Partner von:
Anzeige

“Gerechtfertigte Satire” oder “Fake News in Reinkultur”? Was MEEDIA-Autoren vom Titanic-Streich halten

Koalitions-Aus? Das Satiremagazin Titanic hat mit diesem Tweet einen Teil der deutschen Medien gefoppt
Koalitions-Aus? Das Satiremagazin Titanic hat mit diesem Tweet einen Teil der deutschen Medien gefoppt

Wie ist der Twitter-Streich der Titanic vom vergangenen Freitag zu bewerten? War es eine gelungene Aktion, die die Klick-Geilheit fauler Online-Journalisten enttarnt oder handelt es sich um einen lahmen Gag, der mit echter Satire wenig zu tun hat und sich eigentlich unter dem Niveau der Titanic bewegt? In den deutschen Redaktionsstuben wird am heutigen Montag darüber debattiert. So auch bei MEEDIA. Hier das Meinungsbild aus unserer Redaktion.

Anzeige

“Immer peinlich, meistens frustrierend – und mittlerweile auch oft ermüdend und anstrengend”

Nora Burgard-Arp: Es scheint mittlerweile nahezu ein Wettstreit unter deutschen Satirikern ausgebrochen zu sein, wer „die Medien“ am besten und wirkungsvollsten hinters Licht führen kann. „XY ist auf Fake-News von Satire-Account hereingefallen“ ist eine Überschrift, die aus der deutschen Netz-Sphäre kaum noch wegzudenken ist. Das ist immer peinlich, meistens frustrierend – und mittlerweile auch oft ermüdend und vor allem anstrengend.  Denn das Schema läuft jedes Mal ähnlich ab. Die Ente wird gestreut, ein Medium oder eine Nachrichtenagentur greift sie auf und viele schreiben ungeprüft ab. Das Tragische daran: Es funktioniert immer und immer wieder.  Und, wie die aktuelle Aktion der Titanic zeigt, bedarf es dafür noch nicht mal mehr einen großen Aufwand, wie Böhmermann ihn beispielsweise noch für seinen Varoufake betrieben hat. Ein Twitter-Account mit blauem Haken und ein paar vermeintlich authentische Tweets  reichen aus, um – zumindest für kurze Zeit – für massive Verwirrung und Aufregung zu sorgen. Herausragend witzig oder besonders geschickt komponiert war die Fake-Eilmeldung des Fake-Accounts freilich nicht unbedingt; auch war die Fallhöhe des Gags eher mäßig. Doch am Ende geht es darum auch gar nicht. Sondern darum, dass Medien und Agenturen beim Sprint um die schnelle Meldung – nach wie vor – zu oft zu unsauber arbeiten. Und solange sich dies nicht ändert, werden sie den Satirikern unseres Landes wieder und wieder zum Opfer fallen. Lustig ist das sicher nicht.  Aber offenbar immer noch notwendig.

“Titanic erliegt denselben niederen Aufmerksamkeits-Instinkten wie die vorschnellen Breaking-News-Versender”

Alexander Becker: Die Satiriker haben mal wieder bewiesen, wie schlampig viele Journalisten arbeiten. Für diese Erkenntnis hätte es aber längst keinen selbstgebastelten “hr tagesgeschehen”-Account mehr gebraucht. Das wissen wir alle doch schon lange. Alleine wegen des Effekts und weil sie es halt kann, führt die Titanic mal wieder vor allem Online-Journalisten vor, denen vor lauter Klick-Geilheit alle Zwei-Quellen-Standards und Recherche-Grundregeln egal sind. Der Erkenntnisgewinn, den die Titanic mit der Aktion liefert, ist also gering. Dafür ist der eigene Klick-Erfolg bestimmt sehr hoch. Erliegen die Satiriker damit dann vielleicht nicht auch denselben niederen Aufmerksamkeits-Instinkten, die sie bei den vorschnellen Breaking-News-Versendern geißeln? Wahrscheinlich schon. Aber das entbindet natürlich die Kollegen bei Reuters, Bild, Focus & Co. nicht von der Aufgabe, solche Tweets über ein angebliches Ende der Koalitionsgemeinschaft seriös zu checken.

