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Trinkwasserpreis, Glyphosat & Co. – der manchmal problematische Umgang der Grünen mit der Wahrheit

Facebook-Videos der Grünen: problematisches Kommunikationsverhalten

Die Sache mit der angeblichen Preisexplosion beim Trinkwasser war eine ziemlich peinliche Geschichte für die Partei Die Grünen und die Medien. Die Grünen Bundestagsfraktion verbreitete eine irreführende Zahl (+25% Preissteigerung zwischen 2005 und 2016), die Medien plapperten dies ungeprüft nach. Der laxe Umgang der Partei mit Fakten ist kein Einzelfall.

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Die Bundestagsfraktion der Grünen veröffentlichte einen Text, der sich auf Angaben des Statistischen Bundesamtes bezog. Laut der Mitteilung soll der Trinkwasserpreis in Deutschland von 2005 bis 2016 um 25% gestiegen sein. Für die Grünen ist die angebliche Preissteigerung ein Beleg für die negativen Effekte der Intensiv-Landwirtschaft. Auf der Website der Partei wird die Mitteilung dementsprechend mit einem Trekker illustriert, der auf einem Feld Gülle verspritzt.

Das Problem dabei war nun, dass die Zahl falsch war, bzw. zumindest grob irreführend. Das Statistische Bundesamt hatte nämlich zwei Tabellen zur Trinkwasserpreisentwicklung veröffentlicht. Zwei deshalb, weil zwischenzeitlich die Art der Auswertung geändert wurde und die Zahlen über den gesamten Zeitraum darum nicht vergleichbar sind. Das steht sogar als Warnhinweis unter der zweiten Tabelle: „Aufgrund geänderter Auswertungskonzeption mit Vorjahreswerten nicht vergleichbar.“

Zahlreiche Medien übernahmen trotzdem ungeprüft die falsche Darstellung der Grünen und jazzten die Zahl bis zur „Preis-Explosion“ (Focus Online) hoch. Auch seriöse Medien wie die „Tagesschau“, die FAZ, die Süddeutsche oder das ZDF übernahmen die falsche Zahl von 25% Preissteigerung beim Trinkwasser. Das Narrativ von der bösen Landwirtschaft sickerte ungehindert und großflächig in die Berichterstattung. Übermedien.de hat zusammengestellt, wie die Falschmeldung der Grünen in den Medien Karriere gemacht hat.

Das Statistische Bundesamt gab sogar eine eigene Presseerklärung heraus, in der es die falsche Darstellung der Grünen korrigierte. Demnach sind die Preise für Trinkwasser um 17,6% gestiegen, Verbraucherpreise insgesamt um 16,1%.

Wie man das heute so macht, verbreiteten die Grünen ihre Falschmeldung auch über soziale Medien wie Facebook und Twitter.

Während einige Medien, wie etwa der WDR die falsche Darstellung korrigierten, finden sich die falschen Fakten bis heute weiter auf der Facebook-Seite der Grünen-Bundestagsfraktion und in deren Twitter-Timeline.

Auf der Homepage der Grünen Bundestagsfraktion wurde korrigiert, versehen mit dem trotzig klingenden Hinweis:

Das Statistische Bundesamt weist inzwischen darauf hin, dass die Daten aus der Verbraucherpreisstatistik für einen Preisvergleich besser geeignet sind. Außerdem ist das Statistische Bundesamt der Auffassung, dass aufgrund einer Änderung in der Methodik der Umweltstatistik ab dem Jahr 2014 ein direkter Zeitvergleich der Daten der Jahre 2005 bis 2016 nicht vorgenommen werden könne. Entsprechend haben wir die Angaben in diesem Artikel angepasst.

„Weist inzwischen darauf hin“ und „ist der Auffassung“ – das sind schon interessante Formulierungen, da der Hinweise auf die Nicht-Vergleichbarkeit der beiden Tabellen von Beginn an da war. Außerdem geht es hier nicht um „Auffassungen“. Die beiden Tabellen sind schlicht nicht vergleichbar. Im Text zu dem Facebook-Video wurde lediglich das Wörtchen „nominal“ eingefügt. Also: „Die Kosten für Trinkwasser sind zwischen 2005 und 2016 um nominal 25% gestiegen.“

Auf Anfrage von MEEDIA, wie es zu der irreführenden Darstellung trotz Hinweisen des Statistischen Bundesamtes kommen konnte, erklärte ein Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion: „Die Daten der Umweltstatistik hatte das Büro von Markus Tressel (MdB der Grünen, Anm.d.Red.) auf Nachfrage nach den Trinkwasserentgelten direkt vom Statistischen Bundesamt erhalten, sie entsprechend als Grundlage für die Auswertung genutzt und die Trinkwasserkosten aus dem Jahr 2005 denen von 2016 gegenübergestellt. Der Hinweis zur Änderung der Methodik ab dem Jahr 2014 wurde in einer Fußnote der Auswertung angeführt, die in einer Aussendung an MedienvertreterInnen ging, die zuerst über das Thema Wasserkosten berichteten oder diesbezüglich anfragten.“ Dazu, dass der Facebook-Film mit der falschen 25%-Zahl nicht entfernt wurde, sagte der Sprecher: „Im Posting haben wir inzwischen deutlich gemacht, dass es sich um nominale Werte handelt, einen entsprechenden Hinweis ergänzt und den dort verlinkten Websitetext angepasst, der mit einem transparenten Hinweis zur Anpassung versehen wurde.“

Dieses problematische Kommunikationsverhalten ist bei den Grünen kein Einzelfall. Ein heiß diskutiertes Thema war im vergangenen Jahr die Debatte um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Die Grünen sind strikt gegen eine Verlängerung der Genehmigung für das Mittel. Um Glyphosat in der Öffentlichkeit zu dämonisieren, ist dabei manches Mittel recht. So veröffentlichte die Partei Bündnis90/Die Grünen im November vergangenes Jahr unter der Überschrift „Stopp Glyphosat“ ein Video bei Facebook, das es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.

Zu sehen ist ein Mann in Schutzkleidung, der ein Mittel auf Weinreben sprüht. Ein toter Frosch wird eingeblendet, ein Schild vor einem Feld mit Totenkopf soll wohl die tödliche Gefahr suggerieren, die von Glyphosat angeblich ausgeht. Die Bilder-Montage war dabei mindestens grob irreführend. Weder tötet Glyphosat Tiere (auch keine Frösche), noch wird es auf bereits bestellte Felder gespritzt und die angebliche Krebsgefahr wurde von mehreren Instituten widerlegt. Die Grünen gestanden via Twitter ein, dass das Glyphosat-Video „mindestens missverständlich“ war und entschuldigten sich dafür. Bei Facebook ist es trotzdem unverändert bis heute zu sehen.

Die immer wieder wiederholte Behauptung, dass Glyphosat krebserregend ist, bezieht sich auf die Einstufung einer Unter-Organisation der World Health Organization, die den Stoff als „wahrscheinlich krebserregend“ klassifiziert. Allerdings wird von Glyphosat-Gegner immer wieder unterschlagen, dass diese Einstufung sehr allgemein gehalten ist und sich nicht auf ein tatsächliches Erkrankungsrisiko bezieht. In die gleiche Klasse wie Glyphosat sortiert die WHO-Unterorganisation u.a. Sonnenlicht, rotes Fleisch oder den Friseurberuf ein. Alles „wahrscheinlich krebserregend“ – aber eben nur theoretisch. Nur fürs Protokoll: Das sagt nichts über potenziell tatsächlich schädliche Folgen durch den Einsatz von Glyphosat aus, nur etwas über das Verhältnis der Grünen zu wahrhaftiger Kommunikation.

Es lassen sich noch weitere Beispiele finden. Die Grünen-Politikerin Renate Künast erklärte 2016 im ARD-Morgenmagazin, es könne „sehr gut sein, dass ein sehr großer Teil  (!)“  aller Krebserkrankungen, die wir heute erleben, durch Glyphosat ausgelöst sind“. Eine abenteuerliche, durch keinerlei Fakten gestützte Behauptung. Die Grüne Claudia Roth schlug 2013 mal eben alle 16.000 Toten des Tsunamis vor Japan der Reaktorkatastrophe von Fukushima zu, was ihr damals einen veritablen Shitstorm einbrachte. Das lockere Verhältnis der Grünen zu Fakten hat eine gewisse Tradition.

Das ist umso mehr bedauerlich, da die Anliegen der Partei oft ja grundsätzlich begrüßenswert sind. Natürlich sollten wir über die massive Industrialisierung der Landwirtschaft diskutieren und Missstände aufdecken. Natürlich muss man ein Auge auf die Folgen der Atomwirtschaft haben und darauf, was Düngemittel mit unseren Lebensmittel machen. Offenbar ist die Realität manchen Grünen aber nicht immer gut genug, wenn es darum geht, die eigene Botschaft unter die Leute zu bringen. Da wird hochgejazzt und verdreht mit Mitteln, für die Boulevardmedien zurecht scharf kritisiert würden.

Diese Bereitschaft zum laxen Umgang mit Fakten trifft nun auf eine Medienwelt, in der jeder via Social Media sein eigener Sender sein kann und Medien im Wettlauf um Klicks und Reichweiten allzu oft bereit sind, Sorgfalt und Kontrollmechanismen über Bord zu werfen. Doch falls die Grünen sich mal wieder wundern, warum ihnen das Image einer Belehrungs-Partei anhängt, sollten sie vielleicht mal über ihr Kommunikationsverhalten nachdenken.

Der gute Zweck heiligt nicht alle (Kommunikations-)Mittel.

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