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Tincon: Wo die Jugend zwischen Spielekonsolen und Grumpy Cat über die Gesellschaft diskutiert

Im Gespräch mit den Zuschauern: Die Tincon war oft auf Interaktion ausgelegt
Im Gespräch mit den Zuschauern: Die Tincon war oft auf Interaktion ausgelegt

Am vergangenen Wochenende hat die dritte Teenage Internetwork Convention – kurz: Tincon – stattgefunden. Mit ihrem Festival haben die Veranstalter einen Ort geschaffen, an dem sich junge Leute im geschützten Raum austauschen und über ihre Sicht auf die Welt diskutieren können – es ist ein Ort, an dem sich die Jugend erforschen lässt. Zumindest die junge Elite.

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Auf der Tribüne sitzt ein Junge mit ein paar Freunden. Auf dem Smartphone in der Hand lässt er sich von einem Chatbot die News tickern, währenddessen schaut er mit seinem iPad auf dem Schoß ein Video. Parallel kommen nach und nach weitere Gäste für den folgenden Vortrag in den Raum. Darunter junge Leute mit “Europäer”-Sticker auf der Brust oder einem Schild um den Hals mit der Aufschrift “Diskutiere über alles mit allen”. Willkommen auf der Tincon, dem Festival für digitale Jugendkultur.

Hier im Columbia Theater in Berlin haben die Veranstalter einen geschützten Raum geschaffen, in dem sich die Jugendlichen über ihre Themen austauschen und sich eine Meinung bilden können. Die Tincon richtet sich vor allem an Teenager und junge Menschen bis 21 Jahre. Ältere – mit Ausnahmen von Speakern – kommen die meiste Zeit des am Wochenende stattfindenden Events auch gar nicht rein. Das macht die Tincon so besonders.

“Jugendliche benutzen ein komplett anderes Internet als Erwachsene”

An der großen Bühne im Theatersaal vorbei, durch einen der Seitenausgänge hindurch, steht Johnny Haeusler. Der Mann, der mit runder, rahmenloser Brille auf der Nase, Smartwatch am Handgelenk, Skaterschuhen und Tattoo auf dem rechten Oberarm zwar dem Zeitgeist entspricht, sticht spätestens durch sein ergrautes Haar aus dem Publikum heraus – der 53-Jährige ist Gründer und Veranstalter der Tincon. Er gibt sich zufrieden, wie die Veranstaltung verläuft, sei aber auch verausgabt, sagt er.

“Jugendliche benutzen ein komplett anderes Internet als Erwachsene”, erklärt Haeusler die Gründungsidee der Tincon. Deswegen haben er und seine Frau nach einigen Vorlesungen vor Eltern beschlossen, eine Veranstaltung zu gründen, auf der sich Jugendliche treffen und darüber austauschen können.

Das gleiche hat Haeusler schon für Erwachsene vollbracht: Er ist Mitgründer der re:publica. Die Parallelen zum größten Digitalfestival Europas sind offensichtlich. Auch bei den knapp 1.000 Teenies und Anfang 20-Jährigen geht es hier in Berlin darum, digitale Bekanntschaften analog werden zu lassen, seinen Freunden bei Twitter, Instagram oder Snapchat mal im echten Leben die Hand zu schütteln. Zwischen Bällebad, Spielekonsolen und -automaten, VR-Brillen, Robotern, Workshops über erhitzte Handys als Ersatz für eine Hot-Stone-Massage und – natürlich – einer überdimensionalen Grumpy-Cat-Figur, die das diesjährige Maskottchen der Tincon ist, geht es aber auch um gesellschaftliche Diskussionen. Über die Themen, die die junge Zielgruppe bewegt. Natürlich dreht sich viel ums Internet, aber auch LGBT oder Mental Health stehen auf ihrer Agenda.

Die Tincon hat Vorträge, Diskussionsrunden dazu organisiert, in denen zwar nicht nur Jugendliche sprechen, aber doch überwiegend Speaker der Generation Smartphone auftreten. Alexander Böhm aka AlexiBexi, Philipp Walulis, Louis Klamroth, Charles Bahr, Juliane Marie Schreiber heißen die Namen, die in der jungen Zielgruppe etwas zu sagen haben. Sie sind YouTuber, Satiriker, Moderatoren, junge Internetunternehmer oder Journalisten. Sie sprechen über ihre Berühmtheit, über Werbung und Digitalisierung  und Medienwahrnehmung. Aber auch Persönlichkeiten wie der Filmemacher (und ehemalige “Echt”-Frontmann) Kim Frank, Autor und Moderator Ranga Yogeshwar und CDU-Mitglied und Autorin Diana Kinnert sind gekommen, um über über Storytelling, Algorithmen und Diskussionskultur an sich zu sprechen.

Die Tincon, die in ihrer Aufmachung in knalligen Signalfarben daherkommt, setzt dabei vor allem auf Interaktionen mit dem Publikum.

Journalist Prokop über Storytelling auf Instagram: Das Gespräch mit den Zuschauen scheiterte

Viele Sessions waren darauf ausgelegt – und manche sind daran gescheitert. So auch einer der vielen “How to”-Vorträge, in dem Journalist Florian Prokop in einer offenen Runde knapp zwei Dutzend Besuchern Tipps gab, wie sie ihre Instagram-Stories attraktiver gestalten können. Seine Versuche, während des Vortrages mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen, scheiterten. So auch die vielversprechende Open Stage. Dort konnten Besucher spontan für fünf Minuten auf die Bühne treten und Vorträge oder Plädoyers zu Themen halten, die ihnen besonders am Herzen liegen. Am dritten Tag aber war die Open Stage dicht. Die Nachfrage war zu gering.

