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“Beim Spiegel geht es nicht darum, cool zu sein”: Produktchef Stefan Plöchinger über die neue Paid-Content-Strategie

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Spiegel und Spiegel Online sind mit ihrem neuen digitalen Bezahlmodell Spiegel+ live gegangen – im Interview mit MEEDIA erklärt Produktchef Stefan Plöchinger unter anderem, weshalb der Verlag trotz der Erfolgsbeispiele New York Times und Wall Street Journal mit ihrem Metered-Ansatz auf ein Freemium-Modell setzt und weshalb er redaktionelle Zielvorgaben für falsch hält.

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Spiegel und Spiegel Online haben ihr digitales Bezahlangebot überarbeitet – ist die Zukunft des Hauses damit gesichert?
Vorweg, der Spiegel ist wirtschaftlich in einer guten Lage, und wir haben schon in den vergangenen Jahren wertvolle Erfahrungen mit digitalen Bezahlangeboten gemacht. Deshalb haben wir uns aus einer ordentlichen Ausgangsposition heraus die Frage stellen können, wie wir langfristig ein digitales Pay-Geschäftsmodell aufbauen wollen. Das neue Spiegel+ ist das Ergebnis dieses Prozesses. Es soll zur Zukunftsfähigkeit des Hauses beitragen, indem es neben der Anzeigenfinanzierung nachhaltig eine zweite Säule aufbaut, wie sie viele Medienhäuser mittlerweile recht stabil erschaffen haben. Wir haben ausreichend Mittel und Zeit für diese Entwicklung.

In Bezug auf das neue Spiegel+ wird sehr viel über Preismodell und -struktur gesprochen. Beide sind nach den schlechten Erfahrungen mit dem Einzeltextverkauf neu aufgesetzt worden. War der Preis das einzige Problem von Spiegel+?
Wirtschaftlich war er das wesentliche Problem — weil der Verkauf einzelner Texte einfach keine so nachhaltigen Einnahmen abwirft wie ein Abo, das inzwischen das Erfolgsmodell im Markt geworden ist. Aber abgesehen davon hat das neue Spiegel+ noch einen essentiellen Vorteil. Erstmals arbeiten alle Redaktionen unseres Hauses in einem gemeinsamen Geschäftsmodell zusammen, das sich aus Anzeigen- und Leserfinanzierung zugleich speist. Ich sage immer: Beim Geschäftsmodell kommt man am besten von der Marke über den Inhalt zum Angebot. Spiegel+ geht von der gemeinsamen Marke Spiegel aus und bietet alle Inhalte zu einem einheitlichen Preis. Simpler geht es kaum, und dem Zusammenwachsen hilft es auch. Es ändert sich also deutlich mehr als nur ein Preismodell.

Sind die 19,99 Euro für das Basis-Angebot ein Kampfpreis?
Wir bewegen uns im Rahmen dessen, was vergleichbare Wettbewerber für ihre Angebote verlangen. An einem Preiskampf oder einer Abwärtsspirale haben wir kein Interesse. Ich würde nie ausschließen, dass wir in niedrigeren Preissegmenten experimentieren oder auch mal rabattieren. Das machen wir auch schon mit dem 11,99-Euro-Angebot für unter 30-Jährige. Es ist aber wichtig, einen höheren Ankerpunkt zu haben, der von Lesern als fair und rational anerkannt wird.

Sie haben bei der Vorstellung betont, mit Spiegel+ kein Angebot im Niedrigpreissegment machen zu wollen. Haben Sie mit dem U30-Angebot für aber nicht genau das getan?
Es ist ein niedriger Preis mit einem Ablaufdatum: Wer die 30 überschreitet, wird mehr zahlen müssen, und er hat das dann von Anfang an gewusst. Das ist fair, ein ganz neuer Umgang mit einer preissensiblen Zielgruppe und außerdem leicht zu erklären. Diese Einfachheit hebt uns von noch immer komplizierten Preisstrategien im Wettbewerb ab. Wenn ein Nutzer das Alter erreicht und uns dann schon eine Weile kennt, wird er sicher bereit sein, ein bisschen mehr für Spiegel+ zu zahlen.