“Kein Ruhmesblatt für alle Beteiligten”

Stefan Winterbauer: Dass die Titanic mit einfachsten Mitteln zahlreiche Medien dazu verleiten konnte, hysterische Eilmeldungen vom Bruch der Fraktionsgemeinschaft CDU/CSU zu vermelden, ist zu allererst natürlich peinlich für die beteiligten Medien. Besonders die Nachrichtenagentur Reuters hat versagt, denn eine Agentur sollte Mechanismen haben, die Meldungen checken, bevor sie sie in die Welt hinausposaunen. Da Agenturen als Multiplikatoren fungieren, haben sie noch einmal eine besondere Sorgfalts- und Prüfpflicht. Und so ist es für manche Medien nun auch eine (bequeme) Ausrede, dass man sich beim Weiterverbreiten ja auf eine Agenturmeldung gestützt habe. Aber das reicht nicht und natürlich ist das eine Armutserklärung. In der Vergangenheit gab es schon häufig Fälle, in denen Agenturen auch Unsinn verbreitet haben. Nur, weil etwas von einer Agentur kommt, entbindet das Medien nicht von ihrer Sorgfaltspflicht. Umgekehrt hinterlässt aber auch die Titanic-Aktion selbst einen faden Beigeschmack. Witz ist eine subjektive Sache und Satire darf bekanntlich (fast) alles. Aber ist das wirklich komisch, eine Fake-Nachricht mit offensichtlich hohem Realitätsbezug mitten in eine schwelende Regierungskrise hinein zu platzieren? Dies sind die Mittel der so genannten Netz-Satire: Meldungen, die aussehen wie echte Nachrichten, aber nur darauf ausgelegt sind, Medien und/oder Leser hereinzulegen. Dem Titanic-Gag mit dem Fraktionsbruch fehlt jede satirische Überdrehung, jeder Spin ins Absurde, der eine Satire sonst doch eigentlich auszeichnen würde. Die Titanic-Leute sollten mehr drauf haben. Die Frankfurter haben mal wieder gezeigt, wie leicht sich Medien reinlegen lassen. Und die Medien haben ihnen den Gefallen getan, in die schludrig aufgestellte Falle mit beiden Beinen reinzuspringen. Kein Ruhmesblatt für alle Beteiligten.

“Ein plumper Streich mit fragwürdigen Zielen”

Thomas Borgböhmer: Während sich in Berlin Kanzlerin Merkel und Innenminister Seehofer einen politischen Schwergewichtskampf lieferten, foppte die Titanic mit der Meldung zum Koalitions-Aus die Medienlandschaft. Dass einige Journalisten bei Reuters, Bild & Co. auf den Fake reingefallen sind, ist ohne Zweifel ein großes Versagen. Diskussions- und fragwürdig bleibt aus meiner Sicht vor allem der Sinn des Ganzen. Im Vergleich zu anderen Satire-Aktionen wie Varoufake oder auch Miomiogate ist der aktuelle Twitter-Gag einfach gestrickt und auf den schnellen Lacher aus – ein übergeordnetes, aufklärerisches Ziel hat er nicht. Die Ente ist weder überhöht noch verzerrt oder zugespitzt; sie ist zu dem damaligen Zeitpunkt sogar sehr wahrscheinlich. Auch das Argument, dass damit die Missstände im Online-Journalismus offenbart werden, zählt in diesem Zusammenhang nicht. Denn die sind schon lange bekannt, da braucht es keine als Satire getarnte einfallslose Falschmeldung, um diese zum wiederholten Male aufzuzeigen. Es scheint, dass die Titanic ihren plumpen Streich ausschließlich wegen des medialen Effekts und der ihr dadurch sicheren Aufmerksamkeit gespielt hat. Einer der nächsten Tweets der Satiriker machte dann mit Bezug auf den Gag klar, womit wir es zu tun haben: Werbung für das neue Bezahlmodell der Titanic. Im Zweifel fällt das dann wohl auch unter Satire.

“Einigen Medien weiterhin wichtiger ist, Erster zu sein, als erstmal zu recherchieren”
Anzeige

Jens Schröder: Ob die Aktion der Titanic in einer extrem aufgeheizten politischen Lage so glücklich war – darüber lässt sich natürlich streiten. Eins hat sie aber wieder einmal aufgezeigt: Dass einigen Medien weiterhin wichtiger ist, Erster zu sein, als erstmal zu recherchieren. Und dass sie sich selbst bei solch extremen Medungen zu sehr auf eine einzelne Agenturmeldung verlassen. Ein Account eines Satire-Redakteurs mit blauem Haken in irgendwas mit “hr” umbenennen, ein paar hessische Schlagzeilen twittern, dann eine erfundene Eilmeldung posten und schon fallen Reuters, Bild, Focus, ORF, n-tv, usw. rein? Das war zu einfach. Man hätte in zwei Minuten rausfinden können, dass es gar kein hr-Format namens “Tagesgeschehen” gibt und dass auf dem angeblichen hr-Account vor den zehn neuesten Tweets nur Sachen getwittert wurden, die nichts mit dem hr zu tun haben. Zwei Minuten Recherche. Maximal.

