Partner von:
Anzeige

Strafe, für was auch immer: die mörderisch triviale Gebrauchsliteratur des Ferdinand von Schirach

Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach (li.), Rezensent Thomas Fischer: “Weit weg von der Kunst, die ihm angedichtet wird”
Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach (li.), Rezensent Thomas Fischer: "Weit weg von der Kunst, die ihm angedichtet wird"

Ferdinand von Schirach, Jahrgang 1964, ist ein literarisches Phänomen. Mit 45 Jahren veröffentlichte der Berliner Anwalt seine ersten Kurzgeschichten über angeblich authentische Kriminalfälle, die ihn zum Bestseller-Autor und gefeierten Star des Feuilletons machten. Auch sein siebtes Buch "Strafe" wird von der Kritik hochgelobt – völlig zu Unrecht, findet der frühere Bundesrichter Thomas Fischer.

Anzeige

Ferdinand von Schirach hat ein neues Buch veröffentlicht: „Strafe“. Es wird als Meilenstein empathischer Strafrechtskunde allgemein sehr gelobt, ist kurz davor, den Ehrenpreis des deutschen Existenzialistenverbandes zu erhalten, und enthält zwölf (Zufall?) lustige Geschichten darüber, wie das Leben so spielt. Nichts Menschliches ist dem Dichter fremd, und dem Anwalt erst recht nicht. Es gab vor langer Zeit einmal eine tolle Sammlung von originellen Todesarten aus der BILD-Zeitung, im Stil von: „Oma von Kokosnuss erschlagen“, oder „Dackel stürzt Rentner vom Eiffelturm“, usw. So ähnlich darf man sich das vorstellen.

Ein Ostermärchen

Meine Lieblingsgeschichte ist die vom Taucher: Eine sehr fromme Dame findet bei der Rückkehr vom Karfreitags-Beten ihren unter Föhneinwirkung leider sexuell deviant gewordenen Gatten im Taucheranzug, vollgeklebt mit Käse-Scheibletten, ein Seil zwecks Orgasmussteigerung um den Hals, in kritischem Zustand; etwas später ist er tot. Sie verschleiert die peinliche Sache, kommt wegen Mordverdachts in U-Haft, dann aber wieder raus, weil sich am Ostersonntag der Taucheranzug findet und die Sache mit den Scheibletten aufklärt. Schirach lässt einen Sachverständigen auftreten, der dem Leser den Zusammenhang von Frischhaltefolie und Orgasmus erklärt. Da weiß der Richter auch nicht weiter und wünscht der Witwe „schöne Feiertage“. Sie geht nachhause und sitzt am Ostermontag wieder in derKirche. Im letzten Satz erfahren wir, dass sie den geburtstraumatisierten Fetischisten doch getötet hat. Aber das bleibt unter Schirach und uns.

Ich finde, das ist eine anrührende Geschichte aus dem Leben von wem auch immer. Ich könnte sie mir sehr gut verfilmt als Lena-Odenthal-„Tatort“ vorstellen, mit Axel Milberg als Taucher; Lisa Wagner als Gattin, Jan Liefers als Priester und Udo Samel als Ermittlungsrichter mit Cordjacke. Man müsste allerdings, damit es nicht allzu langweilig wird, noch eine SM-Beziehung zwischen der Kommissarin und dem Priester einbauen.

 

Kleine Rechtssprechungsübersicht

Andere Fälle kommen einem seltsam bekannt vor. Beim Blättern im Jahrgang 2012 der Neuen Zeitschrift für Strafrecht zum Beispiel stößt man auf den Beschluss 3 StR 109/12 (S. 709 f.). Da hatte ein Täter 300 Gramm Marihuana zwecks Handeltreibens aus einem Versteck im Wald geholt und im Auto transportiert; hierbei führte er ein Messer mit sich und hatte eine BAK von 1,43 Promille. Wegen der Trunkenheitsfahrt kriegte er einen Strafbefehl, der rechtskräftig wurde. Dann verurteilte ihn das LG Düsseldorf wegen bewaffneten Handeltreibens mit BtM in nicht geringer Menge zu zwei Jahren sechs Monaten Freiheitsstrafe. Der BGH hob das Urteil auf, weil das Handeltreiben und die Trunkenheitsfahrt eine Tat waren (§ 264 StPO) und daher mit dem Strafbefehl Strafklageverbrauch für alles vorlag: Ne bis in idem.

Man findet das im StPO-Kommentar von Meyer-Goßner in Randnummer 2a zu § 264 StPO. Wenn man daraus einen Bestseller machen will, muss man sich als Dichter natürlich was einfallen lassen. Bei Schirach heißt das Drama „Ein kleiner Mann“ und geht so: Strelitz –   Schirach nennt die Figuren gern schlicht beim Familiennamen; das hat etwas Brechtisches und vermittelt eine Stimmung des existenziell Dahingeworfenseins – ist ein „kleiner Mann“, daher sammelt er Biografien von Mussolini, Einstein und Prince (Goebbels fehlt) und hat kein Glück bei Frauen. Beim Türken gegenüber (Strelitz wohnt in Kreuzberg) beobachtet er zwei tätowierte Rauschgifthändler die, wie es der Zufall will, alsbald eine Sporttasche im Keller des von S. bewohnten Hauses verstecken. Strelitz erkennt sogleich: ein „Bunker“. Flugs stellt er die Tasche sicher; die 6 kg Kokain erkennt er durch die geschlossene Verpackung. Schlau wie er ist, geht er gleich wieder zum Türken gegenüber und bietet ihm die sechs Kilo an. Kein Problem, sagt der Türke, er kenne da einen Interessenten. Man ahnt es schon: Der Interessent ist der Tätowierte vom letzten Mal. Verfolgungsjagd; Strelitz baut mit Kokain, Pfefferspray und BAK über 1,1 Promille einen Unfall; es folgen Bewusstlosigkeit, Krankenhaus, U-Haft. Der kleine Held lebt auf, weil er jetzt eine große Nummer im Knast ist (Achtung: Psychologie!). Den ihm offenbar dort zugestellten Strafbefehl wegen der Trunkenheitsfahrt nimmt er hin; dann kommt eine Anklage wegen bewaffneten Handeltreibens mit BtM in nicht geringer Menge (Mindeststrafe: Fünf Jahre). Im Hauptverhandlungstermin beim Landgericht sitzen die Richter ohne Robe herum und erklären ihm und dem Leser, was ne bis in idem ist. Dann stellen sie das Verfahren nach § 206a StPO ein, weil „das Amtsgericht einen Fehler gemacht hat“. Der große Herr Strelitz darf nach Hause und ist wieder klein.

Mein lieber Schwan! Das ist aber mal ein Kriminalfall! Es geht dem Dichter hier um die schonungslose Darlegung menschlicher Traumata. Strelitz zum Beispiel trägt „spezielle Schuhe“ mit 50 mm Absatz. Die BGH-Entscheidung aus dem jahr 2012 in der Bearbeitung durch Schirach ist somit unbedingt für den Grundkurs Deutsch („Interpretation“, Klasse 9) zu empfehlen.

„Zur Strafe“, schreibt Florian Illies als Werbebotschaft auf dem rückwärtigen Schutzumschlag, werde man „süchtig“ nach der unwiderstehlichen Prosa von Schirach. Und zwar „weil wir alle einsam sind“ und Schirach davon erzähle, „wohin das führen kann“. Das ist ein kongenialer Einstieg ins Schirachsche Welttheater, in dem „wir alle“ verloren unter dem Himmel stehen und immerzu passiert, was irgendwie passieren muss, oder auch nicht, oder vielleicht. Denn so ist es nun mal: Der Ball ist rund, und wohin das führen kann, steht jeden Tag in der BILD.

Zum Glück gibt es den BGH. Er nimmt die Fälle, wie sie kommen, und schreibt pro Jahr 300 kurz gefasste Feststellungen in Entscheidungen, die in Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Das entlastet den Dichter ein wenig vom Dichten und gibt ihm Raum, sich aufs Schicksalhaft-Lapidare zu konzentrieren.

Es ist also nicht ganz so, wie Andreas Zielcke am 8. März 2018 in der Süddeutschen jubilierte: Eine „Orientierung an echten Fällen“, die Schirach „wegen des Anwaltsgeheimnisses“ ein wenig habe abwandeln müssen. Von „Anwaltsgeheimnis“ keine Spur. Das ist auch gut so, denn würde Schirach echte Mandanten derart verraten, wäre er die längste Zeit Mitglied der Anwaltskammer gewesen. Das eigentlich Interessante ist vielmehr, dass der Autor ständig damit kokettiert, vorgeblich „eigene“ Fälle zu beschreiben, und dass ihm dies von ahnungslos Begeisterten offenbar tatsächlich geglaubt wird.

 

Der Mensch

Wie schon in den früheren Sammlungen Schirachs begegnen wir auch in „Strafe“ dem Menschen, wie er nach dem Bilde des Vorabendprogramms wirklich ist: Vollkommen gewöhnlich in seiner Ungewöhnlichkeit, und gleich nochmal umgekehrt. Ein Thema, das literarisch unerschlossen war! Die Rezensenten sind tief beeindruckt von Figuren und Schicksalen.