Dass der Nutzer über 30 mehr zahlt, ist in der Theorie so. Ich bin 27 Jahre alt – meine Mutter und mein Onkel könnten meinen Login mitbenutzen.
So etwas kann immer passieren, und ja, Sie könnten sogar noch, wenn Sie denn 30 sind, Ihr etwas teureres Login mit anderen Lesern teilen! Wer wirklich ein Fan unserer Marke ist, wird uns aber vermutlich nicht dauerhaft austricksen wollen, und es passiert nach unseren bisherigen Erkenntnissen auch nicht großflächig.

Ein Fußballfan wird die Gelegenheit, günstiger zum Derby zu kommen, sicherlich auch nicht ausschlagen.
Wenn er das häufiger macht, wird sicherlich mal ein Ordner auf ihn zugehen und ihn fragen, ob er das in Ordnung findet. Natürlich werden wir solche Ausweichmanöver beobachten und freundlich auf Nutzer zugehen, die Spiegel+ auf 18 Geräten gleichzeitig nutzen. Aber wie gesagt: Erst mal geht es darum, überhaupt bezahlbereite Leser an uns zu binden.

Wieso haben Sie sich für ein Freemium-Modell entschieden und nicht für Metered?
Wir hatten mit dem bisherigen Spiegel Plus schon ein Freemium-Modell und wollten mögliche Irritationen durch eine Umstellung vermeiden. Darüber hinaus wissen wir aus dem Markt, dass das Nutzerverständnis beim Metered-Modell geringer ist. Leser sind dort eher verwirrt und überlegen zweimal, ob Sie einen Artikel, der Sie eigentlich interessiert, wirklich anklicken sollen, weil sie nie sicher sind, ob sie nun die Lesegrenze erreichen werden. Das Freemium-Modell ist in der Kommunikation dagegen sehr ehrlich. Es wird deutlich gesagt, für welche Stücke man wirklich bezahlen soll — was Nutzer seltener frustriert.

Die New York Times und das Wall Street Journal sind die Best-Practice-Beispiele im Markt. Beide Medien setzen auf Metered.
Die New York Times hat ein inzwischen sehr reduziertes Metered-Modell, fast Freemium…

…das müssen Sie erklären.
Dass die New York Times ihre Abo-Schranke schon nach fünf Artikelaufrufen im Monat herunterlässt, führt fast zur selben Verkaufsmechanik wie eine reine Freemium-Seite. Wie metered ist einer solch knappe Grenze wirklich noch?

Hierzulande würden wir von einer „harten Bezahlschranke“ sprechen.
Und damit sind wir schnell wieder beim Preispunkt — denn der ist bei der New York Times im Vergleich mit Deutschland sehr niedrig, sicher auch deshalb, weil sie einen nationalen wie internationalen Massenmarkt ansprechen kann. All diese Schritte sind für die NYT logisch.

Es ist logisch, die Preisspirale nach unten zu eröffnen?
Die New York Times ist bei der Marktabschöpfung allen meilenweit voraus. Nach Jahren eines erfolgreichen Abo-Modells ist sie nun dabei, sich über Differenzierung weiteren Zielgruppen zu öffnen und sie attraktiver zu umwerben. Das ist höhere Paid-Content-Ökonomie. Hier in Deutschland sind wir alle noch dabei, unterschiedliche Preispunkte überhaupt erst zu erforschen. Das erklärt, wieso es Angebote von 9,99 Euro bis 45 Euro oder mehr gibt.

Wird mit der Kennzeichnung von „Premium“ oder „Plus“-Content der restliche Inhalt eines Angebotes nicht entwertet?
Unser Angebot heißt deshalb Spiegel+, weil es ein zusätzliches Angebot ist, ein Mehr an Inhalten auf Spiegel Online. Sie finden unter diesem Label auf unserer Nachrichtenseite besondere Stoffe, die dort sehr lange Zeit nicht präsentiert wurden….