“Bei der Aktion handelt es sich um gerechtfertigte Satire”

Marvin Schade: Bei der Aktion handelt es sich eindeutig um gerechtfertigte Satire, wenn auch nicht par excellence. Das verdeutlicht die schrecklich-plumpe Inszenierung. Die Titanic hat sich abgesehen vom Account-Namen und der Social-Media-Kachel in hr-Anmutung wirklich nicht viel Mühe gegeben, die Satire zu verstecken. Umso schlimmer ist es, dass es doch zahlreiche Journalisten gegeben hat, die darauf reingefallen sind. An böse Absichten der Titanic-Macher wäre zu denken, wenn sie für die Aktion so viel Energie aufgewendet hätten ein ganzes Newsportal zu faken, die Enttarnung dessen unmöglich gemacht hätten. Das aber war nicht der Fall. Vor allem unter den twitternden Journalisten gibt es doch einige, die den Account von Hürtgen bereits kannten. Ausgerechnet dort war Koalitionsbruch genauso schnell inszeniert, wie er sich dann verbreitet hat. Die Humoristen haben nichts anderes getan als einen Schwachstelle bzw. einen Missstand – die Nervosität und Anspannung, gepaart mit der Sensationsgeilheit der Journalisten – erkannt und sie genutzt, um zu zeigen, wie anfällig dieses Verhalten macht. Das ist nicht nur ihr Vergnügen, sondern ihre Pflicht.

“Im schlechtesten Fall verunsichert das die Bevölkerung”

Felix Buske: Laut Duden ist eine Satire eine “Kunstgattung, die durch Übertreibung, Ironie und Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt.” Der Lächerlichkeit preisgegeben hat die Titanic mit ihrer Aktion am Freitag deutsche Nachrichtenredaktionen. Es fehlte jedoch die Übertreibung und die Ironie, stellte der Tweet doch ein absolut realistisches Szenario in den Raum. Wozu führt das Ganze in seiner Endkonsequenz? Bestenfalls dazu, dass deutsche Medien wieder verstärkt auf die Vertrauenswürdigkeit von Quellen achten. Im schlechtesten Fall zu mehr und mehr unter dem Deckmantel der Satire verbreiteten Falschmeldungen, die einen Großteil der Bevölkerung weiter verunsichern.

“Fake News in Reinkultur mit dem schlichten Ziel, den größtmöglichen Knalleffekt zu landen”

Georg Altrogge: Nach dem furchtbaren Sturz von Michael Schumacher beim Skifahren packte die Titanic ein Foto von Niki Lauda aufs Cover und titelte: “Exklusiv! Erstes Foto nach dem Unfall: So schlimm erwischte es Schumi”. Der Scoop von 2014 reizte die Schmerzgrenze dessen, was Satire darf, für viele aufs Äußerste aus. Aber man konnte ihn, selbst wenn man die Titelseite angesichts der Umstände schrecklich unangemessen und pietätlos fand, doch im Grundsatz rechtfertigen. Der fingierten Meldung vom vergangenen Freitag, wonach Seehofers CSU das Bündnis mit der CDU aufgekündigt habe, fehlt hingegen gänzlich eine zweite Ebene. Sie war Fake News in Reinkultur mit dem schlichten Ziel, den größtmöglichen Knalleffekt zu landen, aus Eigennutz und zum Self-Marketing. Ging es der Titanic bei Miomiogate im Fall Kühnert noch legitimer Weise darum, dem Boulevardriesen Bild bei seiner Anti-SPD-Kampagne ein Bein zu stellen, so fehlt der Seehofer-“News” jegliche Überdrehung ins Absurde. Man brauchte anders als bei der vorgeblichen Russen-Connection des Jusochefs keinerlei Fantasie, um sie für einen Fakt zu halten. Dass die Meldung von einer großen Agentur und mehreren Medien weiterverbreitet wurde, offenbart ein handwerkliches Defizit der Newsredakteure, keine künstlerische Leistung, auf die ein Satirekollektiv stolz sein sollte. Davon geht die Titanic nicht unter, aber es war definitiv unter dem Niveau des Magazins.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Tweet: Seehofer kündigt Koalition auf.

    Wenn das nicht eine ironische Überdehnung darstellt, die von einer Satire gefordert wird, um als solche erkennbar zu sein.

    Seehofer hat vor mehr als 2 Jahren ein Gutachten in Auftrag gegeben, in welchem die Rechtswidrigkeit der in Frage stehenden Vorgänge festgehalten wird.

    Weder hat er das darin vorgetragene Wissen nach Karlsruhe getragen, noch hat er damals die Koalition aufgekündigt.

    Der größte Spaßmacher sitzt demnach nicht in der Titanic- Redaktion, das könnte mittlerweile jeder, also sogar ein Journalist wissen.

    Und natürlich auch eine Journalistin.

  2. Man sollte die Satiriker nicht so ernst nehmen. Sie müssen übertreiben. Dem einen gefällt das, dem anderen nicht. Über Humor lässt sich gut streiten. Was ist überhaupt Humor? Kishión meinte, keiner wisse das.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia