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„Unerträgliche deutsche Arroganz“: Der Spiegel sorgt mit Spaghetti-Galgen als Symbol für Italien-Krise für Kritik

Spiegel-Cover in der Kritik

Der Spiegel polarisiert mit seinem aktuellen Italien-Titel. Vorwurf: Das Cover sei arrogant und überheblich und befeuere Vorurteile. Andere deuten die Grafik mit dem Galgen in Spaghetti-Form als schwarzen Humor. Die Story im Heft ist dann das Gegenteil, kann (oder will) mit dem provokanten Titel nicht mithalten. Fest steht: Das Nachrichtenmagazin hat – mal wieder – eine handfeste Cover-Kontroverse.

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Von Levin Kubeth und Thomas Borgböhmer

Für das Titelbild der aktuellen Spiegel-Ausgabe haben sich die Macher das italienische Nationalgericht zu Hilfe genommen: Die Spaghetti. Jedoch nicht ganz so harmlos, wie man sonst von einer Nudel denkt: Statt lediglich um eine Gabel gewickelt, bildet sie am einen Ende einen Galgenstrick. Betitelt ist das Cover in den Farben der italienischen Nationalflagge mit “Ciao amore! Italien zerstört sich selbst – und reißt Europa mit”.

Das Cover des Nachrichtenmagazins sorgt für Empörung. Der Professor und Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, empfindet es als geschmacklos und sieht sich genötigt etwas klarzustellen:

In einem weiteren Tweet schreibt er, dass Provokation wichtig für die Medien sei, „Respektlosigkeit sollte es jedoch nicht sein“. Ähnlich sieht das der pensionierte Ökonom Stephan Schulmeister, der am österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut gearbeitet hat.

Es sei zudem eine Geschmacklosigkeit der Sonderklasse. Er präzisiert in einem anderen Tweet noch einmal die Klarstellung von Fratzscher: “Die Dummheit SPIEGELt nicht das Denken der meisten Deutschen, der AfD-Fans aber wohl”. Der Macher von “Jung & Naiv”, Tilo Jung, nutzt das Cover gleich zum Rundumschlag:

Besonders nach Lektüre der Titelgeschichte wird die Cover-Gestaltung einigen Beobachtern zu drastisch sein: Unter der Überschrift „La tragedia“ wird zwar das historische Ausmaß der italienischen Tragödie aufgezeigt, doch vom endgültigen Abschied Italiens wird nicht gesprochen. Vielmehr hangeln sich die Reporter in klassischer Feature-Manier vom Status Quo über die Ursachen der aktuellen Entwicklungen des Südstaates und das Verhältnis italienischer Politiker zur Europäischen Union bis hin zu möglichen Reformen durch Merkel, Macron & Co.

„Italien ist zu groß, um unterzugehen“, schreibt der Experte im Essay zur Spiegel-Titelgeschichte – das Cover signalisiert das Gegenteil

Die Spiegel-Autoren schreiben zwar vom „Überleben des Euro“ und einem „Horrorszenario“, sollte Italien tatsächlich bankrott gehen. Noch dazu sorgt die neue, starke Position der Rechten innerhalb der EU für Kopfzerbrechen. Gleichwohl, das Land hat in den vergangenen Jahrzehnten andere Krisen und sogar Silvio Berlusconi überstanden, der insgesamt viermal italienischer Ministerpräsident war. Die optische Zuspitzung des Nachrichtenmagazins, dass sich die EU am italienischen Galgen aufhängen könnte, wirkt beim Lesen des Titelthemas reichlich übergeigt.

Der Tenor im auf die Titelgeschichte folgenden Essay von Hendrik Enderlein, Professor für politische Ökonomie, ist ebenso wenig mit dem Cover in Einklang zu bringen. „Italien ist zu groß, um unterzugehen“, schreibt Enderlein. „Aber Italien ist auch zu groß, um gerettet zu werden.“ Er betont, dass Italien die „derzeitige Krise nur mit deutscher Hilfe bewältigen kann“, und Deutschland den Mittelmeerstaat braucht, „damit Europa stabil bleibt.“ Die Herausforderungen für Deutschland und Europa seien groß, richtige Lösungen müssten gefunden werden, konstatiert Enderlein. Trotz aller Krisensymptome: Ein Abgesang auf Italien, wie es die Zeile „Ciao amore!“ suggeriert, ist es nicht.

Bereits in der Vergangenheit fiel das Nachrichtenmagazin durch polarisierende Titelbilder auf, die eine radikal apokalyptische Sicht auf die Lage der Welt transportierten. So zum Beispiel eine Illustration, in der Trump als Henker der Freiheitsstatue gezeigt wurde; in der einen Hand deren abgetrennter, bluttropfender Kopf und in der anderen ein Messer. Betitelt war das Bild mit „America First“. Beim Presserat gingen dazu im März vergangenen Jahres 21 Beschwerden ein.

Oder auch das berühmte Weltuntergangs-Bild, das der Spiegel nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten abdruckte. Darin rast ein stilisierter riesiger Kopf des US-Oberhaupts im Stile eines Asteroiden auf die Erde zu. Damals verteidigte Chefredakteur Klaus Brinkbäumer die Darstellung im NRD-Medienmagazin „Zapp“. Die Entwicklungen der vergangenen anderthalb Jahre widerlegen die überzogenen Cover der Hamburger nun. Würde man den Thesen des Magazins von damals glauben, wäre ein Treffen zwischen Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un das unwahrscheinlichste aller politischen Ereignisse. Es findet, Stand heute, am Dienstag kommender Woche in Singapur statt.

Aktuelles Spiegel–Cover, Titelseite von 1977 und die derzeitige Economist-Ausgabe

Das aktuelle Spiegel Cover ist dabei nicht das erste, das zum Thema Italien provoziert. Schon 1977 thematisierten die Journalisten das südeuropäische Land und visualisierten es damals mit Nudeln: Vor einer zerschossenen Scheibe steht ein Teller Spaghetti auf denen eine Pistole liegt. Betitelt war das Heft mit “Urlaubsland Italien. Entführung, Erpressung, Straßenraub”, woraufhin sich italienische Medien beschwerten. Aber auch im Hier und Jetzt setzen andere Magazine auf das Thema. Der britische Economist hat ein provokantes, aber deutlich subtileres Cover. Eine Eistüte mit drei Kugeln in den Farben der italienischen Landesflagge ist als gezündete Bombe dargestellt.

Doch das Hamburger Nachrichtenmagazin findet bei aller Schelte auch Unterstützer. Der Chefredakteur des österreichischen Nachrichtenmagazins Falter, Florian Klenk, etwa widerspricht der Kritik. “Das Cover zeige die Selbstzerstörung der italienischen Demokratie und zeigt, dass das ein europäisches Thema ist.” Er sehe keine Abwertung Italiens, sondern eine Kritik am politischen Establishment.

Nach dem Tweet von Tilo Jung kommentierte auch ein Spiegel-Redakteur im Hauptstadtbüro das Titelbild und machte das, was man als Journalist vermeiden sollte: Die Leserschaft beleidigen, weil sie etwas kritisch sieht – sicher nicht die sinnvollste Weise, auf den Vorwurf der Arroganz durch einen Kollegen zu reagieren…

Ein niederländischer Twitter-Nutzer kommentiert das Cover mit einem Seitenhieb gegen den deutschen Humor: “Und dann sagen Sie, dass Deutsche keinen Sinn für schwarzen Humor haben.” 

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