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Facebook-CEO Mark Zuckerberg vor dem EU-Parlament: die Stunde der Selbstdarsteller

Facebook-CEO Mark Zuckerberg stellte sich Fragen des EU-Parlaments
Facebook-CEO Mark Zuckerberg stellte sich Fragen des EU-Parlaments

Was bleibt von der Befragung des Facebook-CEOs Mark Zuckerberg durch EU-Parlamentarier? Ein paar sattsam bekannte Sorry-Phrasen von Seiten "Zucks" und der überwältigende Eindruck, dass es den EU-Abgeordneten eher um die Selbstdarstellung geht als um Aufklärung. Facebook im Allgemeinen und sein Gründer im Besonderen sind mittlerweile eine Art Prügelknabe für Politik und Medien. Die EU-Befragung war eine vertane Chance.

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Ja, er hat wieder einmal “sorry” gesagt, der Mark Zuckerberg. Was soll er auch sonst sagen? Er hat wie üblich Fehler eingestanden und Besserung gelobt und: sorry, sorry, sorry. Sorry für diese Sachen mit den Wasweißichwieviel Millionen Daten, die die Dunkelmänner von Cambridge Analytica bei Facebook haben abfischen lassen. Sorry für die undurchsichtigen Nutzungsbedingungen, die kaum ein Mensch durchliest, bevor auf “Ok und weiter” geklickt wird (wie anderswo halt auch). Sorry für die ganze Hatespeech und noch einmal ein besonders dickes Sorry dafür, dass man bei Facebook nicht gemerkt hat, dass es russische Trolle waren, die da mitten im US-Wahlkampf reichlich politische Anzeigen schalteten. Wobei letzteres die Europäer ja gar nicht direkt tangiert – höchstens mittelbar, weil solcherlei Einflußnahmen ja theoretisch auch bei europäischen Wahlen denkbar wären.

Nun wird Zuckerberg in den Medien und von Teilen der Politik als fleischgewordene Sorry-Maschine verbal verprügelt. Sollte er sich stattdessen hinstellen und sagen, dass hier ja niemand wirklich zu Schaden gekommen ist? Dass Facebook alles richtig gemacht hat und schon längst die Bedingungen für die Datennutzung durch Apps geändert hat? Dass niemand gezwungen wird, sich auf Facebook herumzutreiben und dort private Daten zu hinterlassen? Das würde man ihm zurecht als Arroganz um die Ohren hauen, mindestens genauso sehr wie nun seine Sorry-Litanei.

Übersehen wird gerne, dass es Facebook und Zuckerberg nicht nur bei Lippenbekenntnissen belassen. Sie werden tatsächlich aktiv. Wenn auch erst auf Druck, aber das kennt man von anderen Unternehmen auch nicht anders, hallo VW! Facebook hat tatsächlich schon beim ersten Aufpoppen des Cambridge-Analytica-Skandals 2015 reagiert und die Nutzungsbedingungen für Daten durch App-Anbieter drastisch verschärft. Und auch jetzt bessert der Konzern ständig nach und schraubt an den Privatsphäre-Einstellungen, um diese verständlicher und nutzerfreundlicher zu machen. Das tut Facebook schon aus purem Eigennutz, denn das Bestreben der Firma ist es, dass sich die Nutzer dort sicher und zahlreich bewegen. Nur dann kann Facebook ausreichend Werbung verkaufen. Der Konzern handelt ja nicht mit Daten, wie landläufig zu lesen ist, sondern er will die Daten ja gerade für sich behalten, um damit Werbung besser personalisieren zu können.

Bei der Aufarbeitung gerät den Medien dann immer wieder einiges durcheinander. Ein Beispiel dafür ist die Zahl von 87 Millionen angeblich betroffenen Nutzern durch die Cambridge-Analytica-Aktion. Die Zahl stammt von Facebook selbst, der Whistleblower Christopher Wylie, der die aktuelle Medien-Aufregung ins Rollen gebracht hat, sprach immer nur von geschätzten 50 Mio. Daten (Er wusste es auch nicht, er halt geschätzt.) Facebook hat später erklärt, dass theoretisch bis zu 87 Mio. Nutzer durch die CA-Aktion betroffen sein könnten. Das Detail “bis zu” fällt in sehr vielen Berichten immer wieder herunter und es wird als Fakt hingestellt, dass die Daten von 87 Millionen Nutzern abgefischt wurden, was aber schlicht niemand weiß. Für die Medien ist der Fall in erster Linie eine saftige Story mit sehr vielen Betroffenen, einem unumstrittenen Bösewicht (Cambridge Analytica) und einem bequemen Sündenbock (Zuckerberg).

Dabei haben die Medien durchaus auch ein gewisses Eigeninteresse, dem großen, blauen F an den Karren zu fahren. Facebook und Google teilen die digitalen Werbe-Erlöse global gesehen mehr oder weniger unter sich auf. Die nach Reichweiten und Klicks gierenden Medien sind zudem in einer fast schon fatalen Abhängigkeit von Facebook als Traffic-Lieferant. Sobald Facebook am Algorithmus seines Newsfeeds schraubt und – wie jüngst geschehen – Medien-Inhalte herunterstuft, bekommen schnell drehende Viralmedien Schnappatmung. Man könnte also durchaus den Verdacht hegen, dass zumindest manche Medien in ihrer Facebook-kritischen Haltung nicht komplett unvoreingenommen sind. Und eine Firma wie Verimi, die Digital-Zugänge künftig als Service anbieten will und von Firmen wie Deutsche Bank, Allianz, Daimler und Axel Springer getragen wird, nutzt den Facebook-Datenskandal um fleißig PR in eigener Sache zu machen.

Auch die Politik spielt beim Facebook-Bashing gerne mit. In kaum einem anderen Feld kann man sich aktuell so gefahrlos als Anwalt der Bürger inszenieren wie hier. Wobei die EU-Parlamentarier diese Karte bei der Befragung von Mark Zuckerberg eindeutig überreizt haben. Ob es wirklich nicht möglich war, Zuckerberg mehr als eine gute Stunde Zeit für die Befragung abzutrotzen, sei dahingestellt. Aber dass man bei einem derart engen Zeitrahmen dann auch noch nach schönstem EU-Proporz jedem Fraktionschef und Fachabgeordneten Zeit gab, teils ausschweifende Fragen zu formulieren, so dass am Ende für die Antworten durch Zuckerberg so gut wie keine Zeit mehr blieb – was war das anderes als gnadenlose Selbstdarstellung?

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Einige EU-Abgeordnete suggerierten auf Twitter und anderswo, Zuckerberg selbst habe diesen bescheuerten Modus Operandi – zuerst alle Fragen stellen und Zuckerberg hinterher auf alle Fragen gesammelt antworten lassen – durchgedrückt. Aber das stimmt wohl nicht. Laut SZ hat das Büro von EU-Parlamentspräsident Tajani bestätigt, dass der Vorschlag von ihm gekommen sei und Zuckerberg diesen nur bestätigt habe. Auch einige der in den Medien durchaus gelobten, ach so kritischen Fragen dienten wohl eher der Eigen-Beweihräucherung. So fragte der Fraktionschef der Liberalen, Guy Verhofstadt “How will you be remembered? Like Steve Jobs or Bill Gates, or a genius who created a digital monster?”

Was soll jemand auf einen solchen, in Frageform gekleideten, populistischen Vorwurf ernsthaft antworten? Vielleicht so was: “Natürlich, möchte ich als jemand erinnert werden, der ein Monster erschaffen hat, Herr Verhofstadt, Sie haben mich erwischt. Next question, please.” Andere Parlamentarier nutzten die Gelegenheit lieber, um lustige Fan-Selfies mit Mr. Facebook anzufertigen und zu posten.

Die tatsächlich relevanten Fragen, wie zum Beispiel jene nach den “Schattenprofilen”, die Facebook von Nutzern erstellt, die noch nicht einmal Mitglied sind, fielen bei der Art und Weise der Befragung sowohl in den USA als auch in Europa komplett herunter. Besser wäre gewesen, die EU hätte maximal drei Fragesteller auserkoren, die idealerweise technisch qualifiziert gewesen wären und Zuckerberg von Beginn an auch Nachfragen gestellt hätten. Dann hätte womöglich sogar eine gute Stunde ausgereicht.

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Alle Kommentare

  1. Kein Widerspruch, nur ein paar Ergänzungen.

    Das EU- Parlament hat eigentlich nicht viel zu sagen. Wiki klärt auf.
    Das EU-Parlament hat keine Befugnis, jemanden vorzuladen. Zuckerberg ist einer Vorladung durch das EU-Parlament demnach freiwillig gefolgt.
    Es kann bei dieser Veranstaltung nicht um Datenschutz gegangen zu sein. Wohl auch deswegen fällt In Ihrem Artikel der Begriff “Datenschutz” kein einziges mal.

    Ist das bemerkenswert ?

    Ist Zuckerberg also freiwillig einer Einladung gefolgt, oder gibt es womöglich doch Gründe unter der Hand, eine derartige “Ladung” nicht auszuschlagen?

    Sie thematisieren in Ihrem Artikel die zwei Gruppen, welche ein gemeinsames Interesse gegenüber Facebook eint: Die Medien, und die Politik.

    Beide betreiben das Geschäft der Gesellschaftslenkung durch Ausübung der Hoheit über die öffentliche Meinung, also ihre Meinungsführerschaft.

    Deren Geschäfte gehen nicht wirklich gut.

    Eine schwer zu kontrollierende Verselbständigung von Meinungen durch die sozialen Medien macht die Lenkung der Gesellschaft zunehmend beschwerlich.

    Zuckerberg hatte reagierend schon eingelenkt durch die Unterwerfung unter das
    Netzbereinigungsrechtsstaatsdingsbums-Gesetz. Aber dies könnte sich als nicht ausreichend herausstellen. Vielleicht deswegen hat man ihn in der Befragung durch das EU-Parlament um seine Stellungnahme gebeten, ob Facebook nach Zuckerbergs Meinung ein Monopol darstelle.

    Dies war nun wirklich eine unangenehme Frage, dessen simple Antwort er lieber schriftlich zu beantworten zusagte.

    Dies war womöglich die entscheidende Stelle der ganzen Befragung.

    Denn anders als ihr Kollege Lobo sollte man sich nicht der Einschätzung verschließen, wonach eine EU diese Karte nicht spielen könnte. Man bedenke, um was es geht.

    Es ging also offensichtlich nicht um Datenschutz.

    So besehen erhalten die Selfies ihren wahren Stellenwert.

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