine der neuesten “Peppa Wutz Verarschen”, in denen das das kleine Schweinchen von einem Zug überrollt wird, wurde Ende Mai hochgeladen. Vor wenigen Wochen führte die US-Ausgabe der Wired vor, dass es möglich ist, mit gerade einmal 14 Klicks von einem simplen Reimlied zu einem Mord an Mickey Mouse zu gelangen – einzig durch das Befolgen der YouTube-Vorschläge.

Solange der Belohnungs-Algorithmus bei YouTube weiterhin so funktioniert, wie er es aktuell tut, und an dieser Stelle keine Änderung von Seiten YouTubes vorgenommen wird, scheint die logische Konsequenz für Eltern zu sein, YouTube.de zur kinderfreien Zone zu erklären und die Kleinen ausschließlich YouTube Kids nutzen zu lassen. Eine MEEDIA-Anfrage zum Umgang mit den manipulierten Clips beim Sprecher von YouTube Deutschland blieb bislang unbeantwortet.

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