…Texte aus dem wöchentlichen Magazin.
Richtig. Aber Spiegel+ geht darüber hinaus. Die Redaktionen des Hauses schreiben auch eigene Texte für das neue Angebot. Sie werden aufwendig recherchiert und geprüft; es sollen besondere Texte sein, die man auf einer Nachrichtenseite so nicht zwingend erwartet und bei denen einem der Mehrwert sofort bewusst wird. Stücke, für die es sich lohnt, Geld auszugeben.

Das Geldeinnehmen hat nach allem, was bekannt ist, bislang nicht so gut geklappt. 50.000 Euro hatte der Spiegel mit dem bisherigen Plus monatlich verdient.
Wir sind sehr sicher, dass das neue Modell besser und nachhaltiger funktioniert. Über unser bisheriges Modell und den Einzeltextverkauf ist viel geschrieben und auch alles gesagt worden, denke ich. Die 50.000 Euro waren die realen Umsätze, die virtuellen Rechnungen in dem Bierdeckel-Prinzip von Laterpay waren schon höher – aber virtuelles Geld hilft uns eben nicht viel weiter. Im neuen Modell zahlen Nutzer wirklich.

Spiegel-Online-Chefredakteurin Barbara Hans hat zuletzt erklärt, Aufmerksamkeit sei Mittel zum Zweck für Qualitätsjournalismus. Aufmerksamkeit schafft Reichweite – ist Reichweite dann Mittel zum Zweck für Paid Content?
In gewisser Weise, ja. Sie brauchen einen möglichst großen Reichweiten-Trichter, damit am Ende möglichst viele Menschen in Ihr Abo-Modell purzeln. In diesem Sinne muss Reichweite aber etwas differenzierter gesehen werden als früher. Sie ist kein Zweck an sich mehr. Eine moderne Traffic-Strategie legt Wert darauf, Leserloyalität zu fördern und nicht einfach Klicks zu sammeln — weil nur loyale Leser einen weiterempfehlen werden und nur überzeugte Nutzer eine Bezahlneigung entwickeln.

Es gibt, wenn wir über Preispolitik sprechen, immer so schöne Vergleiche wie den Kaffee von Starbucks – ein Abo dürfe ja wohl 25 oder 30 Euro kosten, wenn Menschen genauso viel Geld im Monat für den Kaffee dort ausgeben. Der Vergleich hinkt immer etwas, weil Starbucks ja versucht, einen Lifestyle zu verkaufen. Fehlt es den Medien nicht genau daran?
Wer den Spiegel auch nur manchmal kauft oder Spiegel Online halbwegs regelmäßig liest, hat vermutlich eine Vorstellung davon, was der Spiegel als, nun ja, eine Art Institution in diesem Land leistet. Das ist etwas anderes als ein Lifestyle, es ist etwas Grundlegendes. Beim Spiegel geht es nicht darum, cool zu sein, sondern wie bei unseren Wettbewerbern letztlich um die Sicherung des kritischen, unabhängigen Journalismus in Deutschland — dass wir um Qualitätsjournalismus herum ein Lebensgefühl erfinden müssen, ist nicht unsere Herausforderung.

Wenn das so ist, wissen immer weniger Menschen, was der Spiegel leistet.
Das stimmt nicht. Noch nie hat der Spiegel-Journalismus so viele Leser erreicht wie heute. Jede Woche entscheiden sich mehr als dreizehn Millionen Menschen für uns – auf Papier, im Internet, auf dem iPad oder dem Smartphone. Wir sind mit allen Marken des Hauses ein Teil des Lebens sehr, sehr vieler Menschen. Und werden es bleiben.

Schließen Sie auch deshalb ein strengeres Bezahlmodell aus, um die Reichweite nicht zu gefährden?
Wie schon gesagt: Es geht nicht darum, Reichweite per se zu gefährden oder zu schützen — Reichweite ist einfach wichtig, um Bezahlleser zu akquirieren.

Und für die Werbeindustrie.
Mit der wir ebenfalls sehr gut Geld verdienen, ja. Paid Content und Reichweite können nebeneinander existieren und sich sogar gegenseitig begünstigen. Wir werden uns ein funktionierendes Geschäftsmodell nicht mit einem neuen zerschießen. Also werden wir auch keine Nutzer aussperren. Das wäre irrational.

Wird der Erfolg eines Paid-Contents auch in Traffic gemessen?
Wir haben uns schon in unseren bisherigen Bezahlmodellen angesehen, welche Texte besser ankommen als andere, und werden das weiter tun. Aber man kann einzelne Erfolge mit tollen Themen ja nicht beliebig reproduzieren. Deshalb werden wir unsere Reichweitenstrategie auf vielen Ebenen verfeinern. Das ganze Digitalgeschäft von Qualitätstiteln ist komplizierter geworden, sofern sie durch Reichweitenoptimierung wirklich alle Teile ihrer Erlösmodelle unterstützen wollen. Für uns sind inzwischen Daily Active User die wichtigste Metrik — denn wir erreichen mit unserer Seite schon sehr viele Menschen, das Potential ist nicht unerschöpflich, also müssen wir nicht immer noch neue Leser suchen, sondern eher die bestehenden monthly users überzeugen, dass sie möglichst daily wiederkommen.

Interessieren Plus-Leser die gleichen Themen wie den Reichweiten-Leser?
Leser erwarten Berichte und Analysen aus Politik und Wirtschaft eher im freiem Bereich, weil das die Grundversorgung einer Nachrichtenseite ist …

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… und Panorama …
… tatsächlich auch Gesellschaft und Buntes, ja. Aber das ist ein gutes Beispiel für die Unterschiede zwischen Free und Paid Content. Die vermischten Seiten werden bekanntlich auch in Zeitungen gerne gelesen — sie sind aber wohl nur selten der Grund dafür, eine Zeitung zu kaufen. Bezahlbereitschaft wird durch andere Geschichten ausgelöst.

Durch welche?
Nach unseren Erfahrungen Geschichten mit deutlich mehr Nutzwert. Aber auch Stücke mit einem Aha-Effekt. Beispiel: Die viel diskutierte Spiegel-Geschichte über eine US-Amerikanerin, die mit Freunden ins Berghain ging, verschwand und am Ende tot war. Oder die Geschichte über einen deutschen Unternehmer, der Gold im Wert von 40 Millionen Euro bei seiner Bank einlagerte, wo es plötzlich verschwand. Das waren Bestseller im bisherigen Spiegel Plus.

Und die Bestseller mit Nutzwert?
Das geht bis in die Lebensberatung hinein, bis ins Privateste: „So bewahren Paare die Lust auf Sex“, oder die Auseinandersetzung mit Diät-Trends wie dem Intervallfasten — auch solche Themen kaufen Leser dem Spiegel gerne ab, weil sie ihm zuverlässiger als anderen Titeln schlaue Gedanken dazu zutrauen.

Wenn wir über Bezahlmodelle sprechen, wird oft auch über die Personalisierung und Individualisierung  der Angebote gesprochen: Was ist da kurz-, mittel- und langfristig bei Spiegel+ möglich?
Langfristig geht immer alles Mögliche und Unmögliche, aber zunächst sollten wir uns ans Simple machen. Zum Beispiel Nutzern, die vielleicht schon das dritte Probeabo probiert haben, kein viertes mehr anzubieten, sondern ein auf sie zugeschnittenes Angebot. Oder man verkauft zur WM ein spezielles Fußball-Abo. Oder zu einer Landtagswahl ein Spezialpaket. Im Vertrieb gibt es viele Spielarten, mit denen es sich zu experimentieren lohnt, und technisch sowieso. Wir können Nutzern Inhalte, die sie besonders interessieren, über Social-Media-Targeting ausspielen und so einzelne Artikel gezielt verbreiten, um Neukunden auf Spiegel+ aufmerksam zu machen.

Zum Beispiel bei Facebook.
Ja. Wir müssen lernen, Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen auch unterschiedlich anzusprechen. Targeting ist interessanterweise vollkommen üblich geworden. Ich kenne keinen Kollegen in anderen Medienhäusern, der bei Paid Content nicht so arbeitet.

Ist es üblich auch für die teilweise sensiblen Kollegen hier im Haus?
Hier ist allen klar, dass Spiegel+ erfolgreich sein sollte, weshalb man dafür werben muss – auch auf Facebook, das sehr gutes Targeting ermöglicht. Es ist aber nicht die einzige Plattform, wir werden sicher auch im Mail-Marketing einiges versuchen.

“Alle Redakteure des Hauses Spiegel+-Redakteure”

Spiegel+ hat auf Spiegel Online einen eigenen Bereich. Wird dieser auf die Interessen des einzelnen Nutzers zugeschnitten sein?
Erst mal wollen wir in diesem Bereich allen Lesern gleichermaßen ein attraktives, frisches Angebot zum Durchstöbern machen. Die Redaktion mit ihrer Routine aus Themengespür und Reichweitenerfahrung stellt da ziemlich zuverlässig die richtigen Texte zusammen. Aber am Ende der Seite und aller Artikel haben wir eine Recommendation-Engine mit einer Basis-Personalisierung eingebunden, um diese Technik für den Aboverkauf auszuprobieren. Wir werden nicht zuletzt mit den Erkenntnissen daraus analysieren, wie wir Spiegel+ algorithmisch weiterentwickeln sollten — eine passgenaue Personalisierung hinzubekommen, ist ja gar nicht so einfach …

… was ist da so kompliziert? Netflix, Spotify und Co. schaffen es auch, mir passende Inhalte auszuspielen.
Und das funktioniert bei Ihnen?

Netflix hat offenbar verstanden, dass ich weder auf Romantik noch Horror stehe.
Bei mir sieht das anders aus. Vielleicht, weil ich einfach sehr viel Unterschiedliches anschaue? So oder so, wir werden daran sicher forschen. Natürlich sehe ich als Produktchef staunend die Möglichkeiten, die US-Medien haben, wenn sie sich große Datenmengen über ihre Zielgruppen anschaffen und durch Verkaufsanalysen in Echtzeit das Pay-Geschäft so verfeinern, wie es hier gar nicht möglich ist. Als halbwegs datenbewusster deutscher Verbraucher freilich bin ich nicht unfroh, dass das hier größere Grenzen hat.

Spiegel und Spiegel Online sind keine integrierte Redaktion – wie wird Spiegel+ gesteuert?
Beide Redaktionen und alle Ressorts haben den besten Willen, an Spiegel+ mitzuwirken. Dieses neue Angebot ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum gemeinsamen Arbeiten. Im Grunde sind alle Redakteure des Hauses Spiegel+-Redakteure.

“Paybait wird es nicht geben”

Wird in allen Redaktionen also in der Konferenz zuerst daran gedacht, was man bei Spiegel+ verkaufen wird?
Als Produktchef gehe ich ja nicht mehr in Redaktionskonferenzen, da fragen Sie den Falschen. Aber natürlich werde auch ich ständig gelöchert, welche Themen Bestseller sind.

Gibt es Zielvorgaben, wie viele Plus-Geschichten täglich erscheinen?
Wir wissen, dass wir jede Woche ein bis zwei Dutzend gut konvertierende Stücke brauchen — das ist nicht nur bei uns so, sondern Branchenstandard, wenn man sich in anderen Häusern umhört. Entsprechend gehen wir natürlich mit weitaus mehr Inhalten ins Rennen. Gute Stücke zu finden, ist in diesem Haus kein Problem.

“Handeln dateninformiert — nicht datengetrieben”

Gibt es Zielsetzungen hinsichtlich der Konvertierungen?
Nein. Es gibt natürlich keine Zielvorgaben, wie viele Abos einzelne Ressorts generieren müssen. Das halten wir nicht für produktiv. An erster Stelle soll die gute Geschichte stehen. Conversion-Vorgaben brächten sicher ein paar negative Nebeneffekte mit sich, und außerdem gibt es äußere Einflüsse, die Kaufbereitschaft ganz simpel reduzieren. Zum Beispiel gutes Wetter oder der Umstand, ob gerade Wochenende ist, also Lesezeit.

Das lässt sich ja einkalkulieren. Jedes Unternehmen setzt sich doch Ziele in Ab- und Umsatz.
Interne Umsatzziele haben wir, aber die muss man ja nicht auf Conversion-Ziele für einzelne Teams und Journalisten runterbrechen. Außerdem führt das am Ende doch nur zu Entwicklungen, die wir aus dem uralten Reichweitenmodell schon kennen: Redakteure unter reinem Zieldruck denken am Ende mehr darüber nach, wie sie Geschichten überknackig anteasern, als über den echten Mehrwehrt des Textes. Paybait wird es nicht geben.

Können Redakteure im Sinne der Transparenz dennoch nachvollziehen, ob und wie oft ihre Artikel zu (Probe-)Abos geführt haben?
Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter kann sehen, wie oft in Artikeln auf „Gratismonat testen“ geklickt wurde. Das reicht im Wesentlichen, um das Modell gut zu steuern. Wir handeln da durchaus dateninformiert — aber eben nicht datengetrieben.

Das ist eine neue Form der Transparenz für das Haus Spiegel.
Das stimmt nicht.

Bei Spiegel Daily war man sehr viel mehr damit beschäftigt, Zahlen zu verbergen, als sie zu kommunizieren.
Wir haben sie gerade sehr transparent gemacht, für jeden einsehbar, in unserem neuen Devblog.

Als feststand, dass es vorbei war.
Man muss differenzieren. Zur Kultur des Hauses gehört zum Beispiel seit sehr vielen Jahren, dass jede Kollegin und jeder Kollege die Klickzahlen von Spiegel Online oder die Lesezahlen von Artikeln der digitalen Ausgabe im Intranet abrufen kann. Bei Spiegel+ geht es jetzt so weiter. Wir werden im Devblog außerdem sicher wieder Einblicke in die Zahlen geben.

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Alle Kommentare

  1. “…dass wir um Qualitätsjournalismus herum ein Lebensgefühl erfinden müssen, ist nicht unsere Herausforderung.”

    Nichts verstanden.

    1. Sie sollten hier nicht lesen, wenn Sie der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Das nächste grosse Ding aka Denglisch wird übrigens ARABISCH. Also bereiten Sie sich vor – noch ist Zeit. 🙂

      1. Laber-Deutsch Marke Barth geht hingegen so: „Wahrscheinlich kennt die Geschäftsleitung um den Spassfaktor weswegen ich DIE ZEIT lese.” Siehe weiter oben.

  2. Der Mann ist 27 Jahre alt. Ich kenne seine Vita nicht, aber direkt vom Studium heraus den Spiegel retten wollen? Bruahahahaha! Das erinnert irgendwie an das Personal der Werbebranche.

    Von mir aus kann SPON hinter einem Anmeldeformular aka login verschwinden und nie wieder auftauchen. Aber wenigstens wurden in letzter Zeit kritische Leserkommentare und Forenposts nicht mehr so ganz radikal gelöscht. Das gab Hoffnung.

    Bei meinem Arbeitgeber liegt der Spiegel mittlerweile nicht mehr für Jedermann greifbar aus. FOCUS schon noch. Die Prioritäten der Geschäftsleitung kenne ich allerdings nicht, denn DIE ZEIT wird im Dutzend jeden Tag ausgelegt. Wahrscheinlich kennt die Geschäftsleitung um den Spassfaktor weswegen ich DIE ZEIT lese. Ich bin mir sicher, bei DIE ZEIT würde das mit dem Bezahlsystem 100% klappen. Aber nicht bei SPON.

  3. Metered?

    Wie wollen sie das denn machen? Cookies, so wie Zeitonline bei Z+? Die entsorgt mein CookieMuncher? Wie das Hamburger Abendblatt? Da kümmert sich mein User-Agent Switcher drum, dass man mich für Google persönlich hält? Mit der Speicherung meiner IP? Die wechsle ich mit zwei Mausklicks.
    Für speziellere Fällte gibt’s auch noch nette Scripte bei Tamper(Grease)monkey. Und über allem wacht auch noch ein Anti-AdBlock Killer.

    Forget about the crap.

    Merke: Was Menschenhand verschlüsselt, kann auch Menschenhand wieder entschlüsseln.

  4. Bisher sind sämtliche Bemühungen gescheitert, die bereits werbefinanzierten Inhalten zusätzlich zu monetarisieren. Das wird auch so bleiben. Denn eines ist Fakt: Was auch immer ich lesen will: Irgendwo finde ich es, ohne dass ICH dafür zahlen muss.
    Zum gern kolportierten Beispiel “Starbucks”: Wer nicht regelmäßig auswärts gegen Bezahlung Kaffee trinkt, weiß nicht, dass es bei Starbucks sauleckeren Kaffee gibt, welcher in jeder Ausprägung und Menge günstiger ist, als die Produkte der Konkurrenz. Beispiel: Mein Lieblings-Bräu ist ein Triple-Cappuccino-Grande. Das sind drei shots geilster Espresso, die genau richtige Menge Milchschaum. Dafür zahle ich rund 5€. Kürzlich in Köln im Cafe Reichart: 6,30 für zwei einzelne Espressi (“wir können keinen doppelten servieren”).

  5. Also ich finde, der Ansatz geht schon in die richtige Richtung. Wie anders sollen sie es machen, wenn Werbung nun mal nicht ausreichend konvertiert? Kann bloß sein, dass sie dafür ein bisschen spät dran sind, und das Zeitfenster, die User an zu zahlenden content zu gewöhnen, schon vorbei ist (vor 2-3 Jahren wäre besser gewesen).

    Grafisch müssen Sie auch noch was machen. Die App ist noch nicht einladend genug etwas zu abonnieren, und auf die wird es gerade für die Leute, die für ein Abo in Frage kommen, entscheidend ankommen. Auch da könnte man sich noch was von der NYT abschauen.

    Auf jeden Fall schon mal gut, dass man das Abo über iTunes abschließen kann, das wirkt vertrauensbildend (und ist keine Selbstverständlich bei deutschen Medienmarken). Dass man erstmal de facto das Abo für den U30-Preis locker ausgibt und da keine zu hohe Kontrolldichte draufpackt, ist meiner Meinung nach auch richtig gedacht.

    Kritisch sehe ich, dass man im Moment auf der Home halt doch noch versucht, mit Boulevard an Reichweite zu kommen. Das wird schwierig zu kommunizieren, dass die Pay-Inhalte aber dann durchgängig seriöser sein sollen.

    Last not least finde ich auch das Branding, vor allem die orangene Farbe, noch nicht so ganz zu Ende gedacht. In welchem Verhältnis soll das zum klassischen Spiegel-Rot stehen?

  6. Die Vergleiche Spiegel – NYT erscheinen mir nicht sinnvoll.

    Das unbegrenzte Nutzung der Webseite und der App bietende Basisabo der NYT wird in Europa zZ zum Normalpreis von 14,99 Euro vermarktet. Das All Access Abo kostet 22,99 Euro und beeinhaltet zusätzlich einen weiteren Zugang für Partner/Angehörige plus Kreuzworträtsel und Rezeptdatenbank. Für Neuabonnenten betragen die Preise momentan 8,99 bzw 14,99 Euro.

    Auf der NYT Seite sind ein Mehrfaches an redaktionellen Inhalten als auf der Spiegel Seite verfügbar. Die NYT beschäftigt mit über 1.000 Journalisten einige mehr als der Spiegel.

    Hauptkritikpunkt am Spiegel stellt die in der Gegenwart leider niedrige journalistische Qualität dar. Hinzu kommt die unkritische Berichterstattung über das politische Geschehen in Deutschland. Der Spiegel der Gegenwart stellt IMO nur noch einen Abklatsch des einstigen Musterbeispiels für kritischen Journalismus in der Zeit vor den 80er Jahren dar.

    Für einen kritische Berichterstattung über das Geschehen in Deutschland leistenden Spiegel würde ich gerne 20 Euro oder mehr monstlich zahlen. An der gelieferten unkritischen Hofberichterstattung und den hohen Anteil an Boulevardjournalismus habe ich hingegen kein Interesse. Ich zahle weiterhin für NYT, Washington Post und Haaretz Abos und ich spende dem Guardian jährlich 250 Euro und der Taz jährlich 120 Euro.

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