Abgehängtes Schild zum Eintragen für die Open Stage: Wegen fehlendem Interesse am dritten Tag abgesagt

So interaktionslos war es aber nicht immer. Besonders Themen zur eigenen psychischen Gesundheit kamen in der Zielgruppe gut an. So ein Erfahrungsaustausch über Mental Health, in dem zum Beispiel der YouTuber JustNate aus seinem Leben als Transgender erzählte. Viele solcher Sessions waren auf den gemeinsamen Austausch ausgelegt.

Werbung für die eigene Sache
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Problematisch wurde es immer dann, wenn der Kommerz die Konferenz unterwanderte. Wenn Erzählungen sich schnell zur Werbung für die eigene Sache entwickelten. So beispielsweise bei einem Teilnehmer, der die fünf Minuten auf der Open Stage nutzte, um über die Ausbildung an seinem britischen College zu erzählen. Gleiches passierte bei Gästen, die über eine Universität für Codierung oder einen lokalen Radiosender sprachen. Auf Nachfrage, ob – bewusst oder nicht bewusst platzierte – werbliche Vorträge Sinn der Veranstaltung seien, erklärte eine Mitarbeiterin die Einstellung der Tincon wie folgt: “Es ist etwas was anderes, wenn für etwas Gutes geworben wird.” Ähnlich sieht das auch Haeusler: “Wenn jemand an der Uni ist oder war und das so gut findet und dann fünf Minuten darüber erzählt, empfinde ich das als in Ordnung”.

Doch hat die Rede über die eigene Sache das eigentliche Thema oft verwässert, auch in den großen Panels. Wenn Speaker ihre Projekte in den Vordergrund zogen, gerieten das eigentliche Thema und die angekündigte These oft zu kurz. So sprachen beispielsweise Diana Kinnert und der Moderator Louis Klamroth auf ihrem Panel “How to discuss” zuallererst ausführlich über eigene Arbeiten, um danach immer noch keine Tipps für Diskurse zu geben.

CDU-Mitglied und Autorin Kinnert und Moderator Klamroth über Diskussionen

Auf der re:publica sollten in diesem Jahr die Filterblasen platzen. Durch die thematische Breite auf der Tincon wurde die Entstehung von Echokammern aber von vornherein verhindert. Die Auswahl der Speaker war bunt gemischt. Von CDU-Mitglied Kinnert, über den 16-jährigen Agentur-Gründer Charles Bahr bis hin zu Feministen, glühenden EU-Verfechtern, Künstlern und einigen sehr jungen Speakern war alles dabei. Die Tincon räumt auf mit möglichen Vorurteilen, die Jugend sei desorientiert, desinteressiert, unbeteiligt. Sie blüht vor Meinung und Haltung.

Die Teilnehmer und Speaker der Tincon sind so etwas wie die digitale Jugendelite

“Weil hier mit und nicht über die Jugendlichen geredet wird”

“Wegen der Atmosphäre”

“Um aus der eigenen Comfort Zone herauszukommen”

“Weil es so persönlich ist und weil sich die Leute so einbringen.”

So lauten die Antworten der Teilnehmer auf die Frage, weshalb sie zur Convention gekommen sind. Zwar mag die Tincon einen Einblick in die Gedanken und Ansichten junger Menschen geben, einen repräsentativen Eindruck verschafft sie aber nicht. Die Teilnehmer und Speaker der Tincon sind so etwas wie die digitale Jugendelite: Es sind junge Menschen, die sich schon für konkrete Themen interessieren, sich regelmäßig mit ihnen auseinandersetzen, die etwas verändern wollen, bereit für den Austausch sind. Die Convention könnte aber ein Ort werden, an dem auch andere Zielgruppen zusammenkommen, Schulen beispielsweise die Entwicklung von Medienkompetenz erlebbar machen können. “Ich wundere mich schon, dass keine Busse voller Schulklassen vorfahren”, kommentiert ein Besucher.

Die Kosten für den Besuch bei der Tincon sind eher weniger Gegenargument. Die Eintrittspreis sind mit 15 Euro vergleichsweise gering. “Wir sind ein gemeinnütziger Verein, der sich über Spenden, die Förderungen von Stiftungen und Sponsoring finanziert”, erklärt Haeusler. Dabei sind unter anderem das Familienministerium, die Robert Bosch Stiftung und das Medienboard BerlinBrandenburg als Förderer dabei. Auch das öffentlich-rechtliche Angebot Funk trat als Partner äußerst prominent, beispielsweise mit einer eigenen Bühne, als Partner der Tincon auf.

Haeusler betont, dass er den Eindruck vermeiden möchte, Sponsoring sei ein ebenso wichtiges Standbein bei der Finanzierung. Ganz ohne geht es aber wohl nicht, und hier müssen die Veranstalter an der Transparenz arbeiten. Mit dabei waren dieses Jahr beispielsweise zwei Partner, von denen einer Computer zur Verfügung gestellt und der andere sogar eine Session veranstaltet hat – eine entsprechende Kennzeichnung als Sponsored Panel hat gefehlt. Das aber “könnte als Graubereich betrachtet werden”, kommentiert Haeusler. Immerhin habe man das Unternehmen als Partner genannt.

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