Rechtsanwalt Schlesinger zum Beispiel („Die falsche Seite“) ist ein Mensch wie Du und ich, eine Rolle, deren Verkörperung durch Heiner Lauterbach geradezu ruft: Geschiedener Alkoholiker, körperlich und psychisch depraviert, verschuldet bei gnadenlosen Chinesen aus einem finsteren Spielhöllen-Hinterzimmer, die ihm erst die Zehen und dann den Fuß abschneiden lassen wollen. Die Bestellung zum Pflichtverteidiger einer wegen Gattenmords angeklagten Dame aus besseren Kreisen und das Auftauchen eines knallharten Killers und Geldeintreibers treffen glücklich zusammen. Die Dame ist übrigens 43 Jahre alt und trägt ein grünes Kleid. Der Profi-Zehenabschneider kommt vermutlich gerade vom Casting für einen Clint-Eastwood-Film der mittleren Ära. Er schlägt Herrn Schlesinger daher sehr cool und durchaus freundlich mit einer Baseballkeule zusammen: Somebody has to do it. Während der verlotterte Pflichtverteidiger bewusstlos ist, nimmt sich sein neuer Freund die auf dem Schreibtisch liegende Akte vor und löst, da er nicht lesen kann, den Mordfall durch Betrachten eines Fotos.

Schlesinger wacht auf, wäscht sich und schreitet gestärkt zum Schwurgericht. Dort befragt er unerbittlich einen Waffensachverständigen so lange, bis der zugibt, dass halbautomatische Pistolen an der Seite eine Öffnung zum Auswurf von Patronenhülsen haben. Jetzt erfahren wird noch, wie man sich von hinten erschießt, und schwupps!, schon ist der Suizid bewiesen und die unschuldige Witwe nicht nur frei, sondern auch um 800.000 Euro Lebensversicherung reicher – jedenfalls wenn Herr Schirach die Sache nicht an die Versicherungsgesellschaft verrät, die dann vermutlich den zwei Wochen vor Suizidierung geschlossenen Lebensversicherungsvertrag bemäkelt. Der Leser bleibt etwas ratlos mit der Frage zurück, warum der lebensmüde, aber liebende Suizident eigentlich vorgetäuscht hat, von seiner Witwe in spe ermordet worden zu sein? O.k., für kleinliche Versicherungsfragen ist Schirach nicht zuständig; er berichtet ja nur, wohin es führen kann. Vielleicht will er auch nur den Fall Andreas Baader aufklären, ist aber wegen des Anwaltsgeheimnisses gehindert zu erklären, dass er dabei war.

Noch einer gefällig? Brinkmann ist Witwer und einsam. Frau Antonia, 30 Jahre jünger, liegt im Nachbargarten nackt am Pool und ist auch sonst recht nett. Der Ehemann von Antonia schraubt unter dem alten Jaguar, wie man es halt so macht am Samstagnachmittag, selbstverständlich an der Elbchaussee. Brinkmann tritt den Wagenheber weg; Ehemann tot. Brinkmann glücklich mit Antonia. Nur „seinem Anwalt“ erzählt er, wie es war. Aber der sagt es nicht weiter: Nur uns, im Vertrauen. Wahnsinn, wohin die Liebe führen kann!

 

Das Dichten

So geht es dahin. Zwölf Fälle auf 189 sehr großgedruckten Seiten mit viel Luft; da bleibt nicht viel Zeit pro Einsamkeitsschicksal. „Auf knappstem Raum“, so urteilt Michael Hanecke (ebenfalls auf dem Schutzumschlag), entwerfe Schirach „den großen emotionalen Raum“, so dass der begeisterte Kritiker „immer wieder zu Tränen bewegt“ sei. Das geht mir anders, und Haneckes Tränen scheinen mir fast das Wundersamste an der Sache.

Nichts gegen „lakonischen Stil“, aber ein bisschen weniger bemühter Holzschnitt dürfte es schon sein. Die extrem schlichten, gekünstelten Dialoge Schirachs tun oft wirklich weh. Und schmerzhaft ist auch der ewig gleiche Trick, mit dem er den Sound herstellt, von dem die Laudatoren schwärmen: Er besteht aus Präsens, Plusquamperfekt und einem Irrealis des Futurs. Wenn man das ein halbes Stündchen geübt hat, geht es locker von der Hand, ist allerdings auch ziemlich langweilig im ewigen Geplätscher von Subjekt – Prädikat – Objekt. Für den Dichter hat der Stil durchaus Vorteile: Er ist produktiv, und man kann notfalls nebenbei fernsehen.

So geht das: „Schirach stellt die Tasse auf den Tisch. Ein Sonnenstrahl bricht sich in der staubigen Scheibe. Der Staub wirbelt im Lichtkegel. Schirach kaut, Brotkrümel fallen auf das Wachstuch. Schirach wischt sie auf den Boden. Er hatte wieder in seinem Auto gesessen und die Staatsanwältin beobachtet, aber sie hatte ihn nicht angesehen. Sein Messer gleitet leicht durch den Käse. Sein Kopf dröhnt. Er würde wieder hingehen. Sie würde wieder an ihm vorbeisehen. Er würde den Mantel tragen, den er bei einem englischen Herrenschneider gekauft hat. Der Verkäufer trägt eine grüne Krawatte. Schirachs Vater hatte eine grüne Krawatte getragen an dem Tag, als seine Schwester starb. Ihr Haar war so blond wie das der Staatsanwältin. Er würde das Messer aus der Manteltasche ziehen. Es hat einen hellen Holzgriff. Seine Tante hatte es ihm geschenkt, als er sechzehn war. Schirach hatte ihre weißen Schenkel gesehen, als sie schlief. Er schüttet den Rest des Kaffees in den Ausguss. Später, beim Richter, wird er sagen: Es war ein Morgen wie jeder andere auch.“

Diese kleine Geschichte darüber, wohin ein Käsemesser führen kann, war nicht von Schirach, sondern ein Auszug aus der Sammlung von Kriminalgeschichten, die ich demnächst unter dem Titel „Buße“ veröffentlichen werde.

 

Anzeige

Das Recht

Jetzt noch mal was ganz anderes. Das Buch heißt „Strafe“, und bisher wissen wir noch nicht so recht, warum: Es könnte auch „Wetter“ heißen oder „Autoreifen“. Denn alles hat ja mit allem zu tun, und dass das Leben eine Strafe für das Leben sein kann, weiß der durchschnittliche „Rosenheim-Cops“-Gucker und Thomas-Mann-Leser ja schon länger. Wir kommen also zu dem, was Zielcke in seiner Eloge „Kurzvorlesungen“ nennt.

Zwecks Kurzvorlesung hauen wir nochmal eine schöne Geschichte („Das Seehaus“) heraus, die wir mit „großer Diskretion“ (Zielcke) aus einer Entscheidung des BGH vom 10.8.2005 abgeschrieben haben (Aktenzeichen 1 StR 140/05, veröffentlicht u.a. in der amtlichen Sammlung BGHSt Band 50, 206):

Ascher, der demnächst ein Mörder sein wird, entfaltet auf einigen Seiten zunächst eine wirre Lebensgeschichte, in der rote Punkte auf dem Bauch, ein Großvater der „Heidi“-Kategorie, tragische elterliche Todesfälle und ähnliches vorkommen, was aber alles keinerlei Bedeutung hat. Der Opa stirbt auch; Ascher renoviert sein Haus und widmet sich fortan dem Schweigen; dann wird er von neu zugezogenen Nachbarn genervt. Er schnappt sich eines der zahlreichen Gewehre des Verblichenen, zieht sich „rosa Spülhandschuhe“ an, denn „er hat lange genug in der Schadenabteilung einer Versicherung gearbeitet, er kennt die Fehler, die alle Verbrecher machen“. Sodann massakriert er eine Nachbarin, weil sie ihn beim Ausblick und beim Nachdenken stört.

Jetzt wird es spannend. Ascher ist verdächtig, aber wegen seiner teuflischen Schlauheit mit den rosa Spülhandschuhen kann man ihm nichts beweisen. Sein Weg führt ihn auf die Kellertreppe, die er prompt hinunterstürzt. Ab ins Krankenhaus. Dort führt er Selbstgespräche, in denen er die Tat gesteht. Zum Glück hat die Polizei alles abgehört. Der Ermittlungsrichter hebt aber den Haftbefehl trotzdem auf, weil das Selbstgespräch wegen Menschenrechtsverletzung nicht verwertet werden darf. Der Staatsanwalt ist sauer, legt aber noch nicht einmal Beschwerde ein. Ascher geht nachhause. Später stirbt er, wie wir alle.

Ein sehr schöner Fall. Welche anwaltliche Schweigepflicht Schirach beflügelt haben könnte, erschließt sich nicht. Der Sachverhalt des diskret nachempfundenen Falles BGHSt 50, 206 liest sich eigentlich auch schön, hat allerdings nicht so viele sinnfrei bedeutungsvolle Schnörkel. Das Rechtsproblem kennt jeder Rechtsreferendar, aber nicht die Jubel-Rezensenten aus den Feuilletons.

Der ebenfalls tolle Fall „Mord ohne Leiche“ des 2. Strafsenats vom 22.12.2011 (Az. 2 StR 509/10 = BGHSt 57, 71), bei dem es um ein Selbstgespräch im Auto ging, kommt dann sicher im nächsten Schirach-Buch; ich bin schon gespannt, wohin er uns führt. Dem Rezensenten Andreas Zielcke ist zu empfehlen, die Sachverhalte der BGH-Entscheidungen einmal nachzulesen. Es könnte sein, dass er dann mit anderen Augen auf seine Beurteilung blickt: „Schirachs Darstellungsstrategie besteht darin, das Drama so gut wie möglich zu entdramatisieren.“ Damit wurde, so meine ich, die Strategie einer um bloßer Effekte willen dramatisierten Nachdichtung recht eklatant verkannt.

 

Das Schicksal

Und ein letzter Super-Fall („Subotnik“): Erstes (!) Mandat von Seyma, einer türkisch-stämmigen Rechtsanwalts-Anfängerin in der Kanzlei eines väterlich-gütigen Seniors, den wir uns als eine Art Gandalf vorstellen dürfen, also wie einen berühmten, empathischen Berliner Strafverteidiger, dessen Name von Herren Schirach in großer Diskretion nicht genannt wird.

Tatvorwurf: Menschenhandel usw. – das volle Programm. Das mutmaßliche Opfer wurde durch Gruppenvergewaltigung von gleich fünf stinkenden Bauarbeitern auf Befehl des russischen Bosses sowie durch das Ausstechen eines Auges (!) ins Elend der Zwangsprostitution gezwungen. Das wird von Schirach schön beschrieben, damit es sich die Leser auch vorstellen können. Seyma muss vor Erschütterung über die Taten ihres Mandanten (der russische Boss) Drogen nehmen und unter ultraviolettem Licht in Trance tanzen (Achtung „Tatort“-Redaktionen: Wäre das nichts für Frau Furtwängler?).

Seyma will natürlich das Mandat niederlegen; darf nicht, wg. Strafverteidiger-Ehre. Der Angeklagte wird dank Aussage der Opferzeugin verurteilt. Seyma muss Revision begründen und findet natürlich gleich einen hanebüchenen Verfahrensfehler, was zur Aufhebung des Urteils durch den BGH führt. Zweiter Durchgang am Landgericht: Die Zeugin ist verschwunden, da sie inzwischen wegen ihrer ersten Aussage „getötet und auf den Müll geworfen“ wurde. Daher wird das russische Untier nun freigesprochen. Schluss: Seyma im Park mit Gandalf. Kinder lachen, der Himmel ist blau, die Vögel zwitschern.

Ein klarer Fall von Drehbuch-Bewerbung. Dreißig Seiten „Subotnik“, um dem Leser zu erklären, dass Strafverteidiger manchmal Menschen verteidigen, die erstens schuldig und zweitens Arschlöcher sind. Man hätte natürlich auch einen Steuerhinterzieher vom Prenzlauer Berg nehmen können oder einen Unfallflüchtigen aus Potsdam. Aber unter einem Mord aus der finstersten Wallander-Abteilung macht es Schirach nun mal nicht, und die Leser können die kleinen und großen Sorgen des Lebens und des diskreten Anwalts gewiss nur verstehen, wenn der Verdächtige ein Kannibale ist, dessen Mutter eine sexuelle Beziehung mit einem japanischen Geiger hatte, während der impotente Vater der Nachbarin, angetan nur mit Gummistiefeln und Nachtsichtbrille, durch den Winterwald schlich…

 

Der Neid

Schirach, so verrät uns der Umschlag, ist „millionenfach verkauft“. Das ist sehr beachtlich und (für ihn) erfreulich, aber es erzeugt natürlich auch Neid: Von Rechtsanwälten und anderen Rechtskundigen, denen er als Strafverteidiger nicht weiter aufgefallen ist und die seine (angeblichen) Fälle allenfalls aus Bruchstücken veröffentlichter Urteile kennen; von Schriftstellern, die meinen, den ziemlich nervigen Sound vorgeblicher Ermattung an der Welt besser hinzukriegen. Das kann Schirach egal sein und ist es wohl auch; sonst würde er diesen den müden Bullen nicht weiterreiten. Er will nach Hollywood, und er kommt nach Hollywood, und wenn es auf den Knien eines SWR-Tatorts und den Beschlussentwürfen aus dem Papierkorb des Bundesverfassungsgerichts ist.

Es ist aber weder schlimm noch traurig, dass Schirach diese Bücher schreibt und dass sie viel gelesen werden. Es muss nicht nur große Literatur produziert werden. Wer aus alten Operationsberichten, ein paar blonden Oberschwestern und einem Maserati Quattroporte erfolgreiche Arztromane zusammenzimmert, macht seinen Job wie jeder Handwerker und kann sich freuen. Man muss ihm nicht mit ständig gerümpftem Näschen nachschauen. Andere Anwälte machen Gold aus schlimmeren Sachen.

Traurig ist vielmehr, finde ich, dass die professionelle Kritik ernsthaft annimmt und behauptet, hier werde etwas substanziell Neues und „Wahres“ gesagt. Die Elogen, die über den unvergleichlich „präzisen“, „lakonischen“, „empathischen“ Stil Schirachs verbreitet werden, sind Hymnen auf des Kaisers neue Kleider: Da ist nichts. Schirach ist weit weg von der Kunst, die ihm angedichtet wird. Er kann das (wohl) nicht, will es (wohl) nicht und muss es (sicher) auch nicht. Er schreibt triviale Gebrauchsliteratur: bierernste, bemüht konstruierte Geschichtchen, die von fantasielosen Menschen als Enthüllung verborgener Wahrheiten aufgeblasen werden (sollen).

Daher bleiben die vorgeblichen Wahrheiten auch genau da, wo sie hinkonstruiert werden: Weit weg, bei den Mördern, Verrückten und Schattengestalten, die Schirach vorführt mit der Behauptung, sie sagten den „normalen“ Menschen etwas über sich selbst. Das ist ein Irrtum, und es ist erstaunlich, dass die professionellen Kritiker es den Käufern/Lesern einzureden versuchen. Schirach-Leser lernen weder etwas über Gerechtigkeit noch über Justiz noch über Strafe, erst recht nichts Neues über sich selbst. Sie erfahren, dass Mörder auch nur Menschen sind. Das freut sie, denn sie haben es sich schon gedacht. Deshalb gucken sie ja jeden Sonntag den „Tatort“ und kaufen gewiss auch das nächste Buch mit lustigen Mördergeschichten.

 

 

Der Text ist zuerst erschienen in: „Strafverteidiger“, Heft 06/2018, S. 393-396, als Rezension zu: Ferdinand von Schirach: Strafe, 2018 (Luchterhand Literaturverlag, 192 Seiten, 18,00 €)

Über den Autor: Thomas Fischer war Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe und ist viel gelesener Publizist (u.a. “Fischer im Recht”).

 

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Der amerikanische Autor Donald Ray Pollock – jüngstes Buch “Die himmlische Tafel” – erfüllt all das, was Schirach angedichtet wird.

  2. Okay.
    Schirach hab’ ich nie gelesen, und werd’ es auch zukünftig nicht tun.
    Für diejenigen, die ihn lesen, hoffentlich eine Aufklärung.
    Sofern sie diesen Artikel lesen…

    1. Genau, so muss das laufen: Erklärtermaßen keine eigene Meinung haben („Schirach hab‘ ich nie gelesen…“), sich anderswo eine holen und diese dann den Doofen, die sich durch Lektüre zwar immerhin eine eigene Meinung gebildet haben, in überlegen herablassender Manier („Für diejenigen, die ihn lesen hoffentlich eine Aufklärung. Sofern sie diesen Artikel lesen…“) präsentieren.
      Wunderbar! Und ganz nebenbei löblicher Gehorsam!
      Dass Sie in diesem Zusammenhang von „Aufklärung“ quatschen, ist immerhin noch lustig.

      1. Da haben Sie mich falsch verstanden:
        Ich habe schon häufig Dinge nachgelesen, über die Fischer schrieb, gerade weil er nicht damit einverstanden war, und mich für die Leseanregung bedankt.
        Hier ist das nicht so.
        Mich interessiert Schirach einfach nicht, woran diesmal auch der Artikel nichts ändert.
        Die Infos über die nachlesbaren Urteile finden Sie nicht aufklärend?
        Tja, nun…

  3. Die schönste Geschichte, wie man mit Mord davon kommt, hat für mich immer noch Roald Dahl geschrieben: Die Lammkeule.
    Und immerhin, es geht in der Kurzgeschichte um einen Polizistenmord. 😉

  4. Großartig! Endlich nennt den Mist mal jemand Mist. Diese Rezension sollte auf Flugblätter gezogen und vor allen Buchhandlungen, in sämtlichen Produzentenbüros und an jeden Rezensenten verteilt werden. Mein Glückwunsch, lieber Thomas Fischer – ich freue mich auf “Buße”… 🙂

  5. Schirach kann nicht schreiben. Dass Thomas Fischer den Leser informativ und amüsant auf noch andere Umstände hingewiesen hat, komplettiert das Urteil: Jemand, der schreiben will, es aber nicht kann.

    1. Besonders überzeugend zeigt Fischer, wie schlecht Schirach schreibt, indem Fischer selbst den Stils Schirachs imitiert – denn wenn schon ein Meister des kreativen Beamtendeutsches wie Fischer das kann, muss es schlecht sein.

  6. Ich halte sonst nicht viel von den ausgewalzten, meist besserwisserisch und selbstgefällig wirkenden Elaboraten Fischers, aber hier hat er ausnahmsweise einen Volltreffer gelandet, der mich sehr überrascht.
    Der bemüht lakonische Stil von Schirachs ist in der Tat abstoßend manieriert und tiefgründelnd pseudophilosophisch. Juristisch halte ich seine Geschichten im übrigen für gefährlich, weil er Straftäter gewissermaßen als Gefangene äußerer Bedingungen und ihres Schicksals hinstellt, das sie selbst kaum mitbestimmen und dem sie selbst kaum entweichen können.

  7. Für mich stellt sich die Frage, ob Prof. em. Dr. Thomas Fischer, ehemals Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe, der sich krankheitsbedingt vorzeitig in Ruhestand verabschiedete, eingegangene Treuepflichten gegenüber dem Staatswesen erfüllt,
    die auch für Pensionäre gelten.

    Mit seiner Anzeige wegen vermeintlicher Volksverhetzung und dessen rechtlicher Würdigung gegen Dr. Alexander Gauland (AfD) lag er ebenso daneben, siehe ZEIT ONLINE, 30. August 2017:
    » Volksverhetzung – Herr Gauland, der Friede und der Müll «
    https://goo.gl/EYR4Nq

    Offensichtlich dominiert falsch verstandenes Sendungsbewusstsein,
    gepaart mit neidischen Blicken auf Andere, die mehr öffentliche Aufmerksamkeit erreichen.

    1. Es stimmt einfach ALLES, was Th. F. schreibt. Jeder, der beruflich mit Strafsache konfrontiert ist, kann das unschwer nachvollziehen. Ohne Einschränkung :jeder Leser verdient den Autoren dessen Texte er liebt. Aber das zutreffende Fazit lautet :es ist interessanter und ergiebiger, sich die Anfänger – Vorlesungen im Strafrecht an einer beliebigen Uni anzuhören anstatt die oberflächlichen Texte von von Schirach zu lesen, jedenfalls wenn man einen Eindruck von der Realität der Kriminalität und ihrer Urheber bekommen will.

    2. Liebe britta stoll!
      Der Autor ist weder “em.” noch verabschiedete er sich von irgendetwas “krankheitsbedingt”; aber das nur nebenbei.
      Zwei Dinge habe ich nicht verstanden: Das mit der Treuepflicht von Pensionären und das mit dem richtig oder falsch verstanden Sendungs-Bewusstsein? Könnten Sie mir kurz erklären, wie ein richtig verstandenes geht? Und könnten Sie kurz erklären, welche “Treue” sie meinen?
      Vielleicht meinen Sie ja auch nur Mitteilungsbedürfnis und Eiitelkeit. Das sind Kennzeichen eigentlich aller Menschen, die sich öffentlich äußern. Man denkt halt, die eigenen Gedanken könnten für andere wichtig sein/werden. Das kennen Sie doch sicher auch.

  8. Super Artikel,
    nur eine kleine Anmerkung: niemand käme auf die Idee zu schreiben, vom Schöneberg, vom Kreuzberg, vom Lichtenberg – warum aber immer mal wieder vom Prenzlauer Berg ? Menschen wohnen “in” nicht “am”, und sie kommen “aus” nicht “vom” ….

  9. Sehr geehrter Herr Fischer,

    mal wieder ein hervorragender Artikel! Vielen Dank für die Demaskierung des Scharlatans Schirach! Stimmen der Vernunft sind heutzutage leider nurnoch selten zu hören…

    mfg,

    Peter Huber

  10. 1. Ich habe nie was von Schirach gelesen.

    2. Ich habe fast keinen Artikel von Fischer zu Ende gelesen. Dazu reicht meine Gedult und mein gesunder Menschenverstand einfach nicht aus, um das zu können. Ich mag auch keine Selbstgeißelung.

    3. Fischer kommt aus der Ecke von DIE ZEIT. Die dortigen Gutmenschen wollten den Fischer aber nicht mehr haben, weil der Fischer sich als Gutmensch irgendwann mit irgendwas diskreditierte, was Fischer nicht verstand und ich übrigens auch nicht.

    Jetzt schreibt Herr Fischer eine Literaturkritik. Das machten früher Experten wie Hellmuth Karasek, Marcel Reich-Ranicki oder Elke Heidenreich. In der Musik gab es einst noch den begnadeten Joachim Kaiser, dessen Kritiken ich alle gelesen habe. Bis auf Heidenreich sind jene genannten alle Tod. Jetzt reiht sich Fischer in die Reihe der vielen unbegnadeten Literaturkritiker ein, die sich anmaßen Literatur oder Musik zu analysieren, bewerteten und darüber in Zeitungen o. ä. zu berichten aka zu schmähen.

    Muß das wirklich sein?

    Wäre es nicht sinnvoller die viele freie Zeit eines Richters im Ruhestand mit z. B. Seniorensport zu verbringen und dabei nette Senioren(-innen) kennen zu lernen? Ein weiterer Nebeneffekt wäre es, lieber Herr Fischer, sich einmal selbst mit der Realität zu konfrontieren.

    Hier ist übrigens tolles Wetter. Ich mache jetzt gleich einen längeren Spaziergang.

    1. “Muß das wirklich sein?” – Aber nein!
      Es muss ja eigentlich fast gar nichts sein.
      Außer natürlich Kommentare zu schreiben zu Texten, die man nicht gelesen hat.
      Aber das muss ich einem Leser mit begnadetem gesunden Menschenverstand ja nicht sagen.

      1. Ich finde auch, Kommentatoren a la Jörg Barth müssen wirklich nicht sein. Im Gegensatz zu ihm beschäftigen Sie sich zum Glück intensiv mit der Materie, über die Sie schreiben. Aber muss es denn immer ganz so episch lang sein?

  11. Schirache! Was erlaube Schirache!
    Wer isse Schirach? Isse kaum bekannte straff Verteidiger, schreibe immer nur lakonisch, klaue bierernste Geschichte von Randnummer-Kommentare und Leser lerne nix von Jura, was aber müsse! Schirache wolle nach Hollywood auf Knie von Tatort!! Und Presse dumm wie Flasche leer lobe diese Kerl über Grünklee!
    Ich habe fertig.

    1. Zauberschön! Ich mochte die Langfassung von Herrn Fischer lieber, habe aber auch bei Ihrer tldr-Version lachen müssen.

  12. Bei dieser Buchkritik läuft es mir kalt den Rücken runter. 🤮
    Wobei der Begriff der Kritik hier etwas fehl am Platze ist! Es ist eine verbale Bücherverbrennung die sämtlichen Errungenschaften des sozialen und wohlwollenden Miteinanders entbehrt.

    Auch ist sie mal wieder ein schönes Indiz für unser verrohtes Multimedia Zeitalter, in dem sich so manches frustriertes, optisch und charakterlich misslungene Wesen dazu veranlasst sieht, ohne Rücksicht auf andere verbal um sich zu schießen.
    Schließlich hat es ja kein reales Gegenüber. So kann es im Dschungel des unpersönlichen w.w.w. auch noch die letzte Maske des Anstands fallen lassen und verbal ( wenn auch noch im elaboriertem Stil) Amoklaufen.
    Was mich besonders abstößt – aber in unsrer Republik auch nicht wundert-
    ist die Tatsache, das solche Individuen in unsrer Republik auch noch Richter sein dürfen und daher auch noch juristisch über andere aburteilen durften.

    Jemand, der das Bedürfnis verspürt, einen anderen Menschen, der ihm nichts getan hat und dessen Arbeit so maßlos zu entwerten, hat meines Erachtens nach eigentlich keine öffentliche Stimme verdient und am allerwenigsten über andere zu Urteilen. Aber im Jahr 2018 ist ja nichts mehr peinlich….
    #freie Meinungsäußerung… ist klar. Eine Varianz wäre vllt. einmal #Lebenundlebenlassen!

    Tatsächlich habe ich zufällig bis dato nur eine Geschichte von von Schirach gelesen, nämlich -Strafe-. Sehr kurz und knapp, man könnte sagen, von Schirach hat den Bauhaus-Stil in die Sprache transformiert. Lesedauer allenfalls 7 min.
    Die Geschichte hat bei mir 3 Tage und 2 Nächte nachgehallt, reicht als Thema für ein philosophisches oder germanistisches Seminar an der Uni ohne Probleme ein Semester … Die Geschichte kann also die heraufbeschworene Flachheit des Kritikers nicht verifizieren.

    Erbärmlich ist auch Aktenzeichen zu Fällen aufzuzählen und v. Sch. damit als jemanden camouflieren zu wollen, der “abschreibt “ und ideenlos ist. Schnarch… 💤 .Das interessiert doch wirklich einen Toten, oder glauben Sie, das z.B. Lagerfeld seine Bibliothek mit über 1 mio Büchern just for für hat und sich die Inspirationen für seine Kreationen aus der Rippen schneidet? Kreativität ist doch ein Prozess in dem Mann Ideen und Eindrücke in etwas neues transformiert. 🤔

    Doch damit nicht genug, Herr Fischer stellt sich mit seinem Bauchladen ( aus dem ….buy the way… offensichtlich ohnehin kaum jemand kaufen will) vor das gut laufende Geschäft seines beneideteten vermeintlichen Konkurrenten , entwertet dieses auf narzisstisch anmutende Art und Weise und versucht noch mit dem Rest der ihm verblieben Kraft, seine kümmerlichen Texte dem ahnungslosen Rezipienten wie Sauerbier zu verticken. Sein Gegenüber schlecht zu machen und währenddessen seinen eigenen Textkram verkaufen zu wollen… nun ja, wenn das mal keine Sternstunde der hemmungslosen Niedertracht ist.

    Einfach nur zum Kotzen!

    1. Sie sind schon “lustig”! Sie werfen Fischer genau das vor, was Sie selbst in viel heftigerer Form betreiben! Man muss schon sehr verdreht für ein solchen Verhalten sein…

    2. Liebe Livia Karrenberg! (Ich vermute, es handelt sich bei diesem Pseudonym um die nachhallende dritte Ehegattin des Schriftstellers und Pizza-Erfinders Augusto, und nicht um ein Medikament):

      Holla!
      Da haben Sie aber ein ziemlich ungehaltenes Rülpserlein abgesetzt! Allein Ihr letzter Absatz hat sich so viele Masken des Unanstands übergestülpt, wie es sonst nur echte Literaturkenner hinkriegen!

      Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht ganz, wo, wie und warum Herr von Schirach mein “Konkurrent” sein sollte, aber das ist mir ebenso egal wie wahrscheinlich Ihnen.
      Einfach schön finde ich Ihren Hinweis darauf, dass Herr von Schirach mir “nichts getan” hat. Das ist zweifellos richtig, allerdings auch nicht Voraussetzung für Literaturkritik. Ich zum Beispiel habe Ihnen zum Beispiel, soweit ich weiß, auch nichts “getan”. Und was habe ich davon?!

      Am besten finde ich Ihren Satz:
      “Was mich besonders abstößt – aber in unsrer Republik auch nicht wundert – ist die Tatsache, das solche Individuen in unsrer Republik auch noch Richter sein dürfen.”

      Zweimal die Republik in einem kleinen Sätzchen! Und dann auch noch “unsere”, also offenbar doch (auch) Ihre! Mit dem “Individuum” meinen Sie möglicherweise nicht Herrn Schirach, (der ja die Befähigung zum Richteramt erworben hat), sondern am Ende gar mich. Das verbitte ich mir! Ich wünsche von Ihnen nicht “Individuum” genannt zu werden,
      sondern mindestens “Subjekt”.

      Darf ich eine Rückfrage stellen: Warum WUNDERT Sie das Vorhandensein von solchen Individuen “in unserer Republik” NICHT?
      Liegt es an der Republik? Liegt es an den Subjekten? Liegt es an Ihnen?

      Ja, es mag sein, dass es ein Elend ist, dass Subjekte Ohrenarzt, Richter oder Schriftsteller werden “dürfen”, die es nach Ihrer Ansicht, warum auch immer. Sogar Personen wie SIE dürfen öffentlich die Herren Gropius und Eiermann herabwürdigen, indem Ihnen erlaubt ist, ihre Meinung zum “Bauhausstil in der Literatur” zu sagen. Aber was hat das mit “unserer Republik” zu tun? In welcher Republik möchten Sie denn gern lieber wohnen?!

      “Lesedauer allenfalls 7 Minuten” – JA! – Das ist der von BILD im Jahre 1830 erfundene Bauhausstil des Song-Writing, der durch die berühmten Bauhaus-Vertonungen von Richard Wagner im European Song Contest 1872 zur Vollendung gebracht wurde! Seither hallt und hallt und hallt und hallt es bis heute!

      Hoffentlich hört es bei Ihnen zu gegebener Zeit aber auch wieder auf zu hallen. Sonst müssen wir uns doch noch mit den Ohrenärzten beschäftigen, was an dieser Stelle eigentlich vermieden werden sollte.

      Viele Grüße, TF

  13. Ich muss zugeben, dass ich Thomas Fischer früher auf ZEITonline manchmal gerne gelesen habe, weil er mir immer mal wieder eine andere Perspektive vermittelt hat. Dieser Artikel jetzt ist aber ausschließlich das neidgelbe Geschwätz eines Eifersüchtigen. Einem der berühmtesten Schriftsteller dieses Landes vorzuwerfen, dass er ungekünstelte und gut lesbare Bücher schreibt ist doch ebenso verrückt wie der Vorwurf, dass seine Inspirationen aus wahren Fällen stammen.

    Wir hatten einen Werkstudenten aus Tokyo bei uns, der nur zwei deutsche Schriftsteller kannte, nämlich Goethe (den er aber nicht gelesen hatte) und Schirach. Ich kann mir diesen Artikel nur damit erklären, dass Herr Fischer den Ruhm eines Kollegen nicht aushält.

    Herr Fischer hat doch seine Meriten als Richter längst verdient. In Zukunft sollte er bei seinen Kommentaren besser bei juristischen Fällen bleiben und sich nicht auch noch als Literaturkritiker versuchen.

    1. Nun ja, insoweit von Schirach ja als Jurist Kriminalfälle aus juristischer Perspektive und Provenienz schreibt, ist Herr Fischer hier selbstverständlich vom Fach – nämlich von Jurist zu Jurist und von Autor zu Autor.
      Den, wie Sie es nennen, “ungekünstelten” Stil von Schirachs kann man natürlich mögen. Ich halte ihn selbst für in höchstem Maße gekünstelt und manieriert. Es gibt natürlich auch eine gekünstelte Ungekünsteltheit, zumal Ferdinand von Schirach wohl auch mit Haikus liebäugelt.

      1. In JAPAN kennt jedes Schulkind das berühmte Denkmal von Goethe & Schrirach aus Weimar!
        Es ist daher keine Kunst, dass Ihr Werkstudent das hinkriegt! Und wer einmal “Die Räuber” von Schirach gelesen hat, dem kann dieser Goethe sowieso gestohlen bleiben! 300 Seiten kein einziger Mord!
        Im Amerika ist das anders: Da kennt man eigentlich nur den berühmten deutschen Schriftsteller Kara ben Nemsi. In Australien Kosalik, in Peru ausschließlich Simmel.
        Ja, es ist ein Kreuz mit der deutschen Kultur! Sie wird einfach verkannt. Zum Glück haben es wenigstens Albrecht Dürer und Rolf Kauka in die Top Ten geschafft.
        TF

    2. … vergessen: Beethoven & Frank Fahrian!

      Und die Größten überhaupt: Rieu & Mozart, unsere deutschen Teufelsgeiger! Nach ihnen wurden einst die Loreley benannt, und das Dartmoor, und der Wilde Westen. Bläcki Fuchsberger, unser großer deutscher Kriminalist, hat sich mit Louis de Funes duelliert in den Katakomben von Rom, um Karin Dor die Rolle als Julia in Wedels siebenaktigem Remake von Wedekinds “Faust Reloaded” zuzuschanzen, aber nur um den Preis der großen Flickenschild und der kleinen Duse!

      Ach, was weiß der Japaner davon!
      Wo doch jeder deutsche Werkstudent mindestens sechs japanische Schriftsteller aufzählen kann, und das auf top zwo nominierte Haiku aus Auto Motor & Sport an der Pinwand hat:

      Sieh tojota kirsche fallen
      siebenmal rund in die Süße der Nacht
      gib Gummi

      tf

  14. Schirach?

    Anwälte sind mir ein Graus. Ist keine brennende Neuigkeit. Wollte ich aber trotzdem wiederholt einbringen.

    1. Anwälte sind so grauslig wie Elektriker oder Urologen, so ehrlich wie Bäckermeister und so verschlagen wie Busfahhrer. Das weiß doch jede.
      tf

      1. Kenne keinen Elektriker und keinen Urologen, auch keinen Bäcker und Omnibusfahrer, Bauern und mir wichtigen Schriftsteller auch nicht, der absichtlich so viel unlogischen Quatsch von sich geben darf und sich unter dem Deckmantel oder natürlich offiziellem Aushängeschild der Juristerei auch noch als Superpsychologe, Existenzvernichter und geldgieriger Schleimer aufspielen darf wie es vornehmlich Anwältinnen und Anwälte tun.

        Einen echten (Berufs)-Ethos hab ich bei denen nur ganz selten erkennen können. Es gab rare Ausnahmen, in der Tat. Aber das war einmal, heute treibt alle die Gier u die unendliche Dummheit!

  15. Ich habe noch nie ein Buch von Ferdinand von Schirach gelesen, fand mich allerdings letztens bei einer seiner Lesungen wieder. Man muss dem Mann zugestehen, dass er toll reden und vorlesen kann. Allerdings könnte man das whrsch. auch bzgl. seines Großvaters sagen.

    Interessanterweise wurde auch die Geschichte vom kleinen Mann vorgetragen. Ich dachte mir danach. Gut, klar. Theoretisch ist das möglich. Wie früher der Strafverbrauch wegen “verbotswidrigem Schießen an bewohnten Orten” bei einem zunächst unerkannten Todschlag. Ein klassicher Lehrbuchfall.

    Ich hatte jedoch Zweifel am Realitätsgehalt, weil mir das Verhalten der StA nicht einleuchtete. Wieso sollte ein Staatsanwalt wegen dem gleichen Geschehen zweimal Anklage erheben und dabei die Möglichkeit eines einheitlichen Prozessgegenstandes verkennen?

    Als Student fehlt mir natürlich die Einsicht in die Praxis. Daher für jeden, der sich dasselbe gefragt hat:
    ” […]Dass es in der Praxis wiederholt zu solchen Fallgestaltungen kommt, liegt an der organisatorischen Struktur, nach der insbesondere Straßenverkehrsdelikte innerhalb der Behörden der Staatsanwaltschaften eigenständig und völlig isoliert bearbeitet werden.
    So bemerkt der Strafsenat in seiner vorliegenden Entscheidung auch am Ende wörtlich: „Der Vorgang belegt erneut, dass die oft geübte Praxis, Verkehrsdelikte auch dann gesonderter Bearbeitung zuzuführen, wenn sie im Zusammenhang mit Delikten der allgemeinen Kriminalität begangen wurden, nicht unproblematisch ist.”

    https://www.strafverteidiger-muenchen.info/kompetenzen-strafrecht/strafverteidigung/aktuelles-zum-btm%E2%80%90recht/46-kann-derjenige,-der-sich-als-drogenh%C3%A4ndler-auf-dem-weg-zu-einem-btm-verkauf-befindet-noch-wegen-handeltreibens-mit-bet%C3%A4ubungsmitteln-in-nicht-geringer-menge-bestraft-werden,-wenn-er-hinsichtlich-der-autofahrt-bereits-wegen-fahrl%C3%A4ssiger-trunkenheit-im-stra.html

    1. Ja, mag sein. Schirach verdreht die “wahren Geschichten” allerdings zum Zweck der Dramatisierung so, dass sie dann wieder den Sinn verlieren, den ihnen der genius eingehaucht hat: Wie bei “Die Falsche Seite”, wo der Gag darin besteht, dass sämtliche Fachlezute monatelang übersehen, dass Pistoklen Patronenhülsen in der Regel nach rechts auswerfen… Und der Suizident dann seine lliebe Ehefrau – dank Schirach – mit einer Lebensversicherung von 800.000 € versorgt, die sie natürlich gerade wegen des Suizids überhaupt nicht kriegen kann…
      Man kann das ja machen: Irgendwelche Fälle aus der NJW oder der NStZ oder amerikanischen Law-Journals kopieren, die Namen ändern und statt “Diebstahl” immer “Massenmord” hinschreiben. Was (mich) wirklich nervt, ist die alberne Attitude der Authentizität. Ich empfehle einfach malm, Berliner Strafverteidiger und Strafkammern danach zu beferagen, wieviele der spektakulären Mordprozesse, über die Schjirach “wegen des Anwaltsgeheimnisses” diskret berichtet, unter Mitwirkung des Verteidigers Schirach doert stattgefunden haben.

      Wohlgemirkt: Nichts gegen Karl May! Der Bärentöter (Länge: 1,50 m) aus der Villa Shatterhand in Radebeul war ein beeindruckendes Mordinstrument (Kaliber 22 mm). Er wurd von einem Dresdner Büchsenmachen heimlich für Herrn May (Länge: 1,62 m) hergestellt; wäre er jemals abgefeuert worden, wäre er explodiert. Ähnlich war’s mit Old Shatterhands Zaubergewehr mit der 26-kammrigen “Kugel”.
      Das ist ja alles rührend und so weiter, und ich trage ja auch Herrn Schirach nicht nach, dass er Fälle aus BGHSt abschreibt. Er sollte nur, finde ich, verhindern, dass kenntnisfreie Laudatoren behaupten, er habe sie selbst erlebt.
      Der Rest ist Literatur-Kritik struktureller und stiklistischer Art. Da hat Herr Schirach dasselbe Recht wie Herr Goethe und Frau Courts-Mahler.

      Derr “Kleine Mann” ist als Rechtsproblem ja abgeschrieben und (daher) wirklich. Bei Schirach wird er durch die unsinnigen Aufhübschungen halt schon im Ablauf unglaubhaft. Und die Kombination mit der U-Haft macht es wirklich nicht plausibler…

      Bezeichnend für die Vermarktungs-Strategie ist, dass selbst Sie – als “kritischer” Leser – darüber nachdenken, ob Schirachs Fälle “”realitätsnah” sind. Wenn es (nur) um Literatur ginge, käme es darauf ja nicht wirklich an. Schirach vermarktet sich (lässt sich vermarkten) eben nicht als “Dichter”, sondern als “Deuter” angeblich (selbst-)erlebter Realität. Das ist, so meine ich, unredlich. Vom Kunst-Gesichtspunkt mal ganz abgesehen.
      Wie gesagt: Ich habe ja gar nichts gegen Old Shatterhand aus Radebeul, (und empfehle sehr den beeindruckenden und anrührenden Film von Syberberg: “Karl May”!). Aber wir sind doch nicht auf dem Gymnasium in Dresden im Jahre 1905, und es müpssen doch nicht langbärtige Gymnasial-Professores Dr. Rath mit Herrn May, genannt Schätterhand, darüber streiten, ob der KIOWA tatsächlich immerzu “Hugh” sagen musste oder: “kwatscho konu tse olio! – Gib mir mal das Salz””, und ob
      und der schwule Apache den Herrn Jesus Christus liebte.

      Herr Schirach jedenfalls kann sich, da bin ich ganz sicher, auf Zehen- und Fingerspitzen kilometerweit an jedes Lagerfeuer in der Wüste anschleichen, bis er, versteckt hinter einem Büschel Schnittlauch, die Mordverschwörung der verwerflichen Komantschen wortwörtlich in einem der 49 Komantschendialiekte auf seinem Schirachophon aufgenommen hat, simultan übersetzt und es dann mit Hilfe eines berühmten Berliner Strafverteidigers und der sorbischen Bundesgenossen unter Leitung von Samuel Tillich-Hawkins vereitelt, dass es nur so staubt!

      So ist es halt! “Heute ist unser Winnetou gestorben”, sagt der kleine Karl M., ein gedemütigter Gerbnegroß, ziemlich geschickter Kleingauner, sehnsüchtiger Mensch und großer Bärentöter, am Ende von Sybergers Film zu seiner lieben zweiten Gattin (das ist eine andere Geschichte). Ich empfehle dazu sehr gern und sehr nachdrücklich das Buch “Old Shatterhand vor Gericht” von JÜRGEN SEUL! Da steht mehr über Herrn Ferdinand von Schirach drin als Herr Ferdinand von Schirach es sich vielleicht träumen ließ. Aber das geht mich nichts an und ist nur eine Lesermeinung.
      Zu Schirachs “Fall Collini” empfehle ich übrigens den sehr interessanten Aufsatz von Herrn Prof. Bernd Kretschmer, in “Leidenschaftliches Rechtsdenken. Interdisziplinäre Beiträge zum 70. Geburtstag von Wolfgang Schild”, 2018, S. 169 bis 228.
      TF

      1. Ich muss gestehen, dass ich mit Schirachs Werken und ihrer angeblichen “Essenz” nicht wirklich vertraut bin. Sein Name war mir nur durch die Berichterstattung zu seinem Buch/Theater “Terror” bekannt, der natürlich auf BVerfGE 115, 118– Luftsicherheitsgesetz Bezug nimmt. Dieser Fall und seine Problematik ist sicher jedem Studenten vertraut. Daher habe ich mich damit auch nicht befasst.
        Ich wusste vor der Lesung daher eig. nichts genaues zu Herrn von Schirach oder weshalb seine Geschichten so viel Anklang finden.
        Ich bin davon ausgegangen, dass es sich um einen ehemaligen Strafverteidiger handelt, der sozusagen versucht, frei erfundene Geschichten dadurch authentisch darzustellen, dass er sie in einen rechtlich plausiblen Rahmen kleidet oder auch klassische Themen der Rechtsphilosophie aufgreift.
        Schließlich begann seine Lesung auch mit dem Prozess gegen Sokrates. Eine Geschichte, die ja sehr nahe an der Legendenbildung liegt und bei welchem einem direkt das dramatische Gemälde von Jacques- Louis David in den Sinn kommt.

        Was ich damit sagen möchte, ist, dass ich gar nicht darauf gekommen bin, dass seine Kurzgeschichten akkurate oder auch ausgeschmückte Darstellungen seiner eigenen Erlebnisse sind. Ich dachte, sie wären frei erfunden und enthielten einen kreativen Umgang mit auch dogmatischen rechtlichen Problemen. Wie es eben auch ein jeder Klausursteller in gewisser Weise tun muss. Nur eben in aufbereiteter und sprachlich aufpolierter Form.
        Dass einige seiner Geschichten fast vollkommen von höchstrichterlichen Entscheidungen abgekupfert sind, fand ich daher doch enttäuschend.

        Das Problem des Strafklagenverbrauchs war mir natürlich schon bekannt, auch wenn ich natürlich kein zweiter Max Alsberg bin, da ich mich immer wieder mit den grundlegenden Ansichten von Fezer, Schünemann, Amelung u.a. befasse. Ich hatte nur Zweifel daran, dass der hier beschriebene Sachverhalt in der Praxis auftreten könnte. Gibt ja genügend dogmatische Probleme, die vorausschauend durchexerziert werden und in ihrer Absolutheit doch eher selten auftreten.

        Das hat mich aber nicht so sehr gestört, da ich ohnehin von einem fehlenden realen Bezug ausgegangen bin.

        Wenn es natürlich als “Erlebnisse eines Strafverteidigers” verkauft wird, ist das auf jeden Fall lächerlich und irreführend. Als Deutung der Realität kann man es nicht ernstnehmen.

        Sein Schreibstil ist natürlich Geschmacksache. Ich selbst konnte mich damit auch nicht wirklich anfreunden. Zudem waren einige der Geschichten, wie Sie ja selbst auch schon angedeutet haben, nicht wirklich stringent oder schlüssig aufgebaut. Es kam einem vor, als wurden sie etwas zurecht gebogen um eine auf zwischenmenschlicher Ebene dramatische Geschichte zu befeuern. Auch wenn dies auf Kosten der Logik geht.

    2. Auch “Terror” war ja eigentlich eine Verdrehung, die darauf beruhte, dass Schirach amerikanisches und deutsches Rechts irgendwie durcheinanderbringt.
      Das BVerfG hat sich (allein) mit der RECHTSWIDRIGKEIT von § 14 Abs. 3 Luftsicherheitsgesetz befasst. Schirach hat daraus euine SCHULD-Geschichte gemacht, die eigentlich wichtigen Probleme verschwiegen und dann noch das Theater- oder Fernseh-Volk darüber abstimmen lassen, ob der Held “verurteilt” oder freigesprochen werden soll.
      Der Bielefelder Professor Wolfgang Schild hat über die Rcehts-Verdrehungen des Stücks ein interessantes kleines Buch geschrieben, und ich habe mich in einer ZEIT-Kolumne dazu geäußert.
      Das Problerm ist halt (auch), dass das Publikum häufig gar nicht merkt, was ihm da an impliziten Unterstellungen, Verdrehungen und Sichtweisen untergejubelt wird.
      Das ist halt so: Man kann mit einem FAN von Adels-Romanen nicht darüber diskutieren, dass junge Gräfinnen nicht immerzu vom Reiten kommen oder den schwarzhaarigen Freiherrn auf einer kleinen Ausfahrt begleiten. Sie WOLLEN es so, und sie KRIEGEN es so.
      Ist ja nicht wirklich schlimm.
      Das absolut Beste an diesem Forum war sowieso die Sache mit den beiden deutschen Schriftstellern Goethe und Schirach (Alexa, 28.05.)
      tf

      1. Ich glaube, ich kann nachvollziehen, was sie so eklatant an der Arbeit Herrn von Schirachs stört. Es ist zum einen die Täuschung des unbedarften Lesers über den Realitätsgehalt der Geschichten bzw. das Umgeben mit einer Aura des tatsächlich geschehenen, wo es sich wohl zumeist um frei erfundene Erzählungen handelt.
        Zum anderen ist da die verfälschte Darstellung der tatsächlichen Rechtslage, welche einen Leser, der an die Zeitzeugeneigenschaft Schirachs’ glauben will, schlicht irreführt.
        Sie haben ja selbst die Parallele zum Tatort angedeutet. Dort ist es ja auch nicht unbedingt anders. Viele stellen sich die Realität der Polizeiarbeit nun einmal so vor, wie es der Tatort wiedergibt. Eine Wechselwirkung ist sicherlich auch da vorhanden.
        Ihre Buchtipps werde ich mir bei Gelegenheit zu Gemüte führen. Vielen Dank dafür

  16. Lieber Herr Fischer,
    danke für den trefflichen Artikel.

    Herr Schirach ist allenfalls das, was der leider verstorbene Marcel Reich-Ranicki einen AUTOR nennen würde.
    (Das war bei RR nie wohlwollend gemeint ).

    Ein Schriftsteller ist er nicht. Was die literarische Bearbeitung “seiner ” Fälle also auch den Sprachstil angeht würde ihn RR vermutlich ebenso kritisieren wie Herr Fischer .
    Mit Büchern in Bestsellerlisten ( etwa beim STERN ) sollte man ohnehin vorsichtig sein – Quantität ( “millionenfach verkauft ” ) heisst ja nicht unbedingt Qualität.
    Zudem ist die selbstgefälige, manierierte Attitüde des AUTORS von Schirach
    ( etwa in der NDR Talk Show) schwer zu ertragen.

  17. Ich glaube, dass Thomas Fischer so sehr eifersüchtig ist, dass ihn sein analytischer Verstand hier im Stich gelassen hat. Seine Vorwürfe sind doch ganz falsch. In der Geschichte “Die andere Seite”, die er zitiert, kommt Ferdinand von Schirach ja gar nicht vor, wie er behauptet. In dem ganzen Buch tritt er an keiner einzigen Stelle als Anwalt auf. Aber selbst wenn das anders wäre, wäre das gleichgültig, denn kein Schriftsteller, der Geschichten erzählt, hat jemals etwas anderes getan, als das, was Thomas Fischer hier dem Autor vorwirft. In dem Buch mit Alexander Kluge erklärt Ferdinand von Schirach auch sehr genau, was Literatur von der Wirklichkeit unterscheidet.

    Übrigens war ich auch auf einer Lesung im ausverkauften Dresdner Staatstheater. Ich bin Buchhändlerin und gehe oft in solche Lesungen, wenn auch die meisten Autoren keine Theater füllen können, sondern in Buchhandlungen lesen. Ich habe bisher noch nie einen Schriftsteller erlebt, der von seinem Publikum so sehr geliebt wird, wie Ferdinand von Schirach. Über die Geschichte “Kleiner Mann” hat er in der Lesung sogar gesagt, dass die deutschen Gerichte diesen Fall schon oft entschieden haben. Er hat also nicht, anders als Thomas Fischer das dargestellt hat, gesagt, er habe selbst diesen Fall verteidigt. Für mich ging es in der Geschichte aber auch gar nicht um einen Rechtsfall, sondern um die Psychologie des Mannes. Ich gebe aber Thomas Fischer recht damit, dass das nicht die beste Geschichte in dem Buch ist. Meine Favoriten sind: Die Schöffin, Stinkefisch und Der Freund, die alle drei fast nichts mit der Justiz zu tun haben. Die Vorwürfe von Thomas Fischer sind an den Haaren herbeigezogen, was ich bei einem so hohen ehemaligen Richter peinlich finde. Als Ferdinand von Schirach in der Lesung nach der Pause die letzte Geschichte aus seinem Buch vorgelesen hat, habe ich übrigens ebenso geweint wie Michael Haneke. Ich glaube, dass es ganz vielen Menschen so geht.

    Ich finde es auch sehr bösartig, wenn einem Schriftsteller vorgeworfen wird, dass seine Bücher in über 40 Ländern millionenfach verkauft werden oder dass sein Theaterstück eines der weltweit erfolgreichsten zeitgenössischen Stücke ist, wie es auf dem Klappentext steht.

    Ich habe nach der Lesung Ferdinand von Schirach meine Bücher signieren lassen, wofür ich fast eine Stunde angestanden bin. Er ist ein sehr freundlicher und sehr höflicher Mensch. Vielleicht sollte sich Thomas Fischer diese Haltung bei seinem nächsten Artikel einmal zum Vorbild nehmen.

    1. “Danke” für Ihren Kommentar, hab Tränen gelacht.

      Jaja. Anwaltsromane nach dem Vorbild der Ärzteromane? Wie lustig. Und deswegen sollte TF eifersüchtig u neidisch sein – ?!

      Auch das schiache ORF-niveau lässt sich allemal halten, wie ich kürzlich leidvoll erlitten habe. Daran ist aber nicht die derzeitige österreichische Regierung schuld. Schirach in StermanGrissemannClownshow neulich gesehen. Wie traurig wie die Volksverdummung funktioniert.

      Schirach als geliebten Schriftsteller zu bezeichnen ist genauso hohnvoll und wie mich als nette Person zu denunzieren.

      Wer noch ein bissl Hirn hat, begreift sehr wohl wozu diese billige Schundliteratur gut sein soll.

    2. Ich glaube, da missverstehen wir uns ein bisschen.
      Dass Herr Schirach höflich ist und ein netter Mensch, glaueb ich Ihnen gern. Da ich aber nicht kenne und das außerdem nicht das zentrale Thema von Literatur-Rezensionen ist, habe ich dazu nichts gesagt.
      Dass Herr Schirach mehr geliebt wird wie jeder andere Autor, mag aus Staatstheater-Sicht stimmen. Es hat allerdings schon immer Autoren gegeben, die “von ihrem Publikum” sehr geliebt wurden. Es ist dies ohne Zweifel erfreulich (für beide), aber für die Kritik ebenfalls nuir ein Faktum unter vielen, und für die (subjektive) Bewertung nicht zwingend das Wichtuigste. Das muss ich Ihnen als Buchhändletrin ja sicher nicht erklären.
      Rätselhaft ist mir Ihr Hinweis, ich hätte Schirach “vorgeworfen”, dass er erfoplgreich ist. In meinem Text steht doch ausdrücklich das genaue Gegenteil! Ebenso unverständlich ist der Verdacht, ich sei “eifersüchtig” oder “neidisch”: Auf was sollte ich denn eifersüchtig sein? Ich bin kein Kriminalschriftsteller, Herr Schirach ist nicht mein Konkurrent um irgendwelche Ressourcen. Ich finde halt seine Literatur maniriert und larmoyant, mit einer ausgesetzten “Bedeutsamkeit”, die als Em,pathie und Sensibilität an ein Publikum verkauft wird, das es genauso so haben will und vor Rührung weint.
      Durch die Geschichte der Schirachschen Geschichten ziehen sich die Hinweis, Andeutungen, Mutmaßungen und Kokketierungen mit ihrer (angeblichen) Authentizität. Dass der Autor daran nicht teilhabe, wird man schwer behaupten können.
      Im Einzelnen kann ja jede(r) von den “Fällen” halten, was er/sie will. Ich finde es allerdinmgs ein bisschen albern, einen 6 Jahre alten Fall des BGH zu nehmen, statt “300 Gramm Marihuana” zu schreiben “sechs Kilo Kokain”, ein paar Schuhe mit Blockabsatz und einen tätowierten Türken dazuzuerfinden und dafür zum größten aller Kriminalschriftsteller ernannt zu werden.
      Aber es ist, wie schon gesagt, selbstverständlich klar, dass die Qualität von Karl May nicht daran zu messen ist, ob der kleine Karl tatsächlich 49 Sprachen fließend beherrschte und fliegenden Falken ein Auge ausschießen konnte. Man muss allerdings auch nicht mit einer Kette aus Bärenkrallen und einem unterarmlangen “Bowiemesser” durch Radebeul spazieren und in seltsamen Zungen sprechen.

      Wenn man sich ein bisschen in der Wirklichkeit der Fälle, der Verfahren und der Motive auskennt, merkt man, dass Herr Schirach die Dinge ziemlich schlicht und holzschnittartig zusammensetzt und sich dabei nicht einer unbekannten “Wahrheit” annähert, sondern die Wirklichkeit verfehlt. Auch Hedwig Courts-Mahler wurde sehr geliebt.

      Literaturkritik ist übrigens, wie Literatur-Liebe, eine durchaus subjektive Angelegenheit. Möglicherweise kennen Sie ja auch ein paar Autoren, die Sie nicht mögen, und könnten dafür sogar Gründe nennen. Das ist erlaubt.
      TF

  18. Ich hatte mir das Buch für eine Bahnfahrt gekauft, habe es halb durch und fühlte mich bislang eigentlich ganz gut unterhalten von selbigem. Allerdings bei weitem nicht so gut, wie bei dem Absatz mit dem Käsemesser oben. Danke! Ich habe so gelacht und gäbe das Buch „Buße“, würde ich es auf der Stelle ordern.

  19. Lieber Herr Fischer,
    wenn Schirach Sie dazu beflügelt, so originelle Verrisse zu schreiben, wünsche ich ihm viel Erfolg und freue mich auf Ihre Kritiken 🙂
    Viele Grüße,
    FF

    PS. Warum schreiben Sie nicht auch mal einen Roman? So im Stil von Helge Schneider?

  20. Fischer selbst schreibt, es sei vielmehr traurig, „dass die professionelle Kritik ernsthaft annimmt und behauptet, hier werde etwas substanziell Neues und „Wahres“ gesagt.“ Stimmt. Das wäre ein viel spannenderes Thema gewesen.

    Spannender jedenfalls, als ausufernd lang, garniert mit fragwürdigen Kostproben des eigenen literarischen Talents zur Illustration der Schirachschen Schreibe, dessen literarische, philosophische und juristische Erbärmlichkeit zu erklären.

    Gerade hinsichtlich des Stils muss das meiner Meinung nach schiefgehen. Natürlich mag es simpel sein jemandes Stils zu kopieren. Wie sagte schon Beltracchi? „Picasso ist einfach. Ganz einfach.“ Oder war es Da Vinci? Egal. Das spielt auch keine Rolle, denn für Schirach – wie für ganz viele anderen Künstler – ist es wichtig seinen eigenen, wiedererkennbaren Sound zu schaffen. Das ist ihm mit simplen Mitteln anscheinend gelungen. Dazu gehören natürlich auch pinkfarbene Spülhandschuhe im Präsens und die Reduktion der Protagonisten auf den Nachnamen.

    Gelesen habe ich nichts von Schirach, vermute aber, dass er mit diesem Stil sehr viel Tempo in seine Geschichten bekommt. Das finde ich eigentlich nicht schlecht. Für chinesische Teezimmer und Gärten mit jungen, erdbeeressenden Jungfrauen auf Kinderschaukeln und weiterer verschnörkelter Reflektionen in detaillierten Umgebungsbeschreibungen, die die Handlung des weiteren Geschehens wie eine Spieluhr ablaufen lassen, ist bei Schirach kein Platz und kein Bedarf. Im übertragenen Sinne, darf der Leser sich gedanklich frei über die Bedeutung grüner Krawatten oder roter Socken seine Gedanken machen, ohne dabei vom Text gestört zu werden. Insofern verschafft Schirach anscheinend so jedem Leser erfolgreiche Textarbeit.

    Dies scheint mir auch der Schlüssel für die guten Rezensionen zu sein. Auf der Suche nach Beispielen, stolpere ich just über diese Vier im Perlentaucher versammelten:

    https://www.perlentaucher.de/buch/ferdinand-von-schirach/strafe.html
    (alle wieteren Zitierungen daraus).

    Dass Literaturfüchse wie Anne Amerie-Siemens und Andreas Zielcke beim „ungestörten“, sich selbst betätigenden Lesen dieser Kurzgeschichten mit juristischem Hintergrund abgehen wie Silvesterraketen versteht sich von selbst.

    Angenehm aber, dass es auch andere Rezenten aus dem März dieses Jahres wie Jan Wiele und Harald Jähner gibt. Wiele dürfte mit seinem Verriss Fischer aus der Seele sprechen und Jähner formuliert meinen Ansatz sehr schön aus:

    „Die Geschichten von Verbrechen gäben fast ausschließlich das Sachdienliche wieder, Psychologie und Literarizität müsse der Leser suchen, befindet er. Dennoch versteht Jähner, warum Schirachs Bücher sich so gut verkaufen: Gerade im Reduktionismus des Autors entdeckt der Rezensent das Potenzial für große Metaphern, da harte Fakten in ihrer Nacktheit besonders vielsagend würden.“

    Leider glaubt Jähner anscheinend tatsächlich, dass sie vielsagend sind und nicht beliebig. Leider hat nur Wiele, die in letzter Zeit zu hohen Ehren gekommenen Eier, aus der positiven Phalanx auszubrechen und loszuwüten:

    „Als Blender, Phrasen-Drescher und posenden Pessimisten stellt er Schirach hier dar, der die Abgründe der Menschen geschickt ausleuchte, hier und da ein bisschen Blut, Schleim, Sex und natürlich die obligatorische makabre Komik drapiere – dazu “Moral von der Stange” für jeden abliefere – und damit auch noch Kasse mache.“

    Jetzt müsste ich wirklich zum Buch, zur Quelle greifen, um für mich zu klären, ob Schirach nur Publikumsverarsche a la „Hurz!“ zu bieten hat, oder aber ob er knackig kurze Kurzgeschichten geschrieben hat, in der Nicht-Juristen ein wenig über das Küchenlatein der deutschen Juristen erfahren und sich gut unterhalten und im Glauben des Wieder-was-gelernt-zu-haben zur Seite und zur Nacht drehen können.

    Aber dem Schirach jetzt Schuld zuzusprechen, dass die Füchse des deutschen Feuilletons ihn zum literarischen, juristischen und philosophischen Schwergewicht aufgeblasen zu haben? Nö. Die Luft aus seinem Ballon, muss er nicht selber rauslassen